Dossier Familienpolitik

11.7.2015 | Von:
Martin Bujard

Ziele der Familienpolitik

Welche Ziele werden in der Wissenschaft genannt?

Auch in der Wissenschaft werden die Ziele der Familienpolitik diskutiert und Zielsystematiken entwickelt. Beispielsweise findet Kaufmann (2002) in einer international und historisch breiten Analyse acht verschiedene Ziele bzw. Motive der Familienpolitik:
  • das Ziel, die Institution Familie als eigenen Wert zu schützen (was sich oft auf traditionelle Familienformen beschränkt)
  • die Erhöhung der Geburtenrate
  • eugenische Ziele, sprich Einflussnahme auf die Erbanlagen (vor allem erste Hälfte des 20. Jahrhunderts)
  • wirtschaftliche Ziele (Humankapital ausbilden)
  • gesellschaftliche Ziele (Sicherung von Familie als Träger der Gesellschaft)
  • sozialpolitische Ziele (Armutsreduzierung und Lastenausgleich)
  • frauenpolitische Ziele (Gleichstellung) und
  • kindliches Wohlbefinden
Nur drei der acht von Kaufmann identifizierten historischen Ziele adressieren Eltern oder Kinder direkt, während die anderen Ziele Familien teilweise instrumentalisieren.

Anders die Akademiegruppe "Zukunft mit Kindern" (2012), die von den beiden großen deutschen Akademien der Wissenschaften Leopoldina und der Berlin-Brandenburgischen getragen wird. Diese hat in ihren Empfehlungen das "kindliche und elterliche Wohlbefinden als primäres familienpolitisches Ziel" (Akademiegruppe Zukunft mit Kindern 2012: S. 37) genannt. Dabei werden gesellschaftliche Ziele wie der "Anstieg der Geburtenzahl, die Förderung spezifischer Familienmodelle, die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern oder eine Steuerung von Migrations- und Arbeitsmarktentwicklung" identifiziert, die jedoch hierarchisch als nachgeordnete Ziele von Familienpolitik eingeordnet werden.

Das Ziel des Wohlbefindens von Kindern und Eltern macht vor allem deutlich, wer im Mittelpunkt der Familienpolitik steht, inhaltlich bedarf es jedoch einer tiefergehenden Ausarbeitung. Eine entsprechende sozialwissenschaftliche Konzeption des kindlichen Wohlbefindens haben Bradshaw et al. (2006) entwickelt. Diese Konzeption wurde in mehreren UNICEF-Studien (Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen) empirisch im internationalen Vergleich angewendet und dadurch auch popularisiert (u.a. Bertram 2008). Diese umfasst die sechs Dimensionen, also gewissermaßen Teilziele der Familienpolitik: (1) materielles Wohlbefinden, (2) Gesundheit und Sicherheit, (3) Bildung, (4) Beziehungen zu Gleichaltrigen und zu Familie, (5) Verhalten und Risiken sowie (6) das subjektive Wohlbefinden.

Ein Vorteil dieser Konzeption ist, dass sich die einzelnen Dimensionen messen und vergleichen lassen. Beispielsweise sind die skandinavischen Länder beim materiellen Wohlbefinden im Ländervergleich gut, in der Dimension Beziehungen und Zeit mit der Familie jedoch nur im Mittelfeld. Polen dagegen ist bei den Dimensionen Bildung und Risikoverhalten sehr gut, materiell und gesundheitlich geht es den Kindern dort jedoch deutlich schlechter als in vielen anderen Industrieländern. Durch derartige Länder- oder Bundesländervergleiche lassen sich diejenigen Ziele identifizieren, deren familienpolitisches Verbesserungspotenzial groß ist.

Das kindliche Wohlbefinden als Ankerpunkt

Bezüglich des elterlichen Wohlbefindens haben Bertram und Spieß (2011) eine entsprechende Konzeption mit sieben Dimensionen entwickelt. Darin sind die fünf Bereiche materielles Wohlbefinden, Gesundheit, Bildung, Beziehungen und subjektives Wohlbefinden in ähnlicher Weise beim kindlichen und beim elterlichen Wohlbefinden enthalten. Dazu kommt die Einschätzung der familienpolitischen Entwicklungen und der Erwerbstätigkeit. Diesen jeweiligen Dimensionen des kindlichen und elterlichen Wohlbefindens, die als Teilziele der Familienpolitik interpretierbar sind, kann man die vielfältigen familienpolitischen Leistungen von Zeit, Geld (siehe dazu "Familienpolitische Geldleistungen") und Infrastruktur (siehe dazu "Familienbezogene Infrastruktur") gut zuordnen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Kindliches und elterliches Wohlbefinden und familienpolitische Maßnahmen

ZeitGeldInfrastruktur
Kindliches WohlbefindenMaterielles WohlbefindenElternzeitKindergeld
Bau-Kinderfreibetrag
Wohngeld
Unterhaltsvorschuss
Gesundheit und SicherheitEltern-Kind-Kur
Arbeitsfreistellung bei Erkrankung des Kindes
kostenlose Mitversicherung bei der KrankenkasseGesundheitsamt
Pflichtimpfungen
Eltern-Kind-Zentren
Verkehrsrecht
kommunale Verkehrsplanung
Hebammenprogramm
U-Untersuchungen
BildungElternzeitBildungsgutscheine
Betreuungsfreibetrag
Ausbildungsfreibeträge für Kinder
Kinderkrippe
Kindergarten
(Ganztags-)Schule
je: Verfügbarkeit, Qualität
Beziehungen zu Gleichaltrigen und FamilieElternzeit
Teilzeitarbeit
Umgangsrecht
Urlaub nach Kinderzahl
ElterngeldKinderkrippe
Kindergarten
(Ganztags-)Schule
Familienzentren
Verhalten und RisikenNichtraucherschutz
BzgA Aufklärung und Prävention
Subjektives Wohlbefindenallgemeine und bereichsspezifische Lebenszufriedenheitallgemeine und bereichsspezifische Lebenszufriedenheitallgemeine und bereichsspezifische Lebenszufriedenheit
Elterliches WohlbefindenMaterielles WohlbefindenElternzeitGrundsicherung
Wohngeld
Lohnfortzahlung
Erziehungszeit RV
Elterngeld
Kindertageseinrichtungen
Gesundheit (verbunden mit Persönlichkeits-eigenschaften)Eltern-Kind-Kurkostenlose Mitversicherung bei der Krankenkasse
einkommensabhängige Beiträge
Krankenhäuser
Vorsorgeprogramm
Verbraucherschutz bei Lebensmitteln
BildungBildungsurlaubBafögBildungsinfrastruktur in eigener Kindheit u. Jugend
Weiterbildung
VHS
Universitäten
ErwerbstätigkeitTeilzeitarbeit
Gleitzeit
Arbeitszeitkonten
Mutterschaftsurlaub
Kündigungsschutz
Arbeitslosenhilfe
ALGII
Beratung Job Center
Familiale und außerfamiliale NetzwerkeElternzeit
Pflegezeit, -tage
Teilzeitarbeit
Pflegegelder und Urlaubskräfte für pflegende AngehörigeMehrgenerationenhäuser
Unterstützung kommunaler Vereine
Familienpolitisches WohlbefindenElternzeit
Teilzeit
Kindergeld
Krankenversicherung
Kitas
Ganztagsschulen
Subjektives Wohlbefindenallgemeine und bereichsspezifische Lebenszufriedenheitallgemeine und bereichsspezifische Lebenszufriedenheitallgemeine und bereichsspezifische Lebenszufriedenheit
Quelle: Bertram/Bujard 2012, S. 18.

Eine Zielkonzeption ist durch eine Arbeitsgruppe von Personen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft im Rahmen der Demografiestrategie der Bundesregierung entstanden (Schneider et al. 2013). Dabei steht Lebensqualität, die als Synonym mit dem kindlichen und elterlichen Wohlbefinden interpretiert werden kann, im Mittelpunkt. Diese Lebensqualität gründet auf den drei Säulen wirtschaftliche Stabilität, Chancengleichheit und Wahlfreiheit.

Die Chancengleichheit bezieht sich dabei auf Abstammung, Geschlecht und Lebensform. Das bedeutet, dass Chancengleichheit die Förderung der Lebenschancen von Kindern unabhängig ihrer sozialen Herkunft, die Gleichstellung der Geschlechter und die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensformen umfasst. Diese Konzeption verdeutlicht, dass es für bestimmte Bevölkerungsgruppen spezifische Maßnahmen bedarf, um Chancengleichheit und damit eine Verbesserung der Lebensqualität herzustellen. Auch mit den Zielen der wirtschaftlichen Stabilität und der Wahlfreiheit ist eine politische Handlungsorientierung verknüpft. Wahlfreiheit setzt die Beseitigung von Strukturen voraus, die diese einschränken. Das Ziel höherer Geburtenraten ist explizit erwähnt. Dahinter steht die Annahme, dass sich die familienpolitischen Ziele Fertilität und Lebensqualität wechselseitig beeinflussen. Die Wechselseitigkeit ist zu betonen: Zum einen erwarten die Autoren, dass eine erhöhte Lebensqualität von Familien auch zu positiven Effekten auf die Geburtenrate führt. Zum anderen, dass die Entscheidung für Kinder zur Lebensqualität von Paaren beiträgt. Damit ist nicht gemeint, dass alle Menschen den Lebensentwurf der Elternschaft leben sollen. Vielmehr ist gemeint, dass ungewollte Kinderlosigkeit – bspw. die hohe Kinderlosigkeit von Akademikerinnen – zu einem Teil auch auf strukturelle Einschränkungen der Wahlfreiheit zurückzuführen ist und so die Lebensqualität in erheblicher Weise negativ beeinflusst.

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Autor: Martin Bujard für bpb.de
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