Dossier Familienpolitik

15.12.2014 | Von:
Martin Bujard
Ralina Panova

Rushhour des Lebens

Die Rushhour bei Familien mit kleinen Kindern

Die Rushhour im Familienzyklus betrifft allein Eltern. Diese Phase beginnt mit der Geburt des ersten Kindes. Zeitbudgetstudien zeigen, dass die Hausarbeit, als Summe von Haushaltsführung und Fürsorgearbeit, in Haushalten mit Kindern unter drei Jahren in Deutschland durchschnittlich 3,6-mal so viele Stunden beträgt wie bei Kinderlosen (Deutscher Bundestag 2006). Im Kindergartenalter lässt das Hausarbeitsvolumen zwar etwas nach, eine deutliche Entlastung zeigt sich aber erst, wenn das jüngste Kind im Grundschulalter ist. Die Kinder können sich dann besser selbst beschäftigen und sich auch selbstständig mit Freunden treffen. Eltern spüren dann geradezu, wie die Rushhour des Familienzyklus nachlässt und sie altbekannte Freiheiten wiedergewinnen.

Dass nicht das Alter von Männern und Frauen, entsprechend der Rushhour der Lebensentscheidungen, hier maßgeblich ist, sondern das Alter der Kinder, zeigen internationale Zeitbudgetstudien. Demnach liegen das wöchentliche Arbeitspensum bezahlter und unbezahlter Arbeit durchschnittlich bei 49,5 Stunden und das Freizeitpensum bei 36,7 Stunden. Dabei gibt es im Alter von 20 bis 54 Jahren kaum Unterschiede. Erst später lässt die Arbeitsbelastung deutlich nach. Im Detail zeigt sich jedoch, dass die kombinierte Arbeitszeit (bezahlte und unbezahlte Arbeit) ohne Kinder weitaus geringer ist, mit kleinen Kindern dagegen deutlich höher.

Das verdeutlicht eindrucksvoll die Grafik des Siebten Familienberichts, die die wöchentliche Arbeitszeit (inklusive Wochenende) im Familienzyklus von Männern und Frauen in Deutschland zeigt (Abbildung 3). Die Arbeitszeit in Beruf und Haushalt zusammen beträgt bei Eltern mit Babys und Kleinkindern 57 bis 58 Stunden, mit Kindergartenkindern 56 Stunden. Das ist die Rushhour, die in der Regel arbeitsintensivste Phase im Lebensverlauf. Mit Schulkindern geht der Wert auf 52 Stunden und mit Teenagern auf 48 bis 49 Stunden zurück. Ohne Kinder, beziehungsweise ohne mit Kindern im Haushalt zu leben, ist die Gesamtarbeitszeit deutlich geringer und beträgt im Durchschnitt 32 bis 33 Stunden.

Abbildung 3: Erwerbs- und Hausarbeit nach Alter der KinderAbbildung 3: Erwerbs- und Hausarbeit nach Alter der Kinder (© Deutscher Bundestag/bpb)
Diese Befunde und auch andere Studien zeigen deutlich, dass beide Geschlechter gleichermaßen von der Gesamtarbeitsbelastung betroffen sind. Nur unterscheidet sich die Aufteilung geschlechtsspezifisch. Dabei sind viele Väter mit der ungleichen Aufteilung von Berufs- und Familienarbeit ähnlich unzufrieden wie Mütter. Beide Geschlechter befinden sich oft in einem Konflikt, jedoch spiegelverkehrt: Viele Mütter, die viel Zeit mit Haus- und Fürsorgearbeit verbringen, möchten mehr beruflich arbeiten, zudem wird es gesellschaftlich zunehmend erwartet. Viele Väter, die viel Zeit mit Berufsarbeit verbringen, möchten sich mehr an der Fürsorgearbeit beteiligen, was ebenso gesellschaftlich zunehmend erwartet wird. Nicht selten empfinden Mütter und Väter trotz der hohen Gesamtarbeitsbelastung Zeitdruck oder gar ein schlechtes Gewissen, da sie für eine der beiden Sphären – Beruf oder Familie – nicht so viel Zeit verwenden, wie sie möchten. Im Achten Familienbericht (Deutscher Bundestag 2012) wurden Realität und Wünsche beruflicher Arbeitszeiten gegenübergestellt. Dabei zeigte sich, dass viele Frauen gerne etwas mehr und viele Männer gerne etwas weniger beruflich arbeiten möchten.

Paare, die vor der Kinderphase egalitär gelebt haben, tappen häufig in die Traditionalisierungsfalle. Sie planen zunächst temporär für die Stillzeit eine Aufteilung, in welcher der Mann Vollzeit arbeitet. Diese Aufteilung verfestigt sich jedoch in vielen Fällen, da der Mann häufig besser verdient.

Zu dieser erhöhten Arbeitsbelastung kommt in der Familienphase mit kleinen Kindern hinzu, dass sich das Freizeitverhalten völlig von dem ohne Kinder, aber auch von dem mit älteren Kindern unterscheidet. Die Grenzen zwischen Freizeit mit Kindern und "Fürsorgearbeit" sind fließend. Bittman und Wajcman (2000) haben die Freizeittätigkeiten genauer untersucht und zwischen Erwachsenenfreizeit und kinderbezogener Freizeit differenziert. Demnach verbringen Eltern von Kindern im Alter von null bis neun Jahren nur knapp die Hälfte ihrer sowieso geringeren Freizeit als Erwachsenenfreizeit. Die Zeit für klassische Erwachsenenfreizeit liegt hier im Durchschnitt zwischen drei und zehn Stunden pro Woche. Sind die Kinder älter als zehn Jahre, liegt die Zeit für Erwachsenenfreizeit bei etwa 25 Stunden bei Müttern und Vätern; das Freizeitvolumen von Kinderlosen umfasst dagegen rund 40 Stunden.

Die beiden Phasen im direkten Vergleich

Die Rushhour des Lebens tritt in den zwei beschriebenen Varianten auf (vgl. Überblick in Tabelle 1): eine Verdichtung von zentralen Lebensentscheidungen im Alter von 27 bis 35 Jahren bei Akademikern und eine intensive Arbeitsbelastung bei Eltern kleiner Kinder – Männer und Frauen sind beide davon betroffen.

Tabelle 1: Vergleich der Rushhour von Lebensentscheidungen und Familienzyklus

Die Rushhour von LebensentscheidungenDie Rushhour im
Familienzyklus
Alter25-40 Jahre
besonders 27-35 Jahre
Alter der Kinder < 10 Jahre
besonders < 6 Jahre
Bildungsgruppeninsbesondere Akademiker/innenalle
LebensformalleEltern von Kindern
Geschlechtin Partnerschaften beide, sonst mehr bei Frauentendenziell beide
Ursache des PhänomensZunahme Frauenerwerbstätigkeit, wissensbasierte Ökonomie, fehlende Vereinbarkeitsstrukturen von Arbeit und Fürsorge für KinderZunahme Frauenerwerbstätigkeit und fehlende Väterfürsorgearbeit, fehlende Vereinbarkeitsstrukturen von Arbeit und Fürsorge für Kinder

Beide Varianten der Rushhour lassen sich durch verschiedene Maßnahmen entzerren (Bujard 2012), wobei Politik, Wirtschaft und Eltern jeweils dazu beitragen können. Eine solche Entzerrung ist eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung zu Beginn des 21. Jahrhunderts – aus sozialpolitischen, gleichstellungspolitischen und demografischen Gründen.

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Autoren: Martin Bujard, Ralina Panova für bpb.de
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