Dossier Familienpolitik

1.6.2015 | Von:
Johanna Possinger

Verbände in der Familienpolitik

Familienpolitik ist eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe, die ressortübergreifend auf die Schultern vieler Akteure verteilt ist. Neben den so genannten öffentlichen Trägern, wie Bund, Länder und Kommunen, zählen dazu auch nichtstaatliche Akteure: die freien Träger der Wohlfahrtspflege, Kirchen, Familienverbände, Arbeitgeber und Gewerkschaften. Verbände spielen eine zentrale Rolle bei der Gestaltung, Entwicklung und Vermittlung familienpolitischer Entscheidungen. Johanna Possinger vom Deutschen Jugendinstitut skizziert, welche Verbände zu den zentralen Akteuren der Familienpolitik in Deutschland gehören und beschreibt, wie diese im politischen Willensbildungsprozess wirken.

Beratungsstelle der Diakonie in RostockWohlfahrtsverbände engagieren sich zum Beispiel in der Familienberatung, aber auch Kindertagesbetreuung oder Altenpflege. Verbände spielen insgesamt eine wichtige Rolle für die Familienpolitik. (© picture alliance/ZB )

Verbände repräsentieren gesellschaftliche Vielfalt und legitimieren demokratische Prozesse, indem sie Forderungen bestimmter Bevölkerungsgruppen Ausdruck verleihen und dafür sorgen, dass die konkreten Lebenssituationen von Menschen im politischen Prozess berücksichtigt werden. Sie filtern und bündeln die Interessen ihrer Mitglieder (Interessenselektion und Interessenaggregation), um innerhalb ihrer Organisation einen Konsens zu finden und so eine klare Position nach außen vertreten zu können. Als Sprachrohr und "Anwälte" ihrer Mitglieder vermitteln sie diese Positionen und Interessen dann an die Öffentlichkeit und die Politik (Interessenartikulation).

i

Verbände

Unter Verbänden versteht man grundsätzlich Organisationen, die dem Bereich des "Dritten Sektors" zugeordnet werden, der zwischen dem Staat und dem Markt angesiedelt ist. Es handelt sich dabei um freiwillige Zusammenschlüsse von natürlichen bzw. juristischen Personen, die nach innen arbeitsteilig organisiert sind und nach außen gegenüber dem Staat, aber auch anderen Interessensgruppen gemeinsame Ziele vertreten, indem sie an politischen Entscheidungsprozessen mitwirken.

(Alemann von 1996)

Hierbei nehmen Verbände auch eine wichtige Rolle als kritische Berater der Politik ein. Sie fördern die Integration von Bürgerinnen und Bürgern in den Staat, indem sie Menschen die Chance geben, sich an politischen Prozessen zu beteiligen. Sie erfüllen zudem eine wichtige Funktion als "Transmissionsriemen" [1] zwischen der Politik und der Gesellschaft. Dies geschieht zum einen dadurch, dass sie mit ihrer Interessenvertretung etwa im Bereich der Familienpolitik vermeiden wollen, dass politische Entscheidungen getroffen werden, die an den Wünschen und Bedarfen von Familien vorbeigehen und die Politik dementsprechend beraten. Zum anderen vermitteln sie Entscheidungen der Politik an ihre Mitglieder und die Öffentlichkeit, indem sie zum Beispiel Gesetze und deren Auswirkungen für die Praxis erklären. Als "kommunizierende Röhren", also als Gesprächspartner zwischen den Bürgerinnen und Bürgern, der Verwaltung und dem Gesetzgeber leisten sie damit einen unverzichtbaren Beitrag zum Gelingen des demokratischen Prozesses (Straßner 2006).

In der Familienpolitik sind es vor allem drei Typen von Verbänden, die im politischen Beratungs- und Gesetzgebungsprozess eine zentrale Rolle spielen: Verbände der freien Wohlfahrtspflege, Familienverbände sowie Verbände der Arbeitgeber und Gewerkschaften.

Verbände der freien Wohlfahrtspflege

Die sechs großen Verbände der freien Wohlfahrtspflege zählen zu den zentralen Partnern des Staates in der Familienpolitik. Dazu gehören die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Deutsche Caritasverband (DCV), der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV), das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (DW) und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Diese sechs Spitzenverbände haben sich außerdem in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) zusammengeschlossen.

Die heutige Gestaltung der freien Wohlfahrtspflege in Deutschland geht überwiegend auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie das erste Viertel des 20. Jahrhunderts zurück. Damals gründeten sich wohlfahrtspflegerische Initiativen aus unterschiedlichen Motivationen heraus (zum Beispiel christliche Nächstenliebe, Solidarität der Arbeiterinnen und Arbeiter, bürgerliche Aufklärung), um sich den dringenden sozialen Problemen ihrer Zeit anzunehmen (wie Massenarmut, Opfer der Weltkriege).[2] Heute zählen die Verbände der freien Wohlfahrtspflege mit über 1,5 Millionen Beschäftigten zur Riege der größten Arbeitgeber in Deutschland und haben damit eine nicht zu unterschätzende wirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Bedeutung.

Tabelle: Wohlfahrtsverbände

Arbeiter- wohlfahrt (AWO)Deutscher Caritas- verband (DCV)Deutscher Paritätischer Wohlfahrts- verband (DPWV)Deutsches Rotes Kreuz (DRK)Diakonisches Werk (DW)Zentralwohl- fahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST)
Gründung1919 als "Hauptaus- schuss für Arbeiter- wohlfahrt in der SPD" gegründet.1897 als "Caritas- verband für das katholische Deutschland" gegründet.1924 als "Vereinigung der freien gemein- nützigen Wohlfahrts- einrichtungen in Deutschland“ gegründet.1866 gegründet.1849 als "Zentralaus- schuss für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche" ins Leben gerufen.1917 gegründet.
Organi-sationDie AWO ist föderativ aufgebaut und besteht aus 3800 Ortsvereinen, 480 Kreis- verbänden, 29 Landes- und Bezirks- verbänden sowie dem Bundes- verband. Sie hat 114.600 hauptamtliche Mitarbeiter/ -innen (Stand 2008).Mitglieder des DCV sind 27 Diözesan- verbände mit 500 Teilverbänden, 19 Fach- verbände sowie 260 caritative Genossen- schaften. Der DCV verfügt über 507.500 hauptamtliche Beschäftigte (Stand 2008).Der DPWV ist föderativ aufgebaut und gliedert sich in 15 Landes- verbände sowie 280 Kreis- geschäfts- stellen. Er beschäftigt rund 317.400 Hauptamtliche (Stand 2008).Mitglieder des DRK sind seine 19 Landes- verbände und ca. 500 Kreis- verbände sowie 33 Schwestern- schaften. Der Verband beschäftigt etwa 132.000 Mitarbeiter/ -innen (Stand 2008).Zum DW gehören 24 Landeskirchen, neun Freikirchen und 90 Fachverbände. Die Diakonie beschäftigt mehr als 443.600 Angestellte (Stand 2008).Die ZWST gliedert sich in 18 Mitglieds-organisationen, die überwiegend als Landes- verbände organisiert sind. Sie beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter/ -innen.
Selbst-verständ- nisDie AWO ist politisch unabhängig und sieht sich Grundwerten des freiheitlich-demokratischen Sozialismus verpflichtet, wie Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichheit und Toleranz.Kennzeichnend ist die Einbindung der Caritas in die katholische Kirche. Die Basis ihrer Arbeit sind theologische und ethische Grundsätze wie das christliche Gebot der Nächstenliebe. Sie versteht sich als Anwalt Benachteiligter.Der DPWV sieht sich als Verband sozialer Bewegungen und ist der Idee sozialer Gerechtigkeit – insbesondere der Gleichheit aller (Parität) – verpflichtet. Er legt Wert auf konfessionelle und politische Unabhängig- keit und die Achtung der Autonomie seiner Mitglieder.Das DRK orientiert sich an den Grundsätzen Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit und Universalität. Es versteht sich als Teil einer weltweiten Gemeinschaft, die Menschen in Not unterschiedslos Hilfe gewährt.Die Diakonie ist das evangelische Pendant zur katholischen Caritas. Auf Grundlage des christlichen Evangeliums will sie sich durch "tätige Nächstenliebe" um Menschen in Not kümmern.Die ZWST richtet ihre Arbeit am jüdischen Gebot der Wohltätigkeit (hebräisch: "Zedaka") aus. Nach diesem Leitbild der jüdischen Sozialarbeit gehört Wohltätigkeit zu den religiösen Pflichten.
Quelle: Johanna Possinger, Deutsches Jugendinstitut (DJI), eigene Zusammenstellung

Grundlage der Arbeit der freien Wohlfahrtspflege ist das Subsidiaritätsprinzip (von lat. "subsidium" = Hilfe, Beistand), auf dem die föderale Ordnung der Bundesrepublik Deutschland fußt. Demnach darf die jeweils größere Einheit (wie etwa der Staat) im Wesentlichen nur dann tätig werden, wenn die untergeordnete Einheit (wie etwa die Verbände in freier Trägerschaft) dazu nicht in der Lage ist. Der Gedanke der Subsidiarität fördert die Erledigung einer Aufgabe durch kleinere Einheiten und schützt diese vor Eingriffen der jeweils größeren. Der Staat sollte Aufgaben, die kleinere Einheiten auch erledigen können, somit nicht an sich reißen. Das Subsidiaritätsprinzip stammt ursprünglich aus der katholischen Soziallehre und ist unter anderem im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert (Artikel 23 GG). Das Prinzip kennzeichnet die Zusammenarbeit von freier und staatlicher Wohlfahrtspflege und legt fest, dass staatliche Träger – in diesem Fall also die größeren Einheiten – die Selbständigkeit freier Träger, das heißt der kleineren Einheiten, achten müssen. Staatliche Träger sind zum Beispiel Kommunen, Kranken- und Pflegekassen, Jugendämter, die Sozialämter und die Familienkassen.

Zielgruppe "Familie"

In der Praxis gibt es nicht immer einen Vorrang der freien Träger gegenüber den staatlichen. Stattdessen zeichnet sich das Verhältnis zwischen der freien Wohlfahrtspflege und dem Staat durch komplexe Kooperationsbeziehungen aus. So ergänzen freie Träger die Angebote des Staates sinnvoll und schließen bestehende Angebotslücken durch ihre freien, gemeinnützigen Dienste und Einrichtungen. Beispielsweise besuchen derzeit bundesweit rund zwei Drittel der Kinder eine Kindertageseinrichtung in freier beziehungsweise sonstiger Trägerschaft (wie zum Beispiel private Elterninitiativen oder Betriebskitas), während rund ein Drittel eine staatliche Einrichtung nutzt.[3] Die Wohlfahrtsverbände verbindet dabei das gemeinsame Ziel, die Lebenslagen von Menschen zu verbessern. Sie engagieren sich in der Kindertagesbetreuung, Erziehungs-, Partnerschafts- und Familienberatung, der Altenpflege, der Familienhilfe, der Schwangerenberatung, der Suchtberatung oder auch Familienbildung. Auch zahlreiche Einrichtungen wie zum Beispiel Krankenhäuser, Kindergärten, Umweltgruppen, Familienferienstätten, Mehrgenerationenhäuser oder Sportvereine sind bundesweit in freier Trägerschaft. Anders als etwa die Familienverbände sind die großen Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege nicht nur auf die Zielgruppe "Familie" ausgerichtet, sondern auf alle Hilfebedürftigen. Familien stellen aber eine zentrale Nutzergruppe der Angebote in freier Trägerschaft dar.

Die freien Wohlfahrtsverbände spielen außerdem eine wichtige Rolle bei der Aktivierung des bürgerschaftlichen Engagements, indem sie Bürgerinnen und Bürgern mithilfe des Bundesfreiwilligendienstes, des Freiwilligen Sozialen Jahres, Ehrenamtsbörsen und Spenden die Möglichkeit anbieten, sich für andere ehrenamtlich zu engagieren. Durch ihre Arbeit mit Ehrenamtlichen haben die Wohlfahrtsverbände, ähnlich den Familienverbänden, den Vorteil, persönliche Kontakte zu Familien in unterschiedlichen Lebenslagen zu haben und so Wissen über die Bedarfe von Familien sammeln zu können, das unmittelbar in die familienpolitischen Positionen der Verbände miteinfließen kann.

Für ihre Mitglieder erfüllen die Wohlfahrtsverbände eine wichtige Dienstleistungsfunktion, denn sie bieten unter anderem aufbereitete Fachinformationen, Fortbildungen zu neuen gesetzlichen Regelungen oder juristische Beratungen an. Umgekehrt ermöglichen es die kleineren Mitgliedseinheiten auf Kommunal- und Landesebene den Bundesverbänden, frühzeitig bundesweite familienpolitische Bedarfe zu erkennen und diese an die Politik zu vermitteln. Sie sind damit auch wichtige Seismografen der Familienpolitik. Neben ihren Rollen als Träger gemeinnütziger Dienste und Einrichtungen sowie als Dienstleister für ihre Mitglieder, erfüllen die sechs großen Wohlfahrtsverbände in Deutschland darüber hinaus also auch wichtige Funktionen als Anwälte von Hilfsbedürftigen sowie als Berater der Politik. Dabei unterscheiden sie sich in weltanschaulichen, humanitären und religiösen Leitbildern und Zielsetzungen ihrer Arbeit. Jenseits dieser Unterschiede setzen sich die Verbände der freien Wohlfahrtspflege in der Familienpolitik jedoch alle dafür ein, strukturelle und ökonomische Benachteiligungen von Familien zu beseitigen, Armut von Familien wirksamer zu bekämpfen und Familie als generationenübergreifende Verantwortungsgemeinschaft zu stärken.[4]

Fußnoten

1.
Der Begriff "Transmissionsriemen" (Transmission, lat.: Übertragung) stammt ursprünglich aus dem Maschinenbau und bezeichnet eine Vorrichtung, die Kraft von einer Maschine auf eine andere überträgt. In diesem Sinn übertragen Verbände "Kräfte" zwischen Politik und Gesellschaft.
2.
Vgl. Timm, Gerhard 2011: Freie Wohlfahrtspflege. In: Fachlexikon der Sozialen Arbeit, Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge.
3.
Siehe Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik 2011: "Kita vor Ort: Aktuelle Daten zur Betreuungssituation der Kinder im Alter von unter 6 Jahren aus Ebene der Jugendamtsbezirke", Technische Universität Dortmund.
4.
Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege 2013: Positionspapier: Kinder, Familie, Frauen. Berlin.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Johanna Possinger für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Grundgesetz

Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Die Artikel des Grundgesetzes stehen über allen anderen deutschen Rechtsnormen. In ihnen sind die grundlegenden staatlichen System- und Wertentscheidungen festgelegt.

Mehr lesen

Sozialkunde

Familie - Zwischen traditioneller Institution und individuell gestalteter Lebensform

Seit Jahrzehnten finden tiefgreifende Veränderungen statt, die Wesen und Gestalt von Familie und das Verhältnis von Familie und Gesellschaft betreffen. Der Wandel hat die Familie fraglos verändert. Grundlegende Regelmäßigkeiten von Familienstruktur und Familienentwicklung bestehen aber fort.

Mehr lesen

Die soziale Situation in Deutschland

Familie und Kinder

Trotz der wachsenden Bedeutung alternativer Familienformen machen Ehepaare mit Kindern immer noch knapp drei Viertel der Familien in Deutschland aus. Allerdings variiert der Anteil auf Länderebene zwischen 53 Prozent in Berlin und 80 Prozent in Baden-Württemberg.

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen