Dossier Familienpolitik
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Familienpolitik als Carepolitik für Ältere


1.3.2016
Die Lebenserwartung in Deutschland steigt. Zugleich bleibt die Geburtenrate auf einem niedrigen Niveau. Der demographische Wandel der Gesellschaft stellt auch an die Familienpolitik Herausforderungen sowie Chancen. Familienpolitik muss dabei neben Kindern, auch die Älteren im Fokus haben und das Thema der Pflege. Solidarische Generationsbeziehungen sind dafür entscheidend, sagt Nancy Ehlert. Die Sozialwissenschaftlerin erklärt die Grundzüge der Carepolitik und die Anforderungen.

Die 92-jährige Ilse Schuldt beobachtet am 18.02.2015 im Pflegeheim Jakobi-Stift der Diakonie in Rostock den fünfjährigen Karl bei einem Brettspiel.Mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, wobei viele der Pflegenden berufstätig sind. Damit wird die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf zu einem wichtigen Thema der Familienpolitik. (© picture-alliance, ZB)

Der 'Care'-Begriff wurde aus einer feministischen Debatte heraus entwickelt und beschreibt bezahlte und unbezahlte Arbeit für die Fürsorge abhängiger Personen. Hierzu gehört die Kinderbetreuung und Altenpflege, auch die Nachbarschaftshilfe oder Unterstützung bei der Hausarbeit.

Bei der Altenbetreuung ist bisher nur ein vorsichtiger Ausbau verstetigt. Außerdem sind hier große Unterschiede in Bezug der Fürsorgeleistungen für ältere Menschen zwischen den europäischen Staaten zu beobachten. Zugleich besteht ganz allgemein die Notwendigkeit einer Debatte um Carepolitik für Ältere, also um die politischen Rahmenbedingungen einer Fürsorge für Ältere. Der altersstrukturelle Wandel der Gesellschaft macht solch eine Diskussion erforderlich.

Altersstruktureller Wandel der Gesellschaft



Aufgrund der steigenden Lebenserwartung und der verringerten Geburtenraten zeigt sich eine veränderte Altersstruktur der Gesellschaft. Diese Tendenz ist in allen europäischen Ländern ersichtlich. Der Rückgang der Geburtenzahlen – wenn auch mit deutlichen Unterschieden – bedeutet einen Rückgang der für Pflegeleistungen zur Verfügung stehenden Jüngeren. Auch die finanzielle Absicherung älterer Menschen spielt eine Rolle. Zudem kommen geburtenstarke Jahrgänge in das Alter, in dem die Wahrscheinlichkeit der Pflegebedürftigkeit wächst.

Eine Rolle für den altersstrukturellen Wandel spielen auch die sinkende Zahl an Mehrgenerationenhaushalten und die wachsende Zahl Alleinlebender. Diese Faktoren haben jedoch keinen Einfluss auf die weiterhin hohe Kontakthäufigkeit zwischen den Generationen.

Dabei offenbart der demographische Wandel Herausforderungen wie auch Chancen. Eine Chance ist, dass mit der Verlängerung der Lebenserwartung auch länger anhaltende Beziehungen zwischen den Generationen möglich sind und damit eine stark zunehmende gemeinsame Lebenszeit der Generationen. Herausforderungen sind die Versorgung der wachsenden Zahl von hilfsbedürftigen Älteren sowie die mögliche Überlastung der erwerbstätigen Erwachsenen, die familiäre Fürsorge zu übernehmen. Der demografische Wandel bedeutet auch eine steigende Zahl an Leistungsempfängern und eine abnehmende Zahl der Beitragszahlenden, was mit Lücken der öffentlich finanzierten Alterssicherung einhergeht – zum Beispiel in Deutschland.

Vereinbarkeit von Pflege und Beruf



Derzeit beziehen 2,7 Millionen Menschen in Deutschland Leistungen aus der Pflegeversicherung (siehe hierzu auch den Text "Die Pflegeversicherung – Überblick"). Für 2020 wird eine Erhöhung auf rund drei Millionen Menschen und für 2050 auf knapp fünf Millionen Menschen erwartet. Es wird angenommen, dass der Pflegebedarf pro Person zunimmt und die Zahl sehr alter Menschen wächst. Dennoch wird kein linearer Anstieg des durchschnittlichen Beginns der Pflegebedürftigkeit prognostiziert (Szydlik 2008): Das heißt, die Menschen werden nicht später im Alter pflegebedürftig sondern eher länger.

Die Pflege wird überwiegend privat geleistet: Mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Dabei sind viele Pflegende berufstätig. Gut drei Viertel (78 Prozent) der 40- bis 59-jährigen Frauen, die einen Angehörigen pflegen, sind auch berufstätig; davon 30 Prozent in Vollzeit. Der größte Teil der häuslichen Pflege wird von Frauen geleistet, etwa ein Viertel (in 2010) von Männern.[1] Für Männer wie Frauen besteht das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege: Es kommt zur doppelten Belastung. Dabei ist die mittlere Familiengeneration besonders angestrengt, also Männer und Frauen mit Kindern und pflegebedürftigen Eltern.

Es lässt sich die These aufstellen, dass familiale Hilfe- und Pflegeleistungen für ältere Angehörige zunehmend prekär werden (Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina 2009). Dafür gibt es verschiedene Gründe: Der Betreuungsbedarf nimmt zu, doch die Betreuungsmöglichkeiten nehmen ab; die wachsende Flexibilisierung der Arbeit; die zunehmende Frauenerwerbsbeteiligung; steigende Mobilität, die Wohnungsentfernungen von Familienmitgliedern größer werden lässt und auch die abnehmende Geschwisterzahl, die sich die Betreuung der Eltern teilen könnten.

In der Diskussion steht deshalb die Unterstützung der Familien durch die Solidargemeinschaft, um gesamtgesellschaftliche Folgekosten durch die Überlastung der Familien zu verhindern (Szydlik 2008). Notwendig erscheinen die Flexibilisierung der Arbeitszeit für Pflegende und Betreuende, um einen mehrjährigen Ausstieg aus der Berufstätigkeit zu vermeiden (BMFSFJ 2006)[2]. Um mehr Anreize für die Nutzung professioneller Dienstleistungen zu setzen, wird über eine Erleichterung der Vernetzung familiärer und öffentlicher Angebote nachgedacht (Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina 2009).

Solidarität der Generationen als Bereitschaft für Fürsorgeleistungen



In der Familie liegt die Basis lebenslanger Generationensolidarität und die Bereitschaft Fürsorge für andere zu übernehmen. Solidarität zeigt sich innerhalb der Familie sowie zwischen den Generationen auf gesellschaftlicher Ebene. Ein Indikator für solidarische Generationenbeziehungen ist ein hoher Anteil an häuslichen Pflegearrangements oder die Möglichkeit eines Pflegemix mit gemeinsamer Verantwortung für die Pflege mit der Familie, ambulanten Pflegediensten und sozialen Diensten. Auch der Grad an Kontakten zwischen den Generationen indiziert die Qualität von Generationenbeziehungen (Pohlmann 2001).


Quellentext

"Generationensolidarität ist einerseits ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit, andererseits spezifische Handlungen, die auf die jeweils andere Generation bezogen sind. Die Verbundenheit zeigt sich durch die vielfältige persönlich Hilfe (emotionaler Beistand, Enkelbetreuung, Haushaltshilfe, Pflege). Die familiäre Pflegesituation gilt dabei als besonders ausgeprägte Form der Generationensolidarität mit zeitlicher, körperlicher, finanzieller, sozialer und psychischer Belastung (BMFSFJ 2006)."


In Bezug auf die Generationenverhältnisse werden die Zielvorstellungen bezüglich des Verhältnisses zwischen den Generationen diskutiert. Eine hohe Akzeptanz erfährt das Umlageverfahren der Alterssicherung. Kern des Umlageverfahrens ist, dass die laufenden Zahlungen an die Rentenbezieher aus den laufenden Einnahmen finanziert werden. Generationenverhältnisse müssen dabei immer die verschiedenen Aspekte der Gerechtigkeit des Umverteilungsarrangements im Blick behalten (Pohlmann 2001). Es gibt auch Vertreter des Kapitaldeckungsverfahrens mit privatwirtschaftlicher Altersversicherung. Diese verläuft ohne Solidarverpflichtung, da es sich um einen individuellen Vertrag handelt. Die Versicherten legen während ihrer Erwerbstätigkeit einen Kapitalstock an, der sich möglichst durch Wert- und Kurssteigerungen auf den internationalen Kapitalmärkten vermehrt. Es existieren auch Mischformen beider Finanzierungsformen der Alterssicherung (siehe hierzu auch "Pro und Contra – Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren").


Quellentext

"Während Generationenbeziehungen die persönlichen, konkreten Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Abstammungsgenerationen innerhalb einer Familie (z.B. Großeltern, Eltern und Kinder) umfassen, liegen Generationenverhältnisse auf der gesellschaftlichen Ebene und betreffen das unpersönliche Verhältnis zwischen Altersgruppen einer Bevölkerung (z.B. Beitragsempfänger und Beitragszahler der gesetzlichen Rentenversicherung) (Pohlmann 2001)."


Der Generationen- und Altersforscher Martin Kohli schreibt dazu: "Der ‚Generationenbegriff’ ist die wichtigste und umstrittenste Dimension zeitgenössischer Wohlfahrtsstaaten. Er bildet den Kern der Probleme, die durch das Altern der Bevölkerung aufgeworfen werden: die Alten zu sichern und in die Jungen zu investieren und dabei das Gleichgewicht zwischen finanzieller Nachhaltigkeit und den Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit und Fairness zu wahren." (Kohli 2009: 92).



Fußnoten

1.
http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Monitor-Familienforschung-Ausgabe-35-sonderausgabe-2015,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf (Seite 8 und 15)
2.
Mit dem Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf wurden erste Schritte unternommen. Das Gesetz trat am 01. Januar 2015 in Kraft. Erwerbstätige konnten schon vorher eine zehntätige Auszeit nehmen, wenn sie kurzfristig die Pflege von Angehörigen organisieren müssen. Nun wird ein Pflegeunterstützungsgeld als Lohnersatzleistung weitergezahlt. Beschäftigte, die sich nach dem Pflegezeitgesetz für eine bis zu sechsmonatige teilweise oder vollständige Freistellung entscheiden, haben künftig einen Anspruch auf Förderung durch ein zinsloses Darlehen. (http://www.bmfsfj.de/BMFSFJ/aeltere-menschen,did=210178.html)

 

Sozialkunde

Familie - Zwischen traditioneller Institution und individuell gestalteter Lebensform

Seit Jahrzehnten finden tiefgreifende Veränderungen statt, die Wesen und Gestalt von Familie und das Verhältnis von Familie und Gesellschaft betreffen. Der Wandel hat die Familie fraglos verändert. Grundlegende Regelmäßigkeiten von Familienstruktur und Familienentwicklung bestehen aber fort. Weiter... 

Die soziale Situation in Deutschland

Familie und Kinder

Trotz der wachsenden Bedeutung alternativer Familienformen machen Ehepaare mit Kindern immer noch knapp drei Viertel der Familien in Deutschland aus. Allerdings variiert der Anteil auf Länderebene zwischen 53 Prozent in Berlin und 80 Prozent in Baden-Württemberg. Weiter... 

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte. Weiter...