Dossier Familienpolitik

19.4.2017 | Von:
Bernhard Ebbinghaus
Thomas Bahle

Erwerbsmuster, Armut und Familienpolitik: Deutschland im europäischen Vergleich

Umverteilung und Armut von Alleinerziehenden

Ohne sozialstaatliche Umverteilung wäre Armut jedoch noch weiter verbreitet (siehe Schaubild 2). Das Schaubild zeigt, wie stark das Armutsrisiko Alleinerziehender durch sozialstaatliche Umverteilung reduziert wird.[3] In Großbritannien ist das Armutsrisiko Alleinerziehender vor Steuern und Transfers im Ländervergleich mit Abstand am höchsten, es wird jedoch durch die sozialstaatliche Umverteilung erheblich reduziert. Großbritannien liegt deshalb bei den verfügbaren Einkommen im Ländervergleich auf einem mittleren Platz. Frankreich und Deutschland starten im Vergleich dazu von niedrigeren Armutsrisikoquoten vor Steuern und Transfers, erzielen aber nach Umverteilung schlechtere Ergebnisse als Großbritannien. Die Niederlande und Dänemark haben sowohl vor als auch nach Steuern und Transfers die niedrigsten Armutsrisikoquoten im Ländervergleich. Doch in Dänemark ist die Wirkung der Umverteilung deutlich größer als in den Niederlanden, sodass Alleinerziehende in Dänemark mit Abstand das niedrigste Armutsrisiko bei den verfügbaren Einkommen haben.

Armutsrisikoquoten Alleinerziehender vor und nach Steuern und Transfers, 2014Schaubild 2: Armutsrisikoquoten Alleinerziehender vor und nach Steuern und Transfers, 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Auf Grundlage dieser Befunde lassen sich für Deutschland drei zentrale familienpolitische Defizite identifizieren. Erstens gibt es eine in Wochenstunden bemessene niedrige Erwerbsintegration von Müttern. Zweitens sind die Erwerbseinkommen von Familien teilweise niedrig, vor allem bei Teilzeitbeschäftigung. Drittens ist die Absicherung von Familien mit sozialen Risiken unzureichend. Diese drei Probleme führen zusammengenommen zu einem höheren Armutsrisiko. Im Vergleich zu Deutschland werden diese Probleme in den vier Vergleichsländern zum Teil besser gelöst. Dafür ist nicht nur die Familienpolitik im engeren Sinn verantwortlich, sondern auch die jeweilige Steuer-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik.

In Dänemark zielt die Politik in erster Linie auf die Erwerbsintegration von Eltern. Die Dominanz des Doppel-Vollzeit-Modells wird durch das sehr gut ausgebaute System der Kinderbetreuung und die individuelle Einkommensbesteuerung erreicht. Dieses individuelle Modell der Besteuerung macht traditionellere Partnerschaftsmodelle mit nur einem Verdiener oder einer Kombination aus Vollzeit und Teilzeit unattraktiv, weil damit keine steuerlichen Einkommensvorteile verbunden sind. Das Steuersystem begünstigt demnach nicht bestimmte Familienformen. Doch macht die generell relativ hohe Steuerbelastung in der Regel zwei volle Erwerbseinkommen nötig, um ein durchschnittliches Familieneinkommen zu erzielen. Von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf profitieren in besonderem Maße Alleinerziehende, auch wenn die Familienpolitik diese gar nicht gezielt unterstützt. So arbeiten drei Viertel der Alleinerziehenden in Dänemark in Vollzeit und sind gut gegen Armut geschützt. Die zweite Säule der dänischen Politik ist eine gute soziale Absicherung von Familien mit sozialen Risiken, die weniger über klassische familienpolitische Leistungen wie Kindergeld erreicht wird, sondern durch eine gute Absicherung bei Arbeitslosigkeit und eine relativ hohe soziale Mindestsicherung aller. Untermauert wird das dänische Modell durch den frei zugänglichen öffentlichen Gesundheitsdienst und ein Rentensystem mit allgemeiner Grundsicherung im Alter. Es setzt primär auf volle Erwerbsintegration und universale soziale Sicherung und erzielt damit insgesamt herausragende Resultate.

Frankreich kommt Dänemark im Hinblick auf die Erwerbsintegration am nächsten, bleibt jedoch im Ergebnis deutlich dahinter zurück. Trotz der gut ausgebauten Kinderbetreuung sind nur in rund 40 Prozent der Paarfamilien beide Partner in Vollzeit beschäftigt. Dies liegt zum einen an der insgesamt höheren Arbeitslosigkeit, zum anderen aber auch am Steuersystem, denn das französische Familiensplitting begünstigt traditionelle Familienformen. So wirken die verschiedenen familienpolitischen Leistungen nicht in eine Richtung wie das in Dänemark der Fall ist. Dies beeinträchtigt auch die Erwerbschancen und Armutsrisiken von Alleinerziehenden im Vergleich zu Dänemark. Im Unterschied zu Dänemark ist auch die Absicherung von Familien mit sozialen Risiken weniger umfangreich. Die soziale Sicherung ist wie in Deutschland stark am Erwerbsstatus und am Einkommen ausgerichtet und schließt Familien mit sozialen Risiken tendenziell aus. Für diese Familien bietet auch die soziale Mindestsicherung kein gutes Auffangnetz, weil die Leistungen relativ niedrig sind.

Die Niederlande erzielen eine ähnlich hohe Erwerbsintegration von Eltern wie Dänemark, aber nach einem anderen Muster. In Paarfamilien dominiert eindeutig das Vollzeit/Teilzeit-Mischmodell. Wenig verbreitet ist heute hingegen die traditionelle Familie mit nur einem beschäftigten Partner. Die meisten Alleinerziehenden arbeiten in Teilzeit und Arbeitslosigkeit ist kein großes Problem, im Gegensatz zu Deutschland und Großbritannien. Der Schlüssel zu diesem Muster bei Paarfamilien und Alleinerziehenden ist die große Unterstützung und Akzeptanz der Teilzeitarbeit in den Niederlanden. Teilzeitarbeit wird steuerlich stark gefördert und sozial gut abgesichert. Ermöglicht wird dieses abgesicherte flexible Modell durch ein gut ausgebautes System der Kinderbetreuung, das auf die Bedürfnisse Teilzeitbeschäftigter zugeschnitten ist. Hinzu kommt ein soziales Sicherungssystem mit starken universalen Elementen. In der Rentenversicherung gibt es eine einheitlich hohe Basissicherung für alle Menschen, die dauerhaft in den Niederlanden wohnen, unabhängig von der Erwerbstätigkeit. Das vermeidet spätere Altersarmut bei Müttern.

Großbritannien erzielt im Ländervergleich keine so negativen Ergebnisse wie oft behauptet. Das britische Modell setzt stark auf eine steuerliche Förderung niedriger Erwerbseinkommen, um Armut zu vermeiden. Steuergutschriften spielen vor allem für Familien mit niedrigem Erwerbseinkommen eine wichtige Rolle. Daneben ist die soziale Mindestsicherung als soziales Bürgerrecht etabliert und bietet für Familien mit sozialen Risiken im internationalen Vergleich relativ hohe Leistungen. Langzeitarbeitslose Familien sind hier relativ zum Durchschnittseinkommen besser abgesichert als in Deutschland. Die Schwachstelle der britischen Familienpolitik ist die fehlende Unterstützung der Erwerbsintegration von Eltern. Der eklatante Mangel an für niedrige Einkommen bezahlbarer Kinderbetreuung führt zu Hürden bei der Integration in den Arbeitsmarkt.

Erwerbsintegration und soziale Absicherung

Der Ländervergleich zeigt, dass Dänemark und die Niederlande eine hohe Erwerbsintegration und eine niedrige Armut von Familien in Europa erzielen. Dazu tragen gut ausgebaute Kinderbetreuungsangebote, eine die Erwerbsintegration fördernde Steuerpolitik und eine gute Absicherung von Familien mit sozialen Risiken bei. Beide Länder haben ein soziales Sicherungssystem mit starken universalen und grundsichernden Elementen. Aber auch die britische Politik, die gezielt auf Familien mit niedrigen Einkommen ausgerichtet ist, erzielt teilweise gute Ergebnisse im Hinblick auf Armut. Die Erwerbsintegration bleibt jedoch niedrig, weil sie familienpolitisch nicht gefördert wird.

Aus dem Vergleich ergibt sich für Deutschland die Empfehlung, eine besser ausgebaute Kinderbetreuung, eine reformierte Besteuerung von Familien und eine gezielte Unterstützung und bessere soziale Absicherung von Familien mit sozialen Risiken anzustreben, um einige der festgestellten vorhandenen Defizite der Familienpolitik zu mildern.

Fußnoten

3.
Das Schaubild 2 stellt das Markteinkommen vor Steuern und Transfers dem verfügbaren Einkommen nach Steuern und Transfers gegenüber. Methodisch wird dabei eine fiktive Einkommensverteilung (Markt ohne staatliche Umverteilung) mit einer tatsächlichen Verteilung verglichen. Dennoch ist das Verfahren geeignet, das Ausmaß der staatlichen Umverteilung im Ländervergleich zu erfassen. Armutsrisiko wird definiert als äquivalenzgewichtetes Einkommen (vor oder nach Steuern und Transfers), das unter 60 Prozent des jeweiligen gesamtgesellschaftlichen Median liegt. Die Armutsrisikogrenze wird dabei für beide Einkommensarten auf der Basis des verfügbaren Einkommens festgelegt. Dadurch sind die Armutsrisikoquoten einheitlich definiert und können direkt miteinander verglichen werden. Äquivalenzeinkommen ist das Einkommen, das jedem Mitglied eines Haushalts, wenn es erwachsen und allein lebend wäre, den gleichen Lebensstandard ermöglichen würde, wie es ihn innerhalb des gemeinsamen Haushaltes hat.
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