Yehya E., Berlin, Neukölln, Jugendkriminalität, Gangsterläufer, Film

18.10.2016 | Von:
Wolfgang Heinz

Jugendkriminalität - Zahlen und Fakten

Entwicklung von Jugendkriminalität im Dunkelfeld

Das bisher gezeichnete Bild der "polizeilich registrierten Kriminalität" ist nur ein Ausschnitt der "Kriminalitätswirklichkeit". Zum Alltagswissen gehört, dass nicht jeder anzeigbare Vorfall auch tatsächlich angezeigt wird. In der bundesweiten Schülerbefragung 2007/2008 wurden bei leichter Körperverletzung 19 Prozent der Delikte, bei schwerer Körperverletzung 37 Prozent von den Schülern angezeigt. Ein erheblicher Teil also wird der Polizei nicht bekannt, bleibt im sogenannten Dunkelfeld.

Das bedeutet gleichzeitig, dass Veränderungen der Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung – selbst bei unveränderter "Kriminalitätswirklichkeit" – zu Veränderungen der polizeilich registrierten Kriminalität führen. Würde zum Beispiel binnen eines Jahres die Anzeigebereitschaft bei leichter Körperverletzung von 19 auf 21 Prozent steigen, dann würde die Zahl der registrierten Fälle "dramatisch" um 10 Prozent steigen. Bei einer geringen Anzeigebereitschaft hat also eine Veränderung große Auswirkungen auf die Zahl polizeilich registrierter Delikte (siehe Schaubild 6).[8]

Anzeigebereitschaft bei Körperverletzung von JugendlichenSchaubild 6: Anzeigebereitschaft bei Körperverletzung von Jugendlichen Lizenz: cc by-nd/3.0/de (bpb, Wolfgang Heinz - Konstanzer Inventar Kriminalitätsentwicklung)

PDF-Icon Anzeigebereitschaft bei Körperverletzung von Jugendlichen

Die Krux einer jeden auf Hellfelddaten gestützten Aussage zur Kriminalitätsentwicklung besteht darin, dass unklar ist, ob die statistischen Zahlen die Entwicklung der "Kriminalitätswirklichkeit" widerspiegeln oder ob sie lediglich das Ergebnis einer Verschiebung der Grenze zwischen Hell- und Dunkelfeld sind – ob sich also lediglich das Anzeigeverhalten geändert hat, nicht aber die Kriminalität. Dies kann nur durch regelmäßig wiederholte Befragungen geprüft werden. Derartige Untersuchungen finden in Deutschland aber (derzeit) weder regelmäßig noch bei repräsentativen Stichproben statt.

Anhaltspunkte, inwieweit Hellfeld- und Dunkelfeldentwicklungen übereinstimmen, geben deshalb gegenwärtig nur Befunde aus wiederholt durchgeführten, aber zumeist auf einzelne Städte beschränkte, regelmäßig auf Schüler beschränkte Befragungen zu selbstberichteter Delinquenz. Entgegen den in der PKS ausgewiesenen Anstiegen zeigen sämtliche neueren, seit Ende der 1990er-Jahre durchgeführten Schülerbefragungen bei keinem der untersuchten Delikte einen Anstieg, die Raten gehen überwiegend sogar zurück, teilweise deutlich.[9] Erklärt werden konnte diese gegenläufige Entwicklung dadurch, dass – ebenfalls in allen Befragungen – eine Sensibilisierung gegenüber Gewalt und eine Erhöhung der Anzeigebereitschaft festgestellt werden konnte. Der zahlenmäßige Rückgang im Dunkelfeld wurde überkompensiert durch eine Erhöhung der Anzeigebereitschaft. Wie sich seit der letzten bundesweiten Befragung von 2007/2008 die Anzeigebereitschaft entwickelt hat, ist unbekannt. Eine Wiederholungsbefragung wurde noch nicht durchgeführt.

Besondere Tatverdächtigengruppen

Jugendkriminalität wird häufig auch mit Ausländerkriminalität in Verbindung gebracht. Die Differenzierung nach Art der Staatsangehörigkeit, wie sie in den Kriminalstatistiken erfolgt, ist freilich unbrauchbar. Weder fördert noch hemmt die Farbe des Passes die Kriminalität. Entscheidender sind Integrationsprobleme, defizitäre Lebenslagen oder auch bestimmte soziale Situationen.

In der Forschung wird deshalb nicht auf den Pass, sondern zumeist auf den Zuwandererstatus abgestellt, also darauf, ob ein Migrationshintergrund vorliegt.[10] Den Daten des Mikrozensus 2014 zufolge haben 27,7 Prozent der 15- bis unter 20-Jährigen einen Migrationshintergrund, davon besitzen 18,2 Prozent die deutsche und 9,5 Prozent eine ausländische Staatsangehörigkeit.

Informationen zur Straffälligkeit von Personen mit Migrationshintergrund liegen lediglich aus Befragungen vor. Insgesamt sind Untersuchungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund begrenzt valide. Denn auch hier spielen Hell- und Dunkelfell eine Rolle: Es ist zum Beispiel zu hinterfragen, ob junge Migranten tatsächlich häufiger straffällig oder nur häufiger angezeigt und entdeckt werden. Aus Opferbefragungen ist beispielsweise belegt, dass die Anzeigebereitschaft höher ist, wenn der Verdächtige nicht der eigenen ethnischen Gruppe angehört.[11] Auch in diesem Kontext besitzen (Schüler-)Befragungen zur Delinquenz nur begrenzte Aussagekraft. Denn gemessen wird – sowohl bei deutschen als auch bei ausländischen Befragten – immer nur die Selbstbeurteilung und Selbstauskunft. Bei Befragungen von Personen mit Migrationshintergrund kann nicht nur die sprachliche Verständigung problematisch sein, sondern vor allem ein möglicherweise kulturell geprägtes und vom Aufenthaltsstatus abhängiges Antwortverhalten. Ist der Aufenthaltsstatus unsicher, wird möglicherweise kriminelles Verhalten zurückhaltender berichtet. Auch kommt es zu systematischen Verzerrungen bei Schülerbefragungen durch die Teilgruppe der "Schulschwänzer", die bei den Erhebungen fehlen. Diese Gruppe ist häufig ethnisch ungleich verteilt, das heißt mehr Kinder mit Migrationshintergrund zählen hierzu, die bei den Befragungen nicht erfasst werden.

Unter diesen Vorbehalten zeigen die derzeit vorliegenden Schülerbefragungen:
  • Für Bagatelldelinquenz sowie leichtere Kriminalität (Schwarzfahren, Ladendiebstahl, leichtere Eigentumsdelikte, Sachbeschädigung) gibt es kaum Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund.[12]
  • Hinsichtlich der Gewaltdelikte ergibt sich dagegen kein einheitliches Bild. Während in einer in den Jahren 2002 bis 2009 jährlich wiederholten Duisburger Schülerbefragung zwischen türkischstämmigen und einheimischen Jugendlichen kaum ein Unterschied feststellbar war,[13] gaben in anderen Schülerbefragungen vor allem türkischstämmige Jugendliche und Befragte, deren Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen, zum Teil bis zu zweimal häufiger an, ein Gewaltdelikt begangen zu haben, als Schüler ohne Migrationshintergrund; sie wiesen zudem höhere Mehrfachtäteranteile auf. Die deutschlandweit repräsentative Schülerbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) aus den Jahren 2007/2008 erlaubt wegen der großen Befragtenzahl erstmals eine differenzierte Analyse auch kleinerer Migrantengruppen. Danach unterscheiden sich die Jugendlichen asiatischer und die nord-/westeuropäischer Herkunft in ihrem Gewaltniveau nicht signifikant von einheimischen Jugendlichen: "Die meisten Gewalttäter sind prozentual bei den Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien zu finden. Aber auch bei Jugendlichen südeuropäischer, südamerikanischer, türkischer und italienischer Herkunft ist von deutlich erhöhten Gewalttäteranteilen auszugehen."[14]
  • Soweit es Wiederholungsbefragungen dieser Studien gibt, zeigen sie einen Rückgang der Raten im Gewaltbereich auch bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund.[15]


Bei der Gegenüberstellung von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund ist freilich zu beachten, dass sich diese beiden Gruppen in zahlreichen soziodemographischen Merkmalen unterscheiden. Auch bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund gibt es je nach Sozialstruktur Unterschiede. Dies zeigt sich zum Beispiel bei Häufigkeit und Formen von Gewalt je nach Schultypus. Ein Teil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund hat beispielsweise gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen internalisiert, besitzt eine geringere Schulbildung, hat oft eigene Gewaltopfererfahrungen gemacht, ist häufiger von staatlichen Transferleistungen abhängig und so weiter. Werden diese sogenannten Belastungsfaktoren, die häufiger bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund auftreten, beim Vergleich berücksichtigt, dann werden die Unterschiede in der Kriminalitätsbelastung geringer oder verschwinden sogar ganz. So zeigt Schaubild 7, dass sich die Gewaltraten bei Jugendlichen ohne diese Belastungsfaktoren fast angleichen.[16] Prävention durch Integration ist deshalb angezeigt.

Gewalttätigkeit und Migrationshintergrund im Kontext der LebensbedingungenSchaubild 7: Gewalttätigkeit und Migrationshintergrund im Kontext der Lebensbedingungen Lizenz: cc by-nd/3.0/de (bpb, Wolfgang Heinz - Konstanzer Inventar Kriminalitätsentwicklung)

PDF-Icon Gewalttätigkeit und Migrationshintergrund im Kontext der Lebensbedingungen


Fußnoten

8.
Aus einer in den Jahren 1975, 1986 und 1998 wiederholt durchgeführten Befragung in Bochum ging hervor, dass mehr als zwei Drittel der zwischen 1975 und 1998 erfolgten Zunahme polizeilich registrierter Körperverletzungsdelikte auf einer bloßen Veränderung der Anzeigebereitschaft beruhte. Vgl. 2. Periodischer Sicherheitsbericht 2006, S. 20.
9.
Vgl. Baier et al. 2009, S. 92 ff.
10.
2. Periodischer Sicherheitsbericht 2006, S. 408 ff.
11.
Vgl. Baier et al. 2009, S. 11, 45 f.
12.
Walburg 2014, S. 10.
13.
Walburg 2014, S. 10 f.
14.
Baier et al. 2009, S. 70.
15.
Baier et al. 2009, S. 70; Block 2010, S. 243.
16.
Baier, D. et al. 2009a, S. 86.
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Autor: Wolfgang Heinz für bpb.de
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