Arzt läuft durch Krankenhausflur

16.12.2013 | Von:
Thomas Gerlinger

Ursachen von Verteilungsungleichheiten

Ohne wirksame Maßnahmen ist zu erwarten, dass sich die Ungleichheiten bei der ärztlichen Versorgung weiter verschärfen. Was sind die Ursachen und Probleme der Unterversorgung? Wo tritt diese auf und welche Schlussfolgerungen ergeben sich?

Ob mit einer Landarztquote oder verstärkter Werbung, eines fordern Politiker wie Verbände: Gegen den Ärztemangel auf dem Land muss etwas getan werden. Vor allem in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen klaffen große Lücken bei der Hausarztversorgung. Bundesweit kommen nach Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) auf 10 000 Menschen durchschnittlich 6,4 Hausärzte. In einigen Regionen sind es sogar weniger als fünf, wie eine Auswertung der Zahlen durch dpa-RegioData ergibt.Vor allem in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen klaffen große Lücken bei der Hausarztversorgung. (© picture alliance / dpa-DataReporting)
Diese Ungleichverteilung ist Ergebnis des Zusammenwirkens mehrerer Faktoren. Folgende sollen dabei hervorgehoben werden:
  1. Seit Jahrzehnten wandern jüngere Menschen Alters aus ländlichen Gebieten ab. Gleichzeitig rücken die geburtenstarken Jahrgänge nun in höhere Altersgruppen vor. Sinkende Bevölkerungszahlen, ein steigender Altenanteil, eine daher rückläufige Geburtenrate, die weitere Abwanderung insbesondere junger und qualifizierter Personen, eine Auszehrung der ökonomischen, sozialen und kulturellen Infrastruktur führten und führen in einem Teufelskreis zu einem weiteren Bevölkerungsrückgang. Arbeit und Leben in ländlichen Regionen verloren somit für viele Menschen an Attraktivität (SVR 2012). Insbesondere fällt es schwer, junge Akademiker, und unter ihnen auch Ärzte, zur Aufnahme einer Berufstätigkeit in ländlichen Regionen zu bewegen. Außerdem fällt es den zumeist ebenfalls hoch qualifizierten Lebenspartnern schwer, wohnortnah eine angemessene Beschäftigung zu finden.

  2. Dieses Problem wirkt sich auf die Versorgung mit Hausärzten besonders stark aus, weil der Anteil älterer Ärzte hier besonders hoch ist. Am 31.12.2011 waren 15.335 Hausärzte (27,1 % aller Hausärzte) 60 Jahre oder älter. Der Anteil dieser Altersgruppe ist unter den Hausärzten deutlich höher als unter den Fachärzten (Tabelle 7). Im Jahr 2010 schieden mehr als 2.000 Hausärzte aus der Berufstätigkeit aus, nur 1.600 kamen neu hinzu (KBV 2012).
 
Tabelle 7: Vertragsärzte im Alter von 60 Jahren und mehr am 31.12.2011
 
ArztgruppeAbsolut% der jeweiligen Gruppe
Gebietsärzte12.85320,0
Hausärzte15.33527,1
Quelle: Rosenbrock/Gerlinger (2014): 442
  1. Der Anteil der Mediziner, die sich für eine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin und für eine Tätigkeit als Hausarzt entscheiden, ist in der Vergangenheit deutlich gesunken. So erfolgten im Jahr 2011 nur 1.298 (11,2 %) aller Facharztanerkennungen in der Allgemeinmedizin (Bundesärztekammer 2012). Gerade Hausärzte sind für die Gewährleistung der Versorgung auf dem Land aber besonders wichtig. Im Verlauf des Medizinstudiums geht das Interesse von Studierenden an der hausärztlichen Tätigkeit deutlich zurück. Vermutlich spielen neben dem geringeren Einkommen von Hausärzten auch andere Faktoren eine Rolle: eine Ausbildungskultur in der Medizin, die den Eindruck erweckt, Allgemeinmedizin und Hausarzttätigkeit seien weniger anspruchsvoll oder interessant als andere Disziplinen bzw. Tätigkeitsfelder; die beruflichen Belastungen, die eine Hausarzttätigkeit mit sich bringt, insbesondere wenn man als Landarzt tätig ist, nämlich lange Arbeitszeiten und ein "Einzelkämpferdasein".

  2. Die Einnahmen und das Einkommen der Hausärzte bleiben in ländlichen Regionen oder in sozial benachteiligten Stadtteilen im Durchschnitt deutlich hinter denen der Fachärzte zurück. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass dort die Einnahmen aus privatärztlicher Tätigkeit vergleichsweise niedrig ausfallen, denn dort ist der Anteil von Privatpatienten und der Anteil der von zahlungskräftigen GKV-Patienten, die am ehesten individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) in Anspruch nehmen, besonders gering. Die Vergütungen in der ambulanten privatärztlichen Versorgung sind deutlich höher als in der vertragsärztlichen Versorgung, weil hier feste Euro-Beträge zugrunde gelegt werden, die die Ärzte zudem mit einem Multiplikationsfaktor versehen können. Hingegen unterliegt in der vertragsärztlichen Versorgung die ärztliche Vergütung Mengenbegrenzungsregelungen, die auch die Einnahmechancen der Ärzte verringern. Daher liegen die Vergütungen für identische Leistungen in der privatärztlichen Versorgung erheblich über den Vergütungen in der vertragsärztlichen Versorgung. In den letzten Jahrzehnten hat der Anteil der Einnahmen aus privatärztlichen Tätigkeiten stark zugenommen und mittlerweile ein beträchtliches Niveau erreicht. Im Jahr 2011 erzielte jede Arztpraxis durchschnittlich 28,3 Prozent ihrer Einnahmen aus privatärztlicher Tätigkeit (StBA 2013: 15, 29). Bei Praxen von Allgemein- und Praktischen Ärzten fiel dieser Anteil deutlich niedriger aus, aber auch sie kamen immerhin noch auf einen Anteil von 18,4 Prozent (StBA 2013: 37). 1979 hatte sich der Anteil privatärztlicher Einnahmen im Durchschnitt aller Ärzte noch auf 13,1 Prozent belaufen (Gerlinger/Deppe 1994: 41).

  3. Die vertragsärztliche Bedarfsplanung war nicht geeignet, für eine gleichmäßige Verteilung von Ärzten zu sorgen. Die Orientierung der angestrebten Arzt-/Versichertenrelationen an den Ist-Verhältnissen des Jahres 1990, die unzureichende Berücksichtigung von demographischen und Morbiditätskriterien, die Ausrichtung der Planungsbereiche an den Grenzen von Stadt- und Landkreisen sowie die Nichtberücksichtigung der Erreichbarkeit von Einrichtungen als Bedarfskriterium haben zu den skizzierten Ungleichgewichten geführt (Greß/Stegmüller 2011). Zudem hat die Zulassungspraxis der gemeinsamen Selbstverwaltung es nicht verstanden, die Überversorgung gerade mit Fachärzten in Ballungsräumen zu vermeiden oder abzubauen. Der grundgesetzliche Auftrag zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse wurde insofern nicht erfüllt (Art. 72 Abs. 2 GG).
Ohne wirksame Maßnahmen ist zu erwarten, dass sich die Ungleichheiten bei der ärztlichen Versorgung weiter verschärfen, denn die skizzierten Trends dürften in der näheren Zukunft kaum zum Stillstand kommen oder sich umkehren.

Wissenscheck
Hausärztliche Versorgung

Frage 1 / 1
 
Welche Merkmale kennzeichnen die Situation der hausärztlichen Versorgung in Deutschland?








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Autor: Thomas Gerlinger für bpb.de
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