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Arzt läuft durch Krankenhausflur

15.9.2014 | Von:
Thomas Gerlinger

Versorgungsbedarf – Leistungserbringung – Leistungsanbieter

Welche Aufgaben haben Krankenhäuser in der Gesundheitsversorgung? Wer sind die Krankenhauspatientinnen und -patienten? Worin unterscheiden sich Krankenhäuser? Wie sind die Krankenhausträger organisiert? Wer wird im Krankenhaus behandelt? Wie haben sich Krankenhauskapazitäten und Krankenhauskosten entwickelt?

Patientenabendbrot im Universitätsklinikum Aachen.Patientenessen im Universitätsklinikum Aachen: Statistisch gesehen war 2010 mehr als jeder fünfte Bundesbürger einmal pro Jahr zur stationären Behandlung im Krankenhaus. Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (Flickr/MrTopf )


Krankenhäuser und ihre Aufgaben

Das Fünfte Buch Sozialgesetzbuch (SGB V) definiert Krankenhäuser als "Einrichtungen, die
  1. der Krankenhausbehandlung oder Geburtshilfe dienen;
  2. fachlich-medizinisch unter ständiger ärztlicher Leitung stehen, über ausreichende, ihrem Versorgungsauftrag entsprechende diagnostische und therapeutische Möglichkeiten verfügen und nach wissenschaftlich anerkannten Methoden arbeiten;
  3. mithilfe von jederzeit verfügbarem ärztlichen, pflege-, funktions- und medizinisch-technischem Personal darauf eingerichtet sind, vorwiegend durch ärztliche und pflegerische Hilfeleistungen Krankheiten der Patienten zu erkennen, zu heilen, ihre Verschlimmerung zu verhüten, Krankheitsbeschwerden zu lindern oder Geburtshilfe zu leisten, und in denen
  4. die Patienten untergebracht und verpflegt werden können." (§ 107 Abs. 1 SGB V)
Noch etwas umfassender fällt die Krankenhausdefinition des Krankenhausfinanzierungsgesetzes aus. Demzufolge sind Krankenhäuser:

"Einrichtungen, in denen durch ärztliche und pflegerische Hilfeleistung Krankheiten, Leiden oder Körperschäden festgestellt, geheilt oder gelindert werden sollen oder Geburtshilfe geleistet wird und in denen die zu versorgenden Personen untergebracht und verpflegt werden können". (§ 2 Krankenhausfinanzierungsgesetz – KHG)

In vielen Fällen müssen Patientinnen und Patienten stationär behandelt, das heißt für einen gewissen Zeitraum in eigens zur Krankenbehandlung vorgesehenen Einrichtungen (Krankenhäusern) untergebracht und verpflegt werden. Eine Krankenhausbehandlung ist vor allem dann erforderlich, wenn:
  • die Erkrankung so schwer ist, dass die Patientinnen und Patienten in der Versorgungseinrichtung untergebracht werden müssen, weil sie unter ärztlicher Beobachtung stehen müssen oder einer pflegerischen Betreuung bedürfen oder

  • die Erkrankung eine aufwendige Diagnose oder Therapie erfordert, die nur in Einrichtungen mit einer entsprechenden Konzentration von Spezialistinnen und Spezialisten und medizinisch-technischen Geräten möglich ist.
Darüber hinaus dienen Krankenhäuser dazu, die Versorgungssicherheit im Notfall für die Bürgerinnen und Bürger vor Ort beziehungsweise in der Region zu gewährleisten – zum Beispiel bei einem Unfall oder einer plötzlich auftretenden schweren Erkrankung wie einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall. In diesem Fall muss in einer angemessenen Frist eine gute Versorgung sichergestellt sein.

Wissenscheck
Teildefinitionen Krankenhaus

Frage 1 / 1
 
Welche der folgenden Teildefinitionen eines Krankenhauses ist falsch?








Patientinnen und Patienten und Behandlungsfälle – Art und Menge von Leistungen

Knapp 18 Millionen Menschen wurden im Jahr 2010 im Krankenhaus behandelt. Statistisch war damit mehr als jede fünfte Bundesbürgerin/jeder fünfte Bundesbürger einmal pro Jahr zur stationären Behandlung im Krankenhaus. Etwa 48,7 Prozent aller Patientinnen und Patienten waren 65 Jahre alt oder älter, obwohl diese Altersgruppe nur knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Etwa 407.000 Menschen sind 2010 im Krankenhaus gestorben (Statistisches Bundesamt 2011), das waren 47,5 Prozent aller Sterbefälle in Deutschland. Die häufigsten Einzeldiagnosen bei Krankenhauspatienten gehen aus der Tabelle "Hauptdiagnosen ICD-10 bei vollstationären Krankenhauspatienten (2009)" hervor.

Die Leistungen der stationären Krankenversorgung werden fast ausschließlich von angestellten – zum Teil verbeamteten – Ärztinnen, Ärzten, Pflegekräften und medizinisch-technischen Fachkräften erbracht. Das Krankenhaus ist derjenige Ort, an dem moderne Hochleistungsmedizin zur Anwendung kommt sowie medizintechnische Innovationen erprobt und eingeführt werden. Weit stärker als die ambulante fachärztliche und erst recht die hausärztliche Versorgung sind stationäre Leistungen vom Einsatz medizinischer Technik geprägt.

Wissenscheck
Anteil der Krankenhauspatientinnen und -patienten unter 65 Jahren

Frage 1 / 1
 
Wie hoch ist der Anteil der Krankenhauspatientinnen und -patienten im Alter von unter 65 Jahren?








Krankenhausarten

Die Krankenhäuser lassen sich nach mehreren Merkmalen unterscheiden.

Im Hinblick auf die Einrichtungsarten werden allgemeine Krankenhäuser und sonstige Krankenhäuser voneinander abgegrenzt. Allgemeine Krankenhäuser sind Einrichtungen, die über Betten in vollstationären Fachabteilungen verfügen (sofern diese Betten nicht ausschließlich für psychiatrische oder neurologische Patientinnen und Patienten vorgehalten werden). Bei sonstigen Krankenhäusern handelt es sich um Einrichtungen, die ausschließlich über psychiatrische oder neurologische Betten verfügen, oder um Einrichtungen, in denen Patientinnen und Patienten ausschließlich teilstationär behandelt werden (Tages- oder Nachtkliniken).

Der Eingang des Universitätsklinikums der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.Universitätsklinikum Greifswald: Die Leistungen der stationären Versorgung werden fast ausschließlich von angestellten – zum Teil verbeamteten – Ärztinnen, Ärzten, Pflegekräften und medizinisch-technischen Fachkräften erbracht. (© picture-alliance, ZB)
Des Weiteren lassen sich Krankenhäuser verschiedenen Versorgungsstufen zuordnen. Hierfür ist vor allem die Zahl der Fachabteilungen und der Betten maßgeblich. Bei der Definition von Versorgungsstufen können Abweichungen zwischen den Bundesländern auftreten. Im Allgemeinen sehen die Landeskrankenhausgesetze vier Versorgungsstufen vor:
  • Krankenhäuser der Grundversorgung gewährleisten eine Versorgung in den Gebieten innere Medizin und allgemeine Chirurgie;

  • Krankenhäuser der Regelversorgung müssen über die Grundversorgung hinaus weitere Fachabteilungen betreiben, zumeist für Gynäkologie und Geburtshilfe, darüber hinaus auch für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Augenheilkunde oder Orthopädie;

  • Krankenhäuser der Schwerpunktversorgung haben ein noch breiteres Spektrum abzudecken, darunter Fachabteilungen für Pädiatrie und Neurologie;

  • Krankenhäuser der Maximalversorgung oder Zentralversorgung bieten ein hoch differenziertes Leistungsspektrum an und führen auch Behandlungen bei besonders seltenen oder schweren Erkrankungen durch. Zu Häusern der Maximal- oder Zentralversorgung zählen zum Beispiel Universitäts- beziehungsweise Hochschulkliniken.
Je nach Stufe sind die Versorgungsregionen unterschiedlich groß. Auch hier weichen die Bestimmungen der Bundesländer gelegentlich voneinander ab (Deutsche Krankenhausgesellschaft 2004).

Schließlich unterscheiden sich Krankenhäuser nach der Art der Träger, also jener Akteure, die ein Krankenhaus betreiben und bewirtschaften. In Deutschland ist für den Krankenhaussektor ein historisch gewachsener Pluralismus aus öffentlichen, freigemeinnützigen und privaten Einrichtungen kennzeichnend:
  • Öffentliche Krankenhäuser werden von Kommunen, Landkreisen, Ländern oder vom Bund betrieben.
  • Freigemeinnützige Krankenhäuser werden in erster Linie von Wohlfahrtsverbänden und Kirchen betrieben.
  • Private Krankenhäuser befinden sich in der Hand von Ärztinnen und Ärzten oder Arztgruppen und zunehmend auch von großen Kapitalgesellschaften (zum Beispiel Rhön-Klinikum AG).
Grundsätzlich zu unterscheiden ist zwischen Krankenhäusern einerseits und Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen andererseits. Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen dienen nicht der akuten Krankheitsbehandlung, sondern eben der Krankheitsvorsorge oder der rehabilitativen Versorgung – beispielsweise in Form der Anschlussheilbehandlung nach einem akutstationären Aufenthalt.

Im Jahr 2010 waren 30,5 Prozent aller allgemeinen Krankenhäuser in öffentlicher Trägerschaft, 36,6 Prozent in freigemeinnütziger und 32,9 Prozent in privater Trägerschaft. Dabei stellten die öffentlichen Krankenhäuser 48,6 Prozent, die privaten hingegen nur 16,9 Prozent der Betten (Statistisches Bundesamt 2012a). Während sich die großen Häuser überwiegend in öffentlicher Hand befinden, sind die freigemeinnützigen Einrichtungen zumeist von mittlerer Größe, und bei den privaten Trägern überwiegen kleine Häuser. Mit den Größenunterschieden ist auch eine gewisse Arbeitsteilung verbunden: Während die öffentlichen und freigemeinnützigen Träger zumeist eine breite Palette von Leistungen anbieten, betreiben private Träger häufig Spezialeinrichtungen. Das Nebeneinander von öffentlichen und freigemeinnützigen Häusern sowie privaten Einrichtungen bringt manche Probleme mit sich. Steht bei öffentlichen und freigemeinnützigen Krankenhäusern die Versorgungsfunktion für die Bevölkerung im Mittelpunkt, so ist es bei den privaten die Gewinnmaximierung. Bei der Verfolgung dieses Ziels setzen private Einrichtungen häufig darauf, ihr Angebot auf wenige standardisierbare Leistungen zu begrenzen: Diese können sie aufgrund der Spezialisierung und der höheren Behandlungsfallzahlen dann kostengünstiger und zum Teil auch in einer besseren Qualität erbringen. Dadurch verschlechtert sich die Kalkulationsbasis derjenigen Krankenhäuser, die aufgrund ihres Versorgungsauftrags nach wie vor die gesamte Palette an Regelleistungen und die dafür notwendige Infrastruktur vorhalten müssen, ohne an der Kostenersparnis durch größere Fallzahlen teilhaben zu können.

Seit der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre vollzieht sich in der Krankenhauslandschaft ein tiefgreifender Wandel. Vor allem Kommunen sind angesichts ihrer prekären Haushaltslage vielfach bemüht, sich defizitärer Krankenhäuser zu entledigen. Immer häufiger treten in solchen Fällen private Kapitalgesellschaften auf, um potenziell profitable Häuser zu übernehmen. Vor diesem Hintergrund ist eine Privatisierung in Gang gekommen (Böhlke/Gerlinger/Mosebach/Schmucker/Schulten 2009). In den nächsten Jahren dürfte diese Entwicklung weiter voranschreiten, nicht zuletzt weil sich unter den Auswirkungen der globalen Finanzkrise der Druck auf die öffentlichen Haushalte, defizitäre Häuser abzustoßen, erhöhen dürfte. Bereits zwischen 1991 und 2012 hat sich bei den Krankenhäusern die Zahl privat getragener Einrichtungen von 358 auf 697 fast verdoppelt. 2012 wurde mehr als jedes dritte Krankenhaus in Deutschland, 34,6 Prozent, privatwirtschaftlich betrieben.

Blickt man auf die Zahl der aufgestellten Betten, so fällt der Bedeutungszuwachs der privaten Häuser noch stärker aus. Die Zahl privater Betten hat sich zwischen 1991 und 2012 auf über 90.000 mehr als verdreifacht. Auf öffentliche Krankenhäuser entfiel 2012 bereits weniger als die Hälfte der aufgestellten Betten.
Zwar stieg der Anteil der privaten Häuser und Betten besonders bei den spezialisierten Einrichtungen an, allerdings erfasst die Privatisierung zunehmend auch die Bereiche der stationären Grund- und Regelversorgung. Jedoch lässt sich auch feststellen, dass die Krankenhauslandschaft gegenwärtig noch stark von öffentlichen und freigemeinnützigen Trägern geprägt ist. Dies gilt insbesondere, wenn man die Bettenzahlen als Kriterium zugrunde legt.

Verbände

Im Krankenhaussektor spielen Verbände, wie im deutschen Gesundheitssystem insgesamt, eine wichtige Rolle. Von besonderer Bedeutung sind die Deutsche Krankenhausgesellschaft e. V. (DKG) und die Landeskrankenhausgesellschaften (LKGs). In den LKGs sind die Krankenhausträger eines Bundeslandes zusammengeschlossen. Die LKGs wiederum bilden die DKG als bundesweiten Dachverband. Die Aufgabe der Krankenhausgesellschaften ist es, die Interessen ihrer Mitglieder in der Öffentlichkeit, gegenüber der Politik und den übrigen Akteuren im Gesundheitswesen zu vertreten. Bei den KLGs und der DKG handelt es sich nicht um Körperschaften des öffentlichen Rechts, sondern um privatrechtliche Vereine. Darin unterscheiden sie sich von den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVs) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) im vertragsärztlichen Bereich.

Ungeachtet dessen hat der Staat die Kompetenzen der Krankenhausgesellschaften seit den 1980er-Jahren spürbar erweitert. Mittlerweile vereinbaren sie zu einer Reihe von Regelungsbereichen auf Bundes- beziehungsweise auf Landesebene Rahmenempfehlungen und zum Teil auch für die einzelnen Krankenhäuser verbindliche Bestimmungen. Neben den Krankenhausgesellschaften existieren auf Bundes- und auf Landesebene Verbände der Trägerarten – also öffentlicher, freigemeinnütziger und privater Betreiber. Sie vertreten die Interessen ihrer jeweiligen Klientel.

Von hervorgehobener Bedeutung ist in der Krankenhauspolitik neben den Krankenhausgesellschaften noch der Marburger Bund. Der Marburger Bund ist die Interessenorganisation der Krankenhausärztinnen und -ärzte. Bei ihm handelt es sich um einen freiwilligen Zusammenschluss, der sich selbst auch als Gewerkschaft der Krankenhausärztinnen und -ärzte Deutschlands bezeichnet. Er vertritt die Ärztinnen und Ärzte vor allem in ihrer Eigenschaft als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und behandelt Fragen wie Tarifpolitik, Arbeitszeiten und andere Fragen des Arbeitsrechts.

In der jüngeren Zeit ist der Marburger Bund dadurch hervorgetreten, dass er die bisherige Tarifgemeinschaft mit der Gewerkschaft ver.di, in der die Interessen der Beschäftigten im Krankenhaus gemeinschaftlich vertreten worden waren, aufgekündigt und – allerdings ausschließlich – für die Krankenhausärztinnen und -ärzte beachtliche Erfolge in Tarifauseinandersetzungen erzielt hat. Gegenüber der Politik und innerhalb der Ärzteschaft tritt er zugleich auch als Sachwalter von Krankenhausinteressen auf.