30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Arzt läuft durch Krankenhausflur

1.3.2012 | Von:
Thomas Gerlinger

Qualität und Qualitätsmängel

Bei der Beurteilung der Versorgungsqualität treten zunächst positive Aspekte in den Vordergrund: Die im internationalen Vergleich hohe Krankenhaus- und Bettendichte ermöglicht eine wohnortnahe Versorgung mit Krankenhausleistungen; die großzügige Ausstattung mit medizin-technischem Gerät bietet Gewähr dafür, dass moderne technische Diagnose- und Therapieverfahren verfügbar sind und Versorgungsmängel, sofern sie anzutreffen sind, zumindest kaum auf die Unterausstattung mit einschlägigen Anlagegütern zurückgeführt werden können. Dennoch: Der Befund des Sachverständigenrates Gesundheit (SVR), dem zufolge vergleichsweise hohe Ausgaben im Gesundheitswesen nur mittelmäßige Behandlungsergebnisse nach sich ziehen, schließt die Krankenhausversorgung mit ein. Die im Folgenden beschriebenen Probleme und Ursachenkomplexe lassen sich dabei unterscheiden.
Eine Praxis fuer interventionelle Schmerztherapie mit High-Tech der Computertomographie in Nordrhein-Westfalen.Patient bei der Computertomographie zur interventionellen Schmerztherapie: In manchen Bereichen kommt es zum verstärkten Einsatz von Medizintechnik, manchmal auch ohne hinreichende Nutzennachweise. (© picture-alliance, Klaus Rose )

Wissenscheck
Sachverständigenrat Gesundheit

Frage 1 / 1
 
Welche Aufgabe hat der Sachverständigenrat Gesundheit?







  1. Ebenso wie in der ambulanten Versorgung ist die Qualitätssicherung auch im stationären Sektor stark unterentwickelt. Die Krankenhäuser bringen kaum aussagekräftige Daten über ihre Behandlungsergebnisse hervor, sodass insbesondere ein Vergleich im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit der Einrichtungen stationärer Akutbehandlung nur punktuell möglich ist. Im Grunde befindet sich ein System stationärer Qualitätssicherung erst im Aufbau. Aussagen über die Qualität von Behandlungen ergeben sich vor allem aus der Kombination aggregierter Daten zu Morbidität und Mortalität einerseits und Behandlungsverfahren andererseits sowie aus einer Reihe von Fallstudien, die im Rahmen der Versorgungsforschung durchgeführt worden sind.

  2. Für einige epidemiologisch überaus bedeutsame Versorgungsbereiche lässt sich zeigen, dass international anerkannte Qualitätsstandards und Behandlungsleitlinien oftmals nur unzureichend befolgt werden. So erhält zum Beispiel beim Brustkrebs wahrscheinlich nur etwa jede zweite Patientin eine leitliniengerechte Therapie, die optimale Ergebnisse bringen könnte (Kreienberg 2001). Vor allem fehlendes Wissen und fehlendes Problembewusstsein müssen für solche Defizite verantwortlich gemacht werden.

  3. In Teilbereichen der medizinischen Versorgung kommt es zu einem intensiven – und zudem kostspieligen – Technikeinsatz, ohne dass hinreichend Nutzennachweise für derartige Verfahren vorlägen. Dies gilt beispielsweise für die hohe Zahl an Linksherz-Katheteruntersuchungen und Ballondilatationen (Dissmann/de Ridder 2002). Hier spielen sowohl materielle Interessen aufseiten der Ärztinnen und Ärzte sowie der Hersteller medizintechnischer Geräte und Hilfsmittel eine Rolle, aber auch die Beharrungskraft gewachsener Behandlungstraditionen, insbesondere die starke Orientierung von Ärztinnen und Ärzten auf den Einsatz von Medizintechnik.

  4. Darüber hinaus haben Versorgungsmängel auch ihre Ursache in der mehrfach erwähnten Abschottung des Krankenhauses von der ambulanten, aber auch von der rehabilitativen Versorgung und der Pflege.

  5. Schließlich bleiben auch die erwähnten ökonomischen Restriktionen und Anreize nicht ohne Auswirkungen auf die Krankenhausversorgung. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass die Akteure sich anreizgerecht verhalten und dies problematische Auswirkungen auf die Krankenversorgung nach sich zieht. So hat die vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geförderte Begleitforschung zur Einführung von Fallpauschalen und Sonderentgelten ergeben, dass 10,2 Prozent der Krankenhäuser 1997, eigenen Angaben zufolge, Patientinnen und Patienten häufiger in die Rehabilitation verlegten als unter dem alten Vergütungssystem und dass 22,4 Prozent eine solche Verlegung früher vornahmen; 1996 hatte jedes achte Krankenhaus Wartelisten eingeführt oder erweitert, 1997 war dies bereits bei jeder fünften Einrichtung der Fall, wobei dieser Anteil mit der Größe der Häuser anstieg (DKI/I+G Gesundheitsforschung 1999). Gleichzeitig haben qualitative Untersuchungen gezeigt, dass Ärztinnen, Ärzte und Krankenhausleitungen sich in Anpassung an Budgets und Fallpauschalen bei der Behandlung beziehungsweise beim Umgang mit Patientinnen und Patienten verstärkt an ökonomischen Nutzenerwägungen ausrichten. Dies äußert sich unter anderem in der vorzeitigen Entlassung von Patientinnen und Patienten, in der Weigerung, Patientinnen und Patienten aufzunehmen, und in der Verschiebung von Operationen (Simon 2001).
Jeder dieser Befunde allein ist sicherlich noch kein hinreichender Beleg dafür, dass tatsächlich medizinisch Notwendiges vorenthalten wird; allerdings fügen sie sich zu einem Bild zusammen, dessen Konturen die Befürchtung begründet erscheinen lassen, dass die medizinische Versorgungsqualität unter dem Druck ökonomischer Rahmenvorgaben beeinträchtigt wird. Darüber hinaus führt die Personalknappheit in den Krankenhäusern bei einer gleichzeitigen Intensivierung des Technikeinsatzes dazu, dass die persönliche Zuwendung des Betreuungspersonals zur Patientin oder zum Patienten weit hinter dem notwendigen Maß zurückbleibt.