Arzt läuft durch Krankenhausflur

16.12.2013 | Von:
Wolfram Burkhardt

Zuzahlungen: Sinnvolles Steuerungsinstrument oder Verletzung des Solidarprinzips?

Besonders seit Einführung der Praxisgebühr zum 1. Januar 2004 ist das Thema "Zuzahlungen der Patientinnen und Patienten" wieder hochaktuell: Brauchen wir mehr Zuzahlungen, um einen sparsamen Umgang mit den knappen Ressourcen zu fördern? Oder soll man die Zuzahlungen reduzieren, weil sie dem Solidarprinzip zuwider laufen?
Eine Krankenschwester schiebt ein Bett mit einem Patienten über einen Gang des Frankfurter St. Elisabethen-Krankenhauses (aufgenommen am 20.1.2004).Auch bei Krankenhausaufenthalten sind in der GKV pro Tag Zuzahlungen fällig. (© picture-alliance/dpa)

Zuzahlungen sind seit Langem üblich

Die Solidarität zwischen Gesunden und Kranken ist die Kernfunktion jeder Krankenversicherung: Wer krank wird und medizinische Hilfe benötigt, soll dadurch finanziell nicht überfordert werden. Doch bedeutet dies, dass jede Krankenbehandlung für alle Versicherten völlig kostenfrei sein muss?

Faktisch gibt es bereits seit Längerem eine ganze Reihe von Zuzahlungsregelungen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Das gesamte System der Zuzahlungen ist mit der Gesundheitsreform ab 2004 neu geregelt worden. Seine Bestimmungen sind im Wesentlichen (von der Abschaffung der Praxisgebühr und einigen kleineren Änderungen abgesehen) auch heute noch in Kraft: Seitdem wird bei allen Leistungen eine Zuzahlung in Höhe von zehn Prozent der Kosten erhoben, höchstens aber zehn Euro und mindestens fünf Euro. Aufs ganze Jahr gerechnet, darf die Summe der geleisteten Zuzahlungen nicht mehr als zwei Prozent der Bruttoeinnahmen der/des Versicherten (bei chronisch Kranken nur ein Prozent) ausmachen.

Die Einzelheiten der neuen Zuzahlungsregelungen sollen hier nicht vertieft werden. Im Hinblick auf das Solidarprinzip kann man jedoch grundsätzlich die Frage stellen, ob Zuzahlungen nicht im Widerspruch dazu stehen.

i

Tipp

Welche Zuzahlungsregelungen gelten seit 2004 und heute?

In der rechten Randspalte finden Sie unter "Grundlagenwissen" einen Link über die Zuzahlungen, welche ab 2004 in Kraft getreten sind.


Wie wirken Zuzahlungen? Teil 1: Finanzierungseffekte

Zuzahlungen müssen nur diejenigen leisten, die tatsächlich medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Das bedeutet aber, dass ein Teil der Krankheitskosten ausschließlich von den tatsächlichen Inanspruchnehmenden und damit ohne Solidarkomponente finanziert wird.

Die Wirkung von Zuzahlungen lässt sich an einem Rechenbeispiel verdeutlichen.

An einem einfachen Modell einer fiktiven Krankenkasse mit nur fünf Mitgliedern können Sie hier die Finanzierungseffekte von Zuzahlungen nachvollziehen.


Die Einführung, Ausweitung oder Erhöhung von Zuzahlungen der Patientinnen und Patienten führt also dazu, dass die Beitragssätze stabilisiert werden oder sogar sinken können.

Dieser Effekt steht in der Gesundheitspolitik zumeist im Vordergrund, weil bei sinkenden Beitragssätzen auch die Lohnnebenkosten der Unternehmen sinken. Ferner profitieren die Versicherten, die gar keine Leistungen benötigen oder nur so wenig, dass die Zuzahlungen in der Summe kleiner sind als der Vorteil durch die Beitragssatzsenkung.

Verlierer sind Patientinnen und Patienten, die viele Leistungen in Anspruch nehmen und bei denen die Zuzahlungen den Vorteil der Beitragssatzsenkung übersteigen.

Tipp

Wesentliches in Kürze

Verschaffen Sie sich einen Kurz-Überblick über das Thema "Zuzahlungen" und testen Sie Ihr Vorwissen mit diesem Arbeitsblatt. Verbleibende Leerstellen können Sie nach der Bearbeitung des Lernobjektes ergänzen.

PDF-Icon Downloaden

Wie wirken Zuzahlungen? Teil 2: Steuerungseffekte

Das Solidarprinzip in reiner Form besagt eigentlich, dass jeder nur nach Maßgabe seiner finanziellen Leistungsfähigkeit – also in der Höhe seines Bruttoeinkommens – mit den Kosten der Gesundheitsversorgung belastet werden soll. Durch Zuzahlungen wird dieses Prinzip teilweise verletzt, denn die Kranken müssen sich an der Finanzierung der Krankheitskosten stärker beteiligen als die Gesunden.

Dies muss jedoch kein Grund sein, auf Zuzahlungen zu verzichten: Möglicherweise ist es sinnvoll, eine Beschränkung der Solidarität an dieser Stelle in Kauf zu nehmen, wenn man dadurch an anderer Stelle des Gesamtsystems eine wichtige positive Wirkung erzielt.

Zuzahlungen erfüllen drei regulierende Funktionen:
  1. Zuzahlungen leisten einen Finanzierungsbeitrag und ermöglichen dadurch eine Absenkung des Beitragssatzes. Niedrige Beitragssätze führen zu einer Entlastung der Unternehmen und der Beitragszahlenden, wovon wiederum positive Wirkungen auf die Gesamtwirtschaft ausgehen.

  2. Zuzahlungen können – jedenfalls unter bestimmten Randbedingungen – eine Dämpfung der Nachfrage nach Gesundheitsleistungen bewirken. Wenn man aus eigener Tasche etwas bezahlen muss, wird man es sich eher überlegen, ob ein Arztbesuch oder ein Medikament wirklich erforderlich ist.

    Als ein Musterbeispiel für Verschwendung im Gesundheitswesen gelten die vielen Medikamente, die auf Kosten der Solidargemeinschaft verschrieben und von den Apotheken bezogen werden – aber von den Patientinnen und Patienten nie oder nicht im ärztlich verordneten Umfang eingenommen werden. Zuzahlungen sollen den Patientinnen und Patienten einen Anreiz zu einer sparsameren Nutzung des Gesundheitssystems geben.

  3. Zuzahlungen wirken als Gegengewicht gegen die Neigung der Leistungsanbieter zur Ausweitung ihrer Tätigkeit:

    Beispielsweise hat ein Hersteller von Schmerztabletten ein Interesse daran, dass möglichst viele seiner Pillen geschluckt werden. Durch Werbung und Marketing wird er versuchen, den Absatz seines Produkts zu steigern.

    Der Erfolg ist um so größer, je billiger das Produkt zu haben ist. Gäbe es die Tabletten ohne Zuzahlung auf Kosten der Krankenkasse, dann würden die Patientinnen und Patienten großzügiger damit umgehen, als wenn sie einen Teil aus eigener Tasche bezahlen müssen. Die Zuzahlung wirkt hier also als ein Korrektiv gegen die Maßnahmen des Herstellers zur Ausweitung seines Absatzes.

    Ähnliche Phänomene der Tätigkeitsausweitung von Leistungserbringern ("anbieterinduzierte Nachfrage") kann man in vielen Bereichen des Gesundheitswesens beobachten. Eine stärkere Selbstbeteiligung der Patientinnen und Patienten an den Kosten kann möglicherweise als ein Gegenwicht wirken.
Gegen die beschriebenen Funktionen von Zuzahlungen gibt es natürlich Einwände:
  • Warum sollen gerade die Kranken für eine Entlastung der Lohnnebenkosten sorgen?

  • Auf die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen können die wirklich Kranken doch nicht verzichten – es sei denn, man verlangt von ihnen, dass sie aus Gründen der Sparsamkeit eine weitere Verschlechterung ihrer Gesundheit in Kauf nehmen.

  • Die Einkommensschwachen werden auf notwendige Behandlungen verzichten, um die Zuzahlung zu sparen. Dadurch verschleppen und verschlimmern sie ihre Krankheit. Wenn sie dann schließlich doch zum Arzt gehen, ist der Zustand schon so weit fortgeschritten, dass viel höhere Kosten entstehen.

  • Die These, stärkere Selbstbeteiligung an den Kosten könnte der Tendenz der Leistungsanbieter zur Tätigkeits- und Absatzausweitung entgegenwirken, mutet den Kranken zu viel zu: Kranke und medizinische Laien sind gar nicht in der Lage, mit ihrer Ärztin/ihrem Arzt oder Apothekerin/Apotheker über die Notwendigkeit einer Therapiemaßnahme zu verhandeln.




Zusammenfassung

Zuzahlungen, wie sie auch beim Zahnarzt fällig werden, sollen als Steuerungsinstrument wirken.Zuzahlungen können ein sinnvolles Steuerungsinstrument sein, sie stellen aber auch eine Verletzung des Solidarprinzips dar.

Deshalb muss es letztlich darum gehen, eine akzeptable Balance zwischen diesen beiden Aspekten zu finden beziehungsweise in der gesellschaftlichen Diskussion immer wieder neu auszuhandeln:

Auf der einen Seite die solidarische Absicherung des Krankheitsrisikos – mit dem Nachteil, dass Anreize zur sparsamen Inanspruchnahme entfallen beziehungsweise Unwirtschaftlichkeiten Vorschub geleistet wird.

Auf der anderen Seite die Stärkung der Eigenverantwortung der Patientinnen, Patienten und Versicherten, indem man gewisse Anreize zur Sparsamkeit bestehen lässt – mit dem Nachteil, dass die Kranken einen größeren Teil der Finanzierungslasten tragen müssen und möglicherweise sogar auf sinnvolle medizinische Maßnahmen verzichten.