Arzt läuft durch Krankenhausflur
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27.8.2014 | Von:
Thomas Gerlinger
Wolfram Burkhardt

Der Risikostrukturausgleich (RSA) - Einführung

Der Risikostrukturausgleich ist für die weitaus meisten Kassenmitglieder ein Buch mit sieben Siegeln. Er ist jedoch von großer Bedeutung für das heutige System der gesetzlichen Krankenversicherung. Ohne Risikostrukturausgleich wären die freie Kassenwahl und ein sinnvoller Wettbewerb unter den Kassen nicht möglich.
Passanten gehen am 29.05.2013 in Stuttgart (Baden-Württemberg) durch die Königstraße.Das Geschlecht und vor allem das Alter der Versicherten geben indirekt eine Information über den zu erwartenden Bedarf an medizinischer Hilfe und damit über die Ausgaben, die auf eine Krankenkasse zukommen. (© picture-alliance/dpa)

Was ist der Risikostrukturausgleich?

Seit 1996 können die Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ihre Krankenkasse frei wählen. Seitdem konkurrieren die Kassen um Kundinnen und Kunden. Mit der Einführung der Wahlfreiheit hat der Gesetzgeber auch den Risikostrukturausgleich (RSA) eingeführt, der das wichtigste Regulierungsinstrument des Kassenwettbewerbs darstellt.

Oberflächlich betrachtet ist der RSA ein Mechanismus zur Umverteilung von Geld zwischen den Krankenkassen: Kassen mit einer ungünstigen Versichertenstruktur – zum Beispiel hohen Anteilen von älteren Versicherten, beitragsfrei mitversicherten Familienangehörigen sowie Geringverdienenden – erhalten Geld aus dem RSA, das von Kassen mit günstiger Versichertenstruktur aufgebracht werden muss.

Im Jahr 2002 wurden 14,8 Milliarden Euro umverteilt, also bei den "Zahlerkassen" eingezogen und den "Empfängerkassen" zugeleitet. Die Durchführung des RSA liegt in den Händen des Bundesversicherungsamtes (BVA), der staatlichen Aufsichtsbehörde für die bundesweit tätigen Krankenkassen. Die Abbildung zeigt den RSA des Jahres 2002 nach Kassenarten. Ausgewiesen ist jeweils der Betrag, der an einzelne Kassen der betreffenden Kassenart geflossen ist (Empfängerkassen) beziehungsweise von ihnen in den Ausgleichstopf zu zahlen war (Zahlerkassen).

Quelle: Bundesversicherungsamt 2009Quelle: Bundesversicherungsamt 2009
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Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass die Umverteilung von Beitragsgeldern nur das Mittel ist, mit dem der RSA sein eigentliches Ziel erreicht:

Der Risikostrukturausgleich ist in erster Linie eine Wettbewerbsordnung. Er soll dafür sorgen, dass sich die miteinander konkurrierenden Kassen bei ihren Bemühungen um eine Verbesserung ihrer Marktposition nicht um Dinge kümmern, die zwar der einzelnen Kasse kurzfristig nützen, für das gesamte GKV-System aber schädlich sind.

Im Klartext: Die Kassen sollen sich nicht auf das Anlocken von sogenannten "guten Risiken" konzentrieren, sondern auf die Verbesserungen der Qualität und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung, einen kundenfreundlichen Service und niedrige Verwaltungskosten. Um zu verstehen, warum eine Wettbewerbsordnung notwendig ist, muss man sich zunächst einmal verdeutlichen, was geschehen würde, wenn es den RSA nicht gäbe.

Zitat

Wenn der RSA gut ausgestaltet ist

"Wenn der RSA aber gut ausgestaltet ist, dann müssen sich die Versicherer um das Management der Gesundheitskosten sowie um die Dienstleistungsqualität kümmern. Ansonsten können Sie sich nicht mehr von den Konkurrenten differenzieren."

Dr. Stefan Spycher, Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS), (Spycher 2004)

Eine Wettbewerbsordnung zur Vermeidung von "Rosinenpickerei"

Schädlich für das GKV-System und seine Versicherten insgesamt sind vor allem Aktivitäten, die der Auslese von sogenannten "guten Risiken" dienen. Ein "gutes Risiko" ist für eine Versicherung jemand, der hohe Beiträge zahlt und möglichst wenig Schadensfälle verursacht – in der Krankenversicherung also jemand, der möglichst wenig Bedarf an medizinischer Behandlung hat.

Eine Kasse, die viele "gute Risiken" unter ihren Mitgliedern hat, kann einen niedrigen Beitragssatz erheben, weil ihre Ausgaben entsprechend niedrig sind. Wenn man sich im Wettbewerb mit anderen Kassen befindet, ist es also vielversprechend, wenn man sich als Krankenkasse darauf konzentriert, "Rosinen zu picken", also "gute Risiken" anzulocken und "schlechte Risiken" möglichst fernzuhalten.

Allein die Besonderheiten des Finanzierungssystems der GKV würden es einer Kasse ohne den RSA sehr leicht machen, gute und schlechte Risiken zu erkennen:
  • Die Beiträge werden einkommensbezogen erhoben. Das bedeutet: Von einer Geringverdienerin oder einem Geringverdiener erhält die Kasse absolut gesehen deutlich weniger Beitrag als von einer Besserverdienenden oder einem Besserverdiener. Die Geringverdienenden wären somit im Durchschnitt immer ein schlechteres Risiko als die Besserverdienenden.

  • Kinder und nicht erwerbstätige Ehepartnerinnen oder Ehepartner zahlen in der GKV keine Beiträge, sondern sind beitragsfrei mitversichert. Aus Sicht einer Versicherung bedeutet dies: Ein Mitglied, das noch mehrere beitragsfrei versicherte Familienangehörige mitbringt, ist ein schlechteres Risiko als ein Single mit gleichem Einkommen.
Neben diesen finanzierungstechnischen Kriterien gibt es sehr objektive Merkmale, die es gestatten zu erkennen, ob jemand voraussichtlich eher hohe oder eher niedrige Ausgaben verursachen wird:
  • Frauen verursachen höhere Ausgaben als Männer.

  • Ältere Menschen verursachen höhere Ausgaben als jüngere.
Das Geschlecht und vor allem das Alter geben somit indirekt eine Information über den zu erwartenden Bedarf an medizinischer Hilfe und damit über die Ausgaben, die auf eine Krankenkasse zukommen.

Eine Ausrichtung des Kassenwettbewerbs auf die Selektion von guten und die Abschreckung von schlechten Risiken stünde in krassem Widerspruch zu wichtigen Grundprinzipien der deutschen GKV und würde aus versicherungsökonomischer Sicht zu ausgesprochen schlechten Ergebnissen führen.

Ein Familienvater mit seinen Kindern, undatiertes Bild vom September 2008. (© picture alliance/dpa-Zentralbild)
Das Solidarprinzip als ein tragender Grundsatz der GKV würde verletzt, weil gerade die Personen, die auf Solidarität angewiesen sind – Familien, Menschen mit niedrigem Einkommen, Ältere – bei den Krankenversicherungen zu unerwünschten Kundinnen und Kunden würden.

Es käme zu Versichertenwanderungen, die den GKV-Markt in eine Schieflage bringen könnten: Die guten Risiken würden in Kassen wandern, die bis 2009 niedrige Beitragssätze anbieten konnten und aktuell keinen Zusatzbeitrag erheben müssen, weil dort bereits viele gute Risiken versichert sind. Dadurch würde deren Beitragssatz noch weiter sinken.

Der Risikostrukturausgleich soll eine solche Situation verhindern, indem er dafür sorgt, dass die einfachsten und augenfälligsten Merkmale für eine Selektion von Versicherten – beitragspflichtiges Einkommen, Zahl der Mitversicherten, Alter, Geschlecht sowie noch weitere Merkmale – neutralisiert werden. "Neutralisiert" bedeutet konkret: Nach der Durchführung des RSA haben diese Merkmale keine bedeutsamen finanziellen Auswirkungen mehr für die einzelne Kasse.

Zitat

Das Risiko zwischen den Kassen muss verteilt sein

"Da die gesetzliche Krankenkasse ohne Ansehen von Vorerkrankung jeden versichern muss, muss auch zwischen den Kassen das Risiko verteilt sein. Der Risikostrukturausgleich sorgt dafür. Gäbe es den Risikostrukturausgleich nicht, gäbe es vielleicht einzelne Kassen, die sehr günstig wären, andere aber umso teurer, wenn sie sehr viele ältere Menschen, chronisch Kranke oder Menschen mit Behinderungen versichert. [...] Die Krankenversicherung wurde aber gegründet, um vor allem diejenigen, die krank sind, zu versorgen."

Ulla Schmidt, damalige Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung (Schmidt 2002)
Der RSA sorgt also dafür, dass es der Kasse unter Wettbewerbsgesichtspunkten weitgehend egal sein kann, welches Einkommen, wie viele Kinder oder welches Alter ein neues Mitglied hat. Damit sind zwar noch nicht alle Anreize zur Versichertenselektion ausgeschaltet, denn das ursprünglich eingeführte RSA-Verfahren ist nicht hinreichend genau bei der Erfassung von Krankheitsrisiken, aber die offensichtlichsten und einfachsten Möglichkeiten der "Rosinenpickerei" werden beseitigt (vgl. dazu das Lernobjekt "Risikostrukturausgleich Perspektiven").

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Ausgleich unterschiedlicher Risikostrukturen

Die Beitragssatzunterschiede, die vor Einführung des RSA zwischen Krankenkassen bestanden, waren auf die Unterschiede in Alters- und Geschlechtsstrukturen und Einkommenshöhe der Versicherten zurückzuführen.Die Charakterisierung des RSA als eine Wettbewerbsordnung zielt vor allem auf seine dauerhaften Funktionen als Ordnungsrahmen, an dem die Krankenkassen ihr Verhalten im Wettbewerb ausrichten. Darüber hinaus sollte der RSA bei Einführung des Kassenwettbewerbs im Jahr 1996 jedoch auch für gleiche Startchancen für die unterschiedlichen Krankenkassen sorgen. Die Chancen der Kassen im Wettbewerb waren aufgrund der historisch entstandenen unterschiedlichen Versichertenstrukturen bei Einführung der Kassenwahlfreiheit stark verzerrt:

  • Bis 1995 wurden die Arbeiterinnen und Arbeiter den Ortskrankenkassen (AOK) beziehungsweise ihrer Betriebskrankenkasse (BKK) zugewiesen. Die Angestellten konnten dagegen einer Ersatzkasse beitreten.

  • Die AOKs verfügten infolge dieser Regelung über erheblich geringere Beitragseinnahmen als die Ersatzkassen – Arbeitereinkommen sind im Durchschnitt niedriger als Angestellteneinkommen – und mussten entsprechend höhere Beitragssätze erheben.

  • Darüber hinaus gab es Unterschiede bei der durchschnittlichen Zahl der Mitversicherten sowie der Zusammensetzung nach Geschlecht und Altersgruppen.
Vor Einführung der Kassenwahlfreiheit gab es deshalb sehr ausgeprägte Beitragssatzunterschiede zwischen den Kassen, die in erster Linie auf die unterschiedliche Zusammensetzung der Versicherten im Hinblick auf die oben dargestellten Merkmale "guter" und "schlechter Risiken" zurückzuführen waren.

Welche Wirkungen der RSA hinsichtlich des Ausgleichs der unterschiedlichen Risikostrukturen entfaltet, lässt sich ermessen, wenn man die Beitragssätze der Krankenkassen mit und ohne RSA vergleicht. In einem für das Gesundheitsministerium erstellten Gutachten zur Bewertung des RSA ist eine solche Gegenüberstellung vorgenommen worden (Jacobs/Reschke/Cassel/Wasem 2001). Die Wissenschaftler haben am Beispiel des Jahres 1999 errechnet, welchen Beitragssatz die Kassen hätten erheben müssen, wenn es den RSA nicht gegeben hätte, und diesen dann mit den tatsächlichen Beitragssätzen unter RSA-Bedingungen verglichen.

  • Bei Krankenkassen, deren Mitglieder unter dem Durchschnitt liegende Einkommen beziehen (geringe Finanzkraft der Kasse), die aber eine durchschnittliche oder sogar überdurchschnittliche Krankheitsbelastung aufweisen (mittlerer oder hoher Beitragsbedarf), lag der tatsächliche Beitragssatz im Jahr 1999 bei etwa 13,9 Prozent. Ohne den RSA hätte er weit über 18 Prozent liegen müssen.

  • Bei Krankenkassen mit hoher Finanzkraft – also überwiegend gut verdienenden Mitgliedern – und am oder unter dem Durchschnitt liegender Krankheitsbelastung der Versicherten lagen die tatsächlichen Beitragssätze zwischen 12,6 und 13,0 Prozent. Ohne den RSA hätten diese Kassen wegen ihrer günstigen Risikostrukturen Beitragssätze zwischen 7,5 und 9,4 Prozent erheben können.
Im Ergebnis führt der RSA somit dazu, dass die Spanne enger wird, in der sich die Beitragssätze der einzelnen Krankenkassen bewegen: Statt einer Schwankungsbreite von 7,5 bis über 18 Prozent reicht die Spanne in dem Berechnungsbeispiel nur noch von etwa 12,6 bis 13,9 Prozent.

Tipp

Orientierung im Wissensnetz

Im Wissensnetz können Sie erkunden, wie der Begriff "Risikostrukturausgleich" mit anderen Begriffen und Lernobjekten vernetzt ist. Eine Anleitung dafür finden Sie in diesem Arbeitsblatt.

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Gesundheitspolitische Kontroversen und Missverständnisse

Der Risikostrukturausgleich ist in den ersten Jahren seiner Einführung bisweilen kritisiert beziehungsweise grundsätzlich infrage gestellt worden. Insbesondere Vertreterinnen und Vertreter von Krankenkassen mit hohen Zahlungsverpflichtungen in den RSA haben für eine Abschaffung oder Rückführung des RSA plädiert. Dabei sind zum Teil Argumente angeführt worden, die sich bei näherer Betrachtung als unzutreffend erweisen, weil sie dem RSA-Verfahren sachlich nicht gerecht werden. Einige dieser Missverständnisse tauchen noch immer in der gesundheitspolitischen Diskussion über den RSA auf, weshalb sie kurz aufgegriffen werden sollen.

Subventionierung unwirtschaftlicher Krankenkassen?
Manche Kritiker beschreiben den RSA als Hindernis für den Wettbewerb unter den Krankenkassen. Ihrer Auffassung nach werden durch das RSA-Verfahren die erfolgreichen Kassen dazu gezwungen, unwirtschaftlich arbeitende Krankenkassen zu subventionieren und damit künstlich am Leben zu erhalten.

Die erheblichen Beitragssatzunterschiede, die vor Einführung des RSA zwischen den Krankenkassen bestanden, waren auf die großen Unterschiede in den Alters- und Geschlechtsstrukturen sowie in der Einkommenshöhe der Versicherten zurückzuführen. Diese Unterschiede haben jedoch nichts mit einem wünschenswerten Kassenmanagement zu tun. Im Gegenteil: Würde man sie bestehen lassen, hätten die Kassenmanagerinnen und -manager auf Dauer falsche Anreize für ihr Handeln, weil dann durch Risikoselektion mehr zu gewinnen wäre als durch das Bemühen um mehr Wirtschaftlichkeit in Versorgung und Verwaltung.

Fördert der RSA unwirtschaftliches Handeln der Krankenkassen?
Warum sollen sich die Kassen noch um eine möglichst wirtschaftliche Gesundheitsversorgung kümmern, wenn sie ihre Ausgaben doch aus dem RSA erstattet bekommen? Dieser Einwand verkennt die Tatsache, dass den Kassen nicht etwa ihre tatsächlichen Ausgaben durch den RSA erstattet werden, sondern nur die standardisierten Leistungsausgaben ihrer Versicherten.

Das bedeutet: Jede Kasse erhält für einen Versicherten nur den Beitragsbedarf, den eine Person dieses "Typs" (definiert durch die Merkmale Geschlecht, Alter usw.) im GKV-Durchschnitt benötigt. Damit hat die Kasse einen Anreiz, sich wirtschaftlich zu verhalten und mit den tatsächlichen Ausgaben unter dem Durchschnittswert zu bleiben. Wenn ihr dies gelingt, kann sie die eingesparten Mittel für die Senkung ihres Beitragssatzes verwenden.

Ist das Transfervolumen des RSA zu hoch?
Wie oben berichtet, wurden im Jahr 2002 etwa 15 Milliarden Euro durch den RSA zwischen den Krankenkassen umverteilt. Manche Kritiker meinen, diese Summe sei zu hoch, und fordern, das Verfahren so zu ändern, dass ein niedrigeres Umverteilungsvolumen resultiert.

Wenn man die Notwendigkeit des Ausgleichs der Risikostrukturen zwischen den Krankenkassen grundsätzlich anerkennt, gibt es keinen Grund, die Höhe des Ausgleichsvolumens zu bemängeln: Diese hängt vor allem davon ab, wie groß die Unterschiede in den Risikostrukturen der Kassen sind. Wenn sich diese Strukturen als Ergebnis des Kassenwettbewerbs angleichen, dann sinkt das RSA-Volumen.

Kann man den RSA abschaffen, wenn sich die Risikostrukturen angeglichen haben?
Der RSA sollte bei Einführung des Kassenwettbewerbs für gleiche Startchancen sorgen. Einige Kritierinnen und Kritiker leiten daraus die Forderung ab, dass der RSA nur in der Einführungsphase des Wettbewerbs erforderlich gewesen sei und am Ende dieser Übergangsperiode abgeschafft werden könne.

Dieses Argument verkennt die Bedeutung des RSA als Wettbewerbsordnung. Wenn es durch Versichertenbewegungen eines Tages zu einer vollständigen Angleichung der Risikostrukturen zwischen den GKV-Kassen kommen sollte (was in der Realität sehr unwahrscheinlich ist), dann würde im RSA kein einziger Euro mehr bewegt werden. Trotzdem wäre es nicht sinnvoll, den RSA dann abzuschaffen: Ohne den RSA als Wettbewerbsordnung hätten die Kassen wieder einen Anreiz zur Risikoselektion.

Das Bundessozialgericht in Kassel urteilte 2014, dass der morbiditätsorientierte RSA verfassungskonform ist und durch gewichtige sozialpolitische Ziele gerechtfertigt sei. Das Gericht wies damit eine Klage der Techniker Krankenkasse ab. Die Kasse hält die Einteilung in 80 Krankheiten für nicht schlüssig und willkürlich. Niedergelassene Ärzte hätten zu viel Entscheidungsspielraum bei der Einordnung der Krankheit. Dem schloss sich das BSG nicht an und erklärte die Grundlagen des RSA für verfassungsgemäß.

GKV-weite Solidarität
Wenn man den RSA grundlegend kritisieren will, dann muss man letztlich seine zentrale Funktion infrage stellen: Ziel des RSA ist es, anstelle eines nur auf die einzelne Krankenkasse beschränkten Solidarausgleichs einen GKV-weiten Solidarausgleich sicherzustellen.

Ohne einen Risikostrukturausgleich zwischen den Krankenkassen würden sich die GKV-typischen Wirkungen des Solidarprinzips – zum Beispiel die Unterstützung der Einkommensschwachen durch die Einkommensstarken – auf die Versichertenschaft jeder einzelnen Kasse beschränken. Der RSA sorgt dafür, dass der solidarische Ausgleich über die Kassengrenzen hinweg für die Versichertenschaft der gesamten gesetzlichen Krankenversicherung erfolgt. Nähere Informationen zum Solidarprinzip bietet das Lernobjekt "Solidarprinzip".

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Verwandte Lerntour:


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Noch mehr Informationen über den RSA:

Im Lernobjekt "RSA Verfahren" werden die Grundprinzipien des rechnerischen Verfahrens erläutert, wie der RSA einen Ausgleich der Risikostrukturen und die Neutralisierung der betreffenden Risikomerkmale im Kassenwettbewerb bewirkt.
Risikostrukturausgleich Verfahren

Das Lernobjekt "RSA Perspektiven" befasst sich mit der weiteren Entwicklung des RSA in nächster Zukunft.
Risikostrukturausgleich Perspektiven

Ausgangspunkt sind die zwischenzeitlich offenbar gewordenen Unvollkommenheiten des ursprünglichen RSA-Verfahrens. Der Gesetzgeber hat darauf reagiert und bereits 2002 eine Änderung eingeführt. Ab 2009 wurde der Risikostrukturausgleich auf eine ganz neue konzeptionelle Basis gestellt: Von der Einführung des direkt morbiditätsorientierten RSA waren Impulse auch für andere Bereiche des deutschen Gesundheitswesens zu erwarten.

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Tipp

Informationen zum RSA

Informationen zum 2009 eingeführten morbiditätsorientierten RSA finden Sie einerseits in einer Erläuterung des Bundesversicherungsamts (BVA) rechts unter "Grundlagenwissen" oder ausführlich in der Lerntour "Der Gesundheitsfonds".




Zusammenfassung

Der Risikostrukturausgleich (RSA) wurde zusammen mit der Kassenwahlfreiheit eingeführt. Er stellt das wichtigste Instrument zur Regulierung des Wettbewerbs unter den GKV-Kassen dar.

Der RSA ist ein Verfahren, mit dem die finanziellen Konsequenzen unterschiedlicher Versichertenstrukturen der Kassen ausgeglichen werden. Eine ungünstige Risikostruktur liegt zum Beispiel vor, wenn einer Kasse überdurchschnittlich viele ältere Versicherte oder Erwerbsunfähige angehören und wenn die beitragspflichtigen Einnahmen der Kassenmitglieder unter dem Durchschnitt liegen. Kassen mit einer ungünstigen Risikostruktur erhalten aus dem RSA Ausgleichszahlungen, die von Kassen mit einer besonders guten Risikostruktur aufgebracht werden müssen.

Die Ausgleichszahlungen sind das Mittel, mit dem der RSA den Wettbewerb unter den Krankenkassen reguliert. Ohne RSA wäre es für die Kassen lohnend, durch Risikoselektion – also durch das Anlocken von jungen, kinderlosen und gut verdienenden Versicherten – ihren Beitragssatz zu verbessern. Indem der RSA die offensichtlichsten Merkmale der Risikostruktur (vor allem Einkommen, Alter, Geschlecht, Zahl der Mitversicherten) in ihren finanziellen Auswirkungen neutralisiert, nimmt er den Kassen den Anreiz, Risikoselektion zu betreiben.

Der RSA ist also die Voraussetzung dafür, dass der Kassenwettbewerb für die GKV insgesamt zu sinnvollen Ergebnissen führen kann: Die Krankenkassen sollen sich auf die Verbesserung von Qualität und Wirtschaftlichkeit der gesundheitlichen Versorgung konzentrieren, den Service für ihre Kundinnen und Kunden optimieren und ihre Verwaltungsausgaben im Zaum halten.

Das ursprüngliche RSA-Verfahren ist zum Jahr 2002 geändert und ab 2009 grundlegend reformiert worden. Nähere Informationen dazu bietet das Lernobjekt "RSA Perspektiven". Die Grundprinzipien der rechnerischen Durchführung des RSA-Verfahrens erläutert das Lernobjekt "RSA Verfahren" sowie die Lerntour "Überblick über den Gesundheitsfonds".

Quellen

Bundesversicherungsamt (2009): Pressemitteilung Nr. 09/2009. Jahresausgleich für Risikostrukturausgleich und Risikopool
http://www.bundesversicherungsamt.de/service/presse/mitteilung/article/pressemitteilung-nr-092009.html

Jacobs, Klaus/Reschke, Peter/Cassel, Dieter/Wasem, Jürgen (2001): Zur Wirkung des Risikostrukturausgleichs in der gesetzlichen Krankenversicherung. Eine Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit Bd. 140, Baden-Baden
https://www.econbiz.de/Record/zur-wirkung-risikostrukturausgleichs-gesetzlichen-krankenversicherung-untersuchung-auftrag-bundesministeriums-f%C3%BCr-gesundheit-endbericht-jacobs-klaus/10001634998

Schmidt, Ulla (2002) (damalige Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung): Onlinechat
http://politik-digital.de/salon/transcripte/uschmidt2.shtml (Zugriff am 24.06.2002)

Spycher, Stefan (2004): Deutschland ist beim RSA auf einem guten Weg. Interview. In: AOK-Magazin "Gesundheit und Gesellschaft". Zehn Jahre Riskostrukturausgleich. Wider den Wildwuchs im Wettbewerb. 2004, Spezial 2, S. 14
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