Arzt läuft durch Krankenhausflur

1.3.2012 | Von:
Thomas Gerlinger
Wolfram Burkhardt

Bismarcks Erbe: Besonderheiten und prägende Merkmale des deutschen Gesundheitswesens

Geringe Integration und kleinbetriebliche Strukturen

Röntgeninstitut Dr. Kühn, Berlin-Weißensee, Parkstr. Nach der Aufnahme wird der Röntgenfilm vor einen Lichtkasten gehängt, und nun kann der Arzt die genaue Diagnose stellen.Arzt betrachtet Röntgenaufnahme in Berlin Weissensee, 1950. (© Bundesarchiv, Bild 183-A92605)
Von 1949 bis 1990 gab es zwei deutsche Staaten, die auch im Gesundheitswesen getrennte Wege gingen. In der Bundesrepublik wurde nach dem Zweiten Weltkrieg an die seit dem Kaiserreich eingeleitete Entwicklung angeknüpft. In der DDR behielt man das Sozialversicherungsmodell zwar der Form nach bei, etablierte ansonsten aber ein staatlich gelenktes Gesundheitswesen.

Was die ambulante medizinische Versorgung betraf, so dominierten in der DDR die sogenannten Polikliniken, in denen mehrere Allgemein- und Fachärztinnen und -ärzte gemeinsam mit nicht ärztlichen Berufsgruppen unter einem Dach arbeiteten. Ferner gab es interdisziplinäre Einrichtungen (Dispensaires), die auf die umfassende medizinisch-rehabilitative Betreuung von Personen mit bestimmten Krankheitsbildern (zum Beispiel Diabetes mellitus, Krebs, Atemwegserkrankungen usw.) spezialisiert waren.

Das Gesundheitssystem der DDR litt vor allem unter der unzureichenden finanziellen und technischen Ausstattung und blieb daher in seiner Leistungsfähigkeit immer mehr hinter den Gesundheitssystemen der westlichen Industrieländer zurück. Wegen seiner stärker integrierten und auf interdisziplinäre Kooperation zielenden Strukturen gilt es vielen Experten jedoch im Grundsatz als moderner und dem heute dominierenden Krankheitsspektrum angemessener als das System der Bundesrepublik.

Das Gesundheitssystem der DDR wurde nach der Wiedervereinigung bis auf geringe Reste beseitigt und durch das bundesrepublikanische Modell ersetzt. Damit griffen auch auf dem Gebiet der ehemaligen DDR die Strukturen, die für das westdeutsche Modell charakteristisch sind:

In der ambulanten Versorgung dominiert heute mit der Einzelarztpraxis ein kleinbetriebliches Modell, das bei komplexen Versorgungsaufgaben schnell an Grenzen stößt. Eine einrichtungs- und sektorenübergreifende Koordination von Versorgungsprozessen – wie sie bei vielen chronischen Erkrankungen erforderlich wäre – findet häufig nicht statt.

Zitat

Totgesagte leben länger

"Im Zusammenhang mit dem neuen Zukunftsmodell der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) ist man erinnert an das Sprichwort 'Totgesagte leben länger'. Denn 'Urmutter' dieser durch das GMG in die vertragsärztliche Versorgung implementierten organisationsrechtlichen Innovation ist – jedenfalls nach Vorstellung vieler Gesundheitspolitiker – die Poliklinik der ehemaligen DDR."

Erika Behnsen, Referatsleiterin im BMG, 2004
Die strukturellen Vorteile eines stärker integrierten Gesundheitswesens, die in der DDR zumindest ansatzweise realisiert waren, werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten unter der Überschrift "Integrierte Versorgung" voraussichtlich wiederbelebt werden. Das 2004 in Kraft getretene GKV-Modernisierungsgesetz hat dafür zumindest die rechtlichen Voraussetzungen deutlich verbessert.

Wissenscheck
Deutsche Besonderheiten

Frage 1 / 7
 
Eines der wichtigsten Charakteristika des deutschen Gesundheitswesens ist die Finanzierung der medizinischen Versorgung des größten Teils der Bevölkerung durch ein staatlich finanziertes Gesundheitssystem






Zusammenfassung

Das Gesundheitssystem eines Landes spiegelt in starkem Maße die jeweilige historische Entwicklung wider. Viele Besonderheiten des deutschen Gesundheitswesens wurzeln in der Konzeption der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im Zuge der bismarckischen Sozialgesetzgebung beziehungsweise den daran anknüpfenden Entwicklungen.

Die GKV versichert 90 Prozent der Bevölkerung und übt daher einen stark prägenden Einfluss auf das gesamte Gesundheitswesen aus. Sie wurde ursprünglich als eine Pflichtversicherung für die Industriearbeiterschaft gegründet. Ihr Charakter als eine Arbeitnehmerversicherung mit zwangsweiser Mitgliedschaft für Teile der Bevölkerung wirkt bis heute nach:

So finanziert sich die GKV noch immer ganz überwiegend durch Beiträge, die auf die Arbeitseinkommen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhoben werden. Ferner besteht bis heute eine Pflichtversicherung für einen großen Teil der Bürgerinnen und Bürger, wogegen manche Gruppen nicht einbezogen werden oder die Möglichkeit haben, die GKV zu verlassen.

Die Krankenkassen und auch die mit der ambulanten medizinischen Versorgung betrauten ärztlichen Organisationen (Kassenärztliche Vereinigungen) sind selbstverwaltete Körperschaften des öffentlichen Rechts. Die wichtigsten Entscheidungen im deutschen Gesundheitswesen werden von den Verbänden der Krankenkassen beziehungsweise der Leistungserbringer auf Landes- und Bundesebene getroffen.

Dieses Modell der korporatistischen Steuerung durch selbstverwaltete Körperschaften sichert dem Staat einerseits weitgehenden Einfluss auf die Entwicklung des Gesamtsystems, weil er die Rahmenbedingungen vorgibt. Andererseits befreit es ihn von der Aufgabe der direkten Administration und erlaubt es, das Expertenwissen der unmittelbar Beteiligten zu nutzen. Aus heutiger Sicht stellt der fortbestehende Korporatismus eher ein Hindernis für die Entwicklung von effizienteren Strukturen im deutschen Gesundheitswesen dar.

Die GKV gewann rasch nach ihrer Einführung an Mitgliedern und damit auch an Bedeutung für die beruflichen Perspektiven der Ärzteschaft. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Weimarer Republik hinein kam es zu starken Auseinandersetzungen zwischen Kassen und Ärzteschaft. Im Ergebnis ist es den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten gelungen, den Einfluss der Kassen stark zu beschneiden und sich ein Monopol auf die ambulante Versorgung der Bevölkerung zu sichern.

Das Monopol der Kassenärztlichen Vereinigungen sowie die damit verknüpfte strenge Trennung zwischen ambulanter und stationärer medizinischer Versorgung bestehen als charakteristisches Element des deutschen Gesundheitswesens bis heute fort.

In engem Zusammenhang damit ist auch die insgesamt geringe Integration der gesundheitlichen Versorgung zu sehen: Im ambulanten Bereich dominiert die kleinbetriebliche Struktur der Einzelarztpraxis. Größere Einrichtungen, die besser in der Lage sind, komplexe Versorgungsaufgaben zu erfüllen, weil mehrere ärztliche Disziplinen und nicht ärztliche Heilberufe in koordinierter Weise zusammen arbeiten, sind bisher kaum entstanden.

Das Gesundheitswesen der DDR war zumindest in seinen Grundstrukturen (Polikliniken, Dispensaires) stärker an integrierten Versorgungskonzepten ausgerichtet. Nach der Wende wurde jedoch das Gesundheitssystem der Bundesrepublik nahezu unverändert auf die neuen Länder ausgeweitet.


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