Arzt läuft durch Krankenhausflur

11.8.2014 | Von:
Thomas Gerlinger
Wolfram Burkhardt

Acht Jahre Praxisgebühr: Ziele, Auswirkungen und Abschaffung

Die Inanspruchnahme von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten ist in Deutschland sehr hoch. Dafür sind vor allem organisatorische und strukturelle Faktoren des deutschen Gesundheitssystems verantwortlich. Die Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004 sorgte für einen Rückgang der Arztbesuche.
Aktivisten protestieren am 04.11.2012 vor dem Bundeskanzleramt in Berlin gegen die Praxisgebühr. Die Spitzen der schwarz-gelben Koalition wollen bei ihrem Treffen über Betreuungsgeld, die Praxisgebühr und eine vor Altersarmut schützenden Rente beraten.Aktivisten protestieren am 04.11.2012 vor dem Bundeskanzleramt in Berlin gegen die Praxisgebühr. (© picture-alliance/dpa)

Häufigkeit der Inanspruchnahme der ambulanten ärztlichen Versorgung

Die Deutschen sind bis zur Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004 sehr oft zum Arzt gegangen: Ein Bundesgesundheitssurvey – eine vom Robert Koch-Institut (RKI) durchgeführte repräsentative Untersuchung zur Gesundheit der deutschen Bevölkerung – ermittelte im Jahr 1998 eine Häufigkeit von durchschnittlich elf ambulanten Arztkontakten (ohne Zahnärztinnen und -ärzte) pro Jahr. Frauen gingen deutlich häufiger zum Arzt als Männer (12,8 zu 9,1 Kontakten). Ferner ist die Kontakthäufigkeit stark altersabhängig: 18- bis 19-Jährige hatten im Durchschnitt 8,7 Kontakte, bei den 70- bis 79-Jährigen waren es 14,9 Kontakte.

Im Jahr 1998 waren etwa 90 Prozent der Bundesbürgerinnen und -bürger wenigstens einmal im Jahr beim Arzt (Bergmann/Kamtsiuris 1999).

In der Schweiz zum Beispiel liegen die Konsultationsraten deutlich unter dem deutschen Niveau. Im Jahr 2001 kam es hier zu 7,6 ambulanten Arztkonsultationen je Einwohner (Rosenbrock/Gerlinger 2004).

Quelle: Bergmann/Kamtsiuris 1999Quelle: Bergmann/Kamtsiuris 1999
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Das Bundesgesundheitssurvey hatte für das Jahr 1991 sogar noch höhere Arztbesuchshäufigkeiten ermittelt. Damals ergaben sich in den alten Bundesländern im Durchschnitt 17,7 und in den neuen Ländern 14,4 Arztbesuche pro Jahr (Statistisches Bundesamt 1998).

Die aufgeführten Arztkontaktzahlen wurden in einer speziellen Bevölkerungsstudie ermittelt. Aktuellere Zahlen stehen derzeit nicht zur Verfügung.

Regelmäßig ermittelt und veröffentlicht werden nur die sogenannten Fallzahlen bei den Vertragsärztinnen und -ärzten. Ein "Behandlungsfall" entsteht immer dann, wenn ein GKV-Mitglied in einem Quartal erstmals die betreffende Ärztin/den betreffenden Arzt aufsucht und die Krankenversicherungskarte eingelesen wird. Die Zahl der Kontakte kann höher sein als die der Fälle, weil viele Menschen im Laufe eines Quartals mehrfach die gleiche Ärztin/den gleichen Arzt aufsuchen.

Nach den Abrechnungsstatistiken der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wurden im Jahr 2001 rund 565 Millionen Behandlungsfälle registriert. Dies waren im Durchschnitt etwa acht Fälle pro GKV-Versicherte/Versicherten (Kassenärztliche Bundesvereinigung 2004).

2008 ging jeder Deutsche durchschnittlich 18,1-mal zum Arzt – also rund alle drei Wochen. Das ist noch öfter als im Vorjahr und reicht somit erneut zum Weltmeistertitel in der Disziplin Arztbesuche. Fast 1,5 Milliarden waren es zwischen Flensburg und Freising insgesamt. Diese Zahlen gehen aus dem Arztreport aus dem Jahr 2010 der Barmer GEK hervor (Barmer GEK 2010).

Warum werden niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aufgesucht?


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Tipp

ICD – der internationale Code für Krankheiten

Medizinische Diagnosen werden nach einem internationalen Schlüsselsystem erfasst, dem sogenannten ICD-Code (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), der zurzeit in seiner 10. Überarbeitung (ICD-10) in Gebrauch ist. Informationen dazu finden Sie hier.

Aus den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVs) lässt sich ein Bild der häufigsten Diagnosen in der hausärztlichen Versorgung gewinnen. Die Daten in der folgenden Tabelle stammen aus einer gesonderten Erhebung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) bei circa 450 Arztpraxen der KV Nordrhein (ADT-Panel des ZI).

Das ZI ist eine Institution in Trägerschaft der KVs und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zur wissenschaftlichen, technischen und organisatorischen Unterstützung der deutschen Vertragsärztinnen und -ärzte.

Nachfolgend sind die häufigsten Diagnosen in der Fachgruppe der Allgemeinärztinnen und -ärzte dargestellt.

Quelle: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland 2005bQuelle: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland 2005b
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Die häufigste erfasste Diagnose in der allgemeinmedizinischen Versorgung ist der Bluthochdruck (ICD-Code-Nummer I10), gefolgt von Störungen des Fettstoffwechsels (erhöhte Cholesterinwerte). Die dritthäufigste Diagnose (M54) sind Rückenschmerzen.

An vierter Stelle stehen Verengungen der Herzkranzgefäße (I25), auch bekannt als koronare Herzkrankheit. Der Gesamtkomplex der Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist somit unter den fünf häufigsten Diagnosen bei der Allgemeinärztin/beim Allgemeinarzt gleich dreimal vertreten. Auch die Diagnosen auf dem fünften (E11 Zuckerkrankheit) und sechsten (E66 Übergewicht) Platz stehen in enger Beziehung zu den Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Weitere häufige Diagnosen sind Vergrößerungen der Schilddrüse (E04 Kropf), Gicht (E 79), Krampfadern an den Beinen (I83) sowie Entzündungen der Magen- beziehungsweise Zwölffingerdarmschleimhaut (K29).

Bei der Interpretation dieser Diagnosehäufigkeiten ist Folgendes zu berücksichtigen: Viele Patientinnen und Patienten in Allgemeinarztpraxen leiden nicht nur unter einer Krankheit. Die Ärztinnen und Ärzte geben bei ihren Abrechnungen daher bei den meisten Patientinnen und Patienten mehrere Diagnosen an. Von den oben genannten häufigsten Diagnosen werden daher viele gemeinsam auftreten – das gilt insbesondere für den bereits hervorgehobenen Komplex der Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die häufigsten Diagnosen von 13 weiteren ärztlichen Fachgruppen in der ambulanten Versorgung können der zitierten Publikation des ZI entnommen werden.

Einflussfaktoren auf die Inanspruchnahme

Die sehr hohe Arztkontakthäufigkeit in Deutschland lässt sich nicht dadurch erklären, dass die Deutschen nennenswert kränker wären als ihre europäischen Nachbarinnen und Nachbarn.

Vielmehr spielen organisatorische und ökonomische Faktoren des deutschen Gesundheitssystems eine wichtige Rolle, die erst in jüngster Zeit modifiziert worden sind. Dabei ist zwischen Faktoren auf der Anbieterseite – also den Ärztinnen und Ärzten – und der Nachfrageseite – den Patientinnen und Patienten – zu unterscheiden.

Im Hinblick auf die Anbieterseite gilt es zu beachten, dass die Inanspruchnahme von ärztlicher Versorgung nur zum Teil durch die Patientinnen und Patienten selbst initiiert beziehungsweise gesteuert wird. Ein nennenswerter Teil der Arztkontakte entsteht durch Wiedereinbestellungen oder Überweisungen von Patientinnen und Patienten.
Wiedereinbestellungen und Überweisungen sind in vielen Fällen medizinisch erforderlich.

Wenn das System der Vergütung der ärztlichen Leistungen häufige Wiedereinbestellungen belohnt, kann es jedoch auch zu Fehlentwicklungen kommen. Die Zahl der Arztkontakte steigt dann über das medizinisch wirklich notwendige Maß hinaus.

Die Vertragsärztinnen und -ärzte haben in den zurückliegenden Jahren häufig gravierende Probleme mit der Entwicklung der Leistungsmengen gehabt. Das heißt: Sowohl die Zahl der Behandlungsfälle als auch die Zahl der Leistungen, die beim einzelnen Behandlungsfall erbracht wurden, sind stark gestiegen. Diese Entwicklungen wurden unter Kontrolle gebracht, indem die Anreize zur Leistungsausweitung im Vergütungssystem eingedämmt wurden (vgl. dazu die Ausführungen im Lernobjekt "Ambulante ärztliche Versorgung. Teil 3").


Insofern ist die lange Zeit sehr hohe Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen sicher zu einem nennenswerten Teil ein Ergebnis von "anbieterinduzierter Nachfrage" gewesen.

Im Hinblick auf die Nachfrageseite ist festzuhalten, dass den gesetzlichen Krankenversicherten in Deutschland im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern der Arztbesuch bis 2003 sehr leicht gemacht wurde. Mit der Chipkarte konnte man jederzeit zum Arzt gehen – wenn man wollte, wegen der gleichen Erkrankung sogar zu mehreren unterschiedlichen Ärztinnen oder Ärzten – ohne unmittelbare Folgen für das eigene Portemonnaie. Dies änderte sich mit der Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004.

Wegen des Sachleistungsprinzips in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erhalten die Patientinnen und Patienten keinerlei Rückmeldung über die von ihnen beanspruchten Leistungen und die verursachten Kosten, was aus Sicht vieler Expertinnen und Experten ebenfalls einer hohen Inanspruchnahmehäufigkeit Vorschub leistet.

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