Arzt läuft durch Krankenhausflur
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11.8.2014 | Von:
Thomas Gerlinger
Wolfram Burkhardt

Acht Jahre Praxisgebühr: Ziele, Auswirkungen und Abschaffung

Die Inanspruchnahme von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten ist in Deutschland sehr hoch. Dafür sind vor allem organisatorische und strukturelle Faktoren des deutschen Gesundheitssystems verantwortlich. Die Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004 sorgte für einen Rückgang der Arztbesuche.
Aktivisten protestieren am 04.11.2012 vor dem Bundeskanzleramt in Berlin gegen die Praxisgebühr. Die Spitzen der schwarz-gelben Koalition wollen bei ihrem Treffen über Betreuungsgeld, die Praxisgebühr und eine vor Altersarmut schützenden Rente beraten.Aktivisten protestieren am 04.11.2012 vor dem Bundeskanzleramt in Berlin gegen die Praxisgebühr. (© picture-alliance/dpa)

Häufigkeit der Inanspruchnahme der ambulanten ärztlichen Versorgung

Die Deutschen sind bis zur Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004 sehr oft zum Arzt gegangen: Ein Bundesgesundheitssurvey – eine vom Robert Koch-Institut (RKI) durchgeführte repräsentative Untersuchung zur Gesundheit der deutschen Bevölkerung – ermittelte im Jahr 1998 eine Häufigkeit von durchschnittlich elf ambulanten Arztkontakten (ohne Zahnärztinnen und -ärzte) pro Jahr. Frauen gingen deutlich häufiger zum Arzt als Männer (12,8 zu 9,1 Kontakten). Ferner ist die Kontakthäufigkeit stark altersabhängig: 18- bis 19-Jährige hatten im Durchschnitt 8,7 Kontakte, bei den 70- bis 79-Jährigen waren es 14,9 Kontakte.

Im Jahr 1998 waren etwa 90 Prozent der Bundesbürgerinnen und -bürger wenigstens einmal im Jahr beim Arzt (Bergmann/Kamtsiuris 1999).

In der Schweiz zum Beispiel liegen die Konsultationsraten deutlich unter dem deutschen Niveau. Im Jahr 2001 kam es hier zu 7,6 ambulanten Arztkonsultationen je Einwohner (Rosenbrock/Gerlinger 2004).

Quelle: Bergmann/Kamtsiuris 1999Quelle: Bergmann/Kamtsiuris 1999
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Das Bundesgesundheitssurvey hatte für das Jahr 1991 sogar noch höhere Arztbesuchshäufigkeiten ermittelt. Damals ergaben sich in den alten Bundesländern im Durchschnitt 17,7 und in den neuen Ländern 14,4 Arztbesuche pro Jahr (Statistisches Bundesamt 1998).

Die aufgeführten Arztkontaktzahlen wurden in einer speziellen Bevölkerungsstudie ermittelt. Aktuellere Zahlen stehen derzeit nicht zur Verfügung.

Regelmäßig ermittelt und veröffentlicht werden nur die sogenannten Fallzahlen bei den Vertragsärztinnen und -ärzten. Ein "Behandlungsfall" entsteht immer dann, wenn ein GKV-Mitglied in einem Quartal erstmals die betreffende Ärztin/den betreffenden Arzt aufsucht und die Krankenversicherungskarte eingelesen wird. Die Zahl der Kontakte kann höher sein als die der Fälle, weil viele Menschen im Laufe eines Quartals mehrfach die gleiche Ärztin/den gleichen Arzt aufsuchen.

Nach den Abrechnungsstatistiken der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wurden im Jahr 2001 rund 565 Millionen Behandlungsfälle registriert. Dies waren im Durchschnitt etwa acht Fälle pro GKV-Versicherte/Versicherten (Kassenärztliche Bundesvereinigung 2004).

2008 ging jeder Deutsche durchschnittlich 18,1-mal zum Arzt – also rund alle drei Wochen. Das ist noch öfter als im Vorjahr und reicht somit erneut zum Weltmeistertitel in der Disziplin Arztbesuche. Fast 1,5 Milliarden waren es zwischen Flensburg und Freising insgesamt. Diese Zahlen gehen aus dem Arztreport aus dem Jahr 2010 der Barmer GEK hervor (Barmer GEK 2010).

Warum werden niedergelassene Ärztinnen und Ärzte aufgesucht?


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Tipp

ICD – der internationale Code für Krankheiten

Medizinische Diagnosen werden nach einem internationalen Schlüsselsystem erfasst, dem sogenannten ICD-Code (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), der zurzeit in seiner 10. Überarbeitung (ICD-10) in Gebrauch ist. Informationen dazu finden Sie hier.

Aus den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVs) lässt sich ein Bild der häufigsten Diagnosen in der hausärztlichen Versorgung gewinnen. Die Daten in der folgenden Tabelle stammen aus einer gesonderten Erhebung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) bei circa 450 Arztpraxen der KV Nordrhein (ADT-Panel des ZI).

Das ZI ist eine Institution in Trägerschaft der KVs und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zur wissenschaftlichen, technischen und organisatorischen Unterstützung der deutschen Vertragsärztinnen und -ärzte.

Nachfolgend sind die häufigsten Diagnosen in der Fachgruppe der Allgemeinärztinnen und -ärzte dargestellt.

Quelle: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland 2005bQuelle: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland 2005b
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Die häufigste erfasste Diagnose in der allgemeinmedizinischen Versorgung ist der Bluthochdruck (ICD-Code-Nummer I10), gefolgt von Störungen des Fettstoffwechsels (erhöhte Cholesterinwerte). Die dritthäufigste Diagnose (M54) sind Rückenschmerzen.

An vierter Stelle stehen Verengungen der Herzkranzgefäße (I25), auch bekannt als koronare Herzkrankheit. Der Gesamtkomplex der Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist somit unter den fünf häufigsten Diagnosen bei der Allgemeinärztin/beim Allgemeinarzt gleich dreimal vertreten. Auch die Diagnosen auf dem fünften (E11 Zuckerkrankheit) und sechsten (E66 Übergewicht) Platz stehen in enger Beziehung zu den Herz-Kreislauf-Krankheiten.

Weitere häufige Diagnosen sind Vergrößerungen der Schilddrüse (E04 Kropf), Gicht (E 79), Krampfadern an den Beinen (I83) sowie Entzündungen der Magen- beziehungsweise Zwölffingerdarmschleimhaut (K29).

Bei der Interpretation dieser Diagnosehäufigkeiten ist Folgendes zu berücksichtigen: Viele Patientinnen und Patienten in Allgemeinarztpraxen leiden nicht nur unter einer Krankheit. Die Ärztinnen und Ärzte geben bei ihren Abrechnungen daher bei den meisten Patientinnen und Patienten mehrere Diagnosen an. Von den oben genannten häufigsten Diagnosen werden daher viele gemeinsam auftreten – das gilt insbesondere für den bereits hervorgehobenen Komplex der Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die häufigsten Diagnosen von 13 weiteren ärztlichen Fachgruppen in der ambulanten Versorgung können der zitierten Publikation des ZI entnommen werden.

Einflussfaktoren auf die Inanspruchnahme

Die sehr hohe Arztkontakthäufigkeit in Deutschland lässt sich nicht dadurch erklären, dass die Deutschen nennenswert kränker wären als ihre europäischen Nachbarinnen und Nachbarn.

Vielmehr spielen organisatorische und ökonomische Faktoren des deutschen Gesundheitssystems eine wichtige Rolle, die erst in jüngster Zeit modifiziert worden sind. Dabei ist zwischen Faktoren auf der Anbieterseite – also den Ärztinnen und Ärzten – und der Nachfrageseite – den Patientinnen und Patienten – zu unterscheiden.

Im Hinblick auf die Anbieterseite gilt es zu beachten, dass die Inanspruchnahme von ärztlicher Versorgung nur zum Teil durch die Patientinnen und Patienten selbst initiiert beziehungsweise gesteuert wird. Ein nennenswerter Teil der Arztkontakte entsteht durch Wiedereinbestellungen oder Überweisungen von Patientinnen und Patienten.
Wiedereinbestellungen und Überweisungen sind in vielen Fällen medizinisch erforderlich.

Wenn das System der Vergütung der ärztlichen Leistungen häufige Wiedereinbestellungen belohnt, kann es jedoch auch zu Fehlentwicklungen kommen. Die Zahl der Arztkontakte steigt dann über das medizinisch wirklich notwendige Maß hinaus.

Die Vertragsärztinnen und -ärzte haben in den zurückliegenden Jahren häufig gravierende Probleme mit der Entwicklung der Leistungsmengen gehabt. Das heißt: Sowohl die Zahl der Behandlungsfälle als auch die Zahl der Leistungen, die beim einzelnen Behandlungsfall erbracht wurden, sind stark gestiegen. Diese Entwicklungen wurden unter Kontrolle gebracht, indem die Anreize zur Leistungsausweitung im Vergütungssystem eingedämmt wurden (vgl. dazu die Ausführungen im Lernobjekt "Ambulante ärztliche Versorgung. Teil 3").


Insofern ist die lange Zeit sehr hohe Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen sicher zu einem nennenswerten Teil ein Ergebnis von "anbieterinduzierter Nachfrage" gewesen.

Im Hinblick auf die Nachfrageseite ist festzuhalten, dass den gesetzlichen Krankenversicherten in Deutschland im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern der Arztbesuch bis 2003 sehr leicht gemacht wurde. Mit der Chipkarte konnte man jederzeit zum Arzt gehen – wenn man wollte, wegen der gleichen Erkrankung sogar zu mehreren unterschiedlichen Ärztinnen oder Ärzten – ohne unmittelbare Folgen für das eigene Portemonnaie. Dies änderte sich mit der Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004.

Wegen des Sachleistungsprinzips in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erhalten die Patientinnen und Patienten keinerlei Rückmeldung über die von ihnen beanspruchten Leistungen und die verursachten Kosten, was aus Sicht vieler Expertinnen und Experten ebenfalls einer hohen Inanspruchnahmehäufigkeit Vorschub leistet.

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Verwandte Lerntour:

"Grundprinzipien der gesetzlichen Krankenversicherung"

Erläuterungen zum Sachleistungsprinzip sowie weitere grundlegende Informationen über die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) finden Sie in der Lerntour "Grundprinzipien der gesetzlichen Krankenversicherung". Zur Lerntour

Die Praxisgebühr und ihre finanziellen Wirkungen

Ein Zehn-Euro-Schein wird am 05.11.2012 vor das Schild einer Arztprxis gehalten.Die Praxisgebühr war ein Finanzierungs- und Steuerungsinstrument, welches die Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen dämpfen sollte. (© picture-alliance/dpa)
Die Entwicklung der Zahl der Arztbesuche ist im Jahr 2004 stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten, weil durch die Gesundheitsreform (GKV-Modernisierungsgesetz) mit der Praxisgebühr erstmals ein negativer finanzieller Anreiz für die Versicherten eingeführt wurde.

Beim ersten Arztbesuch in einem Quartal war eine Praxisgebühr in Höhe von zehn Euro zu entrichten. Das Gleiche galt für den ersten Besuch beim Zahnarzt – sofern es sich nicht nur um eine Vorsorgeuntersuchung handelte. Bestand die Notwendigkeit, im gleichen Quartal noch weitere Ärztinnen und Ärzte aufzusuchen, so fiel keine weitere Praxisgebühr an, wenn man sich von der zuerst aufgesuchten Ärztin/dem zuerst aufgesuchten Arzt überweisen ließ. Ohne Überweisung wurden jedoch erneut zehn Euro fällig.

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Tipp

Fragen & Antworten zur Paxisgebühr

Einzelheiten zur Praxisgebühr erfahren Sie im Interentangebot des Bundesministeriums für Gesundheit. In der rechten Randspalte unter "Grundlagenwissen" finden Sie dazu einen Linkverweis.

Die Praxisgebühr hatte zwei Funktionen beziehungsweise Auswirkungen: Zum einen war sie ein Finanzierungsinstrument, über das zusätzliche Mittel für die gesundheitliche Versorgung beschafft werden sollten. Zum anderen fungierte sie als ein Steuerungsinstrument, welches die Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen dämpfen sollte.

Die Einnahmen aus der Praxisgebühr dienten der (Mit-)Finanzierung der vertragsärztlichen Versorgung. Konkret bedeutet das: Der Vergütungsanspruch, den die Ärztin/der Arzt gegenüber seiner Kassenärztlichen Vereinigung geltend machen kann, verringerte sich um den Betrag, den er durch die Praxisgebühr bereits eingenommen hatte.

Die Praxisgebühr führte damit zu einer Entlastung des Beitragssatzes, den die Krankenkassen auf die beitragspflichtigen Einnahmen der Mitglieder erheben.

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Verwandte Lerntour:

"Finanzierungssystem der GKV heute"

Das derzeit in der GKV praktizierte Beitragssystem wird in der Lerntour "Finanzierungssystem der GKV heute" erläutert. Zur Lerntour

In den Rechnungsergebnissen der gesetzlichen Krankenversicherung für das Jahr 2004 ist der Finanzierungseffekt der Praxisgebühr erkennbar: Die Ausgaben der GKV für ärztliche Behandlung – also die vertragsärztliche Versorgung – sind von 2003 auf 2004 um etwa 1,4 Milliarden gesunken. Ohne die Praxisgebühr hätten diese Ausgaben leicht steigen müssen.

Stellt man die Praxisgebühr in den Gesamtzusammenhang der GKV-Finanzierung, dann handelte es sich hier um ein strukturell den Zuzahlungen (zum Beispiel zu Arzneimitteln) vergleichbares Instrument.

Zuzahlungen stellen grundsätzlich eine Verlagerung der Finanzierungslasten von der Gesamtheit der Versicherten – die sich aus Gesunden und Kranken zusammen setzt – auf die Untergruppe der Kranken dar. Ohne Zuzahlungen müssen die Ausgaben vollständig aus den von allen Versicherten – also auch den völlig Gesunden, die keine Ärztin/keinen Arzt aufsuchen – aufzubringenden Kassenbeiträgen finanziert werden. Mit Zuzahlungen reduziert sich dieser Teil um die allein von Kranken zu entrichtenden Zuzahlungsbeträge.

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Verwandte Lerntour:

"Solidarität in der GKV"

Diese und vergleichbare Fragen werden ausführlich in der Lerntour "Solidarität in der GKV" behandelt. Zur Lerntour

Wirkungen der Praxisgebühr auf die Inanspruchnahme

Die Praxisgebühr hatte nach den vorliegenden Untersuchungen deutliche Auswirkungen auf die Inanspruchnahme von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Studien über die Auswirkungen zeigen, dass sie auch zu unerwünschten Nebenwirkungen führte:

Eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann Stiftung (Gesundheitsmonitor 2005) zeigte auf, dass Patientinnen und Patienten mit schlechtem Gesundheitszustand und solche aus der untersten Einkommensgruppe überproportional häufig auf Arztbesuche verzichteten. Notwendige Arztbesuche wurden womöglich aus finanziellen Gründen nicht wahrgenommen und Krankheiten verschleppt. Folglich konnte sich der Gesundheitszustand der Betroffenen verschlechtern, was wiederum die Behandlungskosten in die Höhe treiben konnte, wenn die Patientin oder der Patient zu einem späteren Zeitpunkt in schlechterem gesundheitlichen Zustand einer aufwendigeren Behandlung bedurfte. Gesundheitlich, sozial und finanziell zeigten sich hier unerwünschte Steuerungswirkungen der Praxisgebühr.

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Tipp

Studie über die Wirkung der Praxisgebühr

Nach einer Untersuchung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI) ist die Zahl der Behandlungsfälle über das ganze Jahr 2004 hinweg um durchschnittlich 8,7 Prozent zurückgegangen. In der rechten Randspalte unter "Expertenbeiträge" finden Sie einen Linkverweis zu dieser Studie.

Quelle: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland 2005aQuelle: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland 2005a
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Der Rückgang der Fallzahlen betraf die Arztgruppen in unterschiedlicher Weise: Besonders stark war der Rückgang bei den Hautärztinnen und -ärzten (-17,5 Prozent), Gynäkologinnen und Gynäkologen (-15,1 Prozent), Chirurginnen und Chirurgen (-11,6 Prozent) sowie HNO-Ärztinnen und -Ärzten (-11,1 Prozent). Bei den Allgemeinärztinnen und -ärzten war die Fallzahl über das ganze Jahr gesehen um 6,7 Prozent zurückgegangen.

Ferner zeigten sich auch Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Am stärksten sind die Arztbesuche in der Gruppe der 20- bis 39-Jährigen zurückgegangen. Deutlich geringer war die Abnahme dagegen bei den älteren Patientinnen und Patienten (60 Jahre und älter: -6,0 Prozent).

Ein weiterer, für die Interpretation wichtiger Befund der ZI-Studie: Die Kontaktzahlen waren deutlich weniger zurückgegangen als die Fallzahlen. Dies deutete darauf hin, dass die Versorgung der ernsthaft kranken Patientinnen und Patienten, die im Laufe eines Quartals mehrfach eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen müssen, durch die Praxisgebühr wenig beeinflusst wurden. Die Autoren der Studie zogen folgende Schlussfolgerung aus ihren Zahlen:

Zitat

Patientinnen und Patienten mit ernsthaften Erkrankungen

"Die Zahlen lassen vermuten, dass die Ärzte nach Einführung der Praxisgebühr ihren Fokus wahrscheinlich verstärkt auf die Behandlung von Patienten mit ernsthaften und entsprechend kontaktintensiven Erkrankungen gerichtet haben."

Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland 2005a




Abschaffung der Praxisgebühr

Im November 2012 beschloss der Bundestag, die Praxisgebühr mit Wirkung vom 1. Januar 2013 ersatzlos zu streichen. Alle Abgeordneten, die sich an der Abstimmung beteiligten, votierten für die Abschaffung. Diese Forderung war seit Langem schon von den Oppositionsparteien erhoben worden. Auch die FDP hatte sie sich in den vorangegangenen Monaten zu eigen gemacht. Demgegenüber hatte die Union eine Senkung der Krankenkassenbeiträge favorisiert. Die Abschaffung der Praxisgebühr war Teil eines Kompromisses in der schwarz-gelben Koalition: CDU und CSU setzten die Einführung eines Betreuungsgeldes für Familien, die ihr Kind zu Hause betreuen und nicht in eine Kindertagesstätte geben wollen, durch und stimmten als Gegenleistung der Abschaffung der Praxisgebühr zu. Die Koalitionsparteien verteidigten den Kompromiss als sachlich gebotene Entscheidungen. Die Opposition sah darin hingegen einen "Kuhhandel", mit dem im Zeichen des bevorstehenden Wahlkampfes Wahlgeschenke verteilt werden sollten.

Tipp

Deutscher Bundestag. Plenarprotokoll

Plenarprotokoll der Sitzung des Deutschen Bundestags vom 9. November 2012 zur Debatte über die Praxisgebühr

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Die Abschaffung der Praxisgebühr wurde durch den hohen Überschuss bei den Krankenkassen, der sich auf mehr als 20 Milliarden Euro belief, erleichtert. Die Praxisgebühr brachte den Krankenkassen Einnahmen von rund zwei Milliarden Euro. Als eigentliche Argumente für die Abschaffung der Praxisgebühr wurden aber folgende Sachverhalte angeführt:
  • Die Praxisgebühr habe ihre eigentliche Steuerungsfunktion, also die Reduzierung der Zahl der Arztbesuche, verfehlt.
  • Die Praxisgebühr habe insbesondere den Ärztinnen und Ärzten einen hohen bürokratischen Aufwand auferlegt.

Zusammenfassung

Die Zahl der Arztbesuche ist in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern immer sehr hoch gewesen. Im Jahr 1998 ermittelte eine repräsentative Untersuchung zur Gesundheit der deutschen Bevölkerung eine Häufigkeit von durchschnittlich elf ambulanten Arztkontakten (ohne Zahnärztinnen und Zahnärzte) pro Jahr. Im Jahr 1991 waren es in den alten Bundesländern noch knapp 18 Arztkontakte.

Die Höhe der Inanspruchnahme von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten wird nicht allein durch die Morbidität der Bevölkerung, sondern in starkem Maße auch durch strukturelle Faktoren beeinflusst:
Aufseiten der Ärztinnen und Ärzte spielen die Anreize eine Rolle, die das Vergütungssystem im Hinblick auf Wiedereinbestellungen und Überweisungen von Patientinnen und Patienten ausübt. Aufseiten der Patientinnen und Patienten bewirkt ein einfacher und kostenfreier Zugang zur ärztlichen Versorgung eine höhere Inanspruchnahme.

Im System der vertragsärztlichen Vergütung sind in den letzten Jahren die Anreize zur Leistungsausweitung deutlich reduziert worden beziehungsweise stärker unter Kontrolle gebracht worden. Die Einführung der Praxisgebühr hat aufseiten der Patientinnen und Patienten die Zugangshürden erhöht.

Im Ergebnis ist die ehemals sehr hohe Inanspruchnahme von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten deutlich zurückgegangen. Analysen zu den Auswirkungen der Praxisgebühr zeigen, dass im ersten Jahr der Einführung (2004) die Arztbesuche nochmals deutlich zurückgegangen sind.

Neben dieser Wirkung auf die Inanspruchnahme hat die Praxisgebühr auch einen Beitrag zur Mitfinanzierung der vertragsärztlichen Versorgung geleistet und den Beitragssatz der Krankenkassen entlastet. Dabei handelte es sich – wie grundsätzlich bei Zuzahlungen – um eine Verlagerung der Finanzierungslasten von den Versicherungen auf die Patientinnen und Patienten.

Unerwünschte Steuerungswirkungen der Praxisgebühr zeigten sich mit Blick auf das Verhalten von Patientinnen und Patienten mit schlechtem Gesundheitszustand und geringem Einkommen. In diesen Gruppen wurde überproportional häufig auf einen Arztbesuch verzichtet, was im Ergebnis zu gesundheitlich, sozial und finanziell negativen Konsequenzen führen konnte. Nicht zuletzt darum wurde die Gebühr zum 1. Januar 2013 mit den Stimmen aller Fraktionen im Bundestag wieder abgeschafft.

Alle Grafiken zum Download

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Quellen

Barmer GEK (Hrsg.) (2010): Arztreport. Auswertung zu Daten bis 2008. Sankt Augustin
http://www.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Infothek/Studien-und-Reports/Arztreport/Arztreport-2010/PDF-Arztreport,property=Data.pdf

Bergmann, Eckardt/Kamtsiuris, Panagiotis (1999): Inanspruchnahme medizinischer Leistungen. In: Das Gesundheitswesen, 61, Sonderheft 2, Stuttgart, 1999, S. 138 - 144

Kassenärztliche Bundesvereinigung (2004): Grunddaten zur Vertragsärztlichen Versorgung in Deutschland 2003


Rosenbrock, Rolf/Gerlinger, Thomas (2004): Gesundheitspolitik. Eine systematische Einführung. Bern, S. 274

Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (1998): Gesundheitsbericht für Deutschland. Stuttgart

Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (2005a): Dauerhafter Rückgang der Inanspruchnahme durch Praxisgebühr bestätigt
http://www.ecpol.vwl.uni-muenchen.de/downloads/wipo2/wise09_10/praxisgebuehr.pdf

Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (2005b): Die 50 häufigsten ICD-10-Schlüsselnummern bei Patienten nach Fachgruppen. Aus dem ADT-Panel des Zentralinstituts in der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, 1.- 4. Quartal 2004
http://www.medizin1.uk-erlangen.de/e113/e191/e3919/e3922/e3930/e4021/inhalt4022/Die_50_haeufigsten_ICD_04_ger.pdf
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