Arzt läuft durch Krankenhausflur

18.8.2014 | Von:
Thomas Gerlinger
Michael Noweski

Freie Organisationen und Institutionen

Was gibt es für Interessenverbände und welche Ziele verfolgen diese? Freie Verbände haben keinen sozialrechtlichen Auftrag zur Verabschiedung untergesetzlicher Normen. Sie fungieren lediglich als Interessenverband ihrer Mitglieder. Die Mitgliedschaft ist freiwillig.
Postkarten der Kampagne "Alkohol? Kenn dein Limit" werden am Montag (08.06.2009) in einem Kiosk in Berlin vor einen Kühlschrank mit Bierflaschen gehaltenPostkarten einer Anti-Alkohol-Kampagne der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. Die BZgA soll als Brückeninstanz zwischen den Kooperationspartnern aus Praxis, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik dienen. (© picture-alliance/dpa)

Verband der Privaten Krankenversicherung

Im Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV-Verband) haben sich 42 private Krankenkassen zusammengeschlossen; 18 Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit (VVaG) und 24 Aktiengesellschaften (AG). Sitz des Verbandes ist Köln. Der Verband vertritt die Mehrzahl aller privaten Krankenkassen und deckte mit 8,89 Millionen Vollversicherten im Jahr 2013 über 99 Prozent dieses Marktes ab. Die Einnahmen der Mitgliedsunternehmen betrugen 2013 mehr als 35,8 Milliarden Euro. Zweck des PKV-Verbandes ist laut dessen Satzung die Vertretung und Förderung der Allgemeininteressen der privaten Krankenversicherung und seiner Mitgliedsunternehmen. Zentrale Forderung ist der Erhalt der Selbstständigkeit der privaten Krankenversicherung (PKV) neben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Kooperative Beziehungen unterhält der PKV-Verband mit den korporatistischen und freien Ärzteverbänden. Diese befürworten den Erhalt der PKV, weil die privaten Krankenkassen höhere Honorare zahlen als die gesetzlichen.
Obwohl der PKV-Verband ein freier Verband ist, wird auch er – wenn auch nur sehr bruchstückhaft – in die Verhandlungssysteme der Selbstverwaltung eingebunden, nämlich in die Beratungen über die Vergütung stationärer Leistungen. Im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) ist der PKV-Verband nicht vertreten. Die Mitgliedschaft im PKV-Verband ist für die Unternehmen freiwillig. Die Regulierung der Mitglieder fällt nur schwach aus. Seinen Mitgliedern bietet der Verband Beratung zum Beispiel bei Grundsatzfragen wie der Tarifgestaltung an. Als Verbandsorgan dient die Zeitschrift "PKV publik".

Medicproof

Medicproof GmbH ist ein Dienstleistungsunternehmen für die privaten Pflegepflichtversicherungen. Es führt Begutachtungen im Rahmen des Pflegeversicherungsgesetzes durch und stellt insbesondere den Umfang der Pflegebedürftigkeit von Antragstellerinnen und -stellern fest. Es bedient sich dabei eines bundesweiten Netzes freiberuflich tätiger Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte. Medicproof unterliegt bei seiner Begutachtungstätigkeit denselben gesetzlichen Bestimmungen wie der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK).

Wissenschaftliches Institut der PKV

Das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) wurde Anfang 2005 vom Verband der Privaten Krankenversicherung gegründet. Die Aufgabe dieses privaten Instituts, das direkt beim PKV-Verband angesiedelt ist, soll es sein, Fragen der gesundheitlichen Versorgung und Aspekte im Spannungsfeld zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung wissenschaftlich zu analysieren. Hierzu erarbeitet das WIP im Rahmen von Projekten verschiedene Studien, die sich zum Beispiel mit dem Finanzierungsbeitrag privat versicherter Patientinnen und Patienten im Gesundheitswesen oder der Beitragssatzentwicklung in der GKV befassen.

Bundesverband Managed Care

Der Bundesverband Managed Care e. V. (BMC) verfolgt primär die Förderung der objektiven Information und Versachlichung der Diskussion über neue Versorgungsformen durch wissenschaftliche Arbeit, Bildungsmaßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit. Der BMC hat seinen Sitz in Berlin und repräsentiert ein sehr breites Spektrum von Mitgliedern. Dieses umfasst vor allem Krankenkassen und Pharmaunternehmen, aber auch die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, den Hartmannbund und zahlreiche Einzelpersonen.

Hartmannbund

Der Hartmannbund – Verband der Ärzte Deutschlands e. V. ist der mitgliederstärkste freie Berufsverband für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Er gilt vielen Beobachterinnen und Beobachtern als ein besonders rigider Vertreter ärztlicher Standesinteressen. Hauptziele sind der Schutz der Freiberuflichkeit der Niedergelassenen und die Abschaffung der Budgetierung der Honorare. Mit seiner Programmatik befindet er sich in Opposition zur Kostendämpfungspolitik der Bundesregierungen und zu den Regulierungsbestrebungen ("Managed Care") der gesetzlichen Krankenkassen. In den letzten Jahren äußerte der Hartmannbund zunehmend Kritik an den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVs), weil die in den Gesamtverträgen festgelegten Honorare als unzureichend betrachtet werden und viele Regulierungsmaßnahmen der KVs, zum Beispiel zum Qualitätsmanagement, als zu bürokratisch abgelehnt werden.
Organisatorisch gliedert sich der Hartmannbund in den Bundesverband und 17 Landesverbände, die wiederum in Bezirks- beziehungsweise Kreisvereine gegliedert sind. Im Jahr 2012 hatte er knapp 65.000 Mitglieder (Einzelmitglieder und korporative Mitglieder) und verfügte über ein Budget von 5,4 Millionen Euro. Die Mitgliederwerbung des Hartmannbundes schließt auch Medizinstudentinnen und -studenten sowie Krankenhausärztinnen und -ärzte ein. Durch seine Tochtergesellschaft Ärzte-Wirtschafts- und Verlagsgesellschaft mbH vermittelt er als Mitgliederservice Versicherungs- und Kreditleistungen und bietet eigene Fortbildungsprogramme an. Als Verbandsorgan dient das "Hartmannbund-Magazin". Der Hartmannbund organisiert darüber hinaus Demonstrationen, ist auf den Ärztetagen präsent und transportiert seine Programmatik über seine Mitglieder in die Kassenärztlichen Vereinigungen. Er versendet Faltblätter und Praxisplakate an die Arztpraxen, um Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten politisch zu beeinflussen.

Der Hartmannbund wurde im Jahr 1900 in Leipzig als "Verband der Ärzte Deutschlands zur Wahrung ihrer wirtschaftlichen Interessen", kurz "Leipziger Verband", gegründet. Initiator war der Leipziger Arzt Hermann Hartmann, der eine Gewerkschaftsbewegung der Ärztinnen und Ärzte postulierte. Seit einigen Jahren schon hatten sich die Ärztinnen, Ärzte und Krankenkassen in heftigen honorarpolitischen Auseinandersetzungen befunden. Der Leipziger Verband rief die Ärztinnen und Ärzte gezielt zum Boykott einzelner Kassen auf. Aufgrund des raschen Mitgliederzulaufs im gesamten Deutschen Reich mussten die meisten Kassen Verträgen mit dem Hartmannbund zu dessen Konditionen zustimmen. Im Jahr 1924 wurde der Verband zu Ehren seines Gründers zum "Verband der Ärzte Deutschlands (Hartmannbund)" umbenannt.

Marburger Bund

Der Marburger Bund – Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e. V. (MB) ist der größte Interessenverband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland. Er wurde 1947 in Marburg gegründet und hat heute seinen Sitz in Berlin. Neben dem Bundesverband bestehen 14 Landesverbände. Mit rund 115.000 Mitgliedern ist er die einzige tariffähige "Ärztegewerkschaft" in Deutschland und Europas größte Ärzteorganisation mit freiwilliger Mitgliedschaft. Der MB setzt sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern sowie für höhere Vergütungen ein. Im Jahr 2006 ist er als Träger eines ausgedehnten Streiks von Krankenhausärztinnen und -ärzten in Erscheinung getreten. Der MB bietet seinen Mitgliedern diverse Seminare, Rechtsschutz und vermittelt Versicherungen. Verbandsorgan ist die "Marburger Bund Zeitung".




NAV-Virchow-Bund

Der NAV-Virchow-Bund – Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e. V. ist ein freier Ärzteverband, der die Interessen der niederlassungswilligen, niedergelassenen und ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte vertritt. Er wirkt darauf hin, "dass sich die Bundesregierung darauf beschränkt, Ordnungs- und Leistungsrahmen zu schaffen, die eine effiziente Umsetzung gesundheitspolitischer Ziele ermöglichen". Nach Auffassung des NAV-Virchow-Bundes darf es nicht Aufgabe des Staates sein, im Sinne eines zentralistisch gelenkten Gesundheitssystems bevormundend einzugreifen. Die Programmatik entspricht also weitgehend jener des Hartmannbundes. Der Verband unterhält 15 Landesverbände. Verbandsorgan ist die Monatszeitschrift "der niedergelassene arzt". Gegründet wurde der Verband 1949 als "Verband der niedergelassenen Nicht-Kassenärzte Deutschlands (NKV)". Als Zusammenschluss von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten ohne Kassenzulassung bestand sein Zweck darin, die Beschränkung der Zulassung politisch zu bekämpfen. Er strengte hierzu erfolgreich eine Verfassungsklage an, die im Jahre 1960 zur Liberalisierung der Bedarfsplanung führte. In der Folge wurde der NKV Mitte der 1950er-Jahre in "Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands (NAV)" umbenannt. Im Herbst 1990 fusionierte der Verband mit dem Rudolf-Virchow-Bund in der ehemaligen DDR. Seither besteht die Bezeichnung NAV-Virchow-Bund.