Arzt läuft durch Krankenhausflur

1.3.2012 | Von:
Thomas Gerlinger

Verordnung und Verbrauch von Arzneimitteln

Welche Bedeutung haben Arzneimittel? Bedarf ein Arzneimittel zwingend einer Verordnung?
Die Hand eines Senioren drückt ein Dragee aus einer Medikamenten-Verpackung. (© picture-alliance, ZB)

Arzneimittel und ihre Bedeutung

Dem Arzneimittelgesetz (AMG) zufolge sind Arzneimittel Stoffe oder Zubereitungen von Stoffen, die
  • als Mittel zur Heilung oder Verhütung von Krankheiten,
  • für ärztliche Diagnosen sowie
  • zur Erkennung, Wiederherstellung, Besserung oder Beeinflussung von Körperfunktionen
eingesetzt werden (§ 2 Abs. 1 AMG). Arzneimittel sind aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken. In Deutschland wird im Durchschnitt bei jedem Arztbesuch ein Medikament verordnet.

Die Verfügbarkeit von Arzneimitteln hat einen erheblichen Einfluss auf den Umgang mit Krankheit. Aus der Sicht der Ärztin oder des Arztes ist die Verordnung eines Medikaments eine schnelle und wenig aufwendige Therapieform. Sie signalisiert der Patientin oder dem Patienten, dass die Ärztin oder der Arzt aufgrund des eigenen Expertenwissens tätig wird, um die Krankheit zu heilen oder die Beschwerden zu lindern. Bei der Patientin oder dem Patienten begründet die Einnahme eines Medikaments die Hoffnung auf eine baldige Besserung des Gesundheitszustands. Zumeist beeinträchtigt sie den Lebensalltag nicht oder nur geringfügig. Insbesondere dort, wo die Arzneimitteltherapie andere Therapieformen (zum Beispiel chirurgische Eingriffe) ersetzen kann, wird sie von den Patientinnen und Patienten oftmals als vergleichsweise wenig belastend empfunden. Außerdem erlaubt ihnen die Einnahme eines Medikaments in vielen Fällen, ihre bisherigen Lebensgewohnheiten beizubehalten. Auf der anderen Seite erleichtert die Möglichkeit einer Arzneimitteltherapie es der Ärztin oder dem Arzt, der Patientin oder dem Patienten einen solchen Wandel nicht nahezulegen beziehungsweise nicht zuzumuten. Zugleich trägt die Ärztin oder der Arzt aber auch dem Umstand Rechnung, dass sie/er auf diejenigen Krankheitsursachen, die in den Lebens-, Arbeits- und Umweltbedingungen wurzeln, nicht wirksam Einfluss nehmen kann.

Umfang und Art von Arzneimittelverordnungen

Umfragen zufolge nehmen etwa 29 Prozent aller Männer und etwa 40 Prozent aller Frauen täglich oder fast täglich ein Arzneimittel ein (Statistisches Bundesamt 1998). Besonders gut erfasst sind die Arzneimittelverordnungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Da dort fast 90 Prozent der Bevölkerung versichert sind, geben diese Daten einen guten Einblick in das gesamte Verordnungsgeschehen. Im Jahr 2010 erfolgten im Rahmen der GKV rund 626 Millionen Arzneimittelverordnungen, also durchschnittlich 8,9 Verordnungen je Versicherte/Versicherten und Jahr. Dies entsprach einem Verordnungsvolumen von 35,4 Milliarden definierten Tagesdosen (defined daily doses – DDD). Eine definierte Tagesdosis ist diejenige Dosis eines Medikaments, die für die Behandlung während eines Tages im Durchschnitt ausreicht. Je Versicherte/Versicherten in Deutschland wurden durchschnittlich 505 definierte Tagesdosen verordnet. Während des gesamten Jahres 2010 erhielt also jede Versicherte und jeder Versicherte im Durchschnitt an jedem Tag mehr als die für die Behandlung einer Krankheit erforderliche Dosis. Damit liegt die Bundesrepublik Deutschland beim Arzneimittelverbrauch im Vergleich der OECD-Länder im Mittelfeld (OECD 2006).

Die Arzneimittelverordnungen konzentrieren sich auf eine vergleichsweise geringe Zahl von Arzneimittelgruppen. Auf die 30 am häufigsten verordneten Arzneimittelgruppen entfielen im Rahmen der GKV 2010 89,9 Prozent aller Verordnungen und 66,8 Prozent des Umsatzes und 93,6 Prozent des DDD-Volumens. Die 2.500 verordnungsstärksten Arzneimittel in Deutschland machten 2008 87,4 Prozent des gesamten GKV-Arzneimittelumsatzes aus (Coca/Nink 2009b, S. 1.006).

Arzneimittelverordnung und Arzneimittelverbrauch sind vor allem abhängig vom Alter und vom Geschlecht der Versicherten. Erwartungsgemäß nehmen sie mit dem Alter deutlich zu: Wurden im Jahr 2010 den 20- bis unter 25-Jährigen 66 DDD (0,2 Tagesdosen pro Tag) verordnet, so waren es bei den 85- bis 89-Jährigen 1.521 DDD (siehe Abbildung: Arzneimittelverordnungen in definierten Tagesdosen), das sind 4,2 Tagesdosen pro Tag. Auf die GKV-Versicherten mit einem Lebensalter ab 60 Jahre entfielen im Jahr 2008 54 Prozent des gesamten GKV-Umsatzes an Arzneimitteln und 66 Prozent des DDD-Volumens, sie machten aber lediglich 26,8 Prozent der GKV-Versicherten aus (Coca/Nink 2009a, S. 908).

Altersspezifische Unterschiede lassen sich nicht nur bei der Menge der Arzneimittelverordnungen feststellen, sondern auch bei den verschiedenen Krankheitsarten, für die Arzneimittel verschrieben werden (Indikationsgruppen):
  • Bei den unter 45-Jährigen dominieren Medikamente gegen Erkältungskrankheiten sowie Schmerz-, Kreislauf- und Magen-Darm-Mittel.
  • Bei den über 45-Jährigen dominieren Arzneimittel für kardiovaskuläre Erkrankungen, Krankheiten des rheumatischen Formenkreises und Stoffwechselstörungen.
In der Regel steigt bei den einzelnen Indikationsgruppen der Arzneimittelverbrauch im Alter stark an. Einzelne Indikationsgruppen zeigen jedoch auch einen hohen Verbrauch im Kindesalter. Dabei konzentriert sich der Großteil der Arzneimittelverordnungen auf eine relativ kleine Gruppe von Versicherten: Eine Analyse von Verordnungsdaten der AOK Westfalen-Lippe ergab, dass im vierten Quartal des Jahres 2002 knapp 27 Prozent der verordnungsintensivsten Versicherten 80 Prozent der Verordnungen und nur knapp 18 Prozent der umsatzintensivsten Versicherten 80 Prozent des Umsatzes auf sich vereinigten (Coca/Nink 2009a, S. 908).

Quelle: Barmer GEK 2011Quelle: Barmer GEK 2011
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Ähnliche Ergebnisse zeigen sich auch im Rahmen des Arzneimittelreports 2011 der Barmer GEK. Wie in der folgenden Abbildung zu erkennen ist, verursachten 20 Prozent der Versicherten 80 Prozent der Arzneimittelkosten der Barmer GEK im Jahr 2010.

Der durchschnittliche Arzneimittelverbrauch ist bei Frauen höher als bei Männern. Im Jahr 2008 wurden jeder Frau durchschnittlich 490 DDD verordnet, jedem Mann hingegen nur 431 DDD (Coca/Nink 2009a,S. 910). Allerdings haben sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den letzten Jahren verringert. Auch sind die pro Kopf verordneten Tagesdosen bei Frauen nicht in allen Altersgruppen höher als bei Männern: Frauen liegen bei den 15- bis 49-Jährigen vorne, bei den jüngeren und älteren Gruppen die Männer. Die verbleibende Differenz bei den durchschnittlich verordneten Tagesdosen ist in geringerem Maße auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Verordnungsmenge pro Kopf und Arztbesuch zurückzuführen. Von größerer Bedeutung ist der Umstand, dass Frauen deutlich häufiger einen Arzt aufsuchen und Vorsorgeuntersuchungen und Präventionsangebote stärker in Anspruch nehmen als Männer (zum Beispiel Früherkennungsuntersuchungen). Betrachtet man die verordneten Arzneimittel nach ihren Kosten, stellt man allerdings fest, dass die Tagesdosis bei Männern, bezogen auf das Jahr 2005, in allen Altersgruppen im Durchschnitt etwa 7,2 Prozent mehr kostet als die Tagesdosis für eine Frau (Nink/Schröder 2006, S. 976).

Quelle: Barmer GEK 2011Quelle: Barmer GEK 2011
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Am Beispiel der Barmer GEK lassen sich, wie in der nachfolgenden Abbildung zu erkennen ist, die oben beschriebenen Trends für das Jahr 2010 bestätigen. Dabei kommt es zunehmend zu einer Annährung der verordneten DDD zwischen den Geschlechtern, bei gleichzeitig höheren DDD-Einzelkosten bei Männern.

Selbstmedikation

Eine beachtliche Zahl von Arzneimitteln ist nicht verschreibungspflichtig, sondern frei erhältlich. Wenn Patientinnen und Patienten solche Medikamente ohne ärztliche Verordnung erwerben, spricht man von Selbstmedikation. Seit den 1980er-Jahren hat die Selbstmedikation stark an Bedeutung gewonnen und stieg auf einen Umsatzanteil von 4,6 Milliarden Euro im Jahr 2010 (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2012). Im Jahr 2010 gingen von den insgesamt 1.446 Millionen Arzneimittelpackungen, die insgesamt in deutschen Apotheken abgegeben wurden, 635 Millionen auf Selbstmedikation zurück (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2012). Dies entspricht einem Anteil von immerhin 43,9 Prozent. Der Bedeutungszuwachs der Selbstmedikation ist auf das Zusammenwirken unterschiedlicher Faktoren zurückzuführen:
  • Die erhöhten Zuzahlungen für Arzneimittel veranlassen manche Patientinnen und Patienten, preiswertere rezeptfreie Medikamente ohne vorherige Konsultation ihrer Ärztin oder ihres Arztes und ohne die damit verbundenen Wartezeiten direkt in der Apotheke zu erwerben.
  • Das gestiegene Gesundheitsbewusstsein führt dazu, dass die Nachfrage nach solchen Präparaten steigt, die nicht rezeptpflichtig beziehungsweise nicht verordnungsfähig sind. Dies gilt insbesondere für viele alterntative Heilmethoden.
  • Der (weitgehende) Ausschluss von nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln aus der Erstattungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2004 führte dazu, dass derartige Präparate nun von den Patientinnen und Patienten privat gekauft werden.
Im Jahr 2004 entfielen mehr als 80 Prozent des Arzneimittelumsatzes (zu Endverbraucherpreisen) auf rezeptpflichtige Arzneimittel. Weitere fünf Prozent machten verordnete rezeptfreie Arzneimittel und weitere 13 Prozent frei verkäufliche rezeptfreie Arzneimittel in Apotheken aus, die auf dem Wege der Selbstmedikation erworben wurden (siehe Abbildung: Der Arzneimittelmarkt in Deutschland 2008).

Wissenscheck
Verordnung und Gebrauch von Arzneimitteln

Frage 1 / 5
 
Die Definition von Arzmeimitteln ist gesetzlich geregelt im:








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