Arzt läuft durch Krankenhausflur

25.9.2014 | Von:
Thomas Gerlinger

Ausgabenentwicklung im Arzneimittelsektor und Preisbildung bei Arzneimitteln

Wie entstehen Preise für Arzneimittel? Gibt es unterschiedliche Preisbildungsmechanismen? Wer übernimmt die Kosten? Welche Trends sind zu beobachten?
Schild "Bundesministerium für Gesundheit"Über feste Zuschläge stellen Bundeswirtschaftsminister und Bundesgesundheitsminister einheitliche Apothekenabgabepreise für Arzneimittel sicher. So ist bei den Arzneimitteln ein Preiswettbewerb zwischen den Apotheken nicht möglich. (© picture-alliance/dpa)

Ausgaben und Ausgabenentwicklung

Die Gesamtausgaben für Arzneimittel im deutschen Gesundheitswesen beliefen sich im Jahr 2012 auf 45,71 Milliarden Euro (Statistisches Bundesamt 2013). Darin sind sowohl die durch öffentliche und Krankenhausapotheken zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der privaten Krankenversicherung (PKV) abgegebenen Arzneimittel enthalten als auch die im Rahmen der Selbstmedikation abgegebenen Arzneimittel. Der bei Weitem größte Anteil der Arzneimittelausgaben wird von der GKV getragen. Die GKV-Ausgaben für Arzneimittel erreichten im Jahr 2013 ein Volumen von 30,3 Milliarden Euro. Dies entsprach einem Anteil von 16,58 Prozent der gesamten GKV-Leistungsausgaben (GKV 2014). Mittlerweile sind die Ausgaben für Arzneimittel hier höher als die für ambulante ärztliche Behandlungen und nach der stationären Versorgung die zweitstärkste Leistungsart.

Die durchschnittlichen GKV-Ausgaben für Arzneimittelverordnungen beliefen sich je Versicherte/Versicherten im Jahr 2012 auf 426,77 Euro. (AOK 2013) Seit einigen Jahren weisen die Arzneimittelausgaben im Vergleich zu anderen Leistungsarten deutlich überdurchschnittliche Wachstumsraten auf. Unterbrochen wurde dieser Trend nur im Jahr 2004, als infolge der Maßnahmen des GKV-Modernisierungsgesetzes (zum Beispiel Erhöhung der Zuzahlungen, zeitweilig erhöhter Herstellerabschlag, Änderung der Arzneimittelpreisverordnung) die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen stark zurückgingen. 2004 sank der GKV-Fertigarzneimittelumsatz gegenüber dem Vorjahr um mehr als zehn Prozent auf 21,8 Milliarden Euro (Bundesministerium für Gesundheit 2009). Allerdings ging der überwiegende Teil des Ausgabenrückgangs darauf zurück, dass
  • nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel aus der Erstattungspflicht der GKV nahezu vollständig ausgegliedert und
  • die Zuzahlungen für Arzneimittel deutlich angehoben wurden.
Die Einsparungen in der GKV wurden also vor allem durch eine Verlagerung der Kosten auf die Schultern der Patientinnen und Patienten erreicht.
Im Jahr 2005 stiegen die GKV-Arzneimittelausgaben wieder kräftig an, nämlich um über 16 Prozent von 21,81 auf 25,36 Milliarden Euro (Bundesministerium für Gesundheit 2006). Im Jahr 2013 lagen sie bereits bei 30,3 Milliarden Euro. Dass die Arzneimittelausgaben stärker steigen als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die Gesundheitsausgaben insgesamt, ist allerdings keine Besonderheit des deutschen Gesundheitssystems, sondern ein international zu beobachtender Trend.
Bei der Analyse der Gründe für die Ausgabenentwicklung lässt sich unterscheiden, ob und inwieweit die Veränderungen
  • auf eine Veränderung der Verordnungsmenge (Mengenkomponente),
  • auf eine Veränderung der Preise für die verordneten – bereits auf dem Markt befindlichen – Arzneimittel (Preiskomponente) oder
  • auf Veränderungen in Art und relativem Gewicht der verordneten Arzneimittel (Strukturkomponente)
zurückzuführen sind. Analysiert man die Verordnungsdaten im Hinblick auf die Frage nach den Gründen für den Ausgabenanstieg, so lassen sich folgende Zusammenhänge identifizieren:
  • Die Zahl der jährlichen Verordnungen geht seit 1992 fast durchgängig zurück, nämlich bis 2004 um mehr als ein Drittel, nachdem sie bis zum Beginn der 1990er-Jahre kontinuierlich und stark gestiegen war. Seit 2004 ist die Zahl der Verordnungen wieder geringfügig angestiegen.
  • Gleichzeitig stiegen die durchschnittlichen Verordnungskosten kräftig an und lagen mit durchschnittlich 43,87 Euro je Verordnung im Jahr 2008 ungefähr zweieinhalbmal so hoch wie 1992 (16,11 Euro).
  • Der Gesamtumsatz von Fertigarzneimitteln im GKV-Bereich erhöhte sich demzufolge kräftig, nämlich allein im Zeitraum von 1992 bis 2008 um 76,8 Prozent.
  • Dieser Anstieg ist aber nicht auf Preiserhöhungen für die bereits auf dem Markt befindlichen Präparate zurückzuführen, sondern auf die verstärkte Verordnung neuer und teurerer Arzneimittel. Der Anstieg der GKV-Arzneimittelausgaben geht also auf die Strukturkomponente zurück: Der steigende Wert je Verordnung ist nicht auf den Preisanstieg bei auf den Markt befindlichen Arzneimitteln, sondern auf stark steigende Preise bei der Markteinführung von Medikamenten zurückzuführen.
Die Preise für Arzneimittel in Deutschland blieben während der vergangenen 15 Jahre weitgehend stabil und gaben im Jahr 2004 durch die Regelungen des GKV-Modernisierungsgesetzes noch einmal deutlich nach. Insgesamt lag das Preisniveau im Gesamtmarkt der Arzneimittel, die zulasten der GKV verordnet wurden, im Jahr 2004 sogar unter dem Preisniveau des Jahres 1985 (Nink/Schröder 2005, S. 201). Das Jahr 1989 markierte dabei als Einführungsjahr der Festbeträge eine Trendwende in der Entwicklung der Arzneimittelpreise. Neben den Festbeträgen und der Einführung zahlreicher preiswerter Generika ist die Preisstabilität auf eine Reihe weiterer Reformbestimmungen zurückzuführen (zum Beispiel die Aut-idem-Regelung und diverse Preisabschläge; siehe zum Beispiel Abschnitt "Entwicklung von Preisen und Verordnungsmenge bei patentgeschützten Arzneimitteln und bei Generika" und "Kostendämpfungsbemühungen in der Arzneimittelversorgung"). Deutschland ist im Übrigen mit Italien der einzige EU-Mitgliedsstaat, der im Verlauf der 1990er-Jahre einen Rückgang der Verordnungsmenge verzeichnete.

Zwar hat Deutschland seinen internationalen Spitzenplatz bei den Arzneimittelpreisen verloren, liegt im Vergleich zu anderen Staaten jedoch deutlich über dem Durchschnitt. Trotz eines im internationalen Vergleich etwa durchschnittlichen Arzneimittelverbrauchs (OECD 2009) wird es bei den Pro-Kopf-Ausgaben nur von wenigen Ländern wie den USA, der Schweiz, Norwegen und Kanada übertroffen.

Wissenscheck
Ausgabenzuwachs in der Arzneimittelversorgung

Frage 1 / 1
 
Worauf ist der Ausgabenzuwachs in den letzten 20 Jahren in der Arzneimittelversorgung primär zurückzuführen?









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