Arzt läuft durch Krankenhausflur

1.3.2012 | Von:
Thomas Gerlinger
Thomas Schönwälder

Gesundheitsreformen in Deutschland 1975 bis 2012 im Überblick

Das vorliegende Modul gibt einen Überblick über wichtige gesundheitspolitische Reformen in der Bundesrepublik Deutschland seit Mitte der 1970er-Jahre. Dieser Zeitpunkt markiert einen Einschnitt in der Geschichte bundesdeutscher Gesundheitspolitik, denn seither zählt die Kostendämpfung zu den vorrangigen Zielen bei der Gestaltung dieses Politikfeldes. Die Entwicklungen in den neuen Bundesländern werden nicht besonders berücksichtigt, weil die Strukturen der alten Bundesrepublik Anfang der 1990er-Jahre nahezu bruchlos auf die der ehemaligen DDR übertragen worden sind.
Eine Patientin im Krankenbett mit fröhlichen Besuchern.Lüdenscheid, 1987: Patientin mit Besuchern: Seit Mitte der 1970er-Jahre zählt die Kostendämpfung in der gesetzlichen Krankenversicherung zu den vordringlichsten Zielen der Gesundheitspolitik. (© picture-alliance, Klaus Rose)

Überblick

Die Gliederung orientiert sich primär an der Darstellung einzelner Teilgebiete der Gesundheitspolitik, deren Wandel in einzelnen Kapiteln chronologisch erörtert wird. Zunächst werden zwei Hauptetappen der Gesundheitspolitik zwischen 1975 und 2012 unterschieden (Abschnitt "Etappen der Gesundheitspolitik 1975 bis 2012"). Sie machen Kontinuität und Wandel der Gesundheitspolitik in den vergangenen Jahrzehnten deutlich. Anschließend wird die Reformpolitik auf wichtigen Teilgebieten der Gesundheitspolitik dargelegt. Dabei geht es nicht darum, die Inhalte der einzelnen Reformen auf diesen Feldern im Detail nachzuzeichnen. Vielmehr liegt das Augenmerk auf Entscheidungen und Weichenstellungen, die für die Entwicklung des Gesundheitswesens und seiner Steuerung bedeutsam waren. Der Abschnitt "Die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung" behandelt Fragen der Finanzierung, der Abschnitt "Die Organisation der gesetzlichen Krankenversicherung" die Entwicklung der Organisation der gesetzlichen Krankenversicherung. Die nachfolgenden Abschnitte befassen sich mit den Reformen auf einzelnen Sektoren der Krankenversorgung: die ambulante Versorgung, die stationäre Versorgung und die Arzneimittelversorgung. Abschließend wird ein kurzes Fazit gezogen und ein Ausblick auf künftige Reformentwicklungen vorgenommen.

Tipp

Testen Sie Ihr Vorwissen zum Thema dieser Lerntour!

Bevor Sie weiterlesen, können Sie anhand eines Lückentextes ausprobieren, was Sie bereits über das Thema "Gesundheitsreformen in Deutschland 1975 bis 2012" wissen.
Nutzen Sie später das ausgefüllte Arbeitsblatt als Zusammenfassung wesentlicher Lerninhalte.

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Lernziele

Das vorliegende Modul verfolgt folgende Lernziele:
  • Die Nutzerinnen und Nutzer dieses Moduls sollen Grundwissen über die jüngeren Gesundheitsreformen und damit über die Vorgeschichte der aktuellen Gesundheitspolitik erlangen.
  • Sie sollen Elemente der Kontinuität und des Wandels in den Gesundheitsreformen seit dem Übergang zur Kostendämpfungspolitik erkennen können.
  • Sie sollen die aktuellen Reformdebatten in die Geschichte der bundesdeutschen Gesundheitspolitik einordnen können.

Zusammenfassung

Seit Mitte der 1970er-Jahre zählt die Kostendämpfung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu den vordringlichsten Zielen der Gesundheitspolitik. Dabei lassen sich zwei Phasen der Gesundheitspolitik identifizieren, die sich vor allem in der Wahl der Steuerungsinstrumente voneinander unterscheiden. Die erste Phase reichte von der Mitte der 1970er-Jahre bis zum Jahr 1992 und kann als traditionelle Kostendämpfungspolitik charakterisiert werden. Sie ließ die historisch gewachsenen Strukturen der GKV weitgehend unberührt und war bestrebt, die Akteure der gemeinsamen Selbstverwaltung in die Kostendämpfungspolitik einzubinden.

Die Verabschiedung des Gesundheitsstrukturgesetzes 1992 leitete eine zweite Etappe ein, die Phase der wettbewerbsorientierten Strukturreformen. Sie bestimmt bis heute die wesentlichen Koordinaten der Reformpolitik im Gesundheitswesen. Die Beziehungen zwischen Krankenkassen, Leistungserbringern und Versicherten beziehungsweise Patientinnen und Patienten sollen im Sinne eines regulierten Wettbewerbs ("regulated competition") umgebaut werden. Der Paradigmenwechsel führt zu einem tief greifenden Umbruch des Gesundheitswesens, der sowohl seine Versorgungsstrukturen als auch seine Finanzierungs- und die Regulierungsstrukturen erfasst. Er zielt mit Blick auf die Versorgungsstrukturen auf eine Modernisierung und Rationalisierung der medizinischen Leistungserbringung. Im Mittelpunkt stehen dabei die Stärkung der Hausärztin beziehungsweise des Hausarztes und die Integration von Versorgungsstrukturen. In der Finanzierung der Krankenversorgung entwickelt sich ein neuer Wohlfahrtsmix: Kosten werden von der Solidargemeinschaft auf die Patientinnen und Patienten und die Versicherten verlagert, insbesondere die Arbeitgeber werden finanziell entlastet. Außerdem zeichnet sich ein schrittweiser Anstieg des Anteils der steuerfinanzierten Mittel zulasten der arbeitseinkommensabhängigen Versicherungsbeiträge ab. Im Hinblick auf die Regulierung ist der Paradigmenwechsel gekennzeichnet durch eine Implementierung wettbewerbszentrierter Strukturreformen. Gleichzeitig werden verbleibende korporatistische Regulierungskompetenzen zunehmend bundesweit vereinheitlicht, und der Staat verstärkt seine Eingriffe in die Selbstverwaltung, um unerwünschte Nebenwirkungen der anvisierten Wettbewerbsordnung zu vermeiden.