Arzt läuft durch Krankenhausflur

30.4.2014 | Von:
Thomas Gerlinger
Kai Mosebach

Die Regulierung des Gesundheitswesens in Großbritannien

Das britische Gesundheitssystem galt im internationalen Vergleich lange Zeit als Idealtyp eines staatlichen Gesundheitsdienstes (ein sogenanntes "Beveridge-System"). Dieses integrierte System aus staatlicher Finanzplanung und weitgehend staatlicher Leistungserstellung befindet sich allerdings seit einiger Zeit im Übergang auf ein System regulierter Versorgungsmärkte.

New Public Management und die veränderte Rolle des Staates

Wissenschaftler am Krebsforschungszentrum Cambridge erforschen die DNA von Krebspatienten. Ziel dieses Projektes ist die Verbesserung der Versorgung der Patienten im NHS.Wissenschaftler am Krebsforschungszentrum Cambridge erforschen die DNA von Krebspatienten. Ziel dieses Projektes ist die Verbesserung der Versorgung der Patienten im NHS. (© picture alliance / empics)
New Labour hat den öffentlichen Sektor insgesamt und die Rolle des Staates bei der Regulierung der Gesundheitsversorgung gemäß den Prinzipien des New Public Managements umgestaltet. Dies bedeutet zum einen die stärkere Nutzung von Märkten und Wettbewerb bei der Organisation öffentlicher Dienstleistungen und zum anderen die Regulierung des Marktwettbewerbs durch (quasi)staatliche Behörden. Sowohl die primäre Gesundheitsversorgung als auch die fachärztliche Krankenversorgung sowie die persönlichen sozialen Dienste werden zunehmend wettbewerblich gestaltet (Anbieterpluralität, Marktanreize). Der Marktwettbewerb wird staatlich reguliert und überwacht, um für alle Bürgerinnen und Bürger eine qualitativ hochwertige und kostengünstige Gesundheitsversorgung sicherzustellen.

Von herausragender Bedeutung für die veränderte Rolle des Staates sind dabei die von der Regierung aufgestellten grundlegenden gesundheitspolitischen Zielsetzungen, die alle Versorgungseinrichtungen bei ihrer alltäglichen Arbeit zu beachten haben. Die Überwachung der quantitativen und qualitativen Ziele für die Effizienz und Qualität der Krankenversorgung im National Health Service (NHS) einerseits und der originären Gesundheitsziele für die englische Bevölkerung andererseits wird dabei von einer ganzen Reihe von (quasi-)staatlichen Behörden durchgeführt.

Wissenscheck
Idealtypische Zuordnung des britische Gesundheitssystems

Frage 1 / 1
 
Das britische Gesundheitssystem wurde lange Zeit welchem Idealtyp zugeordnet?








Nationale Gesundheitsziele, klinische Standards und betriebswirtschaftliche Effizienz

Zunächst legen das Finanzministerium und das Gesundheitsministerium in einem gemeinsamen Abkommen ("Public Service Agreement", PSA) quantifizierbare gesundheitspolitische Ziele fest, die in der nächsten Finanzplanungsperiode (drei Jahre) erreicht werden sollen. Die meisten nationalen Ziele beziehen sich auf die Verbesserung der Ergebnisse der Versorgung. Neben der Verbesserung der Gesundheit und des Wohlbefindens der Bevölkerung soll eine bessere Unterstützung und Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen, die Verbesserung des Zuganges zu Gesundheitsdiensten (Wartezeitenabbau) und die Förderung einer patientenorientierten Gesundheitsversorgung erreicht werden. Für die Umsetzung dieser Ziele sind die Clinical Commissioning Groups (CCGs) zuständig, die zudem noch eigene lokale gesundheitspolitische Prioritäten verfolgen können. Diese werden in vertraglichen Beziehungen mit den jeweiligen Leistungserbringern zum Bestandteil des Versorgungsauftrages gemacht. Neben den gesundheitspolitischen Zielen sollen auch nationale Standards der Leistungserstellung durch die Leistungserbringer beachtet werden. Sie werden ebenfalls in dem Abkommen zwischen dem Finanzministerium und dem Gesundheitsministerium festgelegt. Hierbei handelt es sich nicht nur um national definierte Qualitätsstandards (Zugang zu Leistungen, Zusammenarbeit mit Patientinnen und Patienten sowie Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit klinischer Leistungen), sondern auch um qualitative Kriterien für die Bewertung gesundheitspolitischer Zielsetzungen, beispielsweise des Abbaus sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheit durch die Förderung von spezifischen Präventionsmaßnahmen oder aber der Sicherstellung finanzieller Nachhaltigkeit von NHS-Einrichtungen.

Neben den nationalen Gesundheitszielen und Standards existiert noch ein System von klinischen Standards, das die medizinische Versorgung nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der evidenzbasierten Medizin ausrichten soll. Die maßgebliche Institution ist hier das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE). Seine Aufgabe besteht darin, der interessierten Öffentlichkeit und professionellen Leistungserbringern im Gesundheitswesen verlässliche Informationen über evidenzbasierte Diagnose- und Therapieverfahren bereitzustellen. Die Empfehlungen des NICE sollten von Ärztinnen, Ärzten und anderen im Gesundheitswesen Tätigen in ihrer Arbeit beachtet werden. Neben der Bewertung neuer Technologien unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten ("technology appraisal") erarbeitet das NICE klinische Leitlinien zur Behandlung von Patientinnen und Patienten mit besonderen Erkrankungen und Krankheitszuständen. Schließlich bewertet das NICE noch intervenierende Diagnose- und Behandlungsverfahren hinsichtlich ihrer klinischen Sicherheit und Effektivität.

Die Tätigkeit des NICE wird von Richtlinien des Gesundheitsministeriums ("National Service Frameworks", NSFs) unterstützt. Diese beinhalten Anweisungen und Empfehlungen, wie bestimmte Versorgungsleistungen durchgeführt werden sollten. Die meisten dieser Richtlinien beziehen sich auf weitverbreitete Erkrankungen und besonders vulnerable soziale Gruppen (ältere Menschen und Kinder). Sie legen Standards für die Diagnose und Therapie konkreter Erkrankungen fest und beschreiben Behandlungsabläufe und Best-Practice-Modelle der Leistungserstellung anhand notwendiger medizinischer Leistungen (zum Beispiel zur Diagnose und Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes).

Wissenscheck
Bewertung von Nutzen und Wirtschaftlichkeit

Frage 1 / 1
 
Welche britische Institution bewertet den Nutzen und die Wirtschaftlichkeit von Therapie und Diagnoseverfahren?








Die regulativen Strukturen des neuen NHS in EnglandQuelle: Talbot-Smith/Pollock 2006, S. 8
PDF-Icon Infografik als PDF-Download
Die Umsetzung der nationalen Gesundheitsziele und der nationalen Standards in Einrichtungen des NHS und des privaten Sektors wird von der Commission for Healthcare Audit and Inspection (kurz: "Healthcare Commision") überprüft. Darüber hinaus sind alle Versorgungseinrichtungen des NHS dazu verpflichtet, die klinischen Standards durch ein System der internen Qualitätssicherung einzuhalten. Diese Umsetzung der klinischen Standards wird ebenfalls von der Healthcare Commission evaluiert. Diese Behörde bewertet die einzelnen Organisationen und Einrichtungen mit den Attributen exzellent ("excellent"), gut ("good"), angemesen ("fair") und schwach ("weak"). Hoch bewertete NHS-Organisationen (zum Beispiel "NHS Trusts" ) erhalten einen größeren operativen und finanziellen Handlungsspielraum und können Stiftungsstatus beantragen (siehe unten). Schlechter bewertete Einrichtungen müssen mit häufigeren Kontrollen, finanziellen Strafen und mit dem Austausch des Managements rechnen. Hinsichtlich der finanziellen Bewertung arbeitet die Healthcare Commission mit den jeweils zuständigen strategischen Gesundheitsbehörden zusammen, die auch die finanzielle Performance der NHS Trusts und Primary Care Trusts überwachen.

Stiftungskrankenhäuser hingegen ("NHS Foundation Trusts") sind diesem Bewertungssystem entzogen. Sie werden weder vom Gesundheitsministerium noch von den strategischen Gesundheitsbehörden, sondern von der (quasi)staatlichen Regulierungsbehörde Monitor überwacht. Monitor achtet bei der Regulierung von Stiftungskrankenhäusern vor allem auf finanzielle und wirtschaftliche Kriterien. Hierzu stellt Monitor spezifische Zulassungsbedingungen auf, die das Stiftungskrankenhaus akzeptieren und in Zukunft auch weiter erfüllen muss. Sollte Monitor der Meinung sein, dass die Stiftungskrankenhäuser ihre Zulassungsbedingungen nicht erfüllen, stehen der Behörde zahlreiche Interventionsinstrumente zur Verfügung. Sie reichen von der Verwarnung über die Aushandlung von Umschuldungsvereinbarungen mit Gläubigern des Stiftungskrankenhauses bis hin zum Austausch des Managements. Monitor fungiert zudem auch als Zulassungsagentur für finanziell erfolgreiche Einrichtungen des NHS und (seit 2010) für private Leistungsanbieter, die Stiftungskrankenhäuser werden möchten. Es war geplant, dass bis 2010 alle regulären Krankenhäuser (NHS Trusts) und lokalen Primary Care Trusts diesen Stiftungsstatus erhalten sollen (siehe Abbildung "Die regulativen Strukturen des neuen NHS in England").

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Autoren: Thomas Gerlinger, Kai Mosebach für bpb.de
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