Überwachungskamera

14.6.2012 | Von:
Andreas Kohl

Situative Kriminalprävention

Die situative Kriminalprävention erforscht die konkreten Situationen, in denen es zu kriminellem Verhalten kommt. Ziel dieses Ansatzes ist es, Tatgelegenheiten zu reduzieren.
Registriertes Rad in Münster.Registriertes Rad in Münster. (© Andreas Kohl)

Formen der Kriminalprävention

Kriminalprävention wird häufig in primäre, sekundäre und tertiäre Prävention unterteilt, die grundsätzlich unterschiedliche Ansätze und Strategien zur Vorbeugung von Kriminalität aufweisen. Während die primäre Prävention sich vornehmlich den tieferen Ursachen von Kriminalität widmet und beispielsweise durch erzieherische Arbeit bei Kindern und Jugendlichen und die Verbesserung der sozialen Bedingungen einen Rückgang der Kriminalität erreichen will, zielt die tertiäre Prävention auf die Verhütung von Rückfällen bei Tätern ab.

Die situative Kriminalprävention, um die es im Folgenden gehen wird, ist dagegen der sekundären Prävention zuzuordnen. Dieser Ansatz zielt auf die Abschreckung potenzieller Täter; hier geht es auch um Polizeiarbeit, um die Reduzierung von Tatgelegenheiten und um Opferschutz [1].


Tägliche Routinen und Lebensgewohnheiten beeinflussen die Kriminalitätsraten

Der Ansatz der situativen Kriminalprävention (Situational Crime Prevention) lässt sich beschreiben als Versuch, die raum- und situationsgebundenen Bedingungen von Kriminalität so zu verändern, dass diese verhindert bzw. reduziert wird [2]. Dabei fußt dieser Ansatz auf Erkenntnissen aus unterschiedlichen, aber miteinander verknüpften kriminologischen Konzepten wie dem Routine Activity Approach und der Rational Choice Theory [3].

Der seit den 1970er Jahren von Cohen und Felson entwickelte Routine Activity Approach beschreibt Kriminalität als Zusammenspiel von Täter, Ziel und Bewachung. Er untersucht Tatgelegenheiten und Viktimisierungsrisiken, die sich aus dem täglichen Leben und den Routinen in der Freizeit, am Arbeitsplatz oder im Urlaub ergeben (routine activities). Demnach entsteht Kriminalität auf der Mikroebene immer dann, wenn ein potenzieller Täter auf ein potenziell lohnendes Ziel ohne entsprechenden Schutz trifft.

Die ebenfalls seit den 1970er Jahren entwickelte Rational Choice Theory oder auch "Theorie des rationalen Wahlhandelns" ist von volkswirtschaftlichem Denken geprägt und wird auch als kriminalökonomischer Ansatz bezeichnet. Während andere Theorien Kriminalität aus der Veranlagung des Straftäters, seiner Geschichte oder psychologischen Verfassung in Interaktion mit seiner Umwelt erklären, geht die Rational Choice Theory von einer rationalen Kosten-Nutzen-Analyse aus. Es wird angenommen, dass der Täter seine Risiken mit den zu erwartenden Gewinnen abgleicht und sich daraufhin für oder gegen die Tat entscheidet.

Tatgelegenheiten sollen reduziert werden

Situative Kriminalprävention nutzt diese Erkenntnisse insofern, als sie die Gelegenheiten für Kriminalität reduzieren will. Bedingungen, die ein günstiges Tatumfeld schaffen, sollen so beeinflusst werden, dass für möglichst viele unterschiedliche Täter das Risiko erhöht und der zu erwartende Gewinn verringert wird [4].

Aus der Sicht dieses Ansatzes können weder der Blick ausschließlich auf die Täter noch der ausschließlich auf die Umwelt bzw. den möglichen Tatort Kriminalität vollständig erklären. Mögliche soziale und psychologische Ursachen für abweichendes Verhalten werden nicht negiert, aus Gründen der Praktikabilität konzentriert sich die situative Kriminalprävention jedoch eher auf situationsgebundene Bedingungen, um bei der Kriminalitätsbekämpfung schneller Erfolge aufweisen zu können [5]. Denn nicht immer haben Präventionsakteure die Mittel und die Zeit, langfristig an einem Problem zu arbeiten.

Kritik

Kritiker werfen den Vertretern der situativen Kriminalprävention nichtsdestotrotz die Schlichtheit der Theorie vor. Auch würden diese sich unter Missachtung tieferer Kriminalitätsursachen nur deren Auswirkungen zuwenden und sich damit zudem als Dienstleister in Abhängigkeit von staatlichen Sicherheitsorganen begeben. Das Problem der Verdrängung von Kriminalität durch situative Maßnahmen halten Kritiker ebenfalls für nicht gelöst; die Kriminalität werde dadurch nicht verringert, sondern schlicht an andere Plätze verlagert, oft zum Nachteil sozial Schwächerer [6]. So berichten z.B. Gill und Spriggs von Verdrängungseffekten durch Videoüberwachungsmaßnahmen in Großbritannien [7]: Täter gehen nun dorthin, wo die Entdeckungswahrscheinlichkeit geringer ist.

Fußnoten

1.
Vgl. Schwind, Hans-Dieter (2006): Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen, 16., neub. u. erw. Aufl., Heidelberg: Kriminalistik, S. 16f.
2.
Vgl. Clarke, Ronald V. (2009): Situational Crime Prevention, In: R. Wortley/L. Mazerolle (Hrsg.): Environmental Criminology and Crime Analysis. Cullompton: Willan Publishing, S. 178.
3.
Vgl. zu beiden Theorien: Clarke, Ronald V./Felson, Marcus (Hrsg.) (2008): Routine Activity And Rational Choice, 2. Aufl., Transaction: New Brunswick/London.
4.
Vgl. Hughes, Gordon (1998): Understanding Crime Prevention. Social control, risk and the modernity, Buckingham/Philadelphia: Open University Press, S. 60.
5.
Vgl. Clarke, Ronald V. (2005): Seven Principles of Quality Crime Prevention. In: E. Marks/A. Meyer/R. Linssen (Hrsg.): Quality in Crime Prevention. Hannover: Landespräventionsrat Niedersachsen, S. 94.
6.
Vgl. Kunz, Karl-Ludwig (2004): Kriminologie. Eine Grundlegung, 4., völl. überarb. u. akt. Aufl., Bern, Stuttgart, Wien: Haupt, S. 30f., sowie Kilias, Martin (2004): Erklärung und Prävention von Verbrechen anhand situativer Faktoren. In: Kerner, H.-J.; Marks, E. (Hrsg.): Internetdokumentation Deutscher Präventionstag. Hannover. http://www.praeventionstag.de/content/ 9_praev/doku/9/index_9_killias.html, S. 5. Vgl. dazu hier eine Verteidigung des Konzeptes von Clarke: Clarke, Ronald V. (2009): Situational Crime Prevention, In: R. Wortley/L. Mazerolle (Hrsg.): Environmental Criminology and Crime Analysis. Cullompton: Willan Publishing, S.186ff.
7.
Gill, Martin/Spriggs, Angela (2005): Assessing the Impact of CCTV. London: Home Office, S. vii.

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