Konfliktstoff Kopftuch

28.6.2005 | Von:
Sabine Mannitz

Kopftücher in Europas Schulen

Brauchen wir neue Gesetze?

"Braucht es das Kopftuch in bestimmten Milieus, um von ihnen nicht diffamiert zu werden, sondern sich unbehelligt bewegen und einen Beruf ausüben zu können, wäre das pauschale Verbot freilich ein umso problematischeres Signal: Ein Gesetzgeber, der Lehrerinnen oder allen öffentlich Bediensteten das Tragen von Kopftüchern kategorisch untersagt, schränkt die beruflichen Möglichkeiten der betroffenen Frauen empfindlich ein und trägt zu ihrer Benachteiligung bei."

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In Deutschland hat der Islam über drei Millionen Anhänger und ist damit die drittgrößte Religionsgemeinschaft, 500.000 Muslime sind deutsche Staatsbürger.

Bei aller Normalität sind aber Moscheenbau, islamischer Religionsunterricht in den Schulen oder Symbole wie das Kopftuch Reizthemen, und wie in vielen anderen europäischen Ländern ist auch bei uns das Unbehagen seit dem 11. September 2001 noch gewachsen. Stärker als zuvor werden die Anliegen von Muslimen seither unter dem Gesichtspunkt betrachtet, ob der Islam sich mit der freiheitlichen Demokratie verträgt. [...]

Das Tuch kann politische Demonstration sein, und Agitatorinnen haben im Lehramt nichts verloren. Hinsichtlich möglicher gesetzgeberischer Maßnahmen ist aber zu bedenken, dass die Schule das Ziel hat, Heranwachsende darin zu fördern, auf der Basis freier Willensentscheidungen private und öffentliche Belange mitgestalten zu können. Die Einschränkung persönlicher Freiheitsrechte sollte hier nur ultima ratio sein, denn jeder Eingriff widerspricht auch den Grundsätzen, die er zu schützen beabsichtigt. Ob eine nach Aussage von Experten kleine Gruppe extremistischer Frauen unter den Kopftuch-Trägerinnen das schwere Geschütz eines generellen Kopftuch-Verbots rechtfertigt, scheint sehr fraglich, denn auch öffentlich Bedienstete müssen sich des Rechts zum autonomen Selbstentwurf so weit als möglich sicher sein können. Eine Reihe soziologischer Studien aus dem In- und Ausland belegt, dass hinter dem Griff zum Kopftuch die verschiedensten Motive stecken, von der schieren Konvention über die Verwendung als Mode-Accessoire bis hin zu unterschiedlichsten konfessionellen Beweggründen.

Daneben gibt es die politischen Überzeugungstäterinnen, die im Lehramt tatsächlich gefährlich wären. Es ist aber nicht recht plausibel, warum die vorhandenen dienstrechtlichen Instrumente zur persönlichen Eignungsprüfung, die für jede andere potenziell extremistische Bevölkerungsgruppe taugen, bei muslimischen Frauen nicht praktikabel sein sollen. Ausschlaggebend für die Beurteilung kann nur das konkrete individuelle Verhalten sein, eine Einschätzung, die sich in der Mehrzahl der Bundesländer durchgesetzt hat, die keinen Bedarf für eine zusätzliche lex Kopftuch sehen. Aus friedenspolitischer Sicht ist diese Deeskalation zu begrüßen. Dass die Ausübung hoheitlicher Aufgaben Loyalität gegenüber der öffentlichen Ordnung und ihren Grundwerten verlangt, steht außer Frage. Eben deshalb gibt das bestehende Disziplinarrecht den Spielraum, gegen Personen vorzugehen, die ihre Pflicht verletzen und zum Beispiel zu missionieren beginnen. Weder Frau Ludin (während ihres Referendariats) noch eine der anderen etwa 20 Lehrerinnen, die bundesweit mit Kopftuch unterrichten, ist bislang einschlägig aufgefallen oder hat den Schulfrieden gestört. Dabei werden sie vermutlich aufmerksamer beobachtet als Frauen ohne Tuch. [...]

Man mag Frau Ludin und ihren MitstreiterInnen mangelndes Bewusstsein vorhalten, weil sie sich mit ihrer Praxis in den Dienst einer Sache stellen, die weltweit viele Frauen diskriminiert und ihre Rechte beschneidet. Aber soll es Aufgabe deutscher Kultusministerien sein, Lehrerinnen zur Geschlechtersolidarität anzuhalten? Man muss die freiwillige Verschleierungen ebenso wenig billigen wie freiwillig sexistische Selbstinszenierungen anderer Frauen. Staatlich sanktionierte Kleiderordnungen sind jedoch ein zweifelhaftes Mittel, zumal wenn sie allein Frauen reglementieren. Was sollte noch verboten werden, wenn die Logik der objektiv verfassungsfeindlichen Bedeutung bestimmter Symbols Einzug hielte – Bärte, weiße Schnürsenkel?

Dessen ungeachtet sollte es in der Tat zu denken geben, wenn unter freiheitlichen Umständen mehr und mehr Frauen zum Schleier greifen: Welche Erfahrungen motivieren sie? Welche Rolle spielen die Männer? Braucht es das Kopftuch in bestimmten Milieus, um von ihnen nicht diffamiert zu werden, sondern sich unbehelligt bewegen und einen Beruf ausüben zu können, wäre das pauschale Verbot freilich ein umso problematischeres Signal: Ein Gesetzgeber, der Lehrerinnen oder allen öffentlich Bediensteten das Tragen von Kopftüchern kategorisch untersagt, schränkt die beruflichen Möglichkeiten der betroffenen Frauen empfindlich ein und trägt zu ihrer Benachteiligung bei. Angesichts dieser möglichen Wirkung mutet auch die Überlegung naiv an, ein – womöglich allgemeines – Kopftuch-Verbot in Schulen würde den Schülerinnen nützen, die zum Tuch genötigt werden: Einem Umfeld, das Mädchen unter Druck setzt, sich zu verhüllen, dürfte eine solche Regelung willkommener Anlass sein, sie dem staatlichen Schulsystem zu entziehen und entweder Korankursen oder einer umso früheren Ehe zu überantworten.

In dieser Hinsicht sind die Erfahrungen Frankreichs tatsächlich informativ: Trotz des Credos der Chancengleichheit wird dort eher in Kauf genommen, dass Mädchen der Schule verwiesen werden, als zugunsten ihres Rechts auf Bildung zu verfahren. Der Hinweis, Sinn der Sache sei, die Mädchen vor dem Zwang zu bewahren, geht über die Realität der Schulausschlussverfahren mit verstörender Gleichgültigkeit hinweg und fördert im Ergebnis die soziale Desintegration der Betroffenen, statt ihnen mit schulischer Bildung Mittel an die Hand zu geben, mit denen sie einem repressiven Umfeld einmal die Stirn bieten könnten. Eine derart verlustreiche Rigorosität sollte nicht Schule machen.

Quelle: Mannitz, Sabine: Kopftücher an Europas Schulen. In: Europathemen, www.bpb.de.