Konfliktstoff Kopftuch

28.6.2005 | Von:
Iyman Salwa Alzayed

Ihre Schönheit nicht zur Schau stellen

Warum ich als Muslima für das Kopftuch in der Öffentlichkeit bin

"Jedes Ideologisieren läuft dem Recht der Frauen auf Selbstbestimmung als mündige Menschen zuwider ... Haben sich die Kopftuch-Gegnerinnen, wie Alice Schwarzer u.a., einmal Gedanken darüber gemacht, wie sehr sie selbst Handlangerinnen von Unterdrückung werden?"

[...] Die Einordnung des Kopftuches als "Symbol" ist meiner Einschätzung nach bereits die Ursache fataler Fehlurteile. Das Kopftuch – als Kleidungsstück der muslimischen Frau – stellt einen Teil der religiösen Glaubenspraxis dar, indem es (geeigneter als andere Kopfbedeckungen) die Funktion erfüllt, Teile ihres Äußeren zu bedecken, die die Frau als mündiger Mensch (und selbstbestimmt entschieden!) "zu bedecken wünscht". Jedes Ideologisieren läuft dem Recht der Frauen auf Selbstbestimmung als mündige Menschen zuwider.

Haben sich die Kopftuch-Gegnerinnen, wie Alice Schwarzer u.a., einmal Gedanken darüber gemacht, wie sehr sie selbst Handlangerinnen von Unterdrückung werden? Sie wollen gerade jene Kopftuch tragenden Frauen, die durch ihren signalisierten Wunsch nach Berufstätigkeit ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zu verwirklichen anstreben, dazu zwingen, für den Preis der Konkurrenzfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt ein Kleidungsstück ersatzlos abzulegen, oder aber, sollten sie sich der Preisgabe verweigern, in Abhängigkeitsverhältnissen zu ihren Ehemännern, Familien oder dem Staat in einem unselbstständigen Leben zu verharren.

Auf diese Weise wird das Aussehen der Frau (hier: "mit Kopfbedeckung") zur Werbeträgerin ihrer eigenen Weltanschauung (dort: Definitionsmonopol "Mündigkeit") funktionalisiert. Dieses Fremd-Funktionalisiert-Werden lässt sich auch auf andere Weltanschauungsmonopole übertragen: Fanatische Prediger von Laizismus-Visionen, die Religionen prinzipiell ins Private verbannen trachten, toben sich auf jene Weise am Kopftuch der Muslima aus, indem sie den edlen Wertekonsens der Menschenrechte in punkto Menschenwürde, Gleichberechtigung, Freiheitsgrundrechte und demokratische Grundordnung bedroht zu sehen vorgeben. [...]

Quelle: Alzayed, Iyman Salwa: "Ihre Schönheit nicht zur Schau stellen." Warum ich als Muslima für das Kopftuch in der Öffentlichkeit bin. In: Evangelische Medienakademie Boll: Online-Dokumentation zur Tagung "Das Kreuz mit dem Kopftuch. Zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts" vom 28. bis 30. November 2003.

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