Konfliktstoff Kopftuch

Der Koran zum "islamischen Kopftuch"

Zu Sure 24:31


28.6.2005
"Das 'islamische Kopftuch' ist ursprünglich sicherlich eine soziale Konvention gewesen, wie sie heute auch noch in gewissen Teilen Europas fortbesteht. ... Eine diesbezügliche religiöse Vorschrift lässt sich aber durch den koranischen Text in keiner Weise begründen."

Im Vorfeld seiner nächsten Buchpublikation hat sich Christoph Luxenberg bereit erklärt, seine syro-aramäische Neulesung einer koranischen Schlüsselpassage zum so genannten "islamischen Kopftuch" darzulegen. Dieses Thema, über das seit einiger Zeit öffentlich kontrovers debattiert wird und das durch die Medien – und zwar nicht nur in Deutschland – inzwischen zu einem Politikum geworden ist, könnte durch das neue philologisch begründete Textverständnis zur Versachlichung der Debatte beitragen:

Der Anspruch mancher Muslime, das als "islamisch" bezeichnete "Kopftuch" auch in öffentlichen Ämtern tragen zu dürfen, wird mit der religiösen Pflicht begründet, die durch gewisse Vorschriften des Korans bedingt sei. Diese Referenz auf den Text des Korans rechtfertigt die Hinterfragung des eigentlichen Sinngehalts der bisher von der Koranexegese angenommenen Aussagen. Hierzu soll die in der Studie "Die syro-aramäische Lesart des Koran"[1] angewendete Methode verhelfen.

Eine Schlüsselstellung für die Verfechter des Kopftuches nimmt eine in Sure 24 Vers 31 vorkommende Passage ein. Dort heißt es (arabisch): "Wa-l-yadrib-na bi-khumuri-hinna alâ djuyûbi-hinna ", wörtlich: "Sie sollen ihre chumur über ihre Taschen schlagen". Von Rudi Paret wird dieser unklare Versteil so paraphrasiert (die verdächtigen Wörter sind unterstrichen): "sie sollen ihren Schal sich über den (vom Halsausschnitt nach vorne heruntergehenden) Schlitz (des Kleides) ziehen".[2]

Das arabisch unverständliche Schlüsselwort "chumur" (im Plural) wird von dem berühmtesten Koranexeget (gest. 923) Tabari in seinem Tafsîr (arabischer Korankommentar) weder erläutert noch philologisch belegt. Aus seinen Ausführungen wird aber deutlich, dass er darunter "Kopftuch" versteht. Mit dem angeblichen "chimâr" (Singular von "chumur ") sollen nämlich Frauen "Haar, Hals und Ohrgehänge verdecken", führt er hierzu lapidar aus[3], führt er hierzu lapidar aus.

In seinem Gefolge geht Siegmund Fraenkel bei der Besprechung der aus dem Aramäischen entlehnten Wurzel "chamr" (Gärung > Wein) auf dieses Wort kurz ein und vermerkt dazu: "Im Arabischen hat die Wurzel chamr augenscheinlich eine ganz andere Bedeutung, nämlich "decken, verbergen"; daher chimâr "Kopfhülle"[4] .

Das Standardlexikon des klassischen Arabisch Lisân al-`arab (Sprache der Araber) bringt unter dieser Wurzel, neben der eigentlichen Bedeutung "gären", eine ganze Reihe von Redewendungen, deren verlesenes Verb "chamar" tatsächlich mit der Bedeutung "decken, zudecken" erklärt wird. So soll der Prophet u.a. gesagt haben: "chammirû âniyata-kum", was von Abû Amr als "decket eure Gefäße zu" gedeutet worden sei. Alles, was zugedeckt ist, sei demnach "muchammar"[5]. Dieses Verständnis mochte um so mehr eingeleuchtet haben, als man das Gefäß, in dem der Teig zubereitet wurde, mit einem solchen chimâr zudeckte, um den Gärungsprozess des Teiges zu beschleunigen. War nun dieses chimâr in der Regel ein Stück Stoff, so lag es nahe, die Bezeichnung chimâr auch auf das Kopftuch der Frau zu übertragen, zumal dieses ja eine zudeckende Funktion hat. Bei der Deutung von Sure 2:219 (Weinverbot) führt auch Tabari die Bedeutung von "chamr" (Gegorenes > Wein) folgerichtig auf den Umstand zurück, daß das Weingefäß "zugedeckt" werde, woraus resultiere, daß der Wein den Verstand des Weintrinkers in gleicher Weise "verdecke, zudecke". Davon sei auch das Frauen-chimâr abgeleitet, weil die Frau sich damit den Kopf "zudecke"[6]. Auf Grund dieser volksetymologischen Erklärung rechtfertigte man also diese Fehllesung, indem man auf die Idee verfiel, dem unverstandenen und falsch gelesenen Wort chimâr die erdachte Bedeutung "Kopftuch" zuzuweisen.

Im Vertrauen auf die Autorität der arabischen Ko-rankommentatoren und des Hauptlexikons der arabischen Sprache konnte der für seine verdienstlichen etymologischen Erkenntnisse besonders anerkannte S. Fraenkel, Schüler von Theodor Nöldeke, indessen nicht ahnen, dass bereits die arabischen Koranleser den dem Phonem "ch" entsprechenden und mit einem Oberpunkt bezeichneten arabischen Buchstaben verlesen hatten. Mit einem Unterpunkt versehen, ergibt nämlich der gleiche arabische Schriftzug das aramäische Phonem "g". Dies führt dazu, die koranische Fehllesung "chumuri-hinna" als "gamari-hinna " (im Singular) bzw. "gimâri-hinna " (im Plural) richtigzustellen.

Das syro-aramäische Lexikon[7], das sich auf eine überlieferte syrische Literatur bezieht, die ihre Blüte zwischen dem 4. und 7. Jh. n.Chr. erfahren hat, belegt die Verbalwurzel "qmar" (deren Phonem "q" mit dem Allophon "g" alterniert – wie dies heute noch in zahlreichen arabischen Dialekten, insbesondere des beduinischen Typus, bezeugt ist) mit der Grundbedeutung "binden". Davon abgeleitet sind die Derivate "qamrâ, qumrâ, qmârâ" in der Bedeutung "Band, Bund, Gürtel"[8]. Dieser Begriff wird in den heutigen arabischen Dialekten des Vorderen Orients, dem vormaligen aramäischen Sprachgebiet, bestätigt. Sofern das aramäische Phonem "g" nicht zum arabischen "dj" wird, kann es durch zweierlei Allophone wiedergegeben werden: a) durch ein "gh", aus dem sich die Verbalform "ghamara" (mit der Grundbedeutung umfangen, umfassen) ergibt; b) durch ein "k", das wir im weit verbreiteten Substantiv "kamar" (Band, Bund, Gürtel) belegt finden. Daraus wird zugleich klar, dass arabisch "kamar" – entgegen bisherigen Meinungen, die darin ein persisches Lehnwort sahen[9] – eine phonetische Variante von aramäisch "gmârâ" ist.

In dieser Lautung und der Bedeutung "Gürtel" ist dieses Wort in manchen neuostaramäischen Dialekten, wie dem der Tennâye (aus Tell Tall, in Nordmesopotamien, der heutigen Osttürkei) heute noch geläufig. Auf dieses Wort geht das koranisch verlesene Wort chimâr zurück, an dessen authentische Aussprache (gamar, gimâr) der Lisân eine Erinnerung bewahrt zu haben scheint, wenn er das "g" im aramäischen Ausdruck "gmârâ d-nâshâ" arabisch inkorrekt mit "chamaru n-nâsi" wiedergibt, das "ch" aber als dialektale Variante der sonst korrekten Aussprache "ghamâru n-nâsi" erklärt und den Ausdruck, dem aramäischen Sinn entsprechend, mit "Menschenmenge" zutreffend übersetzt. Beim Wort chimâr dagegen merkt er nicht, dass auch hier das "ch" falsch gelesen worden ist[10].

Gegenüber der nach islamischer Überzeugung gesicherten mündlichen Überlieferung der Lesung chimâr (bzw. chumuri-hinna) mit der traditionellen arabischen Bedeutung Kopftuch könnte die Lesung gimâr (bzw. gumuri-hinna) mit der syro-aramäischen Bedeutung Gürtel als willkürlich erscheinen, würde nicht das darauf bezogene Verb daraba (schlagen) letztere Bedeutung bestätigen. In der arabischen Phraseologie ist nämlich das Verb daraba (schlagen) (das Paret fälschlich mit "ziehen" übersetzt) auf kein Kleidungsstück anwendbar. Dieses bedeutende Detail scheint der Aufmerksamkeit aller bisherigen Koranübersetzer entgangen zu sein. In der syro-aramäischen Phraseologie hingegen (wie auch in manchen arabischen Dialekten des Vorderen Orients) wird das lexikalisch entsprechende Verb mhâ (schlagen) ausschließlich in Verbindung mit "Gürtel" (oder ähnlichem) gebraucht, den man sich "um die Lenden schlägt". So heisst es nach der Peshitta, der wohl auf das 2. Jh. n.Chr. zurückgehenden syrischen Bibelübersetzung, anlässlich des Abendmahls im Johannes-Evangelium XIII, 4 : "wa-shqal seddonâ mhâ b-hassaw": "Er nahm einen Schurz und schlug [ihn] um seine Lenden".

Letztere Bedeutung (Lenden) müsste logischerweise auch das dritte koranische Wort "djuyûbi-hinna" (angeblich "ihre Taschen") haben. Der vorzitierten, offensichtlich improvisierten Erklärung Tabaris, wonach die Frauen sich mit ihrem angeblichen Kopftuch "Haar, Hals und Ohrgehänge" zudecken sollen, trauen die westlichen Koranübersetzer nicht so recht. So vermutet Paret, dass mit dem Ausdruck "Taschen" eher der vordere Schlitz des Kleides gemeint sein müsste und paraphrasiert dementsprechend: "ihren Schal sich über den (vom Halsausschnitt nach vorne heruntergehenden) Schlitz (des Kleides) ziehen". Um dieser Verlegenheitslösung beizukommen, genügt es aber im arabischen Schriftzug, die beiden nachträglich falsch gesetzten Unterpunkte (?? = y) durch einen Oberpunkt (?? = n) zu ersetzen, um auf die zu erwartende Lesung "djunûbi-hinna" = "ihre Seiten" = Lenden zu kommen.

Dieser arabisch missverstandene Satz erweist sich demnach als die Lehnübersetzung einer wohlbekannten idiomatischen syro-aramäischen Redewendung mit der Bedeutung "sich einen Gürtel um die Taille binden". Philologisch so geklärt, heißt die so bedeutsame koranische Vorschrift demnach nicht mehr: "Sie sollen ihren Schal sich über den (vom Halsauschnitt nach vorne heruntergehenden) Schlitz (des Kleides) ziehen", sondern nach syro-aramäischem Verständnis:

"Sie sollen sich ihre Gürtel um die Lenden binden!" (wörtlich: "Sie sollen ihre Gürtel auf ihre Seiten schlagen!")

So verstanden, löst sich die um das "islamische Kopftuch" entfachte Polemik wie von selbst auf. Was aber die Symbolik angeht, die dem Gürtel- (und nicht mehr dem Kopftuch-) tragen zugrunde liegt, so bleibt deren nähere Erklärung dem Sitten- und Religionshistoriker überlassen. Ist nämlich der Gürtel, nicht nur nach koranischer Vorstellung, ein Zeichen der Sittsamkeit für Frauen, so hat er eine asketische Bedeutung für Einsiedler und Mönche.

Die islamische Tradition hat uns übrigens einige Hadithe (Aussprüche des Propheten) bewahrt, die gerade das Gürteltragen betreffen. Unter dem Stichwort "hizâm" (Gürtel) zitiert der Lisân[11] ein Hadith, wonach den Männern untersagt wird, das Gebet ohne Gürtel zu verrichten bzw. ihnen geboten wird, sich vor dem Gebet einen Gürtel umzubinden[12]; und unter dem synonymen "nitâq" ein weiteres Hadith, wonach über Aischa, die jüngste Frau des Propheten, berichtet wird, die Frauen der Anhänger des Propheten in Medina hätten eilends ihre Stoffgürtel aufgelöst, um sie zu zerschneiden und daraus "chumur" (angeblich) Kopftücher zu machen, sobald der entsprechende Vers offenbart worden sei[13]. Unter dem rätselhaften Wort "chumur" haben die arabischen Kommentatoren wohl "Kopftücher" verstanden. In Wirklichkeit bezeichnete dieses Wort gerade die Stoffgürtel, die diese Frauen bereits um die Hüften trugen. Dieses Hadith widerspiegelt die Verlegenheit der späteren islamischen Exegeten, sich dieses Wort zu erklären, dessen Fehllesung konsequenterweise zu einer Fehldeutung führen musste. Es enthält aber dennoch einen historischen Wahrheitskern, sofern es davon zeugt, dass für die Frauen zu Lebzeiten des Propheten der Gürtel – und nicht das Kopftuch – Sitte war.

Im Lichte der philologischen Analyse dieses Verses hat also der Koran den Frauen keineswegs geboten, aus ihren Gürteln Kopftücher zu machen – ganz im Gegenteil.

Muslimische Frauen wären demnach berechtigt, die Authenzitität des koranischen Wortlauts wiederherzustellen und aus den Kopftüchern, die man ihnen seit Jahrhunderten zu Unrecht aufgezwungen hat, wieder Gürtel zu machen.

Fazit: Das "islamische Kopftuch" ist ursprünglich sicherlich eine soziale Konvention gewesen, wie sie heute auch noch in gewissen Teilen Europas fortbesteht. Dessen Islamisierung ist vielleicht einem Prozess der islamischen Sittengeschichte zuzu-schreiben. Eine diesbezügliche religiöse Vorschrift lässt sich aber durch den koranischen Text in keiner Weise begründen. Was aber die sonstigen Koranpassagen angeht, auf die man sich insoweit beruft, so sind sie noch weniger aussagekräftig. Ihre Erörterung wird einer weiteren philologischen Analyse vorbehalten.

Quelle: Christoph Luxenburg: Der Koran zum "islamischen Kopftuch". Zu Sure 24:31. In: imprimatur 2/2004. http://saardok.sulb.uni-saarland.de/jspview/archive/frei/bce65a51-397e-4fbb-bd41-04938eb270eb/0/www.phil.uni-sb.de/projekte/imprimatur/2004/imp040204.html, Stand 28.6.2005.


Fußnoten

1.
Christoph Luxenberg, Die syro-aramäische Lesart des Koran. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache, Berlin 2000.
2.
Rudi Paret, Der Koran. Übersetzung, 2. Aufl., Stuttgart 1982, S. 289.
3.
Abû Dja'far Muhammad b. Djarîr at-Tabarî, Djâmi` al-bayân fî tafsîr al-Qur´ân, Bd. XVIII, Kairo 1968, S. 120.
4.
Ibn Manzur, Lisân al-`arab, Bd. I-XV, Beirut 1955-1956, Bd. IV, S. 258a.
5.
Ibn Manzur, Lisân al-`arab, Bd. I-XV, Beirut 1955-1956, Bd. IV, S. 258a.
6.
Tabari, op. cit., Bd. II, S. 356 f.
7.
Thesaurus Syriacus, (édité par) Payne Smith, t. I, Oxford 1879, t. II, Oxford 1901. - Carl Brockelmann, Lexicon Syriacum, 2. Aufl., Halle 1928. - Manna, Jacques Eugène, Vocabulaire Chaldéen-Arabe, Mossoul 1900 (reprinted with a new appendix by Raphael J. Bidawid, Beirut 1975).
8.
Vgl. Thesaurus, II, 3650; C. Brockelmann, 673b; Man-na, 683b f.
9.
Vgl. C. Brockelmann, Lewxicon Syriacum, 673b, der syrisch qamrâ zu persisch kamar stellt. Desgleichen Th. Nöldeke, Mandäische Grammatik, Halle 1875 (Nach-druck Darmstadt 1964), S. 18, 4 f., der mandäisch qumria "Gürtel " als "Fremdwort" bezeichnet, und dessen Status constructus qamar er wohl für eine Ent-lehnung aus persisch kamar hält. Demgegenüber be-weist gerade der heute im Persischen geläufige pleonas-tische Ausdruck kamar-band (Gurt, Gürtel), daß erste-res Wort aramäisch ist, weshalb es durch das zweite persische verdeutlicht wird. Noch deutlicher wird dies durch die aramäische emphatische Endung in kamrâ, das persisch a) sowohl eine "Umzäunung" b) als auch den "von den Zarathustriern getragenen Gürtel " be-zeichnet. Vgl. Heinrich F.J. Junker, Bozorg Alavi, Prsisch-deutsches Wörterbuch, Leipzig 1965, S. 610a.
10.
Lisân, IV, 257b. Zugleich macht die syro-aramäische Verbalwurzel gmar (vollkommen sein) deutlich, daß das arabische Allophon qamar (Mond) eine Entlehnung aus dem Aramäischen ist. Auch daran hat der Lisân (V, 113a, -3 f.) eine annähernd zutreffende Reminiszenz, wenn er nach Abu l-Haytham erklärt, qamar heiße der Mond zwischen Anfangs- und Endphase, und den ara-bischen Lexikographen al-Djawhari (gest. 1005) zitiert: "Nach drei (Nächten) und bis Monatsende heißt der Mond qamar wegen seiner Helligkeit." Dabei ahnt auch dieser berühmte arabische Lexikograph nicht, dass qamar, aramäisch verstanden, eigentlich "Vollmond " bedeutet, wofür auch seine Helligkeit spricht. Weshalb aber der Neumond arabisch hilâl heisst, weiss der Lisân (XI, 702b) in etwa richtig zu erklären: "Es ist der Neu-mond, wenn die Menschen ihm am Monatsanfang zu-jubeln." Genauer gesagt: der Neumond gilt heute noch im Orient als gutes Omen, weshalb die Menschen wohl früher beim Anblick der ersten Mondsichel "hallelten" = "jauchzten" (vgl. "halleluja" hebräisch hallelû-yah "jauchzet Jahwe"). Arabisch hilâl (Neumond) ist dem-nach ein onomatopoetischer Ausdruck, unter dem man heute "Mondsichel " versteht. Der arabische Sprach-gebrauch hat dann aus der ursprünglich auf den Mo-natsanfang hindeutenden Wurzel halla die Bedeutun-gen "beginnen, anstimmen, einleiten, in Angriff neh-men" weiterentwickelt.
11.
Ibn Manzur, Lisân al-`arab, t. I-XV, Beirut 1955-1956.
12.
Op. cit., XII, 131b.
13.
Id., X, 355a.