Konfliktstoff Kopftuch

19.4.2005 | Von:
Nasr Hamid Abu Zeid

Das Kopftuch im intellektuellen Diskurs

Interview mit qantara.de

"Andererseits fragt sich, ob ein Gesetz das Problem lösen kann - vorausgesetzt, es gibt überhaupt ein Problem. Oder steht dieses Gesetz eher im Widerspruch zu dem offenen, dem aufgeschlossenen Laizismus?"

Foto Abu ZeidFoto Abu Zeid
Der im Exil lebende ägyptische Professor Nasr Hamid Abu Zeid, Ordinarius des Lehrstuhls für Ibn Rushd-Studien an der Universität Utrecht, kritisiert den französischen Gesetzesentwurf als wahlkampfpolitisches Mittel:

"Zweifellos entspringt dieser Gesetzentwurf dem laizistischen Verständnis in Frankreich, und es wird versucht, niemanden, weder auf religiöser noch ethnischer oder einer anderen Ebene, zu diskriminieren. Was die Bürger miteinander verbindet, ist ihr Anspruch auf die Bürgerrechte. Andererseits fragt sich, ob ein Gesetz das Problem lösen kann - vorausgesetzt, es gibt überhaupt ein Problem. Oder steht dieses Gesetz eher im Widerspruch zu dem offenen, dem aufgeschlossenen Laizismus? Es gibt zwei Arten von Laizismus, den offenen und den ausschließenden Laizismus. Für den offenen, oder den aufgeschlossenen, Laizismus sind religiöse Symbole individuelle Symbole, die nur die Gemeinschaft, die Gruppe oder die Individuen betreffen.Deshalb glaube ich, hätte man das Problem - wenn es ein Problem gibt - anders lösen können. Dieses Gesetz rief viele Reaktionen bei Muslimen in der französischen Gesellschaft und in der islamischen Welt hervor, was zu zusätzlichen Spannungen der Beziehungen untereinander führte."

Nasr Hamid Abu Zeid befürchtet, dass sich das Gefühl der Diskriminierung unter den Muslimen durch ein solches Gesetz vertiefe. Wenn es Muslimen nur in eigenen Schulen gestattet sei, so Abu Zeid, Kopftücher zu tragen, könnte es zur Isolierung der Bürger führen. Auf diese Weise wäre das Gesetz eher kontraproduktiv.

"Ich glaube, es ist ein politisches Problem. Es entsteht Druck von den politisch rechts gerichteten Kräften in der französischen Gesellschaft. Bald wird es in Frankreich Kommunalwahlen geben. Vielleicht ist dieses Gesetz Teil des Wahlkampfs.Das wäre sehr bedenklich, denn es würde bedeuten, dass der Laizismus, der behauptet, zwischen Religion und Politik zu trennen, in der Tat das Religiöse zu politischen Zwecken missbraucht. Ich hätte mir von dem Gesetzgeber gewünscht, dass er das Problem ernster nimmt und nicht nur als wahlkampfpolitisches Mittel einsetzt."

Quelle: Das Kopftuch im intellektuellen Diskurs. Auf: www.qantara.de, 5.2.2004. www.qantara.de, Stand 28.6.2005.