Konfliktstoff Kopftuch

Religion ist Privatsache

Interview mit fluter.de


19.4.2005
"Das Kopftuch in der Schule ist eine bewusste Verweigerung, an bestimmten Unterrichtseinheiten wie dem Schwimm- und dem Biologieunterricht teilzunehmen. Das Kopftuch ist für mich der Triumph der Unwissenheit, der Ignoranz."

In der Schule haben religiöse Zeichen und Symbole nichts verloren - das gilt zumindest für Frankreich, wo Staat und Kirche strikt getrennt sind. eligionsunterricht an staatlichen Schulen wie in Deutschland ist für Franzosen unvorstellbar. Auch Schüler und Schülerinnen müssen in Frankreich offensichtliche religiöse Symbole wie die jüdische Kippa, das Kreuz und das Kopftuch zu Hause lassen. Dass einige junge Musliminnen dennoch mit dem Kopftuch zum Unterricht erschienen sind, hat zu heftigen Diskussionen geführt. Staatspräsident Jacques Chirac will nun ein Gesetz erlassen, dass das Tragen von religiösen Symbolen in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäusern verbietet.

fluter.de traf Tahar Ben Jelloun und wollte wissen, was für eine Meinung ein 60-jähriger Marokkaner muslimischen Glaubens, der seit 34 Jahren in Frankreich lebt, zur Kopftuchdebatte hat. Jelloun ist Schriftsteller, der besonders in Deutschland mit dem Buch "Papa, was ist ein Fremder?" Erfolg hatte. In seinem Buch versucht Jelloun seiner Tochter Rassismus und Fremdenhass zu erklären. Nach dem 11. September 2001 schrieb Jelloun ein weiteres Buch mit dem Titel "Papa, was ist der Islam?", um seinen Kindern die Religion des Islam zu erläutern, die nach den Anschlägen von vielen mit Islamismus, Extremismus und Terrorismus in einen Topf geworfen wurde.

fluter.de: Herr Jelloun, warum tragen junge Musliminnen in Frankreich überhaupt Kopftuch?

Tahar Ben Jelloun: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einmal aufgrund des Drucks des Vaters oder des Bruders – das sind die häufigsten Fälle. Andere Frauen tragen das Kopftuch auch im Namen der Freiheit des Individuums, das zu tun, was es möchte. Manche jungen Frauen wollen durch das Kopftuch auch ihre eigene Identität behaupten. Dabei geht es in der Debatte in Frankreich gar nicht darum, dass Musliminnen das Recht abgesprochen werden soll, sich so zu kleiden, wie sie möchten. Nein, es geht um die Bekleidung in öffentlichen Räumen.

Das Kopftuch in der Schule ist eine bewusste Verweigerung, an bestimmten Unterrichtseinheiten wie dem Schwimm- und dem Biologieunterricht teilzunehmen. Das Kopftuch ist für mich der Triumph der Unwissenheit, der Ignoranz. Das Gesetz des Laizismus, der Trennung von Staat und Religion, finde ich sehr wichtig. Generationen von Franzosen haben dafür gekämpft, dass es 1905 schließlich umgesetzt wurde. Ich bin dagegen fast 100 Jahre später wieder einen Rückschritt zu machen.

Wie kommt es, dass junge Muslime, die in Frankreich geboren wurden und den französischen Pass haben, dennoch auf das Kopftuch in der Schule pochen?

Das liegt an der mangelnden Integrationspolitik in Frankreich. Die junge arabische Generation wurde von Frankreich vergessen und vernachlässigt. Viele von ihnen waren auf der Suche nach einer Identität und haben sie schließlich im Islam gefunden. Aber sie wären auch für die Demokratie verführbar. Hat man ihnen jedoch jemals Lust vermittelt, integriert zu werden? Nein. Viele Jahre hat der Staat sich nicht damit beschäftigt und es schleifen lassen.

Frankreich ist das älteste Einwanderungsland mit der größten muslimischen Bevölkerung in Europa. Wieso kommt es jetzt zu so einer hitzigen Debatte?

Weil die vergessene Generation erwachsen geworden ist. Natürlich hat auch der Nah-Ost-Konflikt einen gewissen Einfluss. Die Art und Weise wie der Nah-Ost-Konflikt in den Medien dargestellt wird, setzt Scharons Politik mit dem jüdischen Volk gleich. Die Jugendlichen glauben, dass das, was den Palästinensern angetan wird ihnen selbst angetan wird.

Die Expertenkommission die Präsident Chirac berufen hatte, schlug vor, einen israelischen und einen muslimischen Feiertag als gesetzliche Feiertage aufzunehmen. Der Vorschlag wurde von Chirac bereits abgelehnt. Was halten Sie davon?

Ich persönlich finde es schwierig, kulturelle Traditionen zu exportieren und finde es besser, sich der Welt anzupassen in der unsere Kinder groß werden. Für mich ist Religion eine Privatangelegenheit, keine öffentliche.

Wird das Kopftuch durch das Schulverbot nicht zum Symbol des Islamismus stigmatisiert?

Nein, die arabische Welt deutet die Debatte in Frankreich als Hasskampagne gegen den Islam und die arabischen Länder, aber das ist nicht der Fall. 1905 wurde die Trennung von Staat und Religion durchgesetzt. Jetzt kommen die Kinder arabischer Migranten und gehen gegen dieses Gesetz vor, weil man ihnen auch nicht erklärt hat, was Laizismus eigentlich bedeutet. Religion bleibt in den Herzen, den Kirchen, den Moscheen, aber in der Schule und in Krankenhäusern hat sie keinen Platz.

Das Interview führte Ekua Odoi.

Quelle: Odoi, Ekua: "Religion ist Privatsache." Ein Interview mit dem Schriftsteller Tahar Ben Jelloun. Auf: fluter.de, 17.01.2004. »www.fluter.de«, Stand 28.6.2005.



 
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