Konfliktstoff Kopftuch
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Was ist Islam?

Islam und Islamische Organisationen in Deutschland


22.12.2004
Das arabische Wort "Islam" bedeutet "Hingabe", "Ergebung". Jeder Muslim ist unmittelbar zu Gott und folgt seinen Geboten, die in den "fünf Säulen" als Minimalkonsens aller Muslime festgelegt sind: Glaubensbekenntnis, rituelles Gebet, Fasten, Almosengeben und die Wallfahrt nach Mekka.

Islam: Begriff, Geschichte, Daten



Das arabische Wort "Islam", gebildet aus dem Wortstamm "s–l–m" bedeutet "Hingabe", "Ergebung". Jeder Muslim (wörtlich eine oder einer, die oder der sich Gott unterwirft) ist unmittelbar zu Gott und folgt seinen Geboten, die in den "fünf Säulen" als Minimalkonsens aller Muslime festgelegt sind: Glaubensbekenntnis, rituelles Gebet, Fasten, Almosengeben und die Wallfahrt nach Mekka.

Mohammed (570-632 n. Chr.) wird als der "Gesandte Gottes" verehrt: kein Gott oder Heiliger, aber ein Mensch, der in einem Zeitraum von 23 Jahren Gottes Offenbarungen erhielt, die mündlich tradiert, dann niedergeschrieben und schließlich im (arabischen) Koran "kanonisiert" wurden. Die zahlreichen Mitteilungen über seine Aussprüche, Handlungen und Taten, "hadithe" genannt (wörtlich "Erzählung", "Gespräch"), gelten als Vorbild und sind ebenfalls fester Glaubensbestandteil ("Sunna", wörtlich "Brauch").

Der Islam entstand als jüngste Offenbarungsreligion im 7. Jahrhundert n. Chr. und ist mit etwa einer Milliarde Anhängern die weltweit am schnellsten wachsende Weltreligion. Etwa 15 Millionen Muslime leben in Westeuropa, die meisten in Frankreich (5 Millionen), gefolgt von Deutschland (3,1 bis 3,5 Millionen), Großbritannien (1,5 Millionen), den Niederlanden (944.000) und Italien (700.000). Das ist im Schnitt ein Bevölkerungsanteil um die 3% – mit steigender Tendenz durch fortschreitende Zuwanderung und Konversionen. Schätzungen gehen von bis zu 20 Millionen Muslimen in Ost- und Südosteuropa aus.

In Deutschland leben 3,1 bis 3,3 Millionen Muslime, die aus 40 verschiedenen Nationen stammen. Sie unterscheiden sich in ethnischer Hinsicht (Türken, Bosnier, Araber, Pakistaner, Albaner etc.), religiösen Grundrichtungen (Sunniten, Schiiten, Aleviten, Ahmadiyya), Religiosität (z.B. "religiöse" und "Kulturmuslime") und religiös-politischen Grundorientierungen (konservativ-orthodox, islamistisch, "säkularistisch" und "sufistisch", d.h. "mystisch").

Der Islam in Deutschland ist stark türkisch geprägt: Rund zwei Millionen Muslime sind Türken, gefolgt von Muslimen aus Bosnien-Herzegowina, den arabischen Staaten und aus dem asiatischen Raum. Die überwältigende Mehrheit gehört der sunnitischen Glaubensrichtung an. 170.000 (nach anderen Schätzungen auch bis zu 220.000) sind iranische Imamiten und Schiiten, rund 400.000 türkische und kurdische Aleviten. 50.000 werden der Glaubensgemeinschaft "Ahmadiyya" zugerechnet, einer aus dem Pandschab stammenden muslimischen Sondergruppe, die von Sunniten und Schiiten als nicht-muslimische "Sekte" ausgegrenzt und verfolgt wird. Über 700.000 Muslime besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft (Eingebürgerte und Konvertiten). Nach sehr ungenauen Schätzungen beträgt die Zahl der Konvertiten deutscher Herkunftssprache zwischen 12.000 und 50.000. Die meisten davon sind Frauen, die einen muslimischen Mann heirateten und konvertierten.

Der Mangel und die Art empirischer Forschungen (eher qualitativ als quantitativ) lässt zur Zeit nur sehr allgemeine Aussagen über die Religiosität, Glaubenspraxis und politische Orientierung der Muslime in Deutschland zu. Etwa ein Drittel von ihnen scheint in engerem Sinne "sehr religiös" zu sein – was bedeutet, dass sie die religiösen Vorschriften beachten, wie tägliches rituelles Gebet, Fasten, Besuch des Freitagsgebetes in der Moschee oder die Bekleidungs- und Speisevorschriften. Ein Drittel kann als "Kulturmuslime" bezeichnet werden, die zwar von Geburt aus Muslime sind, aber ihre Religion eher selten praktizieren. Ein unentschiedenes Drittel bewegt sich zwischen säkularistischen und strengreligiösen Orientierungen.

Muslime beten in ca. 2.600 Gebetsstätten in Deutschland, von denen nur wenige repräsentative Moscheebauten sind, also dem "klassischen" Typus orientalischer Moscheebauarchitektur entsprechen. Solche Moscheen finden sich vereinzelt in den industriellen Ballungsgebieten Nordrhein-Westfalens, in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern und Berlin. Die meisten Moscheen sind sogenannte "Hinterhofmoscheen" – Räumlichkeiten in nicht mehr genutzten Industriegebäuden oder in einfachen Wohnungen.

Die rechtliche Stellung islamischer Organisationen



Neben den beiden christlichen Kirchen ist der Islam inzwischen die drittgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland. Der Islam ist keine Kirche; er kennt weder Papst, noch Konzilien oder Synoden als Sprecher und Vertreter der Muslime. Jeder Muslim ist unmittelbar zu Gott; sie oder er brauchen keinen Mittler, um mit "Allah" zu kommunizieren. Dies wird dann zu einem Problem, wenn Muslime in einem nicht-muslimischen Staat kollektive Vertretungsrechte reklamieren und in ein Kooperationsverhältnis zum demokratischen Staat treten wollen.

In Deutschland haben sich die Muslime nach dem Vereinsrecht als religiöse Vereine organisiert (gemäß Art. 140 GG i.V.m. Art. 137, Absatz 4 WRV), da ihnen die Rechtsform der Körperschaft des Öffentlichen Rechts bislang verwehrt blieb. Zur Zeit wird noch offen und kontrovers diskutiert, inwieweit durch eine Reform des Staatskirchenrechts (etwa Öffnungsklauseln für religiöse Vereine, zweckgebundene Gleichstellung religiöser Vereine mit Religionsgemeinschaften) muslimische Organisationen zu anerkannten Ansprechpartnern des Staates werden könnten – zum Beispiel beim Erteilen islamischen Religionsunterrichts. Auf muslimischer Seite setzte das allerdings die Bereitschaft zur Ausbildung von Rechtsformen voraus, die der deutschen Rechtsordnung entsprechen.

Politische Orientierung



Die politischen Orientierungen organisierter Muslime schwanken zwischen sozialdemokratisch-liberal (überwiegend Aleviten) konservativ-orthodox und islamistisch. Eine liberale Reformströmung, die etwa an kritische Diskurse zu Islam und Moderne anknüpft ("Liberaler Islam", "Euro-Islam"), ist zur Zeit noch nicht erkennbar, trotz einiger zaghafter Ansätze. Es sind nur einzelne Muslime, die sich substantiell mit historisch-kritischer Koranhermeneutik auseinandersetzen, mit Neuinterpretationen der Tradition (Sunna) und der Anschlussfähigkeit des Islam im Blick auf den säkularen Staat, pluralistischer Demokratie und Menschenrechten. Der feministische Diskurs in der muslimischen Welt (Riffat Hassan, Fatima Mernissi, Schirin Ebadi etc.) findet so gut wie keinen Widerhall in der inner-islamischen Diskussion in Deutschland, wie der "Kopftuchstreit" deutlich gezeigt hat.

Der Verfassungsschutz stuft zwischen ein und drei Prozent der 3,1 bis 3,3 Millionen Muslime in Deutschland als "Islamisten" ein, darunter die "Islamische Gemeinschaft Milli Görüs" und die "Islamische Gemeinschaft Deutschlands", die den Muslimbrüdern nahe stehen soll. "Islamismus" wird hier als eine politische Ideologie verstanden, die unter Bezugnahme auf den frühen Islam des 7. Jahrhunderts einen islamischen Staat ("hakimiyyat Allah", wörtlich Gottesstaat) und eine umfassende, potentiell totalitäre islamische Lebensordnung nach den Grundsätzen der Scharia etablieren will (Scharia heißt wörtlich "Weg zur Quelle" und meint im weitesten Sinne "islamisches Recht"). Von den etwa 31.000 "Islamisten" gelten mehrere tausend Personen, als "gewaltbereit", 270 werden als terroristische "Gefährder" eingeschätzt.

Im Jahre 2003 wurde eine islamistische Organisation wegen ihrer antidemokratischen und antisemitischen Orientierung verboten, einer anderen wurde Betätigungsverbot erteilt. Verboten wurde der "Verband der Islamischen Vereine und Gemeinden e.V." (ICCB), bekannt als so genannte "Kaplan-Bewegung". Der selbsternannte "Kalif" von Köln, Metin Kaplan, wurde im Oktober 2004 in die Türkei ausgewiesen. Ein Betätiogungsverbot wurde gegen die weltweit operierende "Hizb-ut-Tahrir" (Partei der Freiheit) ausgesprochen. Die – im Blick auf die muslimische Gesamtpopulation – geringe Anhängerzahl islamistischer Gruppierungen sollte nicht zur Unterschätzung des wirklichen Gefährdungspotentials führen. Eine Reihe islamistischer Gruppen agieren weiterhin unbehelligt, wie zum Beispiel die vom Iran unterstützte Hizbollah (Partei Gottes), die palästinensischen Hamas und Islamischer Djihad oder der Al-Aksa Verein. (Weitere Gruppen listet der aktuelle Verfassungsschutzbericht auf.) Das Internet-Portal Muslim-Markt verbreitet seit längerer Zeit direkt oder indirekt antizionistische und antiisraelische Propaganda. Experten sehen im aktuellen Antizionismus und bestimmten Formen der Israelkritik einen "sekundären Antisemitismus". (vgl. Benz, Wolfganz: Was ist Antisemitismus?; Broder, Hendrik: Der ewige Antisemit; Verfassungsschutzbericht 2004).

Mehrfach sind sogenannte "Hass-Prediger" aufgefallen. Über die islamistische Orientierung einiger Gruppen (z.B. Milli Görüs) gibt es zur Zeit wissenschaftliche und politische Kontroversen und höchst unterschiedliche Prognosen (vgl. Seidel/Dantschke/Yildirim 2001, Islamismus 2004, Schiffauer 2004).

Dialog mit islamischen Organisationen



"Dialog" ist nur mit Muslimen möglich, die sich integrieren wollen. Das integrationspolitische Leitbild ist dabei die Akzeptanz der fundamentalen Verfassungsprinzipien des demokratischen Staates – Menschenrechte, Rechtsstaat, Demokratie – und die Bereitschaft, an der Ausgestaltung der demokratischen Zivilgesellschaft mitzuwirken. Das setzt die Akzeptanz einer demokratischen Basiskultur und ihrer Grundwerte voraus: Partizipation, Toleranz, Akzeptanz, Inklusion, Empathie. Ohne sie können demokratische Institutionen nicht funktionieren.

Literatur



Abdullah, Muhammad Salim: Islam. Muslimische Identität und Wege zum Gespräch. Düsseldorf 2002.

Abdullah, Muhammad Salim: Was will der Islam in Deutschland? Gütersloh 1993.

Amman, Ludwig: Cola und Koran. Das Wagnis einer islamischen Renaissance. Freiburg/Basel/Wien 2004.

Bielefeldt, Heiner: Muslime im säkularen Rechtsstaat. Integrationschancen durch Religionsfreiheit. Bielefeld 2003.

Bundesministerium des Inneren (Hg.): Islamismus. Mit Beiträgen von Peter Heine, Guido Steinberg, Olaf Farschid, Rita Breuer, Claudia Dantschke, Susanne Worbs, Friedrich Heckmann, Karin Brettfeld, Peter Wetzels. Berlin 2004.

Feindt-Riggers, Nils/Udo Steinbach: Islamische Organisationen in Deutschland. Eine aktuelle Bestandsaufnahme und Analyse. Deutsches Orient-Institut Hamburg 1997.

Göle, Nilüfer/Ludwil Amman (Hg): Islam in Sicht. Der Auftritt von Muslimen im öffentlichen Raum. Bielefeld 2004.

Jonker, Gerdien: Eine Wellenlänge zu Gott. Der "Verband Islamischer Kulturzentren" in Europa. Bielefeld 2002.

Kandel, Johannes: Organisierter Islam und gesellschaftliche Integration. Berlin 2004. Auf: »http://www.fes-online-akademie.de«.

Kreitmeier, Klaus: Allahs deutsche Kinder. Muslime zwischen Fundamentalismus und Integration. München 2002.

Leggewie, Claus/Angela Jost: Der Weg zur Moschee – eine Handreichung für die Praxis. Bad Homburg 2002.

Lemmen, Thomas: Islamische Vereine und Verbände in Deutschland. Hg. vom Wirtschafts- und sozialpolitischen Forschungs-und Beratungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung. (Gesprächskreis Migration). 2. Aufl. Bonn 2003.

Lemmen, Thomas: Muslime in Deutschland. Eine Herausforderung für Kirche und Gesellschaft. Baden-Baden 2001.

Oebbecke Janbernd (Hg.): Muslimische Gemeinschaften im deutschen Recht. Frankfurt/Main 2003.

Rohe, Mathias: Der Islam – Alltagskonflikte und Lösungen. Rechtliche Perspektiven. Freiburg/Basel/Wien 2001.

Schiffauer, Werner: Die Gottesmänner. Türkische Islamisten in Deutschland. Frankfurt/Main 2000.

Schiffauer, Werner: Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs – ein Lehrstück zum verwickelten Zusammenhang von Migration, Religion und sozialer Interaktion. In: Migrationsreport 2004. Fakten – Analysen – Perspektiven. Für den Rat für Migration hg. v. Klaus J. Bade, Michael Bommes und Rainer Münz. Frankfurt/Main/New York 2004, S. 67ff.

Seidel Eberhard/Claudia Dantschke/Ali Yildirim: Politik im Namen Allahs. Der Islamismus – eine Herausforderung für Europa. Hg. v. Ozan Ceyhun, MdEP. 2. Aufl. Brüssel 2001.

Sen, Faruk/Hayrettin Aydin: Islam in Deutschland. München 2002.

Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.): Christen und Muslime in Deutschland. Arbeitshilfen Nr. 172,23. September 2003.

Spuler-Stegemann, Ursula: Muslime in Deutschland. Informationen und Klärungen. 3. Aufl. Freiburg/Basel/Wien 2002.

Tibi, Bassam: Der Islam und Deutschland – Muslime in Deutschland. Stuttgart/München 2000.

Zusammenleben mit Muslimen in Deutschland. Gestaltung der christlichen Begegnung mit Muslimen. Eine Handreichung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. 2. Aufl. Gütersloh 2000.

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