Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Breite Streuung der Lebenslagen Älterer – Materielle Teilhabedimensionen

Durchschnittswerte und Statistiken sagen wenig über die soziale Realität älterer Menschen aus. Die Lebenslagen auch von Älteren sind (zunehmend) unterschiedlich ausgestaltet und nicht so einfach vergleichbar. Viele Ältere entsprechen nicht dem verbreitetem Bild von Älteren in der Öffentlichkeit.

Titel: Die Franziskaner in Pankow: Hilfe in der Not
Bildrechte: Verwendung weltweit
Rechtevermerk: picture-alliance / dpa
Fotograf: Siewert Falko
Notiz zur Verwendung: (c) ZB - Fotoreport
Caption: Eine alte Frau sitzt am 11.10.2002 an einem schlichten Tisch im Hof
des Franziskaner-Klosters im Berliner Stadtbezirk Pankow vor einer mit
Eintopf gefüllten Schüssel - es wird ihre einzige warme Mahlzeit an diesem
Tage bleiben: Hilfsbedürftige ziehenEine alte Frau sitzt im Berliner Stadtbezirk Pankow vor einer mit Eintopf gefüllten Schüssel in einer Suppenküche. (© picture-alliance/dpa)


Trotz der ein positives Bild von der Lebenslage Älterer zeichnenden Durchschnittswerte zeigen differenziertere Daten, dass ein erheblicher Teil der Älteren dem inzwischen dominierenden einseitig positiven Altersbild nicht entspricht:
  • Die Einkommenssituation Älterer differiert beispielsweise stark nach der früheren Stellung im Beruf (vgl. Kapitel "Höhe und Verteilung der Gesamteinkommen im Alter"). So erbrachte die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe von 2013 das Ergebnis, dass rund 27 Prozent der Rentnerhaushalte in Deutschland über ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von unter 1.300 Euro verfügten. Dagegen waren es bei den Pensionärshaushalten nur gut 1 Prozent.

  • Aus den Studien "Alterssicherung in Deutschland" 1999 und 2011 wird berichtet, dass die durchschnittlichen persönlichen Nettoeinkommen der älteren Bevölkerung sich in diesem Zeitraum von 1.109 auf 1.321 Euro erhöht haben (vgl. Tabelle "Höhe und Verteilung der persönlichen Nettoeinkommen"; die neue Studie ASID 2015 liegt nicht vor). Das ist ein Plus von 19,1 Prozent (Allerdings liegt der Kaufkraftverlust laut Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes zwischen 1999 und 2011 sogar über 20 Prozent, so dass real die 19,1 Prozent Steigerung sogar einen Rückgang der Kaufkraft bedeuten).

Höhe und Verteilung der persönlichen Nettoeinkommen

Gegenstand der Nachweisung19992011Veränderung
Grundgesamtheit (hochger. in Tsd.) 12.642 16.512 30,6%
Nettoeinkommen in €/mtl. 1.109 1.321 19,1%
Dezile des persönlichen Nettoeinkommens Anteil am Einkommensvolumen
1 1,8 1,9 0,1
2 4,5 4,3 -0,1
3 6,1 5,7 -0,3
4 7,4 7,0 -0,4
5 8,5 8,1 -0,3
6 10,0 9,4 -0,6
7 10,9 10,7 -0,2
8 12,4 12,1 -0,3
9 14,8 14,8 0,0
10 23,7 25,9 2,3
Gesamt 100,0 100,0 0,0
Gini-Koeffizient 0,320 0,342 0,022

Daten gerundet, Quelle: Bieber u. a. (2013)(ASID)

  • Hinzu kommt, dass sich die Verteilung der Alterseinkommen verändert hat. Zwar verzeichnen die einkommensschwächsten zehn Prozent (1. Dezil) einen marginalen Zuwachs. Ihr Anteil an den gesamten Alterseinkünften ist um 0,1 Prozent gestiegen (von 1,8 auf 1,9%). Alle Personen vom zweiten bis zum achten Dezil haben aber 2011 einen geringeren Anteil an allen Alterseinkommen als 1999. Nur die einkommensstärksten zehn Prozent haben einen Zuwachs zu verzeichnen (um 2,3% aller Alterseinkünfte). Der Gini-Koeffizient ist im Gefolge von 0,320 auf 0,342 nicht unerheblich gestiegen.[1]

  • Ältere haben zwar im Durchschnitt mehr Vermögen pro Haushalt bzw. pro Kopf als Junge. Dennoch kompensiert der Vermögensbesitz − aufgrund der sehr ungleichen Vermögensverteilung − weder potenziell noch faktisch, im Sinne von Kapitaleinkommen, bei den meisten Älteren unter der Armutsrisikoschwelle deren geringe Einkommen [2].

  • In Westdeutschland hatten laut EVS 2008 rund 28 Prozent der Rentnerhaushalte mit einem Gesamtrenteneinkommen aus der Gesetzlichen Rentenversicherung von monatlich weniger als 900 Euro Immobilienbesitz. Bei denjenigen mit Renteneinkommen von 2.000 Euro und mehr hatten dagegen 63 Prozent Immobilienbesitz.

  • Die Armutsrisikoquote (ein Maß für die relative Einkommensverteilung) ist, wie oben beschrieben, bei den Älteren zwischen den Jahren 2005 und 2014 laut Mikrozensus von 11,0 auf 14,4 Prozent gestiegen. Die Ungleichverteilung der Alterseinkommen nimmt zu, wie die Abbildung "Armutsrisikoquoten 2005 und 2014" belegt.
Armutsrisikoquoten nach Alter, 2005 und 2014, DeutschlandArmutsrisikoquoten nach Alter, 2005 und 2014, Deutschland (PDF-Icon Grafik zum Download 52 KB) (© bpb)

  • Der Wert von 15,5 Prozent bei den ab 65jährigen Frauen hat im Jahr 2014 erstmals den Wert der Armutsrisikoquote für Deutschland insgesamt überschritten (vgl. zu weiteren Zahlen Abschnitt "Altersarmut"). Bemerkenswert ist auch der starke, abgesehen von den Arbeitslosen überdurchschnittlich ausgeprägte (+ 4,9 Prozentpunkte) Anstieg der Armutsrisikoquote in der zusammengefassten Gruppe der Rentner/innen und Pensionäre/Pensionärinnen. Dabei ist zu bedenken, dass bei Pensionären/Pensionärinnen nur ein sehr geringes Risiko der Altersarmut besteht (zwischen ein und zwei Prozent).

  • Die Teilhabe an staatlichen Sach- bzw. Infrastrukturleistungen ist zwischen besser und schlechter situierten Älteren deutlich unterschiedlich. Es "... deutet sich an, dass ältere Personen, die von Armut betroffen sind, die Angebote öffentlicher Einrichtungen insgesamt seltener nutzen als nicht von Armut Betroffene"[3].

  • Als Beispiele nennt die Bundesregierung, dass die Inanspruchnahmequoten von armen Älteren an Kursen und Vorträgen der Erwachsenenbildung mit 10 Prozent nur halb so hoch ausfällt als bei Älteren mit einem Nettoäquivalenzeinkommen über der Armutsrisikoschwelle. Die Inanspruchnahme von Kultureinrichtungen (Konzerte, Theater, Oper, Museen) liege von älteren Armen bei 40, von älteren Nicht-Armen aber bei 60 Prozent.

  • Eklatantestes Beispiel für die breite Streuung in den Lebenslagen Älterer ist die gruppenspezifische Lebenserwartung: Bei Männern mit geringem Einkommen (unter 60% des Durchschnitts) ist im Verhältnis zu jenen mit hohem Einkommen (über 150%) die Lebenserwartung bei Geburt um 10,8 Jahre kürzer, ab dem 65. Lebensjahr um 7,4 Jahre. Bei Frauen sind es 8,4 bzw. 6,3 Jahre [4].

  • Die Ungleichheit in der gesundheitlichen Situation zwischen Armen und den Einkommensstarken beginnt aber nicht erst mit dem 65. Lebensjahr. Das Mortalitätsrisiko ist im Vergleich von Armen und Einkommensstarken um das 2,7-fache bei Männern und um das 2,4-fache bei Frauen erhöht. "In der Folge erreichen 31,0% der Männer und 16,0% der Frauen aus der Armutsrisikogruppe gar nicht erst das 65. Lebensjahr. Bei Männern und Frauen aus der höchsten Einkommensgruppe liegt der Anteil der vorzeitig Verstorbenen mit 13,0% bzw. 7,0% deutlich niedriger" [5].

  • Gleichermaßen unterscheidet sich die subjektive Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes je nach Einkommensgruppe − und das bereits bei 45- bis 64-Jährigen (Bei den ab 65-jährigen Männern bleibt die große Diskrepanz bestehen, bei den Frauen nimmt sie im Rentenalter ab; vgl. ebenda). 2010 waren "... 22 Prozent der 65-jährigen und älteren Männer und 24 Prozent der gleichaltrigen Frauen mit relativ geringen Einkommen in ihrer Gesundheit beeinträchtigt, während dies von den Männern und Frauen der oberen Einkommensgruppe lediglich auf zehn bzw. zwölf Prozent zutrifft"[6].

  • Ältere Personen berichten zu einem wesentlich höheren Anteil (14,2 versus 8,1%) von einem schlechten oder sehr schlechten Gesundheitszustand als im Durchschnitt aller Altersgruppen. Vergleicht man jeweils nur die Teilpopulation derjenigen mit einem Nettoäquivalenzeinkommen unterhalb der Armutsrisikoschwelle, so erhöhen sich die Anteile entsprechend (vgl. Tabelle " Armut und Gesundheit").

  • Dies ist nicht nur ein isoliertes Beispiel für einen gruppenspezifischen Unterschied in der Lebenslage, sondern kann auch weitergehende Teilhabeprobleme nach sich ziehen, wenn aufgrund solcher Einschränkungen Zugangsprobleme zum Beispiel im Öffentlichen Nahverkehr etc. resultieren.

Armut und Gesundheit in der gesamten und in der älteren Bevölkerung 2013

in Prozent

Selbsteinschätzung Gesundheitszustand
sehr gutgutmittelmäßigschlechtsehr schlecht
Bevölkerung insg. (ab 16 Jahre) 17,2 47,7 27,0 6,6 1,5
darunter: Armutsgefährdete13,3 36,8 33,6 12,7 3,6
ab 65-Jährige 4,1 37,3 44,4 11,9 2,3
darunter: Armutsgefährdete / 28,7 48,2 17,0 /

Quelle: Statistisches Bundesamt (2015c), S. 32 f. (EU-SILC).

  • Zur Messung des Ausmaßes der materiellen Deprivation hat die Europäische Statistikbehörde Eurostat einen zusammenfassenden Indikator entwickelt. Dieser baut auf neun Einzelfragen auf wie z.B. zur Verfügbarkeit eines Autos, ob man sich finanziell mindestens einmal im Jahr eine einwöchige Urlaubsreise leisten könne, oder ob man es sich leisten könne, die Wohnung ausreichend zu beheizen (vgl. Quellentext).

Quellentext

Materielle Deprivation (Entbehrung)

Die materielle Entbehrung umfasst einerseits verschiedene Formen wirtschaftlicher Belastung und andererseits einen aus finanziellen Gründen erzwungenen Mangel an Gebrauchsgütern, wobei der Mangel durch die unfreiwillige Unfähigkeit (im Unterschied zur Wahlfreiheit) bedingt ist, für gewisse Ausgaben aufkommen zu können. Der Haushalt schätzt für neun Kriterien ein, inwieweit er aus finanziellen Gründen Probleme hat. Materielle Entbehrung liegt nach der EU-Definition dann vor, wenn aufgrund der Selbsteinschätzung des Haushalts mindestens drei der neun Kriterien erfüllt sind; erhebliche materielle Entbehrung wird dagegen bei Haushalten angenommen, bei denen mindestens vier der neun Kriterien zutreffen.

Quelle: Statistisches Bundesamt 2015c, S. 19.

Nicht alle Einzelfragen sind unumstritten und für jede Altersgruppe passend (z. B. der Autobesitz bei Betagten). Dennoch kann dieser Indikator zumindest ein grobes Bild von der Verbreitung materieller Deprivation liefern (vgl. Tabelle).

Anteil der von erheblicher materieller Entbehrung betroffenen Bevölkerung nach Geschlecht für die Bevölkerung insgesamt und für Ältere

in Prozent

Alter/Geschlecht 2009 2010 2011 2012 2013
Insgesamt 5,4 4,5 5,3 4,9 5,4
Männer 5,3 4,4 5,0 4,5 5,2
Frauen 5,4 4,7 5,7 5,2 5,6
65 Jahre und älter 2,5 2,1 3,2 2,8 3,2
Männer 2,2 1,6 2,5 2,4 2,7
Frauen 2,8 2,5 3,9 3,1 3,7

Quelle: Statistisches Bundesamt 2015c, S. 19.

In Deutschland sind nach diesen Ergebnissen etwas weniger Menschen von materieller Deprivation betroffen als in der EU. Ältere berichten jeweils seltener als die Gesamtbevölkerung von mindestens einem solchen Mangel (Allerdings ist bei den Älteren der Anteil derjenigen mit erheblicher oder materieller Entbehrung im Gegensatz zur Gesamtbevölkerung leicht gestiegen). Häufiger und auch stärker, d.h. mit mehr berichteten Mängeln, ist die so gemessene materielle Deprivation bei den Personen unterhalb der Armutsrisikoschwelle jeweils ausgeprägter als bei den Personen oberhalb der Armutsrisikoschwelle. Finanzielle Armut wirkt sich also durchgängig negativ in den verschiedensten Lebensbereichen aus [7].

Fazit

Die vorgestellten empirischen Befunde belegen erstens nicht nur eine hohe Heterogenität der Lebenslagen Älterer, die es nicht erlaubt, einfach von "den" Älteren zu sprechen. Sie zeigen zweitens auch, dass es bezogen auf die ältere Generation einen erheblichen Anteil von Personen mit sozialen Problemen gibt, angesichts derer es nicht gerechtfertigt ist, diese als "alte soziale Frage" zu den Akten zu legen. Drittens machen sie deutlich, dass es zwischen den verschiedenen Problemen starke Zusammenhänge gibt, die im Alter kumulieren: Z.B. zwischen geringem Einkommen und geringem Vermögen oder zwischen Einkommen und Gesundheit.

Fußnoten

1.
Der Gini-Koeffizient ist eine Kennziffer für die (Un-)Gleichverteilung der Einkommen. Er kann zwischen 0 (= völlige Gleichverteilung) und 1 (eine Person bezieht alle Einkommen) variieren.
2.
Vgl. Kistler u. a. 2012, S. 350.
3.
Deutscher Bundestag 2011, S. 52.
4.
Vgl. Lampert u. a. 2011, S. 248.
5.
Lampert 2009, S. 129.
6.
Deutscher Bundestag 2013b, S. 202.
7.
Vgl. Hauser/Schüssler 2012.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikation zum Thema

Die Zukunft des Generationenvertrags

Die Zukunft des Generationenvertrags

Wie können langfristig ein angemessenes Rentenniveau, eine tragbare Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen und ein Schutz vor Altersarmut gesichert werden? Ebert fordert eine Reform des Rentensystems, bei der die Finanzierungsbasis verbreitert und die solidarische Umverteilung gestärkt wird.Weiter...

Zum Shop

Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Jetzt ansehen

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung.

Mehr lesen

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten?

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen