Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Große Unterschiede in immateriellen Teilhabedimensionen

Ob bürgerschaftliches Engagement oder soziale Kontakte Älterer: Auch bei den immateriellen Teilhabedimensionen gibt es erhebliche sozioökonomische Unterschiede. Der größte Unterschied besteht im Hinblick auf das Einkommen, aber auch andere Faktoren, wie der Familienstand spielen eine Rolle.

Angler an der Oberweser bei Minden: nicht nur das Einkommen beeinflusst die Teilhabemöglichkeiten von Älteren an der Gesellschaft, sondern auch der Familienstand.Angler an der Oberweser bei Minden: nicht nur das Einkommen beeinflusst die Teilhabemöglichkeiten von Älteren an der Gesellschaft, sondern auch der Familienstand. (© picture alliance / blickwinkel/G. Franz )


Die Teilhabe von Menschen an der Gesellschaft und ihre Lebenslage bestimmen sich nicht nur durch das Einkommen und andere materielle Dinge. Gerade für Ältere sind auch soziale Nahbeziehungen, Engagementmöglichkeiten etc. von besonderer Bedeutung. Dies nicht zuletzt, da für sie die in anderen Lebensphasen zentralen sozialen Kontakte aus der Arbeitswelt wegfallen oder in der Familie wegen Kinderlosigkeit nicht existieren, die oft auch (Hilfe-)Netzwerke fundieren.

Mit zunehmendem Alter dünnen diese Kontakte häufig aus, gerade bei sozial und ökonomisch schlechter gestellten Personen. "42% der von Armut betroffenen 65- bis 85-jährigen Älteren haben nur zu maximal zwei ihnen wichtigen Personen regelmäßigen Kontakt. Bei den nicht von Armut betroffenen Personen sind es 33%. Sieben Prozent der von Armut betroffenen 65- bis 85-Jährigen geben an, keine wichtige Kontaktperson zu haben (nicht von Armut Betroffene: fünf Prozent)"[1].

Dabei spielt zusätzlich der Familienstand der Älteren eine wichtige Rolle. Bei alleine lebenden Personen wiegen diese Defizite besonders schwer. Wie die Befragungen des deutschen Alterssurveys belegen [2], sind die familialen Hilfebeziehungen und Bindungen − soweit vorhanden − nicht schlechter geworden: Die Generationenbeziehungen werden als positiv gesehen.

Auch beim Ehrenamt bzw. bürgerschaftlichen Engagement ist laut Freiwilligensurvey ein vergleichbarer sozialer Selektionsmechanismus festzustellen: Ältere, die ihre eigene wirtschaftliche Lage als sehr gut einschätzen, sind zu 44 Prozent engagiert. Dagegen beträgt die Engagementquote bei denjenigen, die ihre wirtschaftliche Situation als schlecht einschätzen nur 22 Prozent [3].

Ein vergleichbares Muster weist der Freiwilligensurvey beispielsweise auch für die Mitgliedschaft von Seniorinnen und Senioren in Vereinen und Organisationen aus. Wie aus Tabelle "Mitgliedschaft von Senioren" ersichtlich wird, unterscheidet sich diese Form der gesellschaftlichen Teilhabe nicht nur erwartungsgemäß je nach Altersgruppe der Senioren, sondern auch hinsichtlich des Geschlechts und der Haushaltsgröße.

Der größte Unterschied besteht jedoch im Hinblick auf das Einkommen. Bei einer Eigeneinschätzung des Einkommens als sehr gut ist die Mitgliedschaftsquote mit 49,1 Prozent im das gut Eineinhalbfache höher als bei denjenigen, die ihre Einkommenssituation als schlecht einschätzen (32,1%). Dieser Unterschied ist noch deutlicher, wenn man nur die jüngeren Alten zwischen 65 und 74 Jahren betrachtet. Die Ursache für die in der "dritten" Lebensphase klareren Unterschiede als bei den Seniorinnen und Senioren in der "vierten" Lebensphase ist wiederum in den bereits bei den 65- bis 74-Jährigen bestehenden deutlichen Differenzen in der gesundheitlichen Situation zu suchen.

Mitgliedschaften von Senioren in Vereinen und Organisationen 2011

Angaben in Prozent

MerkmaleAltersgruppe
65 - 74 Jahreab 75 Jahrenalle ab 65 Jahren
Geschlecht
Männer 49,0 44,6 47,7
Frauen 37,7 37,9 37,8
Haushaltsgröße
Alleinstehend 40,5 39,5 40,1
2-Personen-Haushalt 44,3 41,8 43,6
Einkommenseinschätzung
Sehr gut 54,8 38,8 49,1
Gut 51,0 44,3 48,9
Befriedigend 37,6 39,8 38,4
Weniger gut 34,0 31,5 33,3
Schlecht 30,2 35,1 32,1

Quelle: Deutscher Bundestag (2013b)

"Wer verarmt, büßt an Lebenszufriedenheit ein, fühlt sich weniger gesund und nimmt Abstand von ehrenamtlichem Engagement sowie kulturellen Aktivitäten" [4]. Alle Indizien sprechen dafür [5], dass diese allgemeine Feststellung gerade auch für Ältere gilt:



Fußnoten

1.
Deutscher Bundestag 2011, S. 51.
2.
Vgl. z. B. Motel-Klingebiel/Vogel 2013.
3.
Vgl. Deutscher Bundestag 2011, S. 77.
4.
Böhnke 2009, S. 32.
5.
Vgl. Motel-Klingebiel/Vogel 2013, S. 476.
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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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