Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Empfängerzahlen und -strukturen und Dunkelziffer der Nicht-Inanspruchnahme

Ende 2014 erhielten gut 1 Million Personen Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung, darunter befanden sich zu 51,1 Prozent (512 Tsd.) über 65jährige und zu 48,9 Prozent (490 Tsd.) Personen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren mit einer dauerhaften vollen Erwerbsminderung.

Zwei Rentner auf ParkbankNach wie vor herrschen gerade bei der älteren Bevölkerung Angst und Sorge, dass der Gang zum Sozialamt zum sozialen Stigma wird und die Familienbeziehungen gefährdet. (© ddp/AP)


Steigende Empfängerzahlen

EmpfängerInnen von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2003 – 2014*EmpfängerInnen von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2003 – 2014* (PDF-Icon Grafik zum Download 56 KB) (© bpb)
Zwischen 2003 seit der Einführung der Grundsicherung und 2014 hat sich der Empfängerkreis mehr als verdoppelt. Die Dynamik des Anstiegs ist bei den voll erwerbsgeminderten BezieherInnen mit 170 Prozent viel dynamischer im Vergleich zu den BezieherInnen von Grundsicherung im Alter (Anstieg um 99 Prozent).

Am Jahresende 2009 gegenüber Jahresende 2008 errechnete sich ein leichter Rückgang, der auf die rückläufige Zahl der BezieherInnen im Rentenalter zurückzuführen ist (vgl. Abbildung "Empfänger/innen von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2003-2014"). Hier hat die Erhöhung des Wohngeldes zu einer Entlastung der betreffenden Personen bzw. Haushalte geführt. Ab 2010 sind die Empfängerzahlen aber wieder spürbar angestiegen.

Betrachtet man die Struktur der Empfänger im Einzelnen, zeichnen sich folgende Auffälligkeiten ab:
  • Rund ein Viertel der EmpfängerInnen lebt in stationären Einrichtungen (Pflegeheimen) und erhält zusätzlich noch Hilfen zur Pflege oder Hilfen für Menschen mit Behinderungen. Das betrifft vor allem die Erwerbsgeminderten, während die Älteren noch zu 85 Prozent eigenständig wohnen.

  • Frauen sind unter den EmpfängerInnen leicht überrepräsentiert; die schlechtere Einkommenslage von Frauen im Alter macht sich hier bemerkbar.

  • Der Anteil der Deutschen an allen Leistungsempfänger liegt bei etwa 85 Prozent: Der Anteil der Nicht-Deutschen beträgt 15 Prozent und übersteigt damit den Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung. Seit 2003 haben sich die Proportionen nicht verschoben (vgl. Abbildung "Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach Staatsangehörigkeit 2003 - 2014")
Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2003 – 2014 nach StaatsangehörigkeitEmpfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2003 – 2014 nach Staatsangehörigkeit (PDF-Icon Grafik zum Download 53 KB) (© bpb)


Empfängerquoten

Empfängerquoten von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2013Empfängerquoten von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 54 KB) (© bpb)
Empfängerquoten von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2003 – 2013Empfängerquoten von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2003 – 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 55 KB) (© bpb)


Betrachtet man die Empfängerquoten, also den Anteil der Menschen, die Grundsicherungsleistungen beziehen, an der jeweiligen Gesamtbevölkerung, zeigt sich ein überraschendes Ergebnis (vgl. Abbildungen "Empfängerquoten von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung 2013 und 2003 - 2014"): Die Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung hat eine vergleichsweise geringe Bedeutung. So beziehen nur 3,0 Prozent der Älteren diese Leistung, 2,6 Prozent der Männer und 3,3 Prozent der Frauen.

Empfängerquoten von Grundsicherung im Alter* nach Bundesländern 2013Empfängerquoten von Grundsicherung im Alter* nach Bundesländern 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 59 KB) (© bpb)
Der Anteil der EmpfängerInnen an der jeweiligen Gesamtbevölkerung ist in den alten Bundesländern höher als in den neuen Bundesländern (vgl. Abbildung "Empfängerquoten der Grundsicherung im Alter nach Bundesländern 2013"), im Norden höher als im Süden sowie in den Stadtstaaten höher als in den Flächenstaaten.

Ursächlich für diese regionalen Differenzierungen ist zum einen, dass in den neuen Bundesländern die finanzielle Situation der Bestandsrentner, insbesondere der Frauen, gegenwärtig günstiger ist als in den alten Bundesländern (Das trifft allerdings nicht mehr auf die Rentenneuzugänge zu!). Zum anderen kommen in dem Nord-Süd- und Stadt-Land-Gefälle auch die unterschiedlichen ökonomischen und sozialen Strukturen zum Ausdruck. Und zu berücksichtigen sind schließlich die regional stark abweichenden Kosten der Unterkunft. Es zeigt sich, dass Empfänger von einer niedrigen Rente in Regionen mit einem niedrigen Mietpreisniveau keinen Anspruch auf aufstockende Grundsicherung haben, während diese Rente im großstädtischen Raum nicht ausreicht, um den Grundsicherungsbedarf (einschließlich Kosten der Unterkunft) zu decken

Grundsicherung als Aufstockung von Altersrenten und Erwerbsminderungsrenten

Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung und
Rentenansprüche 2013*Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung und Rentenansprüche 2013* (PDF-Icon Grafik zum Download 56 KB) (© bpb)
Einen interessanten Einblick in die Struktur der Grundsicherungsempfänger erhält man, wenn man fragt, wie groß die Gruppe derer ist, die überhaupt keine Rente beziehen: Bei der Grundsicherung im Alter verfügen 25,3 Prozent über keine Rente, bei Grundsicherung bei Erwerbsminderung sind es hingegen 66 Prozent (vgl. Abbildung "Empfänger von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung und Rentenansprüche 2013")

Bei den Älteren, die keinen Rentenanspruch haben, handelt es sich um Personen, die selbst die minimale Bezugsvoraussetzung für eine Regelaltersrente, nämlich die Wartezeit von 5 Jahren nicht erfüllen. Hier dürfte es sich in erster Linie um Selbstständige sowie um Migranten handeln. Bei den Erwerbsminderungsrenten sind die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen für den Bezug einer vollen Erwerbsminderungsrente schwieriger zu erfüllen. Erforderlich ist zunächst die Erfüllung der allgemeinen Wartezeit von fünf Jahren. Zudem müssen in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens drei Jahre mit Pflichtbeiträge belegt sein.

Aufstockung von Alters- und Erwerbsminderungsrenten durch die Grundsicherung
2003 – 2013Aufstockung von Alters- und Erwerbsminderungsrenten durch die Grundsicherung 2003 – 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 55 KB) (© bpb)
Wenn auf der anderen Seite allein die Rentner der Gesetzlichen Rentenversicherung betrachtet werden, zeigt sich, dass der Anteil der Altersrentner, die eine Aufstockung ihrer Rente durch die Grundsicherung erhalten, mit 2,4 Prozent (2013) recht gering ist. Er hat sich seit 2003 zwar erhöht, bleibt aber auf einem niedrigen Niveau. Bei den Beziehern einer Erwerbsminderungsrente sehen die Verhältnisse allerdings anders aus. Hier finden sich im Jahr 2013 zu 13,6 Prozent Aufstocker. Gegenüber 2003 hat sich dieser Anteil nahezu verdreifacht (2003: 4,1 %) (vgl. Abbildung "Aufstockung von Alters- und Erwerbsminderungsrenten durch die Grundsicherung 2003 - 2013").

Das besonders hohe Risiko für Erwerbsminderungsrentner, mit ihrem Einkommen unterhalb der Grundsicherungsschwelle zu liegen, hat mehrere Gründe: Die Erwerbsminderungsrenten fallen deutlich niedriger als die Altersrenten aus (vgl. Erwerbsminderungsrenten). Zudem haben Erwerbsminderungsrentner kaum die Möglichkeit, sich ergänzend betrieblich oder privat abzusichern.

Zur Dunkelzifferproblematik

Der Unterschied zu den Empfängerquoten der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II/Hartz IV) ist erheblich. Bezogen auf die Bevölkerung im Alter zwischen 0 und 65 Jahren liegen hier die Empfängerquoten in Gesamtdeutschland seit 2005 immer über der Marke von 10 Prozent. In den neuen Ländern sogar deutlich über 15 Prozent. Erst seit 2012 zeigen sich leichte Rückgänge.

Die Zahlen und Daten beziffern allerdings nur jene Personen, die tatsächlich Leistungen der Grundsicherung beanspruchen. Über die Größenordnung derer, die aufgrund ihres niedrigen Alterseinkommens zwar einen Anspruch hätten, diesen aber nicht wahrnehmen ("Dunkelziffer der Nicht-Inanspruchnahme"), gibt es keine aktuellen und verlässlichen Informationen.

Die Ursachen für die Nicht-Inanspruchnahme sind vielfältig [1]: Die Betroffenen sind unzureichend informiert, ob sie noch einen Anspruch auf aufstockende Leistungen haben; dies insbesondere dann, wenn der Anspruch eher gering ist. Und nach wie vor herrschen gerade bei der älteren Bevölkerung Angst und Sorge, dass der Gang zum Sozialamt und der Erhalt bedürftigkeitsbezogener Leistungen zum sozialen Stigma werden und die Familienbeziehungen gefährden. So ist fraglich, dass der weitgehende Wegfall des Rückgriffs auf die Kinder den Betroffenen tatsächlich bekannt ist.

Zielsetzung der 2003 eingeführten Neuregelung war es aber gerade, durch den (weitgehenden) Verzicht auf den Rückgriff auf die Kinder sowie durch die Hinweise auf ergänzende Grundsicherungsleistungen, die die Rentenversicherung den Neurentnern gibt, die "verschämte Altersarmut" abzubauen. Ob und inwieweit dies erreicht worden ist, lässt sich nur grob abschätzen beurteilen (vgl. Kasten).

Mithilfe repräsentativer Bevölkerungsbefragung ist untersucht worden, wie verbreitet die verschämte Armut unter Älteren − bezogen auf das Jahr 2007 − ist: Von gut einer Million Menschen ab 65 Jahren, denen damals Grundsicherung zustand, bezogen nur 340.000 tatsächlich Leistungen. Die Quote der Nichtinanspruchnahme, so der technische Begriff für die Dunkelziffer der Armut, betrug 68 Prozent [2].

Quellentext

Hans-Böckler-Stiftung

"Becker ist sicher, dass dieses Ergebnis die Realität gut widerspiegelt. Schließlich steht die mit demselben Datensatz ermittelte ‚bekämpfte Armut‘ in Übereinstimmung mit den amtlichen Statistiken – was für die Repräsentativität der Stichprobe spricht. Und wenn es Verzerrungen gäbe, dann würde die verdeckte Armut eher unterschätzt, betont die Forscherin. Möglich wäre nämlich, dass Menschen, die den Gang zum Sozialamt scheuen, auch überdurchschnittlich häufig vor der Teilnahme an Befragungen zurückschrecken. Personen mit Sparguthaben oder nur geringen Grundsicherungsansprüchen von unter 30 Euro im Monat hat sie bei ihrer Rechnung gar nicht berücksichtigt."

Hans-Böckler-Stiftung (2012).


Fußnoten

1.
Vgl. z. B. Bruckmeier, Wiemers 2011.
2.
Vgl. Becker, I. 2012.
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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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