Rentenpolitik

16.11.2016

Zusammenfassung der empirischen Erkenntnisse

Es ist - zusammenfassend formuliert - zutreffend, dass aus niedrigen Rentenzahlbeträgen nicht zwingend auf ein niedriges gesamtes Einkommen von RentnerInnen bzw. gar von Rentnerhaushalten geschlossen werden kann. Der Umkehrschluss dieser Aussage ist aber nicht zulässig: Zusätzliche individuelle bzw. im Haushaltszusammenhang erzielte Einkommen gleichen niedrige Renten nicht für alle Betroffenen aus und sie verbessern zwar die gesamte Einkommenssituation für manche Bezieher geringer Renten - für sehr viele aber eher nur graduell oder gar nicht.

Rentnerin beim EinkaufRentnerin beim Einkauf: Die zusätzliche Absicherung in Form von Betriebs- und Privatrenten fehlt heute besonders bei Personen, die nur über geringe Gesamteinkommen verfügen. (© Peter Maszlen - Fotolia.com)


Wirklich hohe andere Einkommenskomponenten kommen − abgesehen von Statuswechslern, die nach einer meist kürzeren Phase sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung Beamte oder Selbstständige wurden − offensichtlich nur bei solchen Rentnerhaushalten hinzu, die auch bereits relativ höhere Renten aus der Gesetzlichen Rentenversicherung beziehen. Auch anhand anderer Datenquellen, wie etwa dem "Sozioökonomischen Panel“, einer wissenschaftsgetragenen Großerhebung, wird dieser Befund bestätigt: "Es zeigt sich …, dass die zusätzliche Absicherung in Form von Betriebs- und Privatrenten heute besonders bei Personen fehlen, die nur über geringe Gesamteinkommen verfügen. Auch Kapitaleinkünfte und selbst genutztes Wohneigentum folgen diesem Muster. Mit dem Erwerbseinkommen verhält es sich nicht anders"[1].

Die Kumulation von zusätzlichen Einkommen verläuft - grafisch dargestellt - in einer "U-Form“-Kurve: Bei ganz geringen GRV-Renten handelt es sich häufig um Statuswechsler, die nur kurz einbezahlt haben und dann in ein anderes Alterssicherungssystem gewechselt sind. Bei vielen BezieherInnen von Renten in der Höhe von ca. fünf- oder sechshundert Euro sind die zusätzlichen Alterssicherungsansprüche oft gering: Erst ab Renten im mittleren und vor allem höheren Bereich nimmt dann auch der Bezug weiterer Alterseinkommen und deren Höhe wieder zu.

Damit zeigt sich, dass es sozialpolitisch problematisch ist, mit durchschnittlichen Alterseinkommen zu argumentieren oder ein Bild von einer durchgängig, ja auch nur mehrheitlich in "Saus und Braus" lebenden Rentnergeneration zu zeichnen, um den so genannten Generationenkonflikt zu schüren oder weiteren Renteneinschnitten den Boden zu bereiten (vgl. Kasten).

Quellentext

"Das wohl großzügigste Rentensystem der ganzen Welt" ?

"Noch partizipieren die Alten an der Fun-Gesellschaft. Heerscharen von Rentnern lassen sich, finanziert vom deutschen Umlagesystem, von Luxuslinern durch die Weltmeere schaukeln und von Jet-Clippern zu den entlegendsten Stränden dieser Erde transportieren. Das wohl großzügigste Rentensystem der gesamten Welt hat Deutschland zu Weltmeistern beim Tourismus gemacht und eine atemberaubende Infrastruktur mit Seebädern und Vergnügungsvierteln auf Mallorca, den Kanaren und vielen anderen Inseln der Welt geschaffen. Kaum irgendwo sonst wird den Aktiven so viel von ihrem Arbeitseinkommen weggenommen, wie es in Deutschland geschieht, um den Alten ein auskömmliches Transfereinkommen zu sichern".

Hans-Werner Sinn (2005), S. 54.

Den heutigen Seniorinnen und Senioren geht es im Durchschnitt materiell zweifellos erheblich besser als den Alten vor 50 oder 100 Jahren. Die Älteren haben nicht nur an der allgemeinen Wohlstandsentwicklung teilgenommen, sondern zugleich hat sich auch ihre Position im Einkommensgefüge der Gesellschaft verbessert. Einen entscheidenden Anteil daran hatte die dynamische bruttolohnbezogene Rente der Reform von 1957.

Vom Zuwachs des materiellen Wohlstands haben aber bei Leibe nicht alle Alten gleichermaßen partizipiert, was speziell die Frage nach dem Vorhandensein von Altersarmut und der Gefahr wachsender Altersarmut aufwirft (vgl. Wachsende Altersarmut in der Zukunft?). Auch ist immer mit zu bedenken, dass SeniorInnen entgegen der landläufigen Vorstellung eines sich mit dem Alter verringernden Einkommensbedarfs in vielen Fällen gerade deutlich höhere Bedarfe haben: Pflegebedürftigkeit, eingeschränkte Mobilität und oft auch häufigere Erkrankungen sind entsprechende Beispiele - man denke nur an die Zuzahlungen bei Medikamenten etc.

Über diesen wichtigen Debatten zur materiellen Lage darf aber nicht vergessen werden, dass es auch vom Geld (ein Stück weit) unabhängige Aspekte der Integration Älterer in die Gesellschaft gibt. Die Teilhabechancen von Seniorinnen und Senioren bestimmen sich nämlich nicht nur über die Alterseinkommen, so zentral diese Dimension auch ist. In einer alternden Gesellschaft müssen z. B. auch Wohnungen, Verkehrsmittel, Einkaufsstätten so gestaltet werden, dass auch Älteren die Nutzung möglich ist. Die Teilhabechancen Älterer hängen nicht zuletzt von den Altersbildern in den Köpfen aller Generationen, den Generationenbeziehungen, ab - die wiederum von Fehlinformationen über die materielle Lage der Älteren oder dummer Hetzkampagnen von den "Gierigen Alten" und dem "großzügigsten Rentensystem" nicht getrübt werden sollten.

Fußnoten

1.
Bieber, Stegmann 2010, S. 26.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Jetzt ansehen

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung.

Mehr lesen

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten?

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen