Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Was ist Altersarmut? Maßstäbe, Indikatoren und Messverfahren

Um die Frage nach Existenz und Ausmaß von Altersarmut zu beantworten, muss zunächst definiert werden, was unter Armut verstanden wird. Erst wenn die Armutskriterien benannt worden sind, lässt sich empirisch ermitteln, welche quantitativen Dimensionen Armut im Alter derzeit hat und voraussichtlich in Zukunft aufweisen wird. Diese Kenntnis wiederum ist Voraussetzung für eine Diskussion über Erfordernis und Zielrichtung von Reformstrategien.

Hilfsbedürftige nehmen am 26. Mai 2008 eine gespendete Mahlzeit bei der Sozialeinrichtung "Kieler Mahlzeit" in Kiel ein.Bedürftige in einer Kieler Sozialeinrichtung: Neben dem Einkommen sind bei der Armutdefinition auch weitere Indikatoren gängig, so zum Beispiel Lebensstandardmerkmale oder die Sorge um die eigene wirtschaftliche Situation. (© AP)


Haushaltseinkommen ist entscheidend

Aus der Armutsforschung ist bekannt, dass bei der Suche nach diesen Kriterien nicht auf vermeintliche objektive Merkmale zurückgegriffen werden kann. Da es sich bei der Armut in wohlhabenden Gesellschaften um ein relatives Problem handelt, sind immer normative Entscheidungen notwendig: Entschieden werden muss, ab welchem Maß der Unterschreitung des durchschnittlichen Lebens- und Einkommensstandards der Zustand der Einkommensarmut besteht. Unstrittig ist, dass zur Bestimmung von Einkommensarmut nicht das individuelle, sondern das verfügbare und nach Bedarf gewichtete pro Kopf-Haushaltseinkommen als Maßstab dient.

Einkommensquellen der älteren Bevölkerung, 2011Einkommensquellen der älteren Bevölkerung, 2011 (© bpb)
Zu berücksichtigen sind also sämtliche um Abzüge bereinigte Einkommenszuflüsse, die in einem Haushalt zusammenfallen. Gesetzliche Renten, Betriebsrenten, private Leibrenten, Beamtenpensionen, Renten aus Versorgungswerken der freien Berufe, Wohngeld, Kapitaleinkünfte und auch Hinterbliebenenrenten müssen addiert und um Steuern und Beiträge gemindert werden.

Die in aller Regel niedrigen Renten von Ehefrauen sind deshalb nur begrenzt mit Einkommensproblemen bis hin zur Altersarmut verbunden, da die Alterseinkommen, die dem Mann zufließen, meist den Hauptbestandteil des Haushaltseinkommens ausmachen. Allerdings: Die Eigenständigkeit der Alterssicherung von Frauen ist damit nicht gegeben; die Frauen bleiben in ihrem Lebensstandard - in der Erwerbsphase wie in der Altersphase - auf Unterhaltsleistungen ihrer Ehemänner angewiesen (vgl. Ausbau der Alterssicherung von Frauen).

Zwei Konzepte

Ob nun ein niedriges Haushaltseinkommen das Kriterium "Armut" erfüllt, hängt entscheidend von der Festlegung der Armutsschwelle ab. Es muss ein Grenzwert bestimmt werden, der "arm" von "nicht arm" unterscheidet. Zwei Vorgehensweisen haben sich in der Armutsforschung etabliert (vgl. Kasten). Zum einen kann Bezug genommen werden auf die empirisch gemessene Einkommensverteilung, aus der dann ein Schwellenwert abgeleitet wird. Zum anderen lässt sich das politisch-institutionell festgelegte Bedarfsniveau der Grundsicherung (SGB XII und SGB II) als Maßstab verstehen. Beiden Vorgehensweisen ist gemeinsam, dass sie nur auf die monetäre Einkommensdimension abstellen (d. h. andere Aspekte wie die Verfügung über private und öffentliche Güter oder soziale Inklusion/Exklusion außer Acht lassen) und dass sie nicht auf Individualeinkommen, sondern auf den Haushalt als Wirtschaftseinheit abstellen.

Zudem existieren verschiedene Datengrundlagen, mit denen man Armut messen kann. Entscheidend ist, ob alle Bevölkerungsgruppen sowie deren verfügbare Haushaltseinkommen repräsentativ erfasst werden und was unter "Einkommen" verstanden wird. Wichtigste Datengrundlagen zur Ermittlung von Armutsrisikoquoten sind in Deutschland neben den Großerhebungen der amtlichen Statistik [1] noch das sog. "Sozioökonomische Panel" (SOEP). Da diese Erhebungen Stichproben sind und unterschiedliche Grundgesamtheiten abbilden, kommt es zu statistischen Unsicherheiten und methodischen Ergebnisdifferenzen, so z. B. wenn höhere Einkommen ab 18.000 Euro/Monat in einem Teil dieser Erhebungen gar nicht oder untererfasst werden.

Quellentext

Zwei Definitionen und Messverfahren von Einkommensarmut

Die beiden wichtigsten Definitionen und Grenzen zur Ermittlung des Bevölkerungsanteils in Armut sind:

Die politisch normative Setzung eines Betrages, der zur Deckung des soziokulturellen Existenzminimums eines Haushalts nötig ist.

Dies ist der Satz der Sozialhilfe bzw. der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung (vgl. Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung). Dieser Satz (Eckregelsatz) liegt 2016 bei 404 € für Alleinstehende bzw. 2 x 364 € bei (Ehe-)Partnern im gleichen Haushalt (= je 90% des Eckregelsatzes). Hinzu kommen noch die (angemessenen) Wohnkosten, über die dann auch regionale Preisniveaudifferenzen im Wohnungsmarkt in die Berechnung der Armutsgrenze einfließen.

Datengrundlage zur Ermittlung von Zahl und Struktur der Bezieher ist die amtliche Sozialhilfestatistik. Arme im Sinne dieser Betrachtungsweise sind dann die Personen, die in Bedarfsgemeinschaften/Haushalten leben, in denen das Einkommen unterhalb dieses Betrages liegt und aufgestockt werden muss.

Die Ableitung einer Einkommenshöhe als Armutsgrenze aus den Daten der Einkommensverteilung.

Diese in der Politik und Wissenschaft üblich gewordene Messung der sog. relativen Armut bezeichnet als Arme diejenigen, die mit ihrem aus dem Haushaltseinkommen abgeleiteten pro-Kopf-Einkommen unterhalb der sog. Armutsrisikoschwelle/-grenze liegen. Diese Schwelle bzw. Grenze wird üblicherweise bei 60 Prozent des Medianeinkommens der Bevölkerung festgesetzt. Der Median in einer Einkommensverteilung ist derjenige Wert, der genau in der Mitte liegt. 50 Prozent der Haushalte haben ein Einkommen über, 50 Prozent eines unterhalb des Medians. Personen in Haushalten mit einem Einkommen unterhalb dieser Grenze gelten als arm; ihr Anteil an der jeweiligen Population ist die Armuts(risiko)quote.

Bei den Einkommen handelt es sich um Nettoäquivalenzeinkommen: Aus dem verfügbaren Haushaltseinkommen werden nach dem Bedarf gewichtete Einkommen berechnet, die berücksichtigen, dass mehrere Personen beim gemeinsamen Wirtschaften Kostenvorteile erzielen. Gemäß der heute üblichen sog. "neuen OECD-Skala" werden dem ersten Haushaltsmitglied ein Punktwert von 1,0, jeder weiteren Person im Haushalt über 14 Jahren 0,5 und jedem Kind unter 14 Jahren 0,3 Punkte zugeordnet. Das gesamte Haushaltsnettoeinkommen dividiert durch die gesamte Punktzahl ergibt dann das so genannte Nettoäquivalenzeinkommen. Diese Nettoäquivalenzeinkommen werden dann mit dem durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommen der Bevölkerung verglichen.

Weitere Armutsdimensionen

Neben den beiden genannten einkommensbezogenen Armutsdefinitionen sind in der Literatur auch weitere Indikatoren gängig, auf die hier aber nur kurz eingegangen werden soll, so z. B. zur materiellen Deprivation und subjektive Bewertungen. Zu ersteren gehören Angaben zur Verbreitung und Defiziten bei Lebensstandardmerkmalen (wie z. B. die Verfügung über WC und Bad/Dusche in der Wohnung, über ein Telefon oder ob man sich z. B. mindestens jeden zweiten Tag eine warme Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder Gemüse leisten könne etc.). Zu letzteren gehören Angaben aus Befragungen, ob man sich (große) Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation mache, ob man mit dem Haushaltseinkommen ganz und gar unzufrieden sei oder ob man glaube, sehr viel weniger als einen gerechten Anteil am Lebensstandard zu erhalten.

Insgesamt gesehen schneiden Ältere bei den Kennziffern zur materiellen Deprivation besser ab als Jüngere (vgl. Breite Streuung der Lebenslagen Älterer - Materielle Teilhabedimensionen) Auch ihre subjektiven Bewertungen der eigenen materiellen Lage sind etwas seltener ganz schlecht als bei Jüngeren. Ältere mit sehr geringen Einkommen schneiden aber in den meisten Dimensionen deutlich schlechter ab als Ältere mit höheren Einkommen [2].

Bei der subjektiven Bewertung der finanziellen Absicherung in verschiedenen Lebenssituationen zeigte sich in der Befragung zum Sozio-oekonomischen Panel z. B. für Westdeutschland ein klarer Einfluss eines niedrigen Einkommens auf das Urteil der Befragten (vgl. Tabelle "Durchschnittliche Bewertung der finanziellen Absicherung in verschiedenen Lebenssituationen"). Die Bewertung der finanziellen Absicherung im Alter ist deutlich schlechter als diejenige im Krankheitsfall und liegt etwa gleichauf mit der Bewertung der Absicherung bei Arbeitslosigkeit. Noch schlechter wird die Absicherung bei Pflegebedürftigkeit bewertet. Insgesamt urteilen ab 65-Jährige mit einer Durchschnittsnote von 2,9 sogar bei der Absicherung im Alter positiver als alle ab 18-Jährigen. Besonders negativ fällt mit einer Note von 3,6 das Urteil bei den Befragten im Armutsrisiko aus. Das ist ein noch schlechterer Durchschnittswert als bei den Älteren im Armutsrisiko.

Durchschnittliche Bewertung der finanziellen Absicherung in verschiedenen Lebenssituationen in Westdeutschland 2012

Skalenmittelwerte

ABCD
Insgesamt 2,5 3,2 3,2 3,6
ab 65 Jahre 2,5 3,0 2,9 3,4
unter Armutsschwelle 2,8 3,4 3,6 3,8
ab 65 Jahre und unter Armutsschwelle 2,9 3,4 3,4 3,8

Skala von 1 (=sehr gut) bis 5 (=sehr schlecht)
Absicherung Lebenssituation: A - bei Krankheit, B - bei Arbeitslosigkeit, C - für Alter, D - für Pflegebedürftigkeit
Quelle: Eigene Berechnungen (mit SOEP)

Derartige Befunde korrespondieren mit einem Ergebnis, das sich in verschiedensten eigenen Befragungen von älteren Beschäftigten in Betrieben findet: Befragt nach ihren Erwartungen bezüglich der Veränderungen ihres Lebens durch den Übergang in die Rente artikulieren diese Personen mehrheitlich positive Erwartungen. Das gilt für alle Aspekte wie Familienleben, Gesundheit, soziale Kontakte, Freizeit und auch die finanzielle Lage. Bei letzterer aber in weit geringerem Maß. Die parallele Befragung von bereits im Ruhestand befindlichen vormals abhängig Beschäftigten zeigt, dass die mit dem Renteneintritt erlebten Veränderungen in den verschiedenen Lebensbereichen von einem jeweils etwas kleineren Anteil positiv bewertet werden (als es dem Optimismus der noch Beschäftigten entspricht). Nur bei dem Thema "Finanzen im Alter" ist der Anteil derer mit negativen Erfahrungen deutlich höher als bei den anderen Lebensbereichen.

Bevölkerungsanteil mit Sorgen im persönlichen LebenBevölkerungsanteil mit Sorgen im persönlichen Leben (PDF-Icon Grafik zum Download 57 KB) (© bpb)
Bezieht man solche subjektiven Indikatoren mit ein, wofür sehr viel spricht, so ist schließlich der folgende deutschlandweite Befund aus einer repräsentativen Umfrage bei ab 18-Jährigen aus dem Jahr 2012 besonders beachtenswert. Befragt nach den Sorgen im persönlichen Leben rangieren zwei Befürchtungen mit Anstand an erster Stelle (vgl. Abbildung "Bevölkerungsanteile mit Sorgen im persönlichen Leben"). Dies sind erstens die Angst, im Alter pflegebedürftig zu werden und zweitens die Furcht vor einer unzureichenden finanziellen Altersversorgung. Andere Ängste wie die vor einer schweren Erkrankung oder Arbeitslosigkeit, diejenige Opfer einer Straftat oder eines Anschlags zu werden, sind dagegen deutlich weniger verbreitet.

Fußnoten

1.
Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS), Mikrozensus (MZ), "Leben in Europa" (EU-SILC)
2.
Vgl. Deutscher Bundestag 2011, S. 50 ff.
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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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