30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Grenzen einer familiären Absicherung

Die älteste, ursprüngliche Form der Unterhaltssicherung für die nicht (mehr) erwerbstätigen und erwerbsfähigen Älteren ist die Unterstützung durch Familienangehörige, vor allem durch Kinder und Enkelkinder oder Verwandte. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein waren es vor allem die Familien, die den Lebensunterhalt ihrer älteren und kranken Angehörigen durch Unterhaltsleistungen gesichert haben.

Großfamilie auf Familienporträt in schwarz-weiß.Die familiäre Absicherung bot älteren Menschen wenig mehr als ein Existenzminimum und zwängte sie in eine hohe ökonomische wie private Abhängigkeit von den anderen Familienmitgliedern. (© Riekes Vater / photocase.com)


Ein Rückblick: Die Familie als Garant der Alterssicherung

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein waren es vor allem die Familien, die den Lebensunterhalt ihrer älteren und kranken Angehörigen durch Unterhaltsleistungen gesichert haben. Die in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzende Sozialversicherungspolitik war zunächst nur als Ergänzung, nicht aber als Ersatz der Familienhilfe angelegt.

Schon bald zeigte sich, dass im Zuge von Industrialisierung und Modernisierung der Gesellschaft die traditionellen familiären Unterstützungssysteme brüchig wurden. Dies ist bereits erkennbar, wenn man sich die familiäre Absicherung älterer Menschen in der vorindustriellen Zeit vor Augen führt. Im Gegensatz zu manchen idealistisch verklärten Vorstellungen bot sie den älteren Menschen damals wenig mehr als ein Existenzminimum und zwängte sie in eine hohe ökonomische wie private Abhängigkeit von den anderen Familienmitgliedern.

Zur familiären Hilfe müssen die objektive Fähigkeit und die subjektive Bereitschaft bestehen. Die Fähigkeit zur Unterstützung hängt zentral von der Einkommensposition des "Ernährers" ab. Insofern bleiben Höhe und Kontinuität von familiären Unterhaltsleistungen eng an Höhe und Kontinuität der Erwerbseinkommen gebunden. Beim Ausfall des Ernährers infolge von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Erwerbsunfähigkeit oder Tod gerät unmittelbar die gesamte Familie in Existenznöte. Ein Rückgriff auf entfernte Verwandte ist zur Abdeckung von Einkommensausfällen nur sehr begrenzt möglich und muss, zumal wenn es um dauerhafte Leistungen geht, als gering eingeschätzt werden, es sei denn, eine starke Verringerung des eigenen Lebensstandards bis hin zur Armut würde akzeptiert.

Familienstand von Männern und Frauen 60 Jahre und älter im Jahr 2011Familienstand von Männern und Frauen 60 Jahre und älter im Jahr 2011 (© bpb)
Bei der Bereitschaft zur Unterstützung muss zudem berücksichtigt werden, dass der Wandel von Familienstrukturen und Lebensformen (Auflösung des Mehrgenerationenhaushalts, zunehmende berufliche und regionale Mobilität) eine Auflockerung traditioneller Verpflichtungen eingeleitet hat, die von der Einführung sozialer Sicherungssysteme begleitet wurde. Der Trend zur Individualisierung der Lebensformen und das Bestreben zum Abbau finanziell bestimmter persönlicher Abhängigkeiten haben dazu geführt, dass sich in modernen Gesellschaften familiäre Unterhalts- und Unterstützungsleistungen weitgehend auf Leistungen zwischen (Ehe)Partnern einerseits und zwischen Eltern und Kindern andererseits beschränken. Bereits anhand einer groben Analyse des Familienstands von Älteren wird erkennbar, dass ein erheblicher Anteil der Älteren ledig, geschieden oder verwitwet ist (vgl. Abbildung "Familienstand von Männern und Frauen über 60 Jahren 2011").

Demografische Trends

Entwicklung der Bevölkerung und Altersstruktur 1960 – 2060Entwicklung der Bevölkerung und Altersstruktur 1960 – 2060 (PDF-Icon Grafik zum Download 59 KB) (© bpb)
Der Rückgang der Geburtenhäufigkeit bedeutet, dass ein wachsender Teil der älteren Menschen überhaupt keine Kinder bzw. weniger Kinder hat, von denen sie im Bedarfsfall im Alter unterstützt werden könnten. Angesichts der hohen und steigenden Lebenserwartung (zu den demografischen Rahmenbedingungen vgl. Alterssicherung und Bevölkerungsentwicklung) wird es im Familienverband nahezu unmöglich, den älteren Angehörigen über Jahrzehnte hinweg ein ausreichendes Einkommen und Lebensniveau zu garantieren. Immerhin steigt der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung von 20,6 Prozent im Jahr 2010 auf 32,6 Prozent in 2060. Für die über 80-Jährigen prognostiziert die 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung der amtlichen Statistik einen Anstieg von 5 auf 13,2 Prozent für den gleichen Zeitraum (vgl. Abbildung "Entwicklung von Bevölkerung und Altersstruktur").

i

Ein Beispiel

Die fernere Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren beträgt heute bei Frauen im Durchschnitt bereits 21,0 Jahre. Die Zahl der Frauen im Lebensalter von 85 Jahren und mehr steigt seit Jahren an und lag Ende 2013 bei etwa 1,7 Mio. Personen. Dies bedeutet, dass das Kind/die Kinder der 85jährigen und älteren Mutter teilweise selbst schon älter als 65 Jahre ist/sind und kein eigenes Erwerbseinkommen mehr bezieht/beziehen.

Die sinkende Leistungsfähigkeit zur finanziellen Unterstützung durch die Familie war - neben der zunehmenden Überforderung der kommunalen Armenfürsorge - historisch der entscheidende Anlass zum Aufbau von Alterssicherungssystemen, welche die familiären Einkommensübertragungen zunächst ergänzt und schließlich weitgehend ersetzt haben.

Familiäre Unterstützung heute: Eher von den Älteren zu den Jüngeren

Im Ergebnis sind es heute häufiger die Alten, die die Jungen finanziell unterstützen: Mehr Eltern, Großeltern und auch Urgroßeltern lassen ihren Kindern, Enkel- und Urenkelkindern Sach- und Geldgeschenke zukommen als umgekehrt. Ohne die finanzielle Unterstützung und Hilfen durch die Eltern- und Großelterngeneration könnte eine wachsende Zahl von jüngeren Familien und vor allem von Alleinerziehenden oft kaum über die Runden kommen.

Generationenbeziehungen beschränken sich aber keineswegs auf monetäre Leistungen: Die persönlichen Kontakte zwischen Eltern und Kindern enden nicht mit der Auflösung der Ursprungsfamilie, sondern werden über Haushaltsgrenzen hinweg aufrechterhalten – auch dann, wenn große Entfernungen zu überbrücken sind. Viele Menschen sind bis ins höchste Alter hinein sozial aktiv und engagieren sich im familiären oder nachbarschaftlichen Raum. Großeltern sind unverändert eine wichtige Stütze für die Betreuung der Enkelkinder, wenn die Eltern Beruf und Familie in Einklang bringen wollen. Großeltern sind bei Kindern bis zum vierten Lebensjahr in fast der Hälfte der Fälle an der Kinderbetreuung beteiligt. Auf der anderen Seite unterstützen die Kinder ihre hilfs- oder pflegebedürftigen Eltern. Noch nie waren die Familien so stark in der privaten Pflege von älteren Angehörigen engagiert wie heute. Mehr als vier Fünftel der zu Hause versorgten Pflegebedürftigen werden von Personen aus dem engen verwandtschaftlichen Umfeld versorgt, und dies trotz wachsender physisch-psychischer Belastungen durch die Dauerpflege von immer schwerer wiegenden Fällen von Pflegebedürftigkeit.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikation zum Thema

Die Zukunft des Generationenvertrags

Die Zukunft des Generationenvertrags

Wie können langfristig ein angemessenes Rentenniveau, eine tragbare Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen und ein Schutz vor Altersarmut gesichert werden? Ebert fordert eine Reform des Rentensystems, bei der die Finanzierungsbasis verbreitert und die solidarische Umverteilung gestärkt wird.Weiter...

Zum Shop

Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Jetzt ansehen

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung.

Mehr lesen

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten?

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen