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Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Altersübergänge: Berufsaufgabe und Renteneintritt

Die Regelaltersgrenze lag bis Ende 2011 bei 65 Jahren. Die Vorstellung, dass alle ArbeitnehmerInnen bis dahin gearbeitet haben und bruchlos von ihrer (versicherungspflichtigen) Beschäftigung in den Rentenbezug übergegangen sind, stimmt jedoch nicht mit der Realität überein.

Demonstration gegen Einführung der Rente mit 67Ein Mann protestiert im Februar 2007 in Berlin während einer vom Deutschen Gewerkschaftsbund organisierten Demonstration gegen die Einführung der Rente mit 67. (© picture alliance / ASSOCIATED PRESS )

Mehrere Faktoren sprechen dagegen:

  • Der (endgültige) Erwerbsaustritt und der Renteneintritt sind nicht identisch. Die Zeitpunkte der Aufgabe der Berufstätigkeit und des Erstbezugs einer Rente können weit auseinander liegen.

  • Mit dem Erreichen der Regelaltersgrenze muss die Erwerbstätigkeit nicht aufgegeben und eine Rente beantragt werden. Eine Weiterarbeit ist durchaus möglich und wird durch die Zahlung von Zuschlägen sogar honoriert.

  • Neben dem Bezug einer Altersrente kann weiterhin einer Erwerbsarbeit nachgegangen werden. Dieser Hinzuverdienst ist bei vorgezogenen Altersrenten durch Hinzuverdienstgrenzen limitiert; ab Erreichen der Regelaltersgrenze aber uneingeschränkt möglich.

  • Neben der Regelaltersgrenze von 65 Jahren gab und gibt es eine Reihe alternativer Altersgrenzen, die zum Bezug einer vorgezogenen Altersrente berechtigen. Der Bezug einer Erwerbsminderungsrente ist nicht an ein fortgeschrittenes Lebensalter gebunden, sondern kann je nach Gesundheitszustand und Erwerbsfähigkeit schon in frühen Jahren erfolgen.

Wege des vorzeitigen Erwerbsaustritts

Ein endgültiger Berufsaustritt deutlich vor Erreichen der jeweiligen Altersgrenzen ist auf verschiedenen Wegen möglich:
  • Zum einen gab und gibt es seit den 1980er Jahren – teilweise bis in die Gegenwart hineinreichend – eine Reihe betrieblicher und arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen und Programme einer betrieblichen Frühausgliederung, um einen Personalabbau sozialverträglich zu gestalten und jüngeren Menschen eine Beschäftigungschance zu bieten. Zu nennen sind hier vor allem der Vorruhestand und die Altersteilzeit. Bei der in den zurückliegenden Jahren intensiv in Anspruch genommenen Altersteilzeit handelt es sich um eine Arbeitszeitverkürzung, die in aller Regel geblockt in Anspruch genommen wurde: Bei diesem Blockmodell folgt im Anschluss an eine Aktivphase, in der die Arbeitszeit beibehalten wird, eine Passivphase, in der die Arbeitszeit auf "Null" reduziert wird. In beiden Phasen wurde das reduzierte Bruttoentgelt durch Zuschüsse aufgestockt, so dass die Einkommenseinbußen begrenzt blieben. Beginn und Ende der Altersteilzeit wurden so gelegt, dass im Anschluss an die Passivphase ein vorzeitiger Altersrentenbezug möglich ist.

  • Für viele ältere ArbeitnehmerInnen ist das Verweilen in Langzeitarbeitslosigkeit gleichbedeutend mit einem vollständigen, aber unfreiwilligen Rückzug vom Arbeitsmarkt. Da mit steigendem Lebensalter und in Abhängigkeit von der Qualifikation und der Gesundheit der Betroffenen sowie von der Arbeitsmarktlage häufig keine Möglichkeit einer Wiederbeschäftigung besteht, erfolgt der Übergang in den Rentenbezug aus einer langjährigen Arbeitslosigkeit und dem Bezug von Leistungen der Grundsicherung (Hartz IV) heraus.

  • Immer noch unterbrechen viele Frauen (in den alten Bundesländern) wegen der Kindererziehung dauerhaft ihre Berufstätigkeit. Sie kehren auch dann nicht wieder ins Erwerbsleben zurück, wenn die Kinder älter geworden sind, sei es weil sie keinen Arbeitsplatz finden oder weil sich an die Phase der Kindererziehung eine Phase der Pflege von älteren Familienangehörigen anschließt. Der Renteneintritt erfolgt in diesen Fällen aus der Nicht-Erwerbstätigkeit und einem so genannten passiven Versicherungsverhältnis heraus.

Weiterarbeit

Eine Weiterarbeit auch über die Regelaltersgrenze hinaus ist durch das Rentenrecht ausdrücklich vorgesehen. Dem Beschäftigten werden keine Beiträge mehr einbehalten, hingegen muss der Arbeitgeber weiterhin den Beitragsanteil abführen, der zu zahlen wäre, wenn der beschäftigte Vollrentenbezieher versicherungspflichtig wäre. Dieser Beitrag hat jedoch keine Auswirkungen mehr auf die Rentenansprüche des Rentners. Für jeden über die Regelaltersgrenze hinaus versicherungspflichtig länger gearbeiteten Monat wird ein monatlicher Rentenzuschlag von 0,5 Prozent gezahlt. Dass diese Möglichkeit de facto aber kaum genutzt wird, hängt insbesondere von nach wie vor ungünstigeren Beschäftigungschancen für ältere ArbeitnehmerInnen ab, und auch davon, dass viele ArbeitnehmerInnen aus gesundheitlichen Gründen nicht bis in dieses Alter arbeiten können (vgl. Altersgrenzen, Alterserwerbstätigkeit, flexible Altersübergänge) .

Hinzuverdienste und Hinzuverdienstgrenzen

Für alle Renten, die vor der Regelaltersgrenze bezogen werden, gelten enge Hinzuverdienstgrenzen (seit 2012 in Höhe von 450 Euro im Monat). Bei einem flexiblen bzw. gleitenden Übergang in den Ruhestand (vgl. Altersgrenzen, Alterserwerbstätigkeit, flexible Altersübergänge) durch Bezug einer Teilrente von ⅓, ½ oder ⅔ der Vollrente bestehen in West- und Ostdeutschland unterschiedliche Regeln. Grundsätzlich orientieren sich die Hinzuverdienstgrenzen hierbei rechnerisch an der Höhe der Entgeltpunkte in den letzten drei Jahren vor Rentenbeginn. Diese Grenzen sind dynamisiert (entsprechend der Lohnentwicklung). Angerechnet werden als Hinzuverdienste nur Einkommen aus abhängiger und selbstständiger Tätigkeit.

Ab Erreichen der Regelaltersgrenze gibt es keine Hinzuverdienstbeschränkungen mehr, d.h. neben der Rente kann ein Erwerbseinkommen in unbegrenzter Höhe erzielt werden.

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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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