Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Kindererziehung als Risiko für die spätere Rente

Die lohn- und beitragsbezogene Rentenversicherung lässt sich als ein Alterssicherungssystem charakterisieren, das sich einseitig auf die Erwerbsarbeit und das Erwerbseinkommen orientiert. Im Alter und im Fall von Erwerbsminderung soll das entfallene Einkommen in einem bestimmten Maße ersetzt werden. Personen, die entweder zeitweise oder dauerhaft nicht erwerbstätig sind, kommen in der Logik dieses Systems im Grundsatz nicht vor. Dieser Ausschluss von Zeiten der Nicht-Erwerbstätigkeit betrifft gerade jene Tätigkeiten, die wie die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen zwar gemeinhin als gesellschaftlich erforderlich und berücksichtigenswert erachtet werden, aber nicht erwerbsförmig erfolgen.

Mutter und Baby betrachten Storchenfigur.Die Daten der Rentenstatistik zeigen, dass der Rentenanspruch einer Frau umso niedriger ist, je mehr Kinder sie erzogen hat. (© ddp/AP)


Personen, die entweder zeitweise oder dauerhaft nicht erwerbstätig sind, kommen in der Logik dieses Systems im Grundsatz nicht vor. Dieser Ausschluss von Zeiten der Nicht-Erwerbstätigkeit betrifft gerade jene Tätigkeiten, die wie die Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen zwar gemeinhin als gesellschaftlich erforderlich und berücksichtigenswert erachtet werden, aber nicht erwerbsförmig erfolgen. Die Folge ist, dass für jene Tätigkeiten, wenn sie anstatt einer Erwerbstätigkeit ausgeübt werden oder wenn sie Ursache sind für eine Reduzierung (Teilzeitarbeit) oder Unterbrechung der Erwerbstätigkeit, auch keine Rentenansprüche entstehen.

Es waren und sind die Frauen, die gemäß den Normen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung für diese "care“ Aufgaben zuständig sind - mit der Folge, dass ihre Versichertenrenten in aller Regel nur sehr niedrig ausfallen. Die Daten der Rentenstatistik zeigen, dass der eigene Rentenanspruch umso niedriger ist, je mehr Kinder erzogen wurden. Der traditionelle Weg der sozialen Absicherung der Frauen erfolgt über die Ehe und über die abgeleitete soziale Sicherung. Der Unterhalt erfolgt im Wesentlichen über das Arbeitseinkommen des Mannes, im Alter über die Rente des Mannes und im Fall des Todes des Mannes über die Witwenrente, die einen Unterhaltsersatz bieten soll (vgl. Hinterbliebenenrenten). Die Rentenversicherung kann deshalb auch als ein eheorientiertes System bezeichnet werden.

Diese Form der sozialen Absicherung von Frauen war schon immer lückenhaft und problematisch, und zwar nicht nur hinsichtlich des Leistungsniveaus, sondern auch aus grundsätzlichen Erwägungen. Bindet doch die abgeleitete Alterssicherung die Frauen an die Berufs- und Einkommenslage des Mannes, setzt eine Ehe und deren Bestand voraus und begründet keine eigenständigen Ansprüche. Die in den 1970er Jahren vermehrt einsetzende Kritik an dem tradierten Geschlechtermodell und damit einhergehenden Veränderungen in den Lebensentwürfen und Lebensläufen von Frauen haben auch – beginnend im Jahr 1986 – zu Reformen in der Rentenversicherung geführt. Im Kern geht es dabei darum, die abgeleitete Sicherung zurückzudrängen und die Zeiten von Kindererziehung und Pflege den Beitragszeiten aus einer versicherungspflichtigen Beschäftigung gleichzustellen, um so die eigenständigen Rentenansprüche der Frauen auszubauen. Die rentenrechtliche Berücksichtigung von Zeiten der Nicht-Erwerbstätigkeit war allerdings so "revolutionär“ nicht: Zeiten des Kriegs-, Wehr- und Zivildienstes, von Flucht und Vertreibung, der Ausbildung sowie von Arbeitslosigkeit und Krankheit sind (bzw. waren) schon lange zuvor - in jeweils unterschiedlicher Art und Weise - in der Rentenversicherung anerkannt worden.

Dass die Kindererziehung erst so spät "entdeckt“ wurde, hängt auch vom demografischen Wandel und dessen Folgen ab (vgl. Alterssicherung und Bevölkerungsentwicklung). So signalisierte der Rückgang der Geburtenziffer, dass es in der modernen Gesellschaft keineswegs mehr selbstverständlich ist, dass Frauen heiraten und Kinder bekommen. Wenn der Anspruch nach einer nicht nur rechtlichen, sondern auch tatsächlichen Gleichstellung mit den Männern und einer gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen und Erwerbsleben mit dem Wunsch nach Kindern vereinbart werden soll, braucht es unterstützender gesellschaftlicher Fördermaßnahmen, Infrastrukturen, Leistungen und Dienste, zu denen eben auch das Rentenrecht zählt. Kinderbezogene Regelungen in der Rentenversicherung können dazu beitragen, dass Geburt und Erziehung von Kindern nicht länger mit dem Risiko einer unzureichenden Alterssicherung verbunden sind.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikation zum Thema

Die Zukunft des Generationenvertrags

Die Zukunft des Generationenvertrags

Wie können langfristig ein angemessenes Rentenniveau, eine tragbare Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen und ein Schutz vor Altersarmut gesichert werden? Ebert fordert eine Reform des Rentensystems, bei der die Finanzierungsbasis verbreitert und die solidarische Umverteilung gestärkt wird.Weiter...

Zum Shop

Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Jetzt ansehen

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung.

Mehr lesen

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten?

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen