Rentenpolitik

Unterschiedliche Rentenberechnung


16.11.2016
Zwar gilt in den neuen Bundesländern seit 1992 das westdeutsche Rentenrecht. Dennoch waren bei dieser Integrationsaufgabe die völlig unterschiedlichen individuellen (Erwerbsbiografien) und volkswirtschaftlichen (Lohnentwicklung und -niveau) Voraussetzungen der Rentnerinnen und Rentner in Ost und West zu berücksichtigen.

Alte Frau zählt Münzen in ihrem Geldbeutel.Der aktuelle Rentenwert Ost orientiert sich an den Durchschnittsentgelten Ost und folgt dementsprechend auch der Lohnentwicklung in den neuen Bundesländern. (© Bundesregierung, B 145 Bild- 00042739/ Foto: Fassbender, Julia | 24.September 1998)


Die vormals unabhängig voneinander existierenden staatlichen Alterssicherungssysteme der BRD und der DDR sind nach der Vereinigung zu einem gesamtdeutschen Alterssicherungssystem auf der Grundlage der westdeutschen Regelungen zusammengeführt worden. Aber nach wie vor gibt es im Rentenrecht spezifische, nur für die neuen Bundesländer geltende Bestimmungen. Dies betrifft insbesondere
  • die unterschiedliche Berechnung der persönlichen Entgeltpunkte,
  • die unterschiedliche Höhe des aktuellen Rentenwerts.

Quellentext

So heißt es in § 254b (1) SGB VI:

"Bis zur Herstellung einheitlicher Einkommensverhältnisse im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland werden persönliche Entgeltpunkte (Ost) und ein aktueller Rentenwert (Ost) für die Ermittlung des Monatsbetrags der Rente aus Zeiten außerhalb der Bundesrepublik Deutschland ohne das Beitrittsgebiet gebildet, die an die Stelle der persönlichen Entgeltpunkte und des aktuellen Rentenwerts treten".



Hochwertung der Arbeitsentgelte



Die persönlichen Entgeltpunkte errechnen sich nach der Rentenformel als Verhältnis des individuellen Arbeitsentgelts zum Durchschnittseinkommen, multipliziert mit dem Zugangsfaktor (Dieser berücksichtigt z. B. Abschläge bei vorzeitigem Renteneintritt). Ein Arbeitnehmer mit einem Durchschnittseinkommen erwirbt dabei nach einem Jahr der Beitragszahlung genau einen Entgeltpunkt. Dies entspricht dem Prinzip der Teilhabeäquivalenz. Allerdings gelten nach dem Rentenrecht als Maßstab für die Durchschnittseinkommen die westdeutschen Entgelte. Würden nun die ostdeutschen Entgelte ins Verhältnis zu den westdeutschen Durchschnittsentgelten gesetzt, würden sich für die Versicherten in den neuen Bundesländern nur sehr geringe Entgeltpunkte ergeben. Denn zu Beginn der Vereinigung lagen die Verdienste in den neuen Ländern deutlich niedriger als im Westen. Die Bestandsrenten wie auch die Zugangsrenten in den neuen Ländern wären lediglich minimal gewesen.

Deshalb gilt die Regelung, dass die individuellen Arbeitsentgelte im Osten auf das Westniveau hochgewertet werden. Rückwirkend für die Vergangenheit und auch fortlaufend für die Zeit nach der Rentenüberleitung werden demnach zur Ermittlung der Entgeltpunkte (Ost) die auf dem Gebiet der neuen Bundesländer erzielten Bruttolöhne und -gehälter mit einem gesetzlich festgelegten Hochwertungsfaktor multipliziert und dann ins Verhältnis zum westdeutschen Durchschnittseinkommen des jeweiligen Jahres gesetzt. Der Hochrechnungswert entspricht dabei in jedem Jahr dem Verhältnis, in dem das Durchschnittsentgelt West zum Durchschnittsentgelt Ost steht. Dabei zeigt sich, dass die durchschnittliche Lohndiskrepanz zwischen Ost- und Westdeutschland im Zeitverlauf deutlich geringer geworden ist.

Dieses Verfahren führt dazu, dass für ein Durchschnittsentgelt in den neuen Bundesländern (gemessen an den dortigen Werten) Entgeltpunkte gut geschrieben und insofern eine Gleichbehandlung mit den Versicherten in den alten Bundesländern erreicht wird. Denn auch in den alten Ländern führt ein Durchschnittsentgelt zu einem Entgeltpunkt.

In der nachfolgenden Übersicht finden sich zwei Beispielrechnungen, zum einen für ein Beitragsjahr (1985) in der ehemaligen DDR mit einem monatlichen Einkommen von 600 Mark, zum anderen für ein Beitragsjahr (2008) mit einem monatlichen Einkommen von 2.000 € in den neuen Bundesländern.

Übersicht

Exemplarische Berechnung der Entgeltpunkte in den neuen Bundesländern

  1. Berechnung der Zugangsrenten für das Beitragsjahr 1985 in der DDR
    600 Mark x 12 = 7.200 Mark im Jahr
    • Hochrechnung auf Westniveau für 1985: 3,3129
      7.200 Mark x 3,3129 = 23.852,88 DM

    • in Relation zum durchschnittlichen Bruttojahresentgelt (West) für das Jahr 1985: 35.286 DM

      23.352,88 DM= 0,676 EP (Ost) für 1985
      35.286,00 DM
  2. Berechnung der Zugangsrenten für das Beitragsjahr 2008 in den neuen Bundesländern
    2000,00 € x 12 = 24.000,00 €
    • Hochrechnung auf Westniveau für 2008: 1,1827
      24.000,00 € x 1,1827 = 28.384,80 €

    • in Relation zum durchschnittlichen Bruttojahresentgelt (West) für das Jahr 2008: 30.084 €

      28.384,80 €= 0,944 EP (Ost) für 2008
      30.084,00 €

Quelle: Eigene Berechnungen


Der Hochrechnungswert entspricht dabei in jedem Jahr dem Verhältnis, in dem das Durchschnittsentgelt West zum Durchschnittsentgelt Ost steht. Für das Jahr 2008 beträgt der Wert 18,3 Prozent und für 2014 kann von einem Wert von 17,2 Prozent ausgegangen werden.

Festlegung und Anpassung des aktuellen Rentenwerts



Bei der Rentenüberleitung musste sichergestellt werden, dass neben der angemessenen Berücksichtigung der in der DDR erworbenen Rentenansprüche und -anwartschaften auch die unterschiedliche Ausgangssituation bei den Einkommensverhältnissen berücksichtigt wird. Das rentenpolitische Sicherungsziel war und ist das Erreichen des entsprechenden Nettorentenniveaus (d. h. Relation zum Durchschnittsverdienst), das im selben Kalenderjahr auch in den alten Bundesländern erreicht wurde.

Neben der Hochwertung der durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter wurden und werden deshalb die Entgeltpunkte (EP) in Ost- und Westdeutschland beim Rentenzugang mit einem jeweils unterschiedlichen aktuellen Rentenwert (aRw) multipliziert. Neben der unterschiedlichen Berechnung und den unterschiedlichen Ausgangsniveaus des aktuellen Rentenwertes (Ost) erfolgte auch die Anpassung des Rentenbestandes in den neuen Bundesländern anders als in den alten. Die Anpassung orientiert sich dabei an der Einkommensentwicklung in den neuen Ländern. Mit dem Rentenversicherungs-Nachhaltigkeitsgesetz wurde zudem im Jahre 2004 eine Schutzklausel (Ost) im SGB VI verankert, die sicherstellt, dass der aktuelle Rentenwert (Ost) mindestens im gleichen Maße wie der aktuelle Rentenwert ansteigt.

Anpassung der Bruttorenten in den neuen Bundesländern, 1991 – 2015Anpassung der Bruttorenten in den neuen Bundesländern, 1991 – 2015 (PDF-Icon Grafik zum Download 137 KB) (© bpb)
Die Abbildung "Anpassung der Bruttorenten in den neuen und alten Bundesländern 1990-2015" verdeutlicht die Entwicklung des aktuellen Rentenwerts in den neuen Ländern im Vergleich zur Anpassung in den alten Ländern seit 1991. Sichtbar wird, dass es in den neuen Ländern bis 1986 zweimal im Jahr Anpassungen gab, um den schnellen Anstieg der Löhne im Beitrittsgebiet abbilden zu können und auch für die Rentner wirksam werden zu lassen.

Im Ergebnis hat sich der aktuelle Rentenwert Ost in den ersten Jahren nach der Vereinigung sehr deutlich erhöht. Entsprechend haben sich auch die Rentenzahlbeträge steil nach oben entwickelt. Erkennbar wird dies, wenn man die sog. Standardrente (Durchschnittsverdienst und 45 Versicherungsjahre = 45 Entgeltpunkte) betrachtet (vgl. Tabelle "Rentenanpassungen, Standardrenten, Rentenniveau 1991-2015" am Ende des Textes). Die Standardrente Ost (brutto) lag zum 01.07.1992 bei etwa 1.200 DM, d.h. 62,3 Prozent der Standardrente West von fast 2000 DM. 23 Jahre später (2015) liegen die entsprechenden Standardrenten brutto bei 1.217 Euro (Ost) und 1.315 Euro (West). Das entspricht einem Verhältnis von 91,5 Prozent.

Anhaltende Abweichungen des aktuellen Rentenwerts



Aktueller Rentenwert Ost und aktueller Rentenwert (alte Bundesländer) 1992 – 2015Aktueller Rentenwert Ost und aktueller Rentenwert (alte Bundesländer) 1992 – 2015 (PDF-Icon Grafik zum Download 133 KB) (© bpb)
Wie bereits beschrieben hat sich jedoch seit Anfang 2000 der Anpassungsprozess der Löhne in den neuen Ländern merklich verlangsamt. In der Folge stagniert zwischen 2000 und 2012 das Verhältnis der Bruttostandardrenten Ost/weitgehend. Erst seit 2012 gibt es wieder einen Aufwärtstrend. Auch wenn damit formal der Idee der Rentenformel genüge geleistet werden mag, so demonstrieren die Unterschiede, dass das sozial- und wirtschaftspolitisch angestrebte Ziel noch nicht erreicht ist. Die Folge ist auch eine psychologisch belastende Unterschiedlichkeit im Rentenrecht Ost und West. Dies zudem in einer Zeit, in der das Rentenniveau sukzessive abgesenkt wird.

Sonderregelungen im Beitragsrecht



Im System der dynamischen Rente werden mit der jährlichen Anpassung der aktuellen Rentenwerte auch die Entgeltbereiche angepasst, für die Beiträge zu zahlen sind. Seit der Wende hat sich das anfangs große Lohngefälle zwischen alten und neuen Bundesländern bereits stark angenähert, besteht aber weiterhin. Es erfordert deshalb besonderer Regelungen zur Beitragsbemessungsgrenze und zur Bezugsgröße, um zu vermeiden, dass Versicherte zu hohe Beiträge leisten. Dem entsprechend gibt es für beide Gebiete unterschiedliche Beitragsbemessungsgrenzen und unterschiedliche Bezugsgrößen bei einem einheitlichen Beitragssatz. Diese werden jährlich der Einkommensentwicklung angepasst. Die aktuelle Beitragsbemessungsgrenze Ost (für die allgemeine Rentenversicherung, ohne Knappschaft) erreicht 87,1 Prozent des Westwerts. Auch hier zeigen die Daten den Prozess der Angleichung (vgl. Tabelle "Beitragsbemessungsgrenze für die allgemeine Rentenversicherung").

Beitragsbemessungsgrenze für die allgemeine Rentenversicherung

monatlich

JahrWestOstOst zu West in %
2015 6.200 €5.400 €87,1
2013 5.800 € 4.900 € 84,5
2003 5.100 € 4.250 € 83,3
1992 6.800 DM 4.800 DM 70,6

Quelle: Deutsche Rentenversicherung Bund (2015b), S. 266.


Rentenanpassungen Standardrenten, Rentenniveau 1991 – 2015

ZeitpunktAlte BundesländerNeue BundesländerVerhältnis neue/alte Länder
Brutto-
rente
Anpas-
sung
Brutto-
rente1
Netto-
rente2
Renten-
niveau vor Steuern
Anpas-
sung
Brutto-
rente1
Netto-
rente2
%DM/€DM/€%%DM/€DM/€
1.1.1991 - - - -15,00 826 773 -
1.7.1991 4,70 1.865 1.751 53,9 15,00 950 889 -
1.1.1992 - -- - 11,65 1.061 993 -
1.7.1992 2,87 1.918 1.798 53,1 12,73 1.196 1.120 62,3
1.1.1993 - - - - 6,10 1.269 1.188 66,1
1.7.1993 4,36 2.002 1.886 53,4 14,12 1.448 1.357 72,3
1.1.1994 - - - - 3,64 1.500 1.407 74,9
1.7.1994 3,39 2.070 1.931 54,8 3,45 1.552 1.451 75,0
1.1.1995 - - - - 2,78 1.595 1.484 77,1
1.7.1995 0,50 2.080 1.933 53,9 2,48 1.635 1.522 78,6
1.1.1996 - - - - 4,38 1.706 1.589 82,0
1.7.1996 0,95 2.100 1.942 53,4 1,21 1.727 1.598 82,2
1.7.1997 1,65 2.135 1.975 54,0 5,55 1.823 1.683 85,4
1.7.1998 0,44 2.144 1.980 53,6 0,89 1.839 1.695 85,8
1.7.1999 1,34 2.173 2.008 53,3 2,79 1.890 1.743 87,0
1.7.2000 0,60 2.186 2.020 52,9 0,60 1.902 1.754 87,0
1.7.20013 1,91 1.139 1.052 52,6 2,11 993 916 87,2
1.7.2002 2,16 1.164 1.072 52,9 2,89 1.022 941 87,8
1.7.2003 1,04 1.176 1.082 53,3 1,19 1.034 951 87,9
1.7.2004 0 1.176 1.072 53,0 0 1.034 944 87,9
1.7.2005 0 1.176 1.066 52,6 0 1.034 939 87,9
1.7.2006 0 1.176 1.066 52,3 0 1.034 939 87,9
1.7.2007 0,54 1.182 1.069 51,4 0,54 1.039 942 87,9
1.7.2008 1,10 1.195 1.078 50,5 1,10 1.050 950 87,9
1.7.2009 2,41 1.224 1.101 52,0 3,38 1.086 977 88,7
1.7.2010 0 1.224 1.103 51,6 0 1.068 978 88,7
1.7.2011 0,99 1.236 1.110 50,1 0,99 1.097 985 88,7
1.7.2012 2,18 1.263 1.134 49,6 2,26 1.121 1.007 88,8
1.7.2013 0,25 1.266 1.136 48,8 3,29 1.158 1.039 91,5
1.7.2014 1,67 1.287 1.155 48,1 2,53 1.188 1.065 92,2
1.7.2015 2,10 1.315 -- 2,50 1.217 - 92,5

1Durchschnittsverdienst und 45 anrechnungsfähige Versicherungsjahre (= 45 EP), gerundet.
2Brutto-Standardrente abzüglich des (durchschnittlichen) Eigenbeitrags der Rentner zur Kranken- und Pflegeversicherung der Rentner. Ohne Berücksichtigung der Besteuerung von Renten.
3ab 2001 in Euro
Quelle: Deutsche Rentenversicherung Bund (2015), Rentenversicherung in Zeitreihen



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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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