Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Steigende Erwerbsbeteiligung

Die Erwerbsbeteiligung älterer Arbeitnehmer hat in den Jahren seit 2005 deutlich zugenommen. Dies betrifft die Männer und vor allem die Frauen. Aber immer noch steht in den rentennahen Altersjahren nur die Minderheit der Älteren in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung.

Mann liest Zeitung auf ParkbankMann auf Stellensuche: Langzeitarbeitslosen gingen früher trotz der Abschläge häufig bereits mit 60 Jahren in Rente. (© dreamstime.com/Sframe)


Erwerbstätigenquoten nach Altersgruppen 1991 – 2014Erwerbstätigenquoten nach Altersgruppen 1991 – 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 67 KB) (© bpb)
Über lange Jahre hinweg ist die Erwerbsbeteiligung Älterer in Deutschland gesunken. Die Politik der Frühverrentung und Frühausgliederung hat wesentlich dazu beigetragen. Doch seit etwa 2001 zeigt sich ein umgekehrter Trend. In allen Altersgruppen zwischen 55 und 65 Jahren steigt die Erwerbsbeteiligung kräftig und kontinuierlich an. Die weitgehende Abschaffung der vorgezogenen Altersgrenzen und die Anhebung der Regelaltersgrenze machen sich auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Das veränderte Verhalten in Richtung eines längeren Verbleibs im Erwerbsleben ist unübersehbar.

Die Abbildung (Erwerbstätigenquoten nach Altersgruppen) lässt erkennen, dass im Verlauf zwischen 1991 und 2014 die Erwerbsbeteiligung in den unteren und mittleren Altersgruppen weitgehend unverändert geblieben ist, dass aber die Erwerbsbeteiligung der 55- bis 65Jährigen seit der Jahrtausendwende stark angestiegen ist: von 37,8 Prozent (2001) auf 65,3 Prozent (2014).

Erwerbstätigenquoten Älterer nach Altersjahren 2008 – 2014Erwerbstätigenquoten Älterer nach Altersjahren 2008 – 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 136 KB) (© bpb)
Differenziert man im Zeitraum 2005 bis 2013 die Erwerbstätigenquote der Altersgruppe der 55- bis 65Jährigen nach den einzelnen Altersjahren (Abbildung "Erwerbstätigenquoten Älterer nach Altersjahren") zeigt die Analyse der Daten, dass sich auch die Erwerbsbeteiligung in den oberen, an die Altersgrenzen heranreichen Altersjahren im Zeitverlauf erhöht hat. Doch deutlich wird auch, dass die Erwerbsbeteiligung ab Erreichen des 60. Lebensjahres kontinuierlich sinkt: Sie reduziert sich von 66,8 Prozent (60 bis 61 Jahre) auf 31,3 Prozent (64 bis 65 Jahre). Immer noch ist also die überwiegende Mehrzahl der Menschen im rentennahen Alter bzw. im Alter der Regelaltersgrenze nicht mehr erwerbstätig.

Bei einer Differenzierung der Erwerbsbeteiligung nach Geschlecht (Abbildung "Erwerbstätigenquoten Älterer nach Altersjahren und Geschlecht" 2008 - 2014) fällt über alle Altersgruppen hinweg der Unterschied zwischen Männern und Frauen auf. Bemerkenswert ist jedoch, dass sich die Erwerbstätigenquoten einander angenähert haben. Das gilt auch für die oberen Altersgruppen zwischen 55 und 65 Jahren, in denen die Erwerbsbeteiligung der Frauen noch deutlicher als die der Männer angestiegen ist. Dieser Trend ist Ausdruck der generell ansteigenden Erwerbstätigkeit von Frauen. Die ins mittlere und höhere Erwerbsalter nachrückenden Frauenjahrgänge weisen eine höhere Erwerbsbeteiligung als ihre Vorgängerkohorten auf.

Erwerbstätigenquoten Älterer nach Altersjahren und Geschlecht 2008 – 2014Erwerbstätigenquoten Älterer nach Altersjahren und Geschlecht 2008 – 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 141 KB) (© bpb)
Es ist jedoch zu kurz gegriffen, die gegenwärtige Situation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt allein mit dem Merkmal "Erwerbstätigkeit" beschreiben zu wollen. Denn in den auf den Ergebnissen des Mikrozensus beruhenden Zahlen des Statistischen Bundesamtes wird nach dem sog. ILO-Konzept unter "Erwerbstätigkeit" jede Form der Erwerbsbeteiligung verstanden. Erwerbstätige sind danach alle Personen im Alter von 15 und mehr Jahren, die in der Berichtswoche zumindest eine Stunde gegen Entgelt oder als Selbstständige bzw. als mithelfende Familienangehörige gearbeitet haben. Keine Rolle spielt dabei, ob es sich bei der Tätigkeit um eine versicherungspflichtige oder eine versicherungsfreie Beschäftigung handelt. Erfasst werden auch gelegentlich ausgeübte, eher marginale Tätigkeiten. Aus der ILO-Definition der Erwerbstätigkeit folgt also, dass neben Selbstständigen und Beamten auch abhängig Beschäftigte mit einer Beschäftigung im untersten Stundenspektrum und im Status eines Mini-Jobs (geringfügige Beschäftigung) zu den Erwerbstätigen zählen.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, 55 – 60 Jahre und 60 – 65 Jahre, 2002 – 2014Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, 55 – 60 Jahre und 60 – 65 Jahre, 2002 – 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 124 KB) (© bpb)
Konzentriert man sich deshalb auf die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, (vgl. Abbildung "Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte 55-60 Jahre und 60-65 Jahre, 2002 - 2014"), so ist unübersehbar, dass die Beschäftigungszahlen und -quoten (Sozialversicherungspflichtige) im Vergleich zur Erwerbstätigkeit allgemein deutlich niedriger ausfallen: So sind in der Altersgruppe 60-65 Jahren 2014 etwa 1,8 Mio. Personen versicherungspflichtig beschäftigt. Dies entspricht einer Beschäftigtenquote von 35,1 Prozent. Auch hier handelt es sich wiederum nur um Durchschnittswerte für die gesamte Altersgruppe; in den Altersgruppen 63 und 64 Jahre, die in der Nähe der Regelaltersgrenze liegen, reduziert sich die versicherungspflichtige Beschäftigung noch weiter. Noch rund 376.000 ArbeitnehmerInnen lassen sich (2013) in diesen beiden Altersgruppen zählen, davon zu 30 Prozent Teilzeitbeschäftigte. Die Beschäftigtenquote sinkt auf 21,9 Prozent (63 Jahre) und 15,8 Prozent (64 Jahre). Im Vergleich zu 2000 haben sich die Beschäftigungszahlen und -quoten allerdings merklich erhöht, In 13 Jahren ist die Beschäftigungsquote bei den 63-Jährigen um 16,8 Prozentpunkte gestiegen, bei den 64-Jährigen um 12,5 Prozentpunkte.

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im rentennahen Alter 2013Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im rentennahen Alter 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download 59 KB) (© bpb)
Ein großer Teil der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeitet demnach nicht bis zur heraufgesetzten Regelaltersgrenze bzw. kann dies nicht und scheidet vorzeitig aus dem Arbeitsleben aus − sei es durch das Abdrängen in (Langzeit)Arbeitslosigkeit und/oder durch die Inanspruchnahme der vorgezogenen Altersrente mit 63 Jahren oder durch den Bezug einer Erwerbsminderungsrente.

Von einer problemfreien Umsetzung der Anhebung der Regelaltersgrenze kann dann ausgegangen werden, wenn für die überwiegende Mehrzahl der Versicherten der Übergang in den Rentenbezug aus einer versicherungspflichtigen Beschäftigung heraus erfolgt und wenn es sich dabei um ein Vollzeitbeschäftigungsverhältnis mit einem Einkommen oberhalb der Niedriglohnschwelle handelt. Nur so lassen sich weitere nennenswerte Rentenanwartschaften erwerben. Das heißt jedoch nicht, dass eine Beschäftigungsquote von nahezu 100 Prozent erreicht werden muss oder kann. Denn ein Teil der Bevölkerung in diesem Alter zählt nicht mehr zum Erwerbspersonenpotenzial (so z. B. die nicht-erwerbstätigen Ehefrauen oder die frühzeitig Erwerbsgeminderten bzw. die Kranken) oder ist selbstständig oder als Beamte tätig. Als Zielgröße kann deshalb eine Beschäftigungsquote von etwa 60 Prozent dienen, die derzeit in der Altersgruppe der 50- bis unter 55jährigen erreicht wird.

Die Befunde zeigen, dass hinsichtlich der Heraufsetzung der Altersgrenzen gefragt werden muss, ob:
  • erstens für diejenigen, die durch die Erhöhung des Regelrentenalters werden länger arbeiten müssen / sollen, auch genügend – und sozialstaatlichen Anforderungen genügende – Arbeitsplätze zur Verfügung stehen,

  • zweitens die älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter den Bedingungen ihrer physischen und psychischen Konstitution auch in der Lage sind, über das 65. Lebensjahr hinaus zu arbeiten.
Trifft indes diese Annahme einer weitgehenden Identität von Renteneintritts- und Berufsaustrittsalter nicht zu, dann führt eine Anhebung der Regelaltersgrenze, die nicht von einer entsprechenden Verlängerung der Erwerbstätigkeit begleitet wird, für viele Beschäftigte zu arbeitsmarktpolitischen Problemen sowie zu negativen sozialen Folgewirkungen.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikation zum Thema

Die Zukunft des Generationenvertrags

Die Zukunft des Generationenvertrags

Wie können langfristig ein angemessenes Rentenniveau, eine tragbare Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen und ein Schutz vor Altersarmut gesichert werden? Ebert fordert eine Reform des Rentensystems, bei der die Finanzierungsbasis verbreitert und die solidarische Umverteilung gestärkt wird.Weiter...

Zum Shop

Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Jetzt ansehen

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung.

Mehr lesen

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten?

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen