Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Erwerbsaustritt und Renteneintritt: Nicht identisch!

Das faktische Renteneintrittsalter ist nicht identisch mit dem Erwerbsaustrittsalter. Zwischen Erwerbsaustritt (bzw. Ende der aktiven Versicherung) und Renteneintritt weisen sehr viele Versicherte eine Phase der passiven/latenten Versicherung etc. auf. Zum Beispiel den Rückzug vom Arbeitsmarkt oder Phasen langer Arbeitslosigkeit.

Älterer Arbeitnehmer in Metallbaufirma. Nur rund jede dritte neue Altersrente beginnt unmittelbar aus einer versicherungspflichtigen Beschäftigung heraus.Älterer Arbeitnehmer in Metallbaufirma. Nur rund jede dritte neue Altersrente beginnt unmittelbar aus einer versicherungspflichtigen Beschäftigung heraus. (© picture-alliance/dpa)


Der Berentungsprozess ist individuell ganz unterschiedlich. Das ergibt sich aus Untersuchungen, die für verschiedene Fallgruppen die letzte Beitragszahlung und die erste Rentenzahlung zum Gegenstand haben.

Durchschnittliches Zugangsalter in Altersrenten 1993 – 2014Durchschnittliches Zugangsalter in Altersrenten 1993 – 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 136 KB) (© bpb)

Lücken im Altersübergang

Für die Diskussion über die Erhöhung des Regelrentenalters, ihre Folgen und Probleme ist es wichtig zu beachten, dass neben der gesetzlichen Regelaltersgrenze das faktische Erwerbsaustrittsalter und das Renteneintrittsalter voneinander unterschieden werden müssen:
  • Das durchschnittliche Zugangsalter bei den Altersrenten hat sich seit der Jahrtausendwende merklich erhöht: von 62 Jahren auf etwa 64 Jahre (Männer: 64,0 Jahre, Frauen: 64.3 Jahre) (vgl. Abbildung "Durchschnittliches Zugangsalter in Altersrenten 1993 - 2014").

  • Aber das durchschnittliche Erwerbsaustrittsalter liegt − differenziert nach einzelnen Personengruppen − deutlich niedriger.
Status vor Rentenbezug - Altersrentenzugänge 2014Status vor Rentenbezug - Altersrentenzugänge 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 139 KB) (© bpb)
Dies verdeutlicht die Abbildung "Status vor Rentenbezug – Altersrentenzugänge 2014". Gezeigt wird, aus welchem Status die neuen Altersrentnerinnen und -rentner 2014 in West- und Ostdeutschland in den Rentenbezug jeweils wechselten. Es wird deutlich, dass nur rund jede dritte neue Altersrente unmittelbar aus einer versicherungspflichtigen Beschäftigung heraus begann. Die Mehrheit der NeurentnerInnen wechselt aus Arbeitslosigkeit (v. a. in den Neuen Bundesländern und dort vor allem die Männer) oder aus einem passiven Versicherungsverhältnis (v. a. in den alten Bundesländern und dort vor allem Frauen).

Solche passiven Versicherungsverhältnisse sind vor allem solche von Hausfrauen mit früher erworbenen Rentenansprüchen (auch Personen die sich ohne Leistungsanspruch aus einer Arbeitslosigkeit abgemeldet haben) und früher gesetzlich Rentenversicherten die während ihres Arbeitslebens z. B. in ein Beamtenverhältnis oder in die Selbstständigkeit wechselten.

Passiv Versicherte beginnen ihre Rente normalerweise erst mit der Regelaltersgrenze, dem 65. Geburtstag, die anderen entweder mit dem 65. Geburtstag oder zu den Grenzen der jeweiligen (größtenteils künftig nicht mehr möglichen) vorgezogenen Altersgrenzen – oder mit den entsprechenden Abschlägen früher.

Bei genauerer Analyse zeigt sich [1], dass ein "glatter" Altersübergang (Rentenzugang direkt aus der Erwerbstätigkeit) in Altersrenten vor allem denjenigen zuvor aktiv Versicherten gelingt, die zumindest die letzten 3 Jahre vor dem Rentenbeginn stabil in Beschäftigung waren und nicht nur kurz vorher. Gleichzeitig erzielen diese deutlich höhere Rentenzahlbeträge.

Noch viel größer ist der Unterschied bei vor dem Renteneintritt Langzeitarbeitslosen. Gerade letztere gingen früher (trotz der Abschläge) häufig bereits mit 60 Jahren in Rente. Die großen Unterschiede in den Rentenzahlbeträgen erklären sich aber nicht nur aus den Abschlägen, sondern auch aus den in den Jahrzehnten zuvor (während der ganzen Erwerbsbiographie) erzielten geringeren Entgeltpunkten (bzw. Verdiensten) in weniger und oft diskontinuierlichen Beitragszeiten.

Allerdings lässt sich auch beobachten, dass im Zeitverlauf der Anteil der Altersrentenzugänge aus zuvor versicherungspflichtiger Beschäftigung beachtlich zugenommen hat: Bei den Männern waren es 2008 noch 18,3 Prozent, hingegen 2014 schon 35,9 Prozent; bei den Frauen sind es 17,3 Prozent im Jahr 2008 gegenüber 28,6 Prozent im Jahr 2014 (vgl. Abbildungen "Status vor Altersrentenbezug: Zugänge 2000 - 2014 für Männer und für Frauen").

Status vor Altersrentenbezug: Zugänge 2000 – 2014, Deutschland, MännerStatus vor Altersrentenbezug: Zugänge 2000 – 2014, Deutschland, Männer (PDF-Icon Grafik zum Download 60 KB) (© bpb)
Status vor Altersrentenbezug: Zugänge 2000 – 2014, Deutschland, FrauenStatus vor Altersrentenbezug: Zugänge 2000 – 2014, Deutschland, Frauen (PDF-Icon Grafik zum Download 60 KB) (© bpb)


Bei einer Abschätzung der Effekte der Anhebung der Regelaltersgrenze auf 67 Jahre auf die Altersübergänge ist also zu bedenken:

Derzeit gibt es nur für einen Teil der Beschäftigten einen bruchlosen Altersübergang. Die Chancen dazu sind je nach Berufen/Tätigkeiten, Qualifikation, Gesundheitszustand, Branche und Region unterschiedlich. Je besser der sozioökonomische Status, um so eher gelingt ein später Renteneintritt aus stabiler Beschäftigung heraus.

Vor allem jene älteren Beschäftigten werden und müssen die noch verbliebenen Möglichkeiten eines Renteneintritts vor der Regelaltersgrenze in Anspruch nehmen, die nach (langer) Arbeitslosigkeit im rentennahen Alter vergeblich nach einer Neuanstellung suchen und/oder aufgrund von physischen und/oder psychischen Einschränkungen nicht mehr in der Lage sind, in ihrem erlernten Beruf oder ihrer ausgeübten Erwerbstätigkeit bis zum Erreichen der abschlagsfreien Regelaltersgrenze weiterzuarbeiten[2]. Im Ergebnis wird damit die soziale Polarisierung des Alters vertieft. Während die qualifizierten Beschäftigten mit einem in der Regel besseren Gesundheitszustand und leichteren Arbeitsbedingungen länger arbeiten können und werden, auch weil die Unternehmen angesichts des Fachkräftebedarfs daran ein wachsendes Interesse haben, sind die Beschäftigten im unteren Qualifikationsbereich sowohl hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes als auch der belastenden Arbeitsbedingungen dazu häufig nicht in der Lage. Da die erstgenannte Gruppe über ein höheres Einkommen verfügt und in der Rentenversicherung wie in der betrieblichen und privaten Altersvorsorge vergleichsweise gut abgesichert ist, wären hier Abschläge finanziell noch am leichtesten verkraftbar. Tatsächlich müssen die Abschläge aber überwiegend von jenen in Kauf genommen werden, denen eine Weiterarbeit bis zum Alter von 65 oder gar bis 67 Jahren kaum möglich ist, die aber nur über niedrige Renten verfügen und auch nicht oder nur sehr begrenzt auf ergänzende Leistungen aus der betrieblichen und privaten Altersvorsorge zurückgreifen können.

Quellentext

Die Rente mit 67 ist voraussetzungsreich

"Die vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass die bestehenden Wahlmöglichkeiten zum flexiblen Rentenbeginn gerade von Personen genutzt werden, die einer Prekarisierung im Altersübergang entfliehen und dafür auch dauerhafte Einbußen in ihrer Alterssicherung hinnehmen. Drei Viertel der Langzeitarbeitslosen beginnt die Altersrente vorzeitig, d. h. mit Abschlägen, ein Drittel wiederum mit maximalen Abschlägen von 18 Prozent des Rentenanspruchs. Doch die Schwierigkeiten, den Renteneintritt bis zu einer abschlagsfreien Altersgrenze aufzuschieben, reicht über den Kreis der Hartz IV-Empfänger/innen einschließlich jener, die sich von "Hartz IV" bedroht sehen, weit hinaus.

Angesichts dieser Befunde muss einmal mehr darauf hingewiesen werden, dass die strukturellen Beschäftigungsbedingungen für Ältere und die individuelle Beschäftigungsfähigkeit im Alter zu verbessern sind. Dies vorausgesetzt, mag in 20 Jahren die "Rente mit 67" realistisch sein. Unter den gegenwärtigen Bedingungen wird die Regelaltersgrenze von 65 Jahren selbst bei stabiler Erwerbsintegration sehr oft nicht erreicht".

Quelle: Brussig (2010), S. 16.

Fußnoten

1.
vgl. Brussig 2010, S. 6 ff.
2.
vgl. Brussig 2010; 2007.
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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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