Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Ein Blick in die Zukunft: Arbeitskräftemangel?

Die Anhebung der Altersgrenzen wird auch mit einem drohenden bzw. schon bestehenden Mangel an Fach-, ja generell an Arbeitskräften begründet. Immer wieder tauchen Forderungen nach einem Renteneintrittsalter von 70 Jahren auf. Doch muss wirklich ein Arbeitskräftemangel befürchtet werden? Es spricht viel dagegen, dass dieses Argument für die Zukunft zutreffend ist. Für die Gegenwart ist diese pauschale Diagnose auf jeden Fall falsch.

Mitarbeiter bei einer Präsentation in einem BüroIst längeres Arbeiten aus arbeitsmarktpolitischen Gründen notwendig? (© auremar - Fotolia.com)


Die Einführung der Rente mit 67 wird auch damit begründet, ein längeres Arbeiten sei aus arbeitsmarktpolitischen Gründen notwendig. Infolge des demografischen Umbruchs wachse nur noch eine geringer werdende Zahl Jüngerer ins Erwerbsalter nach – mit der Folge einer schrumpfenden Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Befürchtet werden ein geringer werdendes Arbeitsangebot und ein baldiger Mangel an Arbeitskräften. Ein möglichst langer Verbleib im Erwerbsleben sei deshalb eine ökonomische und arbeitsmarktpolitische Notwendigkeit.

Quellentext

Fachkräftemangel?

Mit dem demografischen Wandel wird in Zukunft auch die Zahl junger qualifizierter Erwerbspersonen zurückgehen. Mit der Anhebung der Altersgrenzen wird deswegen auch einem drohenden Fachkräftemangel entgegengewirkt.

Quelle: Deutscher Bundestag (2007), S. 2.

Quellentext

Renteneintrittsalter 70?

"Das Rentenpaket hätte nicht verabschiedet werden dürfen. Es handelt sich dabei um reine Geschenke. Es ist völlig kontraproduktiv gewesen, Hunderttausende von Fachkräften vorzeitig in Rente zu schicken. (…) Eine ehrliche Aussage wäre auch, dass wir das Renteneintrittsalter mit der höheren Lebenserwartung in der Zukunft eher auf 70 Jahre erhöhen müssen".

Quelle: Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats, in: Rheinische Post vom 02.11.2015.
Bei der Abschätzung der zukünftigen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt geht es zum einen um das zu erwartende Angebot an Arbeitskräften. Zum anderen ist aber auch zu prüfen, wie hoch die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften ausfallen wird. Beide Entwicklungen sind nicht voneinander unabhängig. Von einem drohenden Arbeitskräftemangel kann nur dann geredet werden, wenn die Nachfrage nach Arbeit in Zukunft höher ausfällt als das Angebot, wenn also die Arbeitslosigkeit nahezu vollständig abgebaut ist, die Unternehmen dennoch erfolglos nach Arbeitnehmern suchen. Wie realistisch ist es, dass eine solche Situation eintritt?

Zum Arbeitsangebot

Ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten das Arbeitskräfteangebot zurück geht, so dass die deutsche Volkswirtschaft deswegen an Produktions- und Wachstumsgrenzen stößt und die bislang über Jahrzehnte andauernde Situation von verbreiteter Arbeitslosigkeit umschlägt in einen allgemeinen Arbeitskräftemangel? Müssen deswegen die Altersgrenzen noch weiter angehoben werden?

Die Aufgabe, die Entwicklung des zukünftigen Arbeitskräfteangebots einigermaßen verlässlich abschätzen zu können, ist nicht einfach. Denn berücksichtigt werden müssen
  • die Bevölkerungsentwicklung insgesamt und differenziert nach Altersgruppen (insbesondere hinsichtlich der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter) und
  • die Erwerbsbeteiligung in den jeweiligen Altersgruppen, differenziert nach Geschlecht.
Hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung kann aktuell überhaupt noch nicht abgesehen werden, in welchen Dimensionen und Strukturen die hohe Zahl von Flüchtlingen und EU-Ausländern zu einem zusätzlichen Schub an Arbeitssuchenden führt, der den demografisch bedingten Rückgang der nachrückenden Jüngeren auf dem Arbeitsmarkt kompensiert. Es spricht aber viel dafür, dass angesichts der dauerhaften Migrationsbewegung von einem Arbeitskräfterückgang und entsprechend von einer allgemeinen Arbeitskräfteknappheit keine Rede sein kann. Eine andere Frage ist, ob die Arbeitsuchenden über ausreichende bzw. der Arbeitsnachfrage angepasste Qualifikationen verfügen und welche Maßnahmen eingeschlagen werden müssen, um diese Pass-Probleme zu bewältigen.

Bei der Erwerbsbeteiligung ist von einem weiteren Anstieg der Frauenerwerbstätigkeit und auch Alterserwerbstätigkeit auszugehen. Das Ausmaß dieser Veränderungen bei den Älteren hängt allerdings davon ab, ob die Betroffenen überhaupt gesundheitlich in der Lage sind, länger zu arbeiten und wie sehr ihnen z. B. im Haushaltskontext andere Einkommen im Alter zur Verfügung stehen (so dass sie eventuell trotz Abschlägen früher in Rente gehen oder vor dem Alter, zu dem ein Renteneintritt überhaupt möglich ist, sich vom Arbeitsmarkt zurückziehen)[1].

Bei der Erwerbsbeteiligung von Personen im rentennahen Alter ist zu berücksichtigen, dass es hier nicht nur auf Altersgrenzen ankommt. Denn das Rentenrecht sieht ja vor, dass der Renteneintritt über die Regelaltersgrenze hinaus verlängert werden kann (verbunden mit Rentenzuschlägen) und dass die Möglichkeit besteht, neben dem Bezug der Regelaltersgrenze unbegrenzt lang und in unbegrenzter Entgelthöhe weiterzuarbeiten − vorausgesetzt die Arbeitgeber machen entsprechende Angebote (vgl. "Heute mögliche vorzeitige Renteneintrittswege und Erfahrungen mit der Altersteilzeit und der Teilrente").

Eine Projektion aus dem Jahr 2013 (also noch vor dem starken Anstieg der Zuwanderung) kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Erwerbstätigen bis zum Jahr 2030 nur um etwa 1,4 Millionen zurückgehen wird.

Gesamtwirtschaftliche Indikatoren

Erwerbs-
personen
Erwerbs-
tätige
Erwerbs-
lose
Erwerbs-
losenquote
ArbeitszeitArbeitsproduktivität (BIP/Erwerbstätigen)
in 1.000 in 1.000 in 1.000 % Index Index
2010 43.712 40.603 3.109 7,1 100,0 100,0
2020 42.561 40.627 1.933 4,5 99,9 122,1
2025 41.786 39.975 1.811 4,3 102,0 133,0
2030 40.846 39.169 1.677 4,1 104,0 145,0

Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.) (2013).

Zur Arbeitskräftenachfrage

Letztlich entscheidet sich die Frage, ob es in Zukunft einen Mangel oder einen Überschuss an Arbeitskräften (d. h. Unterbeschäftigung/Arbeitslosigkeit) geben wird, also aus dem Zusammenspiel von Nachfrage nach und Angebot an Arbeitskräften – die aber nicht unabhängig voneinander sind. Allerdings ist es kaum möglich, die langfristige Wirtschaftsentwicklung und die sich daraus ableitende Arbeitsnachfrage zu prognostizieren. Denn selbst ein rückläufiges Arbeitsangebot bedeutet keineswegs, dass sich entsprechend die Arbeitslosigkeit abbaut. Dieser Fehlschluss blendet nämlich aus, dass auch das Volumen der von den Unternehmen nachgefragten Arbeit (berechnet in der Zahl der Arbeitnehmer oder in der Summe aller Arbeitsstunden) rückläufig sein kann. In den zurückliegenden Jahren war dies in der langfristigen Tendenz eher der Fall.

Die Nachfrage nach Arbeit wird dabei vor allem durch die Entwicklung der Arbeitsproduktivität bestimmt. Ein Anstieg der Arbeitsproduktivität führt dazu, dass immer weniger Personen einen steigenden Output produzieren. Zusätzliche Beschäftigung entsteht deshalb erst dann, wenn das Wachstum stärker ausfällt als der Zuwachs der Produktivität. Es kommt also darauf an, bei welcher Wachstumsrate die Beschäftigungsschwelle erreicht wird. Gegenwärtig wird hier ein Wert zwischen 1,2 Prozent und 1,5 Prozent angenommen. In der Arbeitsmarktprognose 2030 (siehe Tabelle) wird geschätzt, dass die Arbeitsproduktivität zwischen 2010 und 2030 um insgesamt 45 Prozent steigt.

Wenn sich die Arbeitsnachfrage stärker reduziert (insbesondere durch Produktivitätseffekte) als das Arbeitsangebot, ist trotz der demografischen Entlastung mit anhaltender Arbeitslosigkeit zu rechnen. Dabei wird immer "Mismatch" (Abweichungen von Angebot und Nachfrage in qualifikatorischer, regionaler etc. Hinsicht) bestehen. Außerdem ist eine gewisse Sucharbeitslosigkeit auf einem funktionierenden Arbeitsmarkt genauso normal und notwendig, wie dass nicht jede Stelle sofort und ohne arbeitgeberseitige Kompromisse besetzt werden kann.

Es muss offen bleiben, ob diese Vorausberechnungen auch tatsächlich so eintreten werden. Diese Offenheit ist die Folge der großen ökonomischen und auch politischen wie ökologischen Unsicherheiten, die die globalisierte Welt und Ökonomie prägen. Es grenzt eher an Kaffeesatzleserei, wenn man benennen will, welche mittel- und längerfristigen Entwicklungen "realistisch" sind. Die Ökonomen zeigen sich bereits überfordert, einigermaßen treffsichere Prognosen für einen viel kurzfristigeren Zeitraum vorzulegen. Auf jeden Fall ist es wenig hilfreich, die Zukunft einfach aus der Fortschreibung der Vergangenheit ermitteln zu wollen und daraus die Entwicklung der Arbeitsnachfrage abzuleiten. Das leistet nur politischem Missbrauch Vorschub[2].

Bei dem Blick in die Zukunft darf auch nicht außer Acht bleiben, dass langfristig eine schrumpfende Zahl an Personen bzw. auch Haushalten eine tendenziell geringere Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen – und damit auch nach Arbeitskräften – zur Folge haben wird. Denn das Sozialprodukt eines Landes entwickelt sich nicht unabhängig von der Einwohnerzahl. Bezogen auf den Wohlstand einer Gesellschaft ist das allerdings kein Drama, denn maßgebend für den materiellen Wohlstand der Bevölkerung ist immer nur die Relation von Sozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung – und nicht zuletzt die Verteilung des Sozialprodukts.

Fußnoten

1.
Kistler 2012.
2.
vgl. Kistler/Trischler 2012.
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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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