Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Zur Leistungsfähigkeit älterer ArbeitnehmerInnen

Die Leistungsfähigkeit Älterer hängt von vielen Faktoren ab. Nicht zuletzt von den Arbeitsbedingungen, unter denen sie ihr Erwerbsleben verbracht haben. Trotz den im Durchschnitt steigenden Lebenserwartungen und Gesundheit ist ein großer Anteil von ArbeitnehmerInnen nicht in der Lage bis 65, geschweige bis 67 zu arbeiten.

Titel: Fliesenleger bei der Arbeit
Bildrechte: Verwendung weltweit
Besondere Hinweise: Das Bild darf nur in einem positiven redaktionellen
Zusammenhang verwendet werden!
Rechtevermerk: picture alliance / dpa Themendienst
Fotograf: Markus Scholz
Notiz zur Verwendung: picture alliance / dpa Themendienst
Caption: Fliesenlegermeister Christian-Joachim Bock verlegt am 09.04.2014 in
Hamburg Fliesen in einer zukünftigen Küche. Foto: Markus ScholzFür viele Berufe gibt es begrenzte Tätigkeitsdauern, die eine Weiterarbeit bis zum 65. und erst recht bis zum 67. Lebensjahr praktisch unmöglich machen. @ picture alliance / dpa Themendienst (© Robert Kneschke/fotolia.com)


Die Senioren werden fitter - Gilt das auch für die Anforderungen in der Arbeitswelt? Mit der Diskussion über die Heraufsetzung der Altersgrenzen werden psychologische und medizinische Forschungsergebnisse relevant. Dabei zeigt sich: Die Auffassung, dass Ältere per se weniger leistungsfähig sind, trifft nicht zu. Auf der anderen Seite ist aber auch nicht zu übersehen, dass viele Ältere gerade bei bestimmten Tätigkeiten und Berufen vor besonderen Problemen stehen.

Defizit- versus Kompetenzmodell des Alters: Wissenschaftliche Erklärungen zur Leistungsfähigkeit im Alter

In den letzten 50 Jahren ist die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für ein neugeborenes Mädchen von rund 72 auf rund 83 Jahre, für einen neugeborenen Jungen von rund 66 auf gut 77 Jahre gestiegen (vgl. Alterssicherung und Bevölkerungsentwicklung: Sind die Renten noch zu finanzieren?). Im Durchschnitt sind Ältere heute auch unbestreitbar fitter als Personen gleichen Alters vor Jahrzehnten.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich mit dem Paradigmenwechsel weg von einer Frühverrentungspolitik und hin zu einer Politik der Steigerung der Erwerbstätigkeit Älterer (bzw. genereller einer Politik des "aktiven Alters"), das öffentlich diskutierte Bild von der Leistungsfähigkeit Älterer gewandelt hat.

In den Fachdebatten spricht man von einer Ablösung des "Defizitmodells des Alters" durch das "Kompetenzmodell":

Nicht mehr von einem frühzeitigen Abbau der Leistungsfähigkeit Älterer, sondern von einem Leistungswandel ist die Rede; es werden die besonderen Fähigkeiten Älterer hervorgehoben.

Gleichwohl stellt sich die Frage, ob parallel zur steigenden Lebenserwartung die Fähigkeit wächst, auch tatsächlich länger – bis hin zum 67. Lebensjahr – zu arbeiten. Sind ältere Arbeitnehmer in ihrer Gesamtheit hinsichtlich ihrer körperlichen und psychischen Konstitution sowie – davon abgeleitet – hinsichtlich ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit dazu in der Lage?

Die Überlegung, dass durch den wirtschaftlichen Strukturwandel – weniger industrielle Produktions- und mehr Dienstleistungsarbeit – mit dem Alter typischerweise abnehmende Fähigkeiten z. B. im Bereich körperlicher Arbeit an Bedeutung verlieren, hat die Hinwendung zum Kompetenzmodell des Alters befördert. Gleichermaßen weist die Psychologie [1] darauf hin, dass die so genannte kristalline, erfahrungsgebundene Intelligenz über das Erwerbsalter hinweg kaum abnimmt, unter günstigen (Arbeits-)Bedingungen sogar zunehmen kann (vgl. Kasten).

Quellentext

Leistungsfähigkeit im Alter – Aspekte der Messung

Die kognitive Leistungsfähigkeit im Erwachsenenalter wird in der psychologischen Forschung zunächst unter dem Aspekt des Verlaufs der kristallinen und der fluiden Intelligenz betrachtet. Erstere beschreibt die erfahrungsgebundene Intelligenz, d. h. die Fähigkeit zur Lösung vertrauter kognitiver Probleme, letztere beschreibt die Mechanik der Intelligenz, d. h. kognitive Basisoperationen, die vor allem für die Bewältigung neuartiger kognitiver Probleme notwendig sind.

Für diese beiden Dimensionen ist ein differenzieller Verlauf charakteristisch, der in Ansätzen bereits im jüngeren und mittleren Erwachsenenalter erkennbar ist: Während die Leistungsfähigkeit in der kristallinen Intelligenz über weite Abschnitte des Erwachsenenalters erhalten bleibt oder sogar weiter zunimmt, geht die Leistungsfähigkeit in der fluiden Intelligenz – bedingt durch abnehmende Plastizität und zunehmende Schädigungen des Zentral-Nerven-Systems – zurück.

Quelle: Kruse (2000), S. 72.
Dagegen nimmt die fluide Intelligenz, die für die schnelle Bewältigung neuartiger kognitiver Probleme wichtig ist, deutlich früher ab, wobei auch dies sich unter günstigen Bedingungen ein Stück weit hinausschieben lässt. Im Ergebnis dieser Forschungsergebnisse wird angenommen, dass die Beschäftigten heute eher in der Lage sind länger zu arbeiten als in der Vergangenheit – aber längst nicht alle! Ältere sind danach zwar nicht genauso, sondern anders (und höchst unterschiedlich) leistungsfähig.

Ein entscheidendes Problem, das mit der Abwendung vom Defizitmodell des Alters hin zum Kompetenzmodell verbunden ist, ist die mangelnde Differenzierung dieser an sich, für den Durchschnitt der Beschäftigten, wohl zutreffenden Argumentationsketten: Nicht in allen Berufen und Branchen führt der wirtschaftsstrukturelle Wandel zu abnehmenden Arbeitsbelastungen. Nicht jede(r) Beschäftigte hat Arbeitsbedingungen, die es erlauben würden länger zu arbeiten. Und schließlich gibt es in diesen Fragen eine erhebliche Streuung zwischen Individuen respektive Gruppen.

Der alterungsbedingte Leistungswandel wirkt sich für bestimmte Beschäftigtengruppen nachteilig aus: Im betrieblichen Alltag werden die beruflichen Chancen all jener Älteren beeinträchtigt, die in solchen Berufen und Tätigkeitsfeldern eingesetzt sind, bei denen die mit dem Alter eher rückläufigen Leistungsmerkmale ein besonderes Gewicht haben.

Besonders gefährdet sind deswegen Beschäftigte, die belastungsintensive Tätigkeiten ausüben. Hier handelt es sich in erster Linie um Tätigkeiten, die:
  • mit starken körperlichen Belastungen verbunden sind (z. B. körperliche Schwerarbeit oder einseitige Belastungen),
  • einem hohen Arbeitstempo unterliegen (z. B. Band- und Akkordarbeit),
  • mit ungünstigen Arbeitszeitregelungen (Wechselschicht- und Nachtarbeit) zusammenhängen,
  • unter ungünstigen Arbeitsumgebungseinflüssen (z. B. Hitze, Lärm, Nässe, Schmutz) durchgeführt werden müssen.
Für zahlreiche Berufe und Arbeitsplätze gibt es insofern begrenzte Tätigkeitsdauern, d. h. faktische Höchstaltersgrenzen, die eine Weiterarbeit bis zum 65. und erst recht bis zum 67. Lebensjahr praktisch unmöglich machen (so z. B. in der Alten- und Krankenpflege, in Montagebereichen der Automobilindustrie, im Transport- und Verkehrswesen oder im Bauhaupt- und Baunebengewerbe).

Die Arbeitsfähigkeit Älterer hängt von den individuellen Situationen und Umständen ab

Anteil aller und der vollen Erwerbsminderungsrenten an allen neuen Versichertenrenten 2011 – die Berufsgruppen mit den jeweils niedrigsten und höchsten WertenAnteil aller und der vollen Erwerbsminderungsrenten an allen neuen Versichertenrenten 2011 – die Berufsgruppen mit den jeweils niedrigsten und höchsten Werten (© bpb)
Ob jemand bis zum Regelrentenalter arbeiten kann, hängt sehr stark auch von den während der individuellen Erwerbsbiographie erlebten Arbeitsbedingungen ab. Das kann man unter anderem an dem Anteil von Erwerbsminderungsrenten an allen neuen Versichertenrenten ablesen, der (mit hoher Stabilität in verschiedenen Jahren) nach Berufsgruppen sehr unterschiedlich ausfällt (vgl. Abbildung "Anteil aller und der vollen Erwerbsminderungsrenten an allen neuen Versichertenrenten...").

Auch bei anderen Altersübergangswegen spielt die Gruppenspezifität der berufs-/tätigkeitsbezogenen Arbeitsbelastungen eine große Rolle. So führen langjährige körperliche Schwerarbeit oder hohe psychische Arbeitsbelastungen bei geringer Handlungsautonomie dazu[2], dass in den betroffenen Gruppen besonders viele Beschäftigte nicht bis zum 65. oder gar 67. Lebensjahr arbeiten können.

Ausdrücklich ist an dieser Stelle auch noch darauf hinzuweisen, dass die oben angesprochene gängige Vorstellung sich als Mythos erweist, dass die Arbeitsbedingungen sich auch heute noch, evtl. auch einhergehend mit dem wirtschaftsstrukturellen Wandel, im 'Selbstlauf' weiter verbessern würden. Differenzierte Analysen[3] zeigen, dass sich vielmehr nur die Belastungsschwerpunkte verschieben und es zu Verschiebungen auch zwischen verschiedenen Beschäftigtengruppen kommt.

Auch die Bundesregierung konzediert dies: "Die körperlichen Anforderungen haben sich seit Mitte der 1980er Jahre kaum verändert… Eine deutliche Zunahme findet sich dagegen bei den psychischen Anforderungen"[4].

Fußnoten

1.
vgl. z. B. Kruse 2000.
2.
vgl. z. B. Bäcker u. a. 2009; Bödecker 2008; Trischler/Kistler 2010.
3.
vgl. z. B. Holler, Trischler 2010.
4.
Deutscher Bundestag 2010b, S. 99 f.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Publikation zum Thema

Die Zukunft des Generationenvertrags

Die Zukunft des Generationenvertrags

Wie können langfristig ein angemessenes Rentenniveau, eine tragbare Beitragsbelastung der Arbeitseinkommen und ein Schutz vor Altersarmut gesichert werden? Ebert fordert eine Reform des Rentensystems, bei der die Finanzierungsbasis verbreitert und die solidarische Umverteilung gestärkt wird.Weiter...

Zum Shop

Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Jetzt ansehen

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung.

Mehr lesen

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten?

Mehr lesen

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen