Rentenpolitik

29.4.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Demografie und Ökonomie

Die Finanzierbarkeit der Alterssicherungssysteme ist nicht nur eine Frage demografischer Strukturen und Trends. Es kommt entscheidend auf die ökonomischen Rahmenbedingungen an, wie vor allem auf die Entwicklung von Arbeitsmarkt und Einkommensverteilung.

Pendler im BahnhofDie demografischen Verschiebungen sind nicht der einzige Faktor für die Finanzierung der Alterssicherungssysteme. Weitere wichtige Faktoren sind die Entwicklung von Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit und Erwerbstätigkeit. (© picture-alliance/dpa)

Altenquotient, Jugendquotient, Gesamtquotient

Bezieht man die Zahl der Älteren nicht auf die Gesamtbevölkerung, sondern auf die Bevölkerung im mittleren Lebensalter, das sind die Personen, die als erwerbsfähig gelten, errechnet sich ein so genannter Altenquotient. In der Regel wird dieser Quotient als Verhältnis der Zahl der über 65-Jährigen zur Zahl der Personen im Erwerbsalter zwischen 20 und 64 Jahren berechnet.

Früher sprach man – politisch weniger korrekt, aber plastischer – auch vom Altenlastquotienten. Der Altenquotient kann natürlich auch auf andere Weise abgegrenzt werden (z. B. 15-60, 18-65 usw. als Nenner des Bruches). An den Trends ändert sich dadurch wenig, wohl aber an der Höhe der Quotienten.

Demografische Quotienten: Alten-, Jugend- und Gesamtquotient 1960 – 2060Demografische Quotienten: Alten-, Jugend- und Gesamtquotient 1960 – 2060 (PDF-Icon Grafik zum Download 60 KB) (© bpb)
Der Altenquotient spielt für die Frage nach der Finanzierbarkeit der Alterssicherung allgemein und der Rentenversicherung im Besonderen eine zentrale Rolle. Er wird in der öffentlichen Debatte über die Finanzierbarkeit der Renten als Indikator und Beleg für die entstehenden – häufig als nicht mehr tragbar angesehenen – Belastungen der ökonomisch aktiven Altersgruppe verwendet. Der Altenquotient ist in der hier verwendeten Abgrenzung (65jährige und ältere auf 100 Personen im Erwerbsalter zwischen 20 und 65 Jahren) von 16 im Jahr 1950 auf 34,2 im Jahr 20013 gestiegen (vgl. Abbildung Demografische Quotienten: "Alten-, Jugend- und Gesamtquotient 1960-2060").

Bis zum Jahr 2060 wird nach der hier wiedergegebenen zweiten Vorausberechnungsvariante des Statistischen Bundesamtes (die bezogen auf den Wanderungssaldo wohl zu niedrig angesetzt ist) ein Anstieg auf 61.1 erwartet. Bildlich gesprochen müssen dann nahezu drei Personen im Erwerbsalter zwei Rentner "schultern". Führt dies nicht zu enormen Abzügen vom verfügbaren Einkommen der Jüngeren? Sind die Jüngeren noch bereit für die Alten zu zahlen, ohne sicher zu gehen, selbst noch eine ausreichende Absicherung im Alter zu erreichen? Müssen nicht die Ansprüche der Älteren begrenzt und das Umlageverfahren durch eine stärkere Eigenvorsorge ersetzt werden, um die Probleme der Zukunft zu lösen? Die hinter diesen Fragen stehende Argumentation ist einfach und zugleich eingängig, und sie dient als Beleg für die Absenkung des Rentenniveaus, für eine weitere Anhebung des Regelrentenalters oder für einen Ausbau der zusätzlichen Altersvorsorge. Sie ist aber zu vereinfachend und zu dramatisierend, weil die Finanzierbarkeit der Alterssicherung keineswegs allein von der Entwicklung dieser Verhältniszahlen abhängt.

Die Verhältnisse erweisen sich nämlich als komplexer, da die demografischen Verschiebungen weder der einzige noch der wichtigste Faktor für die Finanzierung des Sozialstaates allgemein und der Alterssicherungssysteme im Besonderen sind. Denn die zukünftigen finanziellen Belastungen der nachrückenden Generation lassen sich nicht allein aus der Gegenüberstellung von "älterer" Bevölkerung und Bevölkerung "im erwerbsfähigen Alter" ableiten. Der Blickwinkel ist zu erweitern: Es geht um die Relation von "Aktiven" zu "Inaktiven" insgesamt, d.h. um das Problem, welcher Anteil der Wertschöpfung auf all jene Personen übertragen werden muss, die über kein Einkommen aus Erwerbstätigkeit verfügen. So ist zu berücksichtigen, dass auch die Kinder und Jugendlichen kein eigenes Erwerbseinkommen haben und von der mittleren (Eltern)Generation finanziert werden müssen. Die Abbildung "Jugend-, Alten- und Gesamtquotient" zeigt, dass der Jugendquotient angesichts der rückläufigen Geburtenzahlen in den letzten Jahren deutlich gesunken ist und insofern zu einer finanziellen Entlastung der mittleren Generation geführt hat. Der Gesamtquotient steigt deshalb langsamer als allein der Altenquotient.

Dieser Aspekt, dass die Jungen (Kinder und Jugendliche) genauso wie die Alten von dem erwirtschafteten Produkt mit unterhalten werden müssen, war für die Vergangenheit von erheblicher Bedeutung. Da sich allerdings der Jugendquotient nach der Vorausberechnung nur noch schwach nach unten entwickelt und nahezu stagniert, ist insofern die zukünftige Entlastung begrenzt. Bei der Interpretation von Gesamtquotienten ist zudem zu bedenken, dass zwar Alten- und Jugendquotient gemeinsam zu beachten sind, dass aber Umschichtungen zwischen Jugend- und Alterslasten nicht automatisch erfolgen. Während nämlich der Unterhalt älterer Menschen nahezu vollständig von den steuer- und beitragsfinanzierten Sicherungsinstitutionen getragen wird, muss der individuelle Unterhalt der Kinder und Jugendlichen zu einem großen Teil privat, d. h. von den Eltern bestritten werden. Eine umstandslose Umschichtung ist allein deswegen nicht möglich, weil durch Steuer- bzw. Beitragsabzüge alle Erwerbstätigen betroffen sind und die Empfänger anonym sind, während die individuellen Ausgaben für Kinder von ihren Eltern finanziert werden.

Erwerbstätige und Nicht-Erwerbstätige

Der Blick auf die Kinder und Jugendlichen weist aber darauf hin, dass es nicht nur die Älteren sind, die als nicht mehr Erwerbstätige Übertragungen von den Jüngeren erhalten. Es ist vielmehr so, dass auch unter den Personen im Erwerbsalter nur ein Teil überhaupt erwerbstätig ist und ein Erwerbseinkommen bezieht. Das Erwerbseinkommen wiederum ist die Grundlage für die Zahlung von Steuern oder Beiträgen zur Finanzierung der sozialen Sicherung allgemein und den Alterssicherungssystemen im Speziellen oder auch für private Übertragungen. Zu denken ist etwa an Hausfrauen, die durch ihre Arbeit unbestreitbar einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand leisten, aber nicht im Sinne der offiziellen Ökonomie bzw. der Rentenbeiträge, die direkt vom Lohn aus abhängiger Beschäftigung abgeleitet werden. Genau genommen müssten derartige Betrachtungen auch um die meisten Selbstständigen und die Beamten bereinigt werden.

Deshalb haben die Erwerbstätigenzahlen und -quoten eine entscheidende Bedeutung. Die Zahl der Erwerbstätigen muss ins Verhältnis zur Bevölkerung insgesamt und zu den Nicht-Erwerbstätigen gesetzt werden. Hinsichtlich der Besetzungsstärke der "aktiven" Generation kommt es also nicht auf die Zahl der Erwerbsfähigen, sondern auf die Zahl der tatsächlich Erwerbstätigen an. Für die Frage nach der Belastung der Rentenversicherung ist insofern der Altenquotient ungeeignet; aussagefähiger sind der Rentenfallquotient (Verhältnis zwischen der Anzahl der zu zahlenden Renten und der Anzahl der beitragszahlenden Versicherten) oder (vgl. Kasten) präziser noch der Eckrentnerquotient (Rentenausgaben dividiert durch Standardrente im Verhältnis zu den Beitragszahlern). Diese Quotienten reflektieren die zukünftige Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung schon um einiges genauer und ihr Anstieg fällt umso weniger stark aus, je deutlicher sich die Erwerbstätigenquote nach oben entwickelt.

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Der Eckrentnerquotient

Die Zahl der Rentner wird auf eine fiktive Eckrentnerzahl umgerechnet, indem die prognostizierten Rentenausgaben insgesamt durch die Eckrente (Rente nach 45 Jahren Durchschnittsverdienst = 45 Entgeltpunkte) geteilt und mit der Zahl der Beitragszahler ins Verhältnis gesetzt werden. Die Tatsache, dass gegenwärtig Männer bei ihrem Renteneintritt nur durchschnittlich 40,2 Entgeltpunkte (EP) und Frauen 26,2 EP erzielen, unterstreicht den Sinn dieser Vorgehensweise.


Wenn es dazu kommt, dass sich die Frauenerwerbstätigenquote weiter erhöht und die Zahl der Arbeitslosen abgebaut wird, nimmt die Entwicklung der Erwerbstätigen einen anderen Verlauf als die Entwicklung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Es verbessert sich im Übrigen dabei nicht nur die Einnahmebasis der Rentenversicherung, zugleich vermindern sich auch arbeitsmarktbedingte Ausgaben, insbesondere im Bereich des SGB III und SGB II.

Insofern ist die zukünftige Entwicklung der Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung von entscheidender Bedeutung. Demografische Berechnungen müssen also mit Prognosen über die Entwicklung von Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit und Erwerbstätigkeit kombiniert werden. Auf demografische Vorausberechnungen reduzierte Aussagen geben notwendigerweise ein einseitig verkürztes und damit falsches Bild über die Zukunft.

Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung 1970 bis 2060Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung 1970 bis 2060 (© bpb)
Die Abbildung "Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung 1970 bis 2060" zeigt auf Basis der vorletzten, also der 12. kBvb den bisherigen Anteil der Erwerbspersonen und auf Grundlage einer Prognose der Erwerbsquoten, die die Statistischen Ämter als wahrscheinlichste Variante vorgestellt haben, die künftige Entwicklung des Erwerbspersonenanteils an der Bevölkerung. Zu erkennen ist, dass der Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung in der Zeit 1970/1980 sehr niedrig war und seitdem deutlich gestiegen ist. Er wird künftig zwar wieder sinken. (Insoweit gilt es aber festzuhalten, dass wir gegenwärtig in einer diesbezüglich außerordentlich günstigen demografischen Situation leben. Finanzierungsprobleme des Sozialstaats oder angebliche "Zwänge", die zu geringen nominalen Steigerungen und einem realen Absinken der Rentenzahlungen führen, haben heute definitiv andere als demografische Ursachen).

Aber selbst im Jahr 2060 liegt die Relation für beide Varianten des Zuwanderungssaldos nicht unter dem Wert von 1970 bis 1980. 2010 treffen danach auf 100 Erwerbspersonen 93 Nichterwerbspersonen. 2020 wären es 96 und 2030 auch nur 105 bis 108 Nichterwerbspersonen. 2060 wären es – bei allen Unwägbarkeiten (!) – zwischen 118 und 123 Nichterwerbspersonen. Auch muss berücksichtigt werden, dass im Zeitraum zwischen 1970 und 1980 bis zu 129 Nichterwerbspersonen auf 100 Erwerbspersonen kamen: Das heißt immer noch mehr als für 2060 erwartet.

Das Verhältnis von potenziell aktiver Bevölkerung zur Bevölkerung insgesamt steigt also längst nicht so dramatisch, wie in der öffentlichen Debatte - oder der zu sehr vereinfachenden Betrachtung des Altenquotienten - suggeriert wird.

Dies ist umso bemerkenswerter als diese Prognose der Statistischen Ämter die Bevölkerungszahl im erwerbsfähigen Alter deutlich unterschätzt. Denn der Großteil der Zuwanderer befindet sich in dieser Altersgruppen.

Der Blick auf den Arbeitsmarkt macht aber auch deutlich, dass die Zuwanderung einer hohen Zahl von Flüchtlingen noch nicht automatisch zu einer Erhöhung der Erwerbstätigen führt. Dies wird nur unter bestimmten, jedoch politisch gestaltbaren Voraussetzungen gelingen, denn eine Arbeitsmarktintegration erfordert auf der einen Seite Sprachkenntnisse und ausreichende Qualifikationen und auf der anderen Seite eine entsprechende Arbeitsnachfrage durch die Unternehmen.

Entwicklung von Sozialprodukt, Abgaben und verfügbarem Einkommen

Für die Finanzierung der Sozialleistungen an eine wachsende Anzahl älterer Menschen ist es nicht nur wichtig, wie groß die Zahl der im Erwerbsleben stehenden aktiven Bevölkerung ist, welches Arbeitsvolumen sie auf sich vereinigen und welchen Finanzierungsbeitrag sie über Steuern oder Beiträge leisten. Aus der Relation der Anzahl der Köpfe alleine lässt sich nämlich noch nicht beurteilen, ob höhere Belastungen auch zu verkraften sind. Wichtig für die Zahlungsbereitschaft und Zahlungsfähigkeit im generativen Übertragungsprozess ist gleichermaßen, welche Höhe die individuellen Einkommen haben, die in Zukunft erwirtschaftet werden. Die Einkommensentwicklung entscheidet, ob es gelingt, steigende Beitrags- und/oder Steuerbelastungen auch ohne Realeinkommensverluste zu verkraften.

Zu berücksichtigen sind also die gesamtwirtschaftlichen Trends, nämlich die Zuwachsraten von Beschäftigung, Sozialprodukt, Produktivität und Arbeitseinkommen. Die Verteilungsfrage zwischen den Generationen lässt sich entschärfen, wenn es zu rückläufiger Arbeitslosigkeit, steigenden Erwerbstätigenquoten und Produktions-, Produktivitäts- und Einkommenszuwächsen kommt. Alle vorliegenden ökonomischen Prognosen gehen davon aus, dass auch in Zukunft ein zumindest moderater Zuwachs der Arbeitsproduktivität stattfinden wird. Dies bedeutet, dass mit weniger Input an Arbeitskräften das gleiche, ja sogar ein größeres Sozialprodukt erwirtschaftet werden kann. Vorausgesetzt, dass sich dieser Produktivitätsfortschritt nicht nur bei den Einkommen aus Unternehmertätigkeiten und Vermögen niederschlägt, kann von diesem gewachsenen Kuchen die Rente auch für mehr Rentner finanziert werden, ohne dass die aktive Bevölkerung Einkommenseinbußen gegenüber dem heutigen Niveau hinnehmen muss.

Wenn man sehr vorsichtig annimmt, dass es zwischen 2016 und 2040 (2060) zu einem Wachstum des realen (!) Sozialproduktes von durchschnittlich 1,5 Prozent kommt, dann erhöht sich das Sozialprodukt bis 2040 um etwa 43 Prozent, bis 2060 um etwa 93 Prozent. Bei einem Wachstum von 2 Prozent errechnet sich sogar ein Zuwachs um 61 Prozent bzw. 139 Prozent. Wenn zugleich die Bevölkerungszahl sinkt, erhöht sich das Wachstum pro Kopf noch viel stärker. Wird dieser Zuwachs anteilig auf die Löhne und Gehälter weiter gegeben, errechnet sich eine entsprechende Erhöhung der realen Einkommen pro Kopf der Erwerbstätigen. Aus diesen einfachen Modellberechnungen lässt sich erkennen, dass der durchschnittliche Wohlstand je Bürger in Zukunft deutlich steigen wird. Unter diesen Bedingungen, also aus einem steigenden Wohlstand heraus, müssen die demografischen Belastungen bewältigt werden. Trotz insgesamt steigender Abzüge vom Bruttoeinkommen fallen bei den Erwerbstätigen also immer noch Nettorealeinkommenszuwächse an. Die demografischen Belastungen können aus den Zuwächsen getragen und ohne Konsumverzicht bewältigt werden.

Diese Belastungen ergeben sich im Übrigen nicht nur für die Alterssicherung, sondern auch für die Kranken- und Pflegeversicherung. Aber die Finanzlage dieser beiden Versicherungen wird durch die steigende Zahl der Älteren nur begrenzt beeinflusst, denn die Rentner sind auch Beitragszahler in die Kranken- und Pflegeversicherung. Zugleich ist fragwürdig, ob mit der Verlängerung der Lebenserwartung auch eine entsprechende Verlängerung der Morbiditäts- und Pflegephase verbunden sein wird. Eher das Gegenteil dürfte der Fall sein, dass sich nämlich bei steigender Lebenserwartung die Phase, in der mit erhöhten Risiken zu rechnen ist, in höhere Altersgruppen verschiebt. Wenn die Erhöhung der Lebenserwartung mit einem Zugewinn an gesunden Lebensjahren verbunden ist, würde der Ausgabenanstieg in der Kranken- und Pflegeversicherung jedoch deutlich niedriger ausfallen, als wenn mit einer steigenden Häufigkeit und längeren Dauer von Krankheit und Pflegebedürftigkeit zu rechnen ist.

Die Modellberechnungen dürfen indes nicht den Eindruck erwecken, dass die Zukunft so und nicht anders aussehen wird. Die Unsicherheiten bei den wirtschaftlichen Prognosen – zumal über einen Zeitraum bis zum Jahr 2060 – sind noch einmal größer als bei den demografischen Vorausberechnungen. Es kann auch nicht einfach abgewartet und das Eintreffen günstiger ökonomischer Konstellationen unterstellt werden. Kommt es nämlich nicht dazu, dann müsste die demografische Belastung unter den Bedingungen von hoher Arbeitslosigkeit, Wachstumsschwäche und Einkommensstagnation bewältigt werden. Es bedarf also eines aktiven wirtschafts- und beschäftigungspolitischen Handelns. So lassen sich eine steigende Alterserwerbstätigkeit und die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt nicht einfach per "Knopfdruck" verordnen. Durch Betriebs-, Arbeitszeit- und Familienpolitik müssen die Voraussetzungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden. Ein längerer Verbleib älterer Arbeitnehmer im Beruf setzt voraus, dass entsprechende Arbeitsplätze angeboten werden und sich Betriebe wie Beschäftigte frühzeitig auf eine verlängerte Lebensarbeitszeit vorbereiten. Mit der Heraufsetzung von Altersgrenzen ist es nicht getan – damit wird lediglich festgelegt, dass eine nicht um Abschläge gekürzte Rente erst später bezogen werden kann (vgl. Die Heraufsetzung der Altersgrenzen). Eine besondere Herausforderung stellt die Aufgabe dar, die große Zahl von Zuwanderern nicht nur "aufzunehmen", sondern auch tatsächlich zu integrieren. Vorausschauende Maßnahmen in allen Teilbereichen der Sozial- und Gesellschaftspolitik sind gefordert, wenn soziale Probleme vermieden werden sollen.

Demografische Belastungen und kapitalmarktabhängige Alterssicherungssysteme

Die Einbindung der demografischen Prozesse in den gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang kann aufzeigen, dass durch günstige ökonomische Bedingungen die Belastungen verringert werden können und leichter zu tragen sind. Gleichwohl gilt die zentrale Einsicht: "Belastungen lassen sich nicht wegreformieren – sehr wohl aber anders verteilen" [1]. Das weist darauf hin, dass neben der umlagefinanzierten Rentenversicherung und den ebenfalls umlage-, weil steuerfinanzierten Sondersystemen (Beamtenversorgung, Grundsicherung, Alterssicherung der Landwirte usw.) auch die kapitalfundierten Altersversorgungssysteme (betriebliche Altersversorgung, private Vorsorge) von dem Altersumbruch in der Bevölkerung betroffen sind.

Denn eine steigende Lebenserwartung führt entweder zu höheren Sparleistungen bzw. Versicherungsbeiträgen oder aber zu sinkenden Leistungen . Das gilt gleichgültig ob diese als Voll- oder Teilkapitaldeckung organisiert sind, bzw. ob sie von der Gesetzlichen Rentenversicherung verwaltet werden (was in Deutschland sehr lange der Fall war) oder von privaten Finanzinstitutionen. Zugleich ergibt sich aus der Verschiebung der Anteilsrelationen zwischen Jüngeren und Älteren, dass zu dem Zeitpunkt, an dem die stark besetzten Älteren ihr Kapital auflösen wollen und müssen, die weniger werdenden Jüngeren stärker sparen müssen, um den Kurswert der Anlagen nicht absinken zu lassen. Tun dies die Jüngeren nicht, müssen die Älteren mit geringeren Erträgen rechnen (vgl. Kapitaldeckungsverfahren als Finanzierungsalternative?).

Hintergrund dieses Zusammenhangs ist die so genannte "Mackenroth-These", wonach den Ruheständlern und dem Rest der Bevölkerung für ihre Konsumnachfrage immer nur das Volkseinkommen (bzw. das realwirtschaftliche Dienstleistungs- und Güterangebot) des jeweils laufenden Jahres zur Verfügung steht (vgl. Umlage- versus Kapitaldeckungsverfahren). Denn auch beim Kapitaldeckungsverfahren muss die kleiner werdende Gruppe der Erwerbstätigen ihren Konsum einschränken, wenn der Konsum der größer werdenden Gruppe der Älteren wächst.

Fußnoten

1.
Steffen 2010, S. 141.
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