Rentenpolitik

16.11.2016 | Von:
Gerhard Bäcker
Ernst Kistler

Ein Blick in die Zukunft: Der Fortschritt als Schnecke

Aufgrund der zunehmenden Erwerbsintegration von Frauen sinkt der Abstand zwischen den durchschnittlichen Versichertenrenten von Männern und Frauen. Wegen der anhaltenden Entlohnungsunterschiede und dem steigenden Teilzeitanteil ist das aber ein sehr langsamer Prozess.

WeinbergschneckeFortschritt im Schneckentempo: Trotz vieler Fortschritte ist eine Anpassung an die Männerrenten nicht in Sicht. Die Beschäftigung von Frauen in Teilzeit weitet sich aus und umfasst 2011 mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Frauen (© Michael Trapp - Fotolia.com)


Frauenerwerbstätigenquoten in den alten und neuen Bundesländern 1991 und 2014Frauenerwerbstätigenquoten in den alten und neuen Bundesländern 1991 und 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 63 KB) (© bpb)
Die deutsche Gesellschaft ist durch einen anhaltenden sozialen Wandel geprägt, der sich vor allem in einer Veränderung der Geschlechterrollen sowie der privaten Lebensformen niederschlägt. Die Trends sind bekannt: Steigende Erwerbstätigkeit und Bildungsbeteiligung von Frauen und deren Wunsch nach einer unabhängigen und eigenständigen Lebensführung auf der einen Seite − niedrige Geburtenziffern, späte Heirat, gestiegenen Scheidungszahlen und Tendenzen zur Wiederheirat sowie zu nicht-ehelichen Lebensformen auf der anderen Seite. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen erhöht sich von Kohorte zu Kohorte und die familienbedingten Erwerbsunterbrechungen werden kürzer und seltener. Die noch unmittelbar nach der Wiedervereinigung unterschiedlichen Erwerbstätigenquoten der Frauen in West- und Ostdeutschland haben sich weitgehend eingeebnet (vgl. Abbildung "Frauenerwerbstätigenquoten in den alten und neuen Bundesländern, 1991 und 2014"). Die lebenslange sog. "Nur-Familienhausfrau" ist auch in den alten Bundesländern zu einer seltenen Ausnahme geworden.

Deshalb ist zu erwarten, dass die nachfolgenden Frauengenerationen im Durchschnitt längere Versicherungsverläufe aufweisen, auch begünstigt durch die additive Anrechnung von Kindererziehungs- und Pflegezeiten, und die in den Rentenbezug nachrückenden Jahrgänge jeweils durchschnittlich höhere Renten erhalten werden. Allerdings: Eine Anpassung an die Männerrenten ist nicht in Sicht. Denn für berufstätige Frauen hat sich an der traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung nur wenig verändert, nach wie vor beteiligen sich die Männer lediglich nachrangig an der Haus-, Pflege- und Erziehungsarbeit. Die Erwerbstätigkeit von verheirateten Frauen und Müttern in Deutschland (und hier vornehmlich in den alten Bundesländern) beruht zu großen Teilen auf Teilzeitarbeit, um über diesen Weg Familie und Beruf zu vereinbaren [1].

Teilzeitquoten insgesamt und nach Geschlecht 2000 – 2014Teilzeitquoten insgesamt und nach Geschlecht 2000 – 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 62 KB) (© bpb)
Zwischen 2000 und 2014 ist die Frauenerwerbstätigenquote von 57,7 Prozent auf 69,3 Prozent angestiegen, dies aber allein durch Teilzeitbeschäftigung (+ 2,5 Mio.), bei einem gleichzeitigen Rückgang der Vollzeitbeschäftigung (- 0,8 Mio.). Das Arbeitsvolumen von Frauen (Produkt aus Beschäftigtenzahl und durchschnittlicher Jahresarbeitszeit) ist deshalb weitgehend konstant geblieben : Die Arbeitszeitgesamtrechnung des IAB weist 19.285 Mio. Stunden im Jahr 2000 und 20.213 Mio. Stunden im Jahr 2014 aus − verbunden mit einem leichten Anstieg des Anteilswerts der Frauen am Arbeitsvolumen von 39,8 Prozent auf 40,8 Prozent [2]. Das Arbeitsvolumen ist also innerhalb der Gruppe der Frauen umverteilt worden: In früheren Jahren waren weniger Frauen, diese aber mit durchschnittlich längeren Arbeitszeiten erwerbstätig, heute sind die Arbeitszeiten innerhalb der Gruppe der Frauen sehr unterschiedlich und im Durchschnitt kürzer.

Die Teilzeitbeschäftigung von Frauen umfasst 2011 mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Frauen (vgl. Abbildung "Teilzeitbeschäftigungsquoten nach Geschlecht, 2000-2014").

Entsprechend rücklaufend entwickeln sich die durchschnittlichen Arbeitszeiten. Der Anteil der Frauen, die weniger als 30 Stunden in der Woche arbeiten, ist zwischen 2000 und 2014 von 39,8 Prozent auf 45,9 Prozent gestiegen (vgl. Abbildung "Abhängig beschäftigte Frauen nach Arbeitszeitgruppen 2000-2014").

Abhängig beschäftigte Frauen, Deutschland 2000 – 2014Abhängig beschäftigte Frauen, Deutschland 2000 – 2014 (PDF-Icon Grafik zum Download 55 KB) (© bpb)
Beschäftigte in Mini-Jobs 2003 – 2015Beschäftigte in Mini-Jobs 2003 – 2015 (PDF-Icon Grafik zum Download 50 KB) (© bpb)


Dazu trägt auch die Ausweitung der Minijobs bei (vgl. Abbildung "Beschäftigte in Mini-Jobs 2003-2015").

Diese Trends sind auch eine Folge der immer noch unzureichenden Kinderbetreuungsangebote – vor allem für Kleinkinder. Zugleich werden im Steuer- und Sozialrecht monetäre Anreize gesetzt, dass (Ehe)Frauen auf dem Arbeitsmarkt eine "Zuverdienerinnenrolle" einnehmen. Zu nennen sind vor allem die Auswirkungen des Ehegattensteuersplittings, der kostenfreien Mitversicherung in der Krankenversicherung sowie der Beitrags- und Steuerfreiheit der Minijobs.

Durchschnittliche kumulierte Zahl der Entgeltpunkte im jeweiligen Lebensjahr nach GeburtskohortenDurchschnittliche kumulierte Zahl der Entgeltpunkte im jeweiligen Lebensjahr nach Geburtskohorten (© bpb)
Berechnungen im Rahmen der Studie Altersvorsorge in Deutschland (AVID) zeigen insofern eine nur leicht positive Entwicklungstendenz der Rentenanwartschaften von Frauen in Westdeutschland für die jeweils nachfolgenden Kohorten. Hingegen entwickeln sich die Entgeltpunkte bei den Männern stark rückläufig – besonders deutlich sogar bei Männern im jüngeren Erwerbsalter bis zum 23. Lebensjahr (vgl. Abbildung "Durchschnittliche kumulierte Zahl der Entgeltpunkte im jeweiligen Lebensjahr nach Geburtskohorten").

Ursachen sind spätere Eintritte in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufgrund längerer Bildungszeiten, längere Phasen der Arbeitslosigkeit und anderer atypischer Beschäftigung – die alle (inzwischen) zu keinen oder allenfalls minimalen Rentenansprüchen führen. Und: Bei jeweils jüngeren Kohorten sinkt diese Zahl immer weiter. Hatten z. B. westdeutsche Männer, die zwischen 1940 und 1944 geboren wurden, bis zum 23. Lebensjahr durchschnittlich bereits 4 Entgeltpunkte erworben, so waren es bis zu diesem Alter bei den 1970- bis 1974- Geborenen nur noch durchschnittlich 2 Entgeltpunkte.

Bei den Frauen gleicht die gestiegene Frauenerwerbstätigkeit diesen Trend der in der Jugend erworbenen geringeren Rentenansprüche zwar im mittleren Lebensalter aus. Da die Frauenerwerbstätigenquote dann aber unter derjenigen der Männer liegt und die verbeitragten Arbeitseinkommen deutlich niedriger sind als bei Männern, entwickeln sich die bis ins höhere Erwerbsalter angesammelten Entgeltpunkte zwischen den Geschlechtern weiterhin stark auseinander.

Fußnoten

1.
Bundesregierung 2013; Klammer 2012.
2.
Vgl. Wanger 2015.
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Autoren: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de
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