Rentenpolitik

Leistungen und Finanzierung der Rentenversicherung


16.11.2016
Finanziert werden die Rentenzahlungen durch Beiträge der Versicherten, der Arbeitgeber und Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. Die Rentenberechnung berücksichtigt auch Kindererziehungszeiten. Unter welchen Voraussetzungen können Erwerbsgeminderte eine Erwerbsminderungsrente bekommen? Haben Witwen,Witwer und Waisen Anspruch auf eine Hinterbliebenenrente?

Gehbehinderte Menschen üben den Einstieg in den Bus. Erst bei einer Restleistungsfähigkeit von unter drei Stunden Arbeitszeit täglich wird eine volle Erwerbsminderungsrente gewährt.Gehbehinderte Menschen üben den Einstieg in den Bus. Erst bei einer Restleistungsfähigkeit von unter drei Stunden Arbeitszeit täglich wird eine volle Erwerbsminderungsrente gewährt. (© picture-alliance/dpa)


Altersrenten und Altersgrenzen



Der Anspruch auf eine Altersrente ist an das Vorliegen bestimmter Voraussetzungen (sog. Wartezeiten) und an das Erreichen von Altersgrenzen geknüpft. Der Eintritt des Versicherungsfalls ist also unabhängig von der tatsächlichen Erwerbsfähigkeit des betreffenden Versicherten. Vielmehr wird eine Weiterarbeit zwar nicht ausgeschlossen, aber auch nicht mehr zugemutet. Betrachtet man die Altersgrenzen in der gesetzlichen Rentenversicherung, so bildete seit 1916 in der Arbeiterrenten- und bereits seit 1912 in der Angestelltenrentenversicherung das 65. Lebensjahr grundsätzlich die für alle gültige Regelaltersgrenze.

Diese Regelaltersgrenze wird seit Beginn des Jahres 2012 schrittweise auf das 67. Lebensjahr heraufgesetzt: Es besteht jedoch die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen bereits vorzeitig eine Rente zu beziehen. Dies betrifft Schwerbehinderte (ebenfalls schrittweise Anhebung von 60 auf 62 Jahre) sowie sogenannte langjährig Versicherte (63 Jahre) und besonders langjährig Versicherte (63 bzw. 65 Jahre). Bei einem vorzeitigen Rentenbeginn werden die Renten ansonsten durch Abschläge (0,3 Prozent je vorgezogenem Monat) gekürzt. Eine Verschiebung des Rentenbezugs und eine Weiterarbeit auch über die Regelaltersgrenze hinaus sind durch das Rentenrecht ausdrücklich vorgesehen. Für jeden über die Regelaltersgrenze hinaus (bis maximal zwei Jahre) versicherungspflichtig länger gearbeiteten Monat wird ein monatlicher Rentenzuschlag von 0,5 Prozent gezahlt. Neben dem Bezug einer Altersrente kann weiterhin einer Erwerbsarbeit nachgegangen werden. Dieser Hinzuverdienst ist bei vorgezogenen Altersrenten durch Hinzuverdienstgrenzen limitiert; ab Erreichen der Regelaltersgrenze aber uneingeschränkt möglich.

Erwerbsminderungsrenten



Rentenzahlungen aufgrund von Erwerbsminderung gliedern sich in Renten wegen voller oder teilweiser Erwerbsminderung. Entscheidend dafür ist der Zeitumfang, in dem eine Tätigkeit noch ausgeübt werden kann. Wer weniger als sechs Stunden (aber mindestens drei Stunden) täglich arbeitsfähig ist, erhält eine teilweise Erwerbsminderungsrente. Bei einer Restleistungsfähigkeit von unter drei Stunden wird eine volle Erwerbsminderungsrente gewährt. Erwerbsminderungsrenten und Rehabilitation stehen dabei in einem unmittelbaren Zusammenhang. Nach dem Grundsatz "Rehabilitation vor Rente" geht es darum, Heilbehandlungen für Erwerbsgeminderte bzw. von Erwerbsminderung bedrohte Versicherte zu übernehmen, um ihre Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen oder zu erhalten. Zur Beurteilung der Schwere der Erkrankung erfolgt eine ärztliche Prüfung. Im Rahmen des Antragsverfahrens (auf Basis ärztlicher Gutachten und Unterlagen, auch z. B. von der Krankenkasse) wird seitens eines Amtsarztes zu allererst geprüft, ob durch Maßnahmen der medizinischen und/oder beruflichen Rehabilitation die Erwerbsfähigkeit wiederhergestellt oder zumindest verbessert werden kann.

Hinterbliebenenrenten



Die Berufstätigkeit von Frauen, gerade von Ehefrauen und Müttern, nimmt seit Jahren zu. Das traditionelle Modell der Hausfrauen- und Versorgerehe, bei dem die Frau sich ausschließlich um den Haushalt und die Kindererziehung kümmert und kein eigenes Einkommen hat, dominiert heute nicht mehr. Aber von der Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt sind wir noch weit entfernt. Der Mann ist immer noch hauptzuständig für den Einkommenserwerb, die Frau verdient deutlich weniger und ergänzt − häufig auf der Basis von Teilzeitarbeit − das Familieneinkommen. Entfällt durch den Tod des Mannes sein Einkommen oder seine Rente, geraten die Familienangehörigen, die Ehefrau und die Kinder, in eine existentielle Notlage. Diese Lücke füllt im Prinzip die Hinterbliebenenrente. Hinterbliebenenrenten werden an Waisen, Witwen oder Witwer gezahlt.

Kindererziehungszeiten



Die Berücksichtigung von Zeiten der Kindererziehung – eingeführt ab 1986 – erfolgt in dem grundsätzlich an der Erwerbstätigkeit (mit Beiträgen) orientierten Versicherungssystem durch vom Staat gezahlte Beiträge. Als Kindererziehungszeiten gelten die Zeiten der Erziehung eines Kindes in den ersten drei Lebensjahren nach der Geburt für Kinder, die ab 1992 geboren wurden. Für vor 1992 Geborene wurden lange Jahre nur 12 Monate anerkannt. Durch die Rentenreform von 2014 ("Mütterrente") − das sogenannte Rentenpaket 2014 − ist diese Zeit auf 24 Monate verlängert worden.

Finanzierung



Die Gesetzliche Rentenversicherung verfügt über eine eigene Finanzhoheit. Das heißt, sie führt einen eigenständigen Haushalt, der nicht Teil des Bundeshaushalts ist, sondern getrennt von diesem ist. Die Finanzierung erfolgt über Beiträge und ergänzende Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt. Beiträge und Zuschüsse fließen in den Haushalt der Rentenversicherung und unterliegen dabei einer strengen Zweckbindung. Der Beitragssatz wird im Gesetzgebungsverfahren festgelegt und liegt 2015 bei 18,7 Prozent. Die Beitragszahlung wird je zur Hälfte von den Versicherten und ihren Arbeitgebern übernommen (paritätische Finanzierung). Allerdings unterliegen Einkommensbestandteile, die eine obere Grenze (Beitragsbemessungsgrenze) überschreiten, keiner Beitragspflicht.

Neben den Beiträgen finanziert sich die Gesetzliche Rentenversicherung durch Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt, die aus dem allgemeinen Steueraufkommen getragen werden. Damit sollen die allgemeinen gesellschaftspolitischen Aufgaben der Rentenversicherung finanziert und der Verantwortung des Bundes für die Stabilität dieses wichtigsten Sozialversicherungszweiges Rechnung getragen werden.

Ausgaben



Im Sozialleistungssystem ist die gesetzliche Rentenversicherung der mit Abstand größte Leistungsträger. Dabei dominieren die Ausgaben für die Versicherten- und Hinterbliebenenrenten. Die Verwaltungs- und Verfahrenskosten haben bei der GRV eine nur geringe Bedeutung (1,4 %); im Unterschied zur privaten Lebens- und Rentenversicherung arbeitet die GRV äußerst "kostengünstig".

Auf einen Blick: Leistungen und Finanzierung der Rentenversicherung

Auf einen Blick: Leistungen und Finanzierung der Rentenversicherung
(Stand: 2014)
Zahl der Rentenzugänge (Versichertenrenten)994.000
Anteil (2013) der Rentenzugänge an allen Zugängen:
Altersrenten
Erwerbsminderungsrenten

78,6 %
21,4 %
Renten im Rentenbestand
Altersrenten
Hinterbliebenenrenten
Erwerbsminderungsrenten

17,8 Mio.
5,7 Mio.
1,8 Mio.
Regelaltersgrenze
2016
Schrittweise Heraufsetzung auf 67 Jahre
65 Jahre + 5 Monate
Vorgezogene Altersgrenzen
Langjährig Versicherte (Wartezeit 35 Jahre)
mit Abschlägen
63 Jahre
Besonders langjährige Versicherte (Wartezeit
45 Jahre) ohne Abschläge
65 Jahre
(vorübergehend 63 Jahre, ansteigend)
Schwerbehinderte abschlagsfreiSchrittweise Heraufsetzung von 63 auf 65 Jahre
Schwerbehinderte mit AbschlägenSchrittweise Heraufsetzung von 60 auf 62 Jahre
Rentenabschläge in % der Rentenzugänge
Ost (Frauen/Männer)
West (Frauen/Männer)

41,3 % / 32,0 %
18,6 % / 24,7 %
Rentenausgaben 260 Mrd. Euro
Anteile der Rentenarten an den Rentenausgaben
Altersrenten
Hinterbliebenenrenten
Erwerbsminderungsrenten

78,8 %
16,4 %
6,8 %
Gesamtausgaben der Gesetzlichen Rentenversicherung
in % aller Sozialleistungen
in % des Sozialprodukts

30,7 %
9,3 %
Beitragssatz 2016 18,7 %.
Bundeszuschuss zur Rentenversicherung
in Euro
in % der Rentenausgaben

61,3 Mrd. Euro
23,5 %
Rücklagen in Monatsausgaben1,9


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Gerhard Bäcker für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Dossier Rentenpolitik

Rentenversicherung im Detail: Leistungen und Finanzierung

In diesem Kapitel werden verschiedene Leistungen der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) als größtem Alterssicherungssystem und ihre Finanzierung detaillierter dargestellt. Dabei wird auf die Anspruchsvoraussetzungen, die Rentenberechnungsgrundlagen, die Höhe der Leistungen und die Ausgaben(-entwicklung) eingegangen. Die Erläuterung der Rentenberechnung und –anpassung sowie die Darstellung von Rentenhöhe und Rentenniveau finden sich im Kapitel Rentenberechnung, Rentenhöhe, Rentenniveau). Weiter... 

Mediathek

Die Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

In diesem Film erfahren Sie, wie Sie sich auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung zurecht finden. Alle Inhalte des Films sind in Deutscher Gebärdensprache (DGS) übersetzt. Weiter... 

Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Das Dossier stellt Grundlagen, Ziele, Akteure und Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor. Weiter... 

Dossier

Gesundheitspolitik

Dossier über die Grundlagen, Strukturen und Akteure der Gesundheitspolitik, der Gesundheitsversorgung und der Pflegeversicherung. Weiter... 

Die Netzdebatte

Rente

Glaubt man den Prognosen steht unser Rentensystem vor einem Problem: Wir werden immer älter, die Gesellschaft schrumpft und unsere Lebensläufe werden immer fragmentierter. Künftig müssen also verhältnismäßig wenige junge Menschen immer mehr alte mit Ihren Rentenbeiträgen finanzieren. Gleichzeitig zahlen viele immer unregelmäßiger in die Rentenkassen ein. Was bedeutet das für den Sozialstaat? Welche Reformen werden diskutiert? Ist die Rente noch zu retten? Weiter... 

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte. Weiter...