Titelkleingrau

9.7.2018 | Von:
Ingrid Breckner

Nachhaltige Stadtentwicklung

Sozialverträglichkeit und Umweltorientierung in der Stadtentwicklung

Ist eine umweltorientierte Stadtentwicklung auch in sozialer Hinsicht nachhaltig? Ingrid Breckner skizziert die gesellschaftlichen und naturräumlichen Herausforderungen.

(@ Meike Fischer)(@ Meike Fischer)

Die Komplexität nachhaltiger Stadtentwicklung

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts zeichnet sich wieder eine zunehmende Konzentration der Bevölkerung in Städten ab: Mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung leben inzwischen durchschnittlich in städtischen Siedlungsgebieten, in Deutschland sind es bereits 75 Prozent. Weltweit prognostizieren die Vereinten Nationen bis zum Jahr 2050 bis zu 70 Prozent Stadtbewohner[1]. All diese Menschen erwarten in Städten einen besseren Zugang zu Einkommen, Wohnraum, Bildung, Gesundheit und Mobilität. In der Fachliteratur zur Stadtforschung kursieren deshalb Stichworte wie „Urban Age“[2], „Arrival Cities“[3] oder „Smart Cities“[4]. Mit ihnen wird vor allem die globale Relevanz zukünftiger Stadtentwicklung in das Blickfeld gerückt.

Zentral an allen urbanen Orten der Welt werden somit die Fragen: Wie, von wem, mit welchen Ressourcen und mit welcher Verbindlichkeit können städtische Entwicklungsprozesse nachhaltig gestaltet werden? Nachhaltigkeit meint dabei die ökonomische, soziale und ökologische Zukunftsfähigkeit städtischer Entwicklung. Sie wiederum ist in Abhängigkeit von den jeweils spezifischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu sehen. Die Kunst nachhaltigen Handelns besteht darin, die jeweils angestrebten ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekte von Nachhaltigkeit so miteinander zu verzahnen, dass Ungleichheiten im Zugang zu städtischen Lebensbedingungen möglichst vermieden werden[5].

Für dieses breite Spektrum an zentralen Herausforderungen in der Stadtentwicklung gibt es – trotz vielfältiger Forschungsanstrengungen – noch keine universellen Lösungen. Zu unterschiedlich sind, weltweit gesehen, sowohl die gesellschaftlichen und naturräumlichen Herausforderungen nachhaltiger Stadtentwicklung als auch die wirtschaftlichen, politischen und sozialkulturellen Ressourcen für deren Verwirklichung.

Notwendige wissenschaftliche Erkenntnisse für die Gestaltung nachhaltiger urbaner Entwicklungsprozesse unter Berücksichtigung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Komplexität beschränken sich infolge der vorwiegend monodisziplinären Förderstrategien der Europäischen Union, der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie von Bundes- und Landesministerien noch zu häufig auf enge disziplinäre Handlungsfelder. Es stehen entweder – wie bei den meisten EU-Förderprogrammen – wirtschaftliche Interessen an der Verwertung von Forschungsergebnissen oder ökologische Herausforderungen des Klimawandels im Vordergrund. Soziale Nachhaltigkeit, die sich im Nutzen urbaner Transformationen für Wohnende, Beschäftigte und Besucher manifestieren müsste, bleibt dabei weitgehend unberücksichtigt[6].

Gleiches gilt für eine systematische interdisziplinäre Ausbildung von Fachleuten, die notwendig wäre, um den hohen Anforderungen nachhaltiger Stadtentwicklung in ihrer Komplexität gerecht zu werden. Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Erkenntnis- und Gestaltungspraktiken sowie die notwendige kritische Reflexion praktizierter Handlungsstrategien – wie etwa der brandgefährlichen Dämmung von Wohnhäusern – finden im wissenschaftlichen und praktischen Handeln deshalb nur unzureichend Berücksichtigung. Sie werden allenfalls mit langen Verzögerungen für Lernprozesse in der nachhaltigen Stadtentwicklung fruchtbar gemacht. Folgekosten von als unvorhersehbar deklarierten Mängeln werden in Form erhöhter Wohnkosten an die Nutzer der Gebäude weitergereicht, die sich dagegen nur schwer zur Wehr setzen können.

Aspekte der Sozialverträglichkeit in Handlungsfeldern nachhaltiger Stadtentwicklung

Quellentext

Nachhaltige Stadtentwicklung

Nachhaltige Stadtentwicklung kann nur gelingen, wenn die Dimensionen sozial, wirtschaftlich, ökologisch sowie kulturell und institutionell so zusammenwirken, dass aus dem verantwortlichen Umgang mit den vorhandenen Ressourcen ein fairer Konsens zwischen den Interessen der heutigen und der künftigen Stadtmenschen erwirkt wird.

Quelle: BBSR 2017
Diese fachliche Positionierung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) verweist darauf, dass es bei nachhaltiger Stadtentwicklung um einen fairen Ausgleich zwischen zeitgenössischen und längerfristigen städtischen Lebensbedingungen geht. Fairness bezieht sich dabei auf eine ausgewogene Berücksichtigung sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Erfordernisse aller Menschen, die eine Stadt als Wohnende, Beschäftigte oder Besucher nutzen sowie auf alle Institutionen, die als Unternehmen, als politisch-administrative oder als sozial-kulturelle Einrichtungen Stadt gestalten.

Verantwortliche Akteure im Bereich nachhaltiger Stadtentwicklung können sich zudem nicht allein auf Bedürfnisse von Zeitgenossen konzentrieren, sondern müssen stets gleichzeitig auch als die Anwälte zukünftiger Generationen von Städtern handeln. Sie benötigen dafür Fähigkeiten zum Perspektivenwechsel zwischen der jeweils zur Diskussion stehenden urbanen Gegenwart und einer mehr oder weniger vorstellbaren urbanen Zukunft. Solche Kompetenzen entstehen in reflexiven professionellen Alltagsprozessen, in die sorgfältige und kritische Rückblicke auf urbane Vergangenheiten und deren Entwicklungsdynamik einfließen. Denn Analysen nicht beabsichtigter Handlungsfolgen und entstandener sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Gefährdungen städtischen Lebens bieten Lernmöglichkeiten für eine nachhaltige Gestaltung städtischer Zukunft, die verlässlicher sind als die meisten Prognosemodelle.

Gegenstand einer sozialverträglichen nachhaltigen Stadtentwicklung sind die Lebensbedingungen aller Menschen, die Stadt nutzen und gestalten. Sie sind weltweit geprägt von den Zugangsmechanismen zu Boden, Wasser, Luft und Energie. Auch in den Städten befindet sich der Boden je nach Gesellschaftsstruktur in privatem oder in öffentlichem Besitz. Er wird von den jeweiligen Eigentümern entsprechend ihrer je spezifischen Interessen und Entscheidungsmacht sowie geltender politisch-administrativer Regulationen mehr oder weniger nachhaltig genutzt: sei es als Bau-, Grün- oder Verkehrsfläche, sei es für den Abbau von Rohstoffen, für Energiegewinnung oder -transport, für Müllentsorgung, Wohnen, Arbeit, Mobilität, Freizeit oder Ernährung. Je nach Bodennutzung wiederum sind unterschiedliche Auswirkungen auf die Qualität von Wasser, Luft und energetischer Versorgung zu erwarten.

Diese Auswirkungen können sich ihrerseits für unterschiedliche Stadtbewohner als mehr oder weniger sozialverträglich erweisen. So erfordert der Abbau von Braunkohle nach wie vor den unfreiwilligen Umzug von Bewohnern, oberirdischer Energietransport und die Produktion von Windenergie belasten Nutzer betroffener Grundstücke durch elektrische Spannungsfelder und Lärm, Mülldeponien können die Trinkwasserversorgung gefährden und zunehmende berufliche und Freizeitmobilität sowie intensiver Wohnungsneubau an gefragten Standorten führen zu Flächenversiegelung und Reduzierung lebenswichtiger Grünräume.

Folgende komplexe Wechselwirkungen werden gegenwärtig in nationalen und internationalen Stadtdiskursen thematisiert:
  • Die Nutzung fossiler Energien für Heizungen sowie für den Personen- und Warentransport verunreinigt zusammen mit industriellen Emissionen die Atemluft in dicht besiedelten urbanen Räumen
  • Die Anlage und Pflege von Grünzonen, die durch Sauerstoffeintrag die Luftqualität verbessern könnten, ist vor dem Hintergrund zunehmend leerer öffentlicher Kassen und eines Wohnungsbaus, der in hoch verdichteten Gebieten mit überdurchschnittlichem Nachfragedruck nicht mehr allein durch Innenverdichtung zu gewährleisten ist, gefährdet.
  • Der Klimawandel führt als Ergebnis fehlender Nachhaltigkeit im Umgang mit planetaren Ressourcen in vielen Regionen der Welt zu Wassermangel und/oder zu Überschwemmungen von Böden. Dadurch ist vielerorts die Nahrungs- und Trinkwasserversorgung gefährdet und es können wasserrechtlich bedingte politische Konflikte ausgelöst werden.
Arbeiten zur historischen Entwicklung städtischer Lebensbedingungen zeigen, dass ein Wissen um deren Gefährdung durchaus vorhanden ist[7]. Auch die politische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Sensibilität gegenüber der Notwendigkeit einer nachhaltigen Gestaltung von Stadtentwicklung nimmt stetig zu: Exzellenzcluster in Universitäten und Forschungseinrichtungen beschäftigen sich zum Beispiel mit der Komplexität von Klimafolgen und stellen ihre Ergebnisse auf Konferenzen nationalen wie internationalen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Diskussion. Städte orientieren sich in ihrer Entwicklungspolitik an Kategorien der Nachhaltigkeit und beabsichtigen, soziale Gerechtigkeit in Verbindung mit wirtschaftlicher und ökologischer Zukunftsfähigkeit zu verwirklichen[8]. Dennoch erweist sich die praktische Umsetzung von Sozialverträglichkeit in nachhaltigen Stadtentwicklungsbemühungen selbst in wohlhabenden Gesellschaften bis heute eher als Flickwerk denn als überzeugende, langfristig wirksame Handlungsstrategie[9]. Bisherige Gehversuche im Handlungsfeld einer sozialverträglichen Gestaltung nachhaltiger Stadtentwicklung offenbaren Herausforderungen und offene Fragen in den Bereichen des Wissens, des Handelns und der Wirtschaftlichkeit[10].

Herausforderungen und offene Fragen einer sozialverträglichen Nachhaltigkeit von Stadtentwicklung

(@MannBalkon)(@ Meike Fischer)

Am Beispiel einer im Jahr 2015 abgeschlossenen Studie zur Sozialverträglichkeit nachhaltiger Stadtentwicklungsstrategien im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Hamburg (2007–2013) lassen sich entsprechende Herausforderungen konkretisieren. Untersucht wurde die Aneignung, Bedienung und Akzeptanz der Nutzung sogenannter Green Buildings[11]. In diesen Gebäuden wurden jeweils unterschiedliche Aspekte eines nachhaltigen Umgangs mit Energie und Rohstoffen umgesetzt[12]. In besonderem Maße interessierte uns, wie wirtschaftlich benachteiligte und bildungsferne Haushalte die angestrebten Innovationen wahrnehmen und inwiefern letztere als eine Verbesserung der alltäglichen Lebenssituation erlebt werden. Wird für diese Haushalte das Wohnen kostengünstiger, leichter und günstiger warm, heller, größer und leichter gestaltbar? Oder bietet es unvorhergesehene Überraschungen, die Skepsis gegenüber energieeffizienten Wohngebäuden erzeugen?

Die Ergebnisse zeigen, dass das Wissen zur Umsetzung von Energieeffizienz in Wohngebäuden noch erkennbare Lücken aufweist. Es liegen noch keine ausreichend erprobten Konzepte für den Einsatz von neuen Baumaterialien sowie von unterschiedlichen Technologien der Energieversorgung, der Gebäudelüftung und -dämmung vor, die sowohl Fachleute von zeitlichen und wirtschaftlichen Risiken entlasten als auch für die jeweiligen Nutzer als effizient begreifbar sind. Fachleute experimentierten häufig mit Effizienzkonzepten auf der Grundlage verfügbarer Technologiebausteine, etwa zur Algenproduktion an Hausfassaden oder zur Regelung der Wärmeversorgung. Dafür war in vielen Fällen mehr Zeit erforderlich als ursprünglich für einen Auftrag kalkuliert wurde. Zudem entstanden Gewährleistungsansprüche und daraus folgende rechtliche Auseinandersetzungen, wenn sich bauliche oder technologische Konzepte in der Praxis als dysfunktional erwiesen haben. Den Nutzern dieser Technologien hingegen fehlte es vor allem an verständlichen Informationen über die eingesetzte Energietechnik und über deren Handhabung. Je nach Interesse und Möglichkeit informierten sie sich individuell und erzielten so durchaus unterschiedlich befriedigende Ergebnisse.

Eine genaue Beurteilung der durch die jeweiligen technologischen Konzepte erreichten Energieeffizienz scheiterte an fehlenden Messeinrichtungen für jeden Haushalt, die aus Kostengründen und wegen des Zeitdrucks zur Fertigstellung der Bauarbeiten nicht eingebaut wurden. Partizipation fand zwar in unterschiedlichen IBA-Projekten in engagierter und innovativer Weise statt, bezog sich aber nur in seltenen Fällen auf die technische Ausstattung der Gebäude, sondern mehr auf die Gestaltung von Grundrissen, Freiräumen oder auf die Funktion von Projektstandorten im Kontext der Internationalen Bauausstellung.

Diese Erfahrungen der Umsetzung von Energieeffizienz in Wohngebäuden der IBA Hamburg zeigen, dass viele dieser Maßnahmen für eine breitenwirksame Anwendung noch nicht hinreichend erprobt sind. Dennoch beeinflussen sie die städtische Lebensqualität des nutzenden Haushaltes. Sie können aber nur dann die Akzeptanz einer nachhaltigen Energieversorgung fördern, wenn deren Wirkung konkret erfahrbar, nachvollziehbar und nachweisbar ist.

Unterschiedliche internationale Praktiken partizipatorischer Stadtentwicklung verdeutlichen, dass sie in der Regel Nachhaltigkeit anstreben und im Falle einer erfolgreichen Umsetzung die Sozialverträglichkeit der ergriffenen Maßnahmen steigern können[13]. Das Wohnen kann durch geeignete Maßnahmen günstiger, die sozialen Beziehungen zwischen Nachbarn verbessert, die Motivation zur Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel erhöht und die Verantwortlichkeit für eine nachhaltige städtische Alltagspraxis gefördert werden. Dennoch bedarf es in Zukunft einer Konkretisierung der Kriterien für die Sozialverträglichkeit von urbanen Nachhaltigkeitsstrategien auf der Grundlage einer engen Kooperation von Sozial-, Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaftlern mit Handwerkern und zuständigen politisch-administrativen Akteuren der Forschungsförderung und der Stadtentwicklung.

Solche Präzisierungen sind umso wichtiger, je heterogener die Lebensbedingungen der Stadtbewohner sind und je stärker ihr Wissen und ihre alltägliche Nutzungspraxis den längerfristigen Erfolg nachhaltiger Stadtentwicklung beeinflusst. Um kurz-, mittel- und langfristig Sozialverträglichkeit in der nachhaltigen Stadtentwicklung zu erreichen, bedarf es einer Festlegung von Standards, die vor allem bildungsferne und einkommensschwache Haushalte vor zusätzlichen Belastungen schützen. Dies lässt sich am ehesten gewährleisten, wenn allen Bevölkerungsgruppen schon in der Schule und in der städtischen Erwachsenenbildung, spätestens aber im Vorfeld einer breitenwirksamen Implementation von Maßnahmen das notwendige und gebrauchsorientierte Wissen für eine nachhaltige Stadtentwicklung vermittelt wird. Dabei sollten realistische Erfahrungswerte aus bereits durchgeführten Maßnahmen sowie deren mögliche Wechselwirkungen und Risiken unter Abwägung von verfügbaren wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Ressourcen aller Beteiligten transparent gemacht werden.

Angesichts der zunehmenden Konkurrenz um den knappen und teuren städtischen Boden wäre zudem zu überlegen, klimatisch notwendige Grün- und Freiflächen politisch abzusichern und etwa Grundsteuern für Gebäude generell an deren Flächenverbrauch auszurichten.

Fußnoten

1.
vgl. zukunftsInstitut 2015
2.
https://urbanage.lsecities.net
3.
Saunders 2011
4.
http://www.ict-smart-cities-center.com
5.
vgl. Engels et al. 2017; Großmann et al. 2017
6.
vgl. Großmann et al. 2017
7.
vgl. z.B. Breckner 1985; Heidenreich 2004; Frank/Gandy 2006; Mayer 2007
8.
vgl. z.B. Freie und Hansestadt Hamburg 2014
9.
vgl. Brenner 2013; Pahl-Weber/Schwartze 2014
10.
vgl. Matthiesen/Mahnken 2009
11.
vgl. Krümmel/Breckner 2017
12.
vgl. IBA Hamburg/Hellweg 2014
13.
vgl. Beebeejaun 2016
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