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9.7.2007 | Von:
Dr. Birgit Glock

Schrumpfende Städte

Seit der Herausbildung der modernen Großstadt im Prozess der Industrialisierung galt Wachstum als verallgemeinerbares Muster der Stadtentwicklung. Ökonomischer Niedergang und Abwanderung aber setzen Städte Schrumpfungsprozessen aus. Birgit Glock erläutert deren Formen, Ursachen und soziale Folgen und schildert den stadtpolitischen Umgang mit Schrumpfung.
Bibliothek in Halle Neustadt, Dezember 2005.Bibliothek in Halle Neustadt, Dezember 2005. (© AP)

Das Schrumpfen von Städten ist eigentlich nichts Neues. Zwar verschwand nach dem 11. Jahrhundert kaum eine europäische Stadt von der Karte. Dennoch verloren einzelne Städte aufgrund technologischer, ökonomischer oder politischer Veränderungen ihre einstige Bedeutung und gingen nieder (Benke 2005: 49). Seit der Herausbildung der modernen Großstadt in der Industrialisierung jedoch galt Wachstum als universalisierbares Muster der Stadtentwicklung (Häußermann/Siebel 1987: 7). Dieses Wachstumsparadigma prägt bis heute unser Denken über Stadtentwicklung, auch wenn die industrialisierten Nationen das Schrumpfen von Städten bereits seit einigen Jahrzehnten erleben.

Formen und Ursachen

Städte, in denen die ökonomische Basis erodiert ist und deren Einwohnerzahlen beständig abnehmen, schrumpfen. Prozesse dieser Art sind seit einigen Jahrzehnten in den altindustrialisierten Städten Westdeutschlands zu beobachten. Ausgelöst wurden die Schrumpfungsprozesse durch einen ökonomischen Strukturwandel, der in allen westlichen Industrienationen seit Beginn der 1970er Jahre zu beobachten war und der zu einem massiven Arbeitsplatzverlust im produzierenden Gewerbe führte[1]. Durch den Arbeitsplatzabbau, der nicht durch neue Beschäftigungsmöglichkeiten kompensiert werden konnte, entwickelten sich in diesen Städten auch die Einwohnerzahlen rückläufig. Als Verlierer des ökonomischen Strukturwandels sind die Städte des Ruhrgebietes, des Saarlandes und Oberfrankens oder auch peripher gelegene Industriestandorte mit dauerhaften Schrumpfungsprozessen konfrontiert. In diesen benachteiligten Regionen gewinnt zunehmend auch der natürliche Bevölkerungsrückgang an Bedeutung[2].

Zur Person

Dr. Birgit Glock

Dr. Birgit Glock, geboren 1973, studierte Sozialwissenschaften in Berlin und New York. Sie promovierte zum Thema "Stadtentwicklungspolitik in schrumpfenden Städten". Seit Juni 2006 vertritt sie eine Juniorprofessur im Lehrbereich Stadt- und Regionalsoziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

In Ostdeutschland hingegen verzeichnen fast alle Städte rückläufige Einwohner- und Arbeitsplatzzahlen. Betroffen sind nicht nur die industriell geprägten Siedlungsschwerpunkte der DDR, sondern auch solche Städte, die über eine differenziertere ökonomische Basis verfügen. Der flächendeckende Schrumpfungsprozess ist die Folge eines durch die Vereinigung erfolgten radikalen Strukturbruchs. Mit der Wiedereinführung der Marktwirtschaft und der Privatisierung der staatseigenen Betriebe brach die industrielle Basis in Ostdeutschland innerhalb weniger Jahre zusammen[3].

Der Arbeitsplatzabbau im verarbeitenden Gewerbe wurde noch durch einen parallel verlaufenden Stellenabbau in der Land- und Forstwirtschaft, der Verwaltung und dem Militär potenziert[4]. Dementsprechend verloren die ostdeutschen Städte gerade zu Beginn der 1990er Jahre zahlreiche Einwohner durch eine arbeitsmarktbedingte Abwanderung nach Westdeutschland[5]. Die Fernwanderungen schwächten sich Mitte der 1990er Jahre zwar deutlich ab, stattdessen gewann die Suburbanisierung an Gewicht[6]. Zusätzlich sorgte der dramatische Einbruch der Geburtenraten für einen deutlichen Bevölkerungsrückgang in den ostdeutschen Städten[7].

Auch wenn sich, wie gezeigt, Zeitpunkt, Ausmaß und Ursachen der Schrumpfung zwischen Ost und West erheblich unterscheiden, handelt es sich in beiden Fällen um langfristige und sich zukünftig noch verfestigende strukturelle Verwerfungen, mit denen die Städte umgehen müssen. Prognosen deuten nicht darauf hin, dass die Bevölkerungszahlen in den großen Städten wieder zunehmen werden. Schon allein aufgrund des Rückgangs der Geburtenraten werden vermutlich gerade die Städte weiter an Bevölkerung verlieren, die die natürlichen Verluste nicht durch Zuwanderungsgewinne ausgleichen können.

Soziale Folgen

Die Städte in Ost und West sind bereits heute mit den einschneidenden sozialen Folgen des Schrumpfungsprozesses konfrontiert. Neben den dauerhaft hohen Arbeitslosenquoten ist es insbesonders die sozial- und alterstrukturell selektiv verlaufende Abwanderung, die den Städten Probleme bereitet: Es sind zum einen die gut ausgebildeten, qualifizierten und jüngeren Bewohner, die die Städte auf der Suche nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten verlassen. Zum anderen werden die Prozesse der Wohnsuburbanisierung überwiegend von einkommensstärkeren Familien mit Kindern getragen, die sich ein Häuschen im Grünen leisten können. Beide Prozesse führen dazu, dass sich in den schrumpfenden Städten die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung verändert: Zurück bleiben diejenigen, die zu arm, zu unqualifiziert oder zu alt sind, um abzuwandern.

Die nachlassende wirtschaftliche und demographische Dynamik manifestiert sich derzeit am deutlichsten in einem massenhaften, strukturellen Wohnungsleerstand in ostdeutschen Städten. Der enorme Leerstand von rund 1,1 Millionen Wohnungen resultiert aus der Kombination von Bevölkerungsschwund und einem eher angebotsorientierten Neubauboom durch staatlich induzierte Steuerabschreibungen nach 1990[8]. Der durch Leerstand entstehende "Mietermarkt" kann mit unbestreitbar positiven Effekten wie mit niedrigen Mieten, einer großen Wahlfreiheit und mehr Verhandlungsmacht für Mieter, aber auch mit negativen Konsequenzen einhergehen[9]. Mit der Konzentration des Leerstandes in bestimmten Gebieten und Quartieren einer Stadt kann ein Abwärtstrend in Gang gesetzt werden, bei dem die mobilen Bevölkerungsgruppen diese Gebiete verlassen und nur noch diejenigen zurückbleiben, die nicht umziehen können oder wollen.

Durch sinkende Gewerbe- und Einkommenssteuern erodiert die finanzielle Basis der Städte, während die Kosten des ökonomischen, sozialen und demographischen Wandels ansteigen. Einem steigenden Handlungsbedarf stehen also sinkende finanzielle Mittel und damit ein abnehmendes Steuerungspotential gegenüber. Schrumpfungsprozesse, die alleine dem Marktprozess überlassen werden, bergen die Gefahr einer Spirale des Niedergangs und des Verfalls.

Umgang mit Schrumpfung

Der Umgang mit Schrumpfung stellt die betroffenen Städte vor neue und ungewohnte Herausforderungen: Bislang war es Aufgabe der Stadtentwicklungspolitik, Wachstumsprozesse funktional, sozialverträglich und später auch umweltverträglich zu gestalten. Für eine zukunftsorientierte Steuerung von Schrumpfungsprozessen existieren daher bislang kaum erprobte politische Strategien oder bewährte politische Instrumente. Wie lange es brauchte, bevor ausbleibendes Wachstum und anhaltende Schrumpfung überhaupt als ein langfristiges Problem in der Stadtentwicklung wahrgenommen wurden, zeigt eine empirische Untersuchung.

In meiner Studie "Stadtpolitik in schrumpfenden Städten" (2006), die die Stadtentwicklungspolitik in zwei Städten über mehrere Jahre vergleicht, wurde deutlich, dass sich die städtische Politik nur langsam, und auch nur unter bestimmten Voraussetzungen, in einer Stadt in einigen Bereichen der Stadtentwicklungspolitik auf die neuen Bedingungen einstellte und neue Instrumente, Maßnahmen und Strategien institutionalisierte, die den Schrumpfungsprozess als ein langfristiges und politisch zu steuerndes Problem begriffen[10].

Mittlerweile haben viele ostdeutsche Städte begonnen, konkrete Konzepte für den Umgang mit Wohnungsleerständen zu entwerfen und Wohnungsbestände abzureißen[11]. Sie werden durch das Bund-Länder-Programm "Stadtumbau Ost" unterstützt, das den Städten erstmals Finanzmittel für die Anpassung städtebaulicher und wohnungswirtschaftlicher Strukturen unter den Bedingungen rückläufiger Einwohnerzahlen, schwindender Arbeitsplätze sowie steigendem Wohnungsleerstand zur Verfügung stellt. Auch wenn sich eine gewisse Verengung der Schrumpfungsproblematik auf den Wohnungsleerstand abzeichnet, stellen sich einige Städte zumindest teilweise auf die neuen Bedingungen in der Stadtentwicklung ein. Diese Entwicklung hofft man, mit dem im Jahr 2004 verabschiedeten Bund-Länder-Programm "Stadtumbau West" auch im Westen anschieben zu können[12].

Schrumpfende Städte stehen vor dramatischen Problemen in der Stadtentwicklung, auf deren Bewältigung sie nur unzureichend vorbereitet sind. Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, wenn man die Städte lediglich als Opfer widriger Umstände begreifen würde. Auch in diesen Städten können Handlungsspielräume ausgelotet und zumindest ansatzweise Antworten auf die drängenden Probleme gefunden werden.

Literatur

Benke, Carsten (2005): Historische Schrumpfungsprozesse: Urbane Krisen und städtische Selbstbehauptung in der Geschichte. In: Gestring, Norbert; Glasauer, Herbert; Hannemann, Christine; Petrowsky, Werner; Pohlan, Jörg (Hrsg): Jahrbuch StadtRegion 2004/2005. Schwerpunkt: Schrumpfende Städte. Wiesbaden: VS Verlag. S. 49-70.

Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (2000): Raumordnungsbericht 2000. Berichte, Band 7 Bonn: Selbstverlag.

BMVBS; BBR (Bundesministerium für Verkehr Bau und Stadtentwicklung; Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung) (2006): Stadtumbau Ost - Stand und Perspektiven. Erster Statusbericht der Bundestransferstelle. Berlin.

Friedrichs, Jürgen; Häußermann, Hartmut (1998): Die Entwicklung der Städte in den neuen Bundesländern. In: Bertram, Hans; Kollmorgen, Ralf (Hrsg): Die Transformation Ostdeutschlands. Berichte zum sozialen und politischen Wandel in den neuen Bundesländern. Opladen: Leske+Budrich.S. 315-339.

Friedrichs, Jürgen; Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter, Hrsg. (1986): Süd-Nord-Gefälle in der Bundesrepublik? Sozialwissenschaftliche Analysen. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Fuhrich, Manfred; Kaltenbrunner, Robert (2005): Der Osten - jetzt auch im Wes-ten? Stadtumbau-West und Stadtumbau-Ost - zwei ungleiche Geschwister. In: Berliner Debatte Initial 16(6): 41-54.

Gatzweiler, Peter; Meyer, Katrin; Milbert, Antonia (2003): Schrumpfende Städte in Deutschland? Fakten und Trends. In: Informationen zur Raumentwicklung (10/11): 557-574.

Glock, Birgit (2006): Stadtpolitik in schrumpfenden Städten. Duisburg und Leipzig im Vergleich. Wiesbaden: VS-Verlag.

Glock, Birgit; Häußermann, Hartmut (2004): New Trends in Urban Development and Public Policy in Eastern Germany: Dealing with the Vacant Housing Problem on the Local Level. In: International Journal of Urban and Regional Research 28(4): 919-930.

Hannemann, Christine (2003): Schrumpfende Städte in Ostdeutschland - Ursachen und Folgen einer Stadtentwicklung ohne Wirtschaftswachstum. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament B(28): 16-25.

Häußermann, Hartmut; Siebel, Walter (1987): Neue Urbanität. Frankfurt am Main/New York: Campus.

Herfert, Günter (2003): Die ostdeutsche Schrumpfungslandschaft. Schrumpfende und stabile Regionen. Städte und Wohnquartiere. In: Standpunkt. Ein Dokument des Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes Schrumpfende Stadt: 1-6, http://www.shrinking.cities.com.

Mai, Ralf (2004): Abwanderung aus Ostdeutschland. Strukturen und Milieus der Altersselektivität und ihre regionalpolitische Bedeutung. Reihe Soziologie 394. Frankfurt/Main: Peter Lang.

Steinführer, Annett (2002): Wohnmobilität auf einem Mietermarkt – Leipziger Beispiele. In: Hannemann, Christine; Kabisch, Sigrun; Weiske, Christine (Hrsg): Neue Länder - Neue Sitten? Transformationsprozesse in Städten und Regionen Ostdeutschlands. Berlin: Schelsky&Jeep. S. 126-146.
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Fußnoten

1.
vgl. u.a. Friedrichs/Häußermann/Siebel 1986
2.
Gatzweiler/Meyer/Milbert 2003: 565
3.
Friedrichs/Häußermann 1998: 319
4.
Hannemann 2003: 18f
5.
Mai 2004
6.
Herfert 2003
7.
BBR 2000: 12
8.
Glock/Häußermann 2004: 920
9.
Steinführer 2002: 138f
10.
Glock 2006
11.
BMVS/BBR 2006
12.
Fuhrich/Kaltenbrunner 2005

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