Titelkleingrau

9.7.2007 | Von:
Dr. Ingeborg Beer

Drei Fragen an Ingeborg Beer

"Schrumpfenden Städten werden von Politikern und Stadtplanern gern Chancen zugeschrieben", bemerkt die Stadtsoziologin Ingeborg Beer. Eine Bewältigung der Schrumpfungsprobleme allerdings kann nur durch gemeinsame, akteursübergreifende Anstrengungen, durch regionale Kooperationen und durch bürgerschaftliches Engagement gelingen.

bpb: Was kennzeichnet schrumpfende Städte?

Ingeborg Beer: Schrumpfende Städte haben viele Gesichter. Sie alle zeigen Bevölkerungsrückgang, Arbeitsplatzabbau und sinkende kommunale Einnahmen. Doch erreichen diese Prozesse unterschiedliche Ausmaße und verlaufen mit unterschiedlicher Dynamik. Vor allem in ostdeutschen Städten nehmen sie infolge der Überlagerung von politischer Transformation und wirtschaftlichen Strukturbrüchen, Suburbanisierung und demographischem Wandel dramatische Dimensionen an. Hier sind selbst an wirtschaftlich stabilen Standorten Bevölkerungsverluste von 20 bis 30 Prozent an der Tagesordnung, hier wird die ohnehin stattfindende demographische Alterung wegen der selektiven Abwanderungen von jungen und aktiven Gruppen verstärkt. All dies führt zur sozialen und baulichen Fragmentierung der Städte. Wohnungen stehen massenhaft leer, Kitas und Schulen werden geschlossen, Krankenhäuser und Schwimmbäder sind nicht mehr ausgelastet. Andererseits nimmt der Bedarf an altersgerechtem Wohnraum, an Versorgung und Pflege zu. Viele Innenstädte gewinnen trotz massiver baulicher Sanierungsanstrengungen nicht die nötige Kraft und Lebendigkeit. Und im alltäglichen Leben vieler Bewohnerinnen und Bewohner herrscht Resignation. Es fehlt die Hoffnung, dass es "aufwärts" geht.

bpb: Welche Handlungsspielräume haben Städte, die mit Schrumpfungsprozessen konfrontiert sind?

Ingeborg Beer: In dramatisch schrumpfenden Städten kann es nicht mehr nach den Mustern der Wachstumsgesellschaft "aufwärts" gehen. Wohnungseigentümer und Geschäftsleute stellen sich aktuell und langfristig auf eine sinkende Nachfrage ein und sind vielfach von existenziellen Sorgen geplagt. Auch für Politik und Verwaltung fehlen offene Handlungsräume, es herrscht Entscheidungsdruck. Sie müssen mehrdimensionalen Herausforderungen gerecht werden, und zwar zügig. Wie kann der anwachsende Wohnungsleerstand bewältigt werden? Was wird aus den Kitas, für die es zu wenige Kinder gibt? Welche Infrastruktureinrichtungen bleiben überhaupt langfristig tragfähig? Wie können auch für junge Leute Bleibeperspektiven entstehen, wenn zu wenig Ausbildungs- und Arbeitsplätze für sie da sind? Wie sollen Städte als Wirtschaft-, Wohn-, Kultur- und Dienstleistungsorte attraktiv bleiben und den Menschen Lebensqualität bieten?

Antworten auf diese Fragen können Kommunen in der Praxis nicht aus eigener Kraft umsetzen. Die 2001 aufgelegten Bund-Länder-Programme "Stadtumbau Ost" und "Stadtumbau West" erweitern ihre eigenen engen finanziellen Handlungsspielräume. Zur Abfederung von Segregationsfolgen tun sie das vielfach in Partnerschaft mit dem Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" und Förderprogrammen der Europäischen Union. Diese haben in den letzten Jahren zur erfolgreichen Bewältigung schmerzhafter Probleme beigetragen.

bpb: Welche konkreten Maßnahmen, Konzepte oder Strategien haben sich im Umgang mit den Folgen von Schrumpfungsprozessen als erfolgreich erwiesen?

Ingeborg Beer: Schrumpfenden Städten werden von Politikern und Stadtplanern gern Chancen zugeschrieben. "Gesundschrumpfen" oder "Small is beautiful" gelten als Zauberslogans und machen glauben, dass in allen Problemen auch etwas Gutes steckt. Doch die Bewältigung von Schrumpfungsproblemen bei einer gleichzeitigen Stärkung der Städte für die Zukunft kann nicht überall und nicht von selbst geschehen. Neben günstigen Voraussetzungen der geografischen Lage, der wirtschaftliche Basis und der Größe braucht es dafür auch einen frühzeitigen Perspektivwechsel aller Beteiligten.

Von besonderer Bedeutung ist dabei eine Neuinterpretation des alten Themas der Europäischen Stadt, also die Fokussierung auf eine kompakte Stadt der kurzen Wege und der Funktionsdichte. Dafür müssen Wohnen und Eigentumsbildung in den Innenstädten Priorität erhalten. Für alle Investitionen und für die Wohnungswahl ist von Bedeutung, ob Quartiere als langfristig erhaltenswert, als Rückbau- oder Beobachtungsgebiete definiert sind. Nur so können Fehlinvestitionen, ständige Umzüge und der drohende Abriss modernisierter oder baukulturell wertvoller Gebäude und Quartiere weitgehend vermieden werden.

Um langfristig zu erhaltende Quartiere in ihren Funktionen stärken und "temporäre Quartiere" kurz- bis mittelfristig bewohnbar halten zu können, ist ein Gleichklang des Stadtumbaus mit anderen kommunalen Ressorts und der Aufbau breiter Akteurskonstellationen dringend erforderlich. Nur akteursübergreifend können effiziente Strategien und Maßnahmenbündel vereinbart und umgesetzt werden. Institutionelle und vor allem private Wohnungsmarktanbieter müssen eingebunden sein. Mit den Betreibern der technischen Infrastrukturen sind Kooperationen notwendig, die auf einen strategisch abgestimmten Stadtumbau gerichtet sind und Kostensteigerungen für Eigentümer und Mieter mit bedenken, so z.B. bei der Wasser- und Wärmeversorgung oder bei der Grünpflege. Auch Vertreter der lokalen Wirtschaft sind unverzichtbare Partner für Qualifizierung und Beschäftigung und können, je nach räumlicher Lage und Profil, durch Vernetzung mit Hochschulen, Bildungs- oder Tourismuseinrichtungen neue Potenziale erschließen. Derzeit sind Akteurskonstellationen allerdings meist begrenzt auf Wohnungsunternehmen und Kommunen.

Außerdem brauchen Städte zur Bündelung ihrer Kräfte und für die Tragfähigkeit von Einrichtungen ein kooperatives Zusammenwirken in der Region. Die gemeinsame Nutzung von Infrastruktureinrichtungen und Dienstleistungen, die Schaffung von nachfrageorientierten Verkehrsangeboten wie z.B. den Rufbus oder der Ausbau von Kompetenzfeldern in Wirtschaft und Bildung können zur Aufrechterhaltung und Stärkung von Bestehendem beitragen.

Schließlich bedarf es der Förderung von Partizipation und der Intensivierung bürgerschaftlichen Engagements. Vielfach ist das Beteiligungsniveau auf Standardangebote wie Informationsveranstaltungen zu Abriss- und Aufwertungsvorhaben beschränkt. Zur Überwindung von Resignation aber braucht es differenzierte Anstöße und vielfältige Aktivierungsmethoden wie die frühzeitige Einbindung der Bewohnerschaft in Leitbildprozesse und städtische Entwicklungskonzepte oder kontinuierliche Arbeitskreise. Das fördert Transparenz und eine neue Kultur der Mitwirkung. Workshops, Ideenaufrufe oder Freiwilligen-Agenturen können Ressourcen bereitstellen und zu einer identitätsstiftenden Verantwortungsübernahme führen. Sie sollten materiell und durch eine breite Anerkennungskultur, z.B. über die Bereitstellung von Räumen, kleinen Fonds für Projekte oder für Feste, unterstützt werden.

All diese Ansätze generieren kein Wachstum von Bevölkerung und Arbeitsplätzen. Sie können aber dazu beitragen, dass Ressourcen für eine neue Balance der Städte erschlossen und ausgeschöpft werden, Bevölkerung gebunden und die Dynamik der Schrumpfung verlangsamt wird – dass Stadtentwicklung zukunftsoffen bleibt.


Dossier

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