Titelkleingrau

9.7.2007 | Von:
Ilse Wolter

Drei Fragen an Ilse Wolter

Zu einem zentralen Instrument sozialer Stadtentwicklung ist das Quartiersmanagement geworden. Ilse Wolter, Quartiersmanagerin in Berlin-Neukölln, beantwortet Fragen zu den Aufgaben, Erfolgen und Problemen des Konzepts.

bpb: Seit 1999 gibt es das Programm "Soziale Stadt". Es sieht eine gesteigerte Aufmerksamkeit für "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf" vor. Was kennzeichnet diese Gebiete?

Ilse Wolter: Hier in Berlin hat sich die Bewohnerstruktur in diesen Gebieten als Folge wirtschaftlicher Umbruchprozesse nach dem Fall der Mauer stark verändert: Durch den Wegfall vieler Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe ist die Arbeitslosigkeit in diesen Stadtteilen oft doppelt so hoch wie im Berliner Durchschnitt. Besonders betroffen sind Menschen mit geringer oder keiner Berufsqualifikation, darunter viele Migranten. Besserverdienende und Familien mit Kindern sind weggezogen. Viele Menschen leben daher von Transfereinkommen. Damit bestimmt Armut die Lebensweise und –chancen vieler Menschen. Die fehlende Kaufkraft hat auch Auswirkungen auf die lokale Wirtschaftsstruktur, da Einzelhandel, Handwerk und Dienstleister von der Nachfrage aus der Nachbarschaft leben. Indikator für die subjektiv wie objektiv verminderte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist die niedrige Wahlbeteiligung, die weit unter dem Berliner Durchschnitt liegt.

Welche Aufgaben, Handlungsstrategien und Ziele umfasst das Konzept Quartiersmanagement?

Ilse Wolter: Aufgabe des Quartiersmanagements ist die nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Bewohner nach dem Prinzip der "Hilfe zur Selbsthilfe" und mit dem Ziel, das Gebiet zu stabilisieren, weiterzuentwickeln und aufzuwerten. Ansatzpunkte für unsere Arbeit sind dabei sowohl Probleme wie auch Potenziale des Gebietes. Die Aktivierung der Bewohner und ihre Beteiligung mit dem Ziel der schrittweisen Übernahme von Verantwortung für den eigenen Stadtteil haben daher bei allen Maßnahmen und Projekten im Rahmen des Quartiersmanagements höchste Priorität. Dahinter steht der Gedanke, dass alle von "oben" verordneten Maßnahmen erfahrungsgemäß auf Dauer keine Erfolge zeigen. Vor diesem Hintergrund werden auch unsere Arbeitsprogramme –wir nennen sie "Strategisches Handlungskonzept"- mit den lokalen Akteuren vor Ort gemeinsam erarbeitet. Das Strategische Handlungskonzept umfasst neun Handlungsfelder, u. a. die Bereiche "Integration", "Bildung", "Infrastruktur", "Wohnumfeld", "Gesundheit", "Sicherheit" und natürlich "Partizipation der Bewohner". In diesen Handlungsfeldern benennen wir die Probleme, die Ziele, die Maßnahmen und Projekte, die für die Umsetzung verantwortlichen Akteure sowie den Zeithorizont und die Finanzierung.

Dieses Konzept wird mit den zuständigen Fachverwaltungen auf der Bezirks- wie auf der Landesebene abgestimmt und jährlich fortgeschrieben. Für die Umsetzung der Maßnahmen und Projekte stehen uns Fördermittel aus dem Programm "Soziale Stadt" zur Verfügung.

bpb: Was betrachten Sie als den größten Erfolg dieses Konzepts, welche Probleme, Schwierigkeiten oder Grenzen sehen Sie?

Ilse Wolter: Der größte Erfolg ist sicher die große Zahl an Menschen, die aktiv an der Verbesserung der Lebensbedingungen in ihrem Viertel mitarbeiten. Die kontinuierlich teils über Jahre ehrenamtlich arbeitenden Quartiersbeiräte, Arbeitsgruppen oder Initiativen zeugen davon. Aber manchmal sind es auch gute Projekte, die als Initialzündung positive Gebietsprozesse in Gang setzen wie z. B. hier im Quartiersmanagement Reuterplatz die "Zwischennutzungsagentur" oder das Konzept der "Interkulturellen Moderation an Schulen". Erstere hat mit moderierten Begehungen interessierte Nutzer, darunter teilweise Existenzgründer, mit vermietungswilligen Eigentümern zusammengebracht. Daraus sind mittlerweile über 100 neue Arbeitsplätze und wiederbelebte Straßen entstanden, die für weitere Zuzüge attraktiv sind. Mit dem Projekt "Interkulturelle Moderation an Schulen" soll auf die schwierige Situation im Bildungsbereich reagiert und der Benachteiligung von Kindern aus bildungsfernen Schichten begegnet werden. Dazu werden an den lokalen Schulen muttersprachliche Sozialarbeiter als Moderatoren mit dem Ziel eingesetzt, die vorwiegend migrantischen Eltern als Partner der Schulen für den Bildungsprozess ihrer Kinder zu gewinnen. Erste Erfahrungen zeigen, dass ein Prozess des gegenseitigen Respekts und der Wertschätzung eingeleitet wurde. Daraus entstand die Idee, alle am Bildungsprozess Beteiligten im Stadtteil in einem lokalen Bildungsverbund im Sinne der Prävention einzubinden.

Probleme haben wir immer wieder bei der Vermittlung der bürokratischen Anforderungen an die Verwendung von Fördermitteln gegenüber unseren kleinen Trägern. Die Grenzen sind durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen gegeben wie z. B. beim Problem Arbeitslosigkeit, das wir hier im Stadtteil nicht lösen können.


Integration -Desintegration
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 40-41/2006)

Integration - Desintegration

Es gibt viele Ursachen, warum Menschen an den Rand der Gesellschaft rücken. Analysiert man sie, so lassen sich die Voraussetzungen für Integration ausmachen: eine Beschäftigung, die die Existenz sichert, Chancengleichheit in der Bildung und eine vorausschauende Städtepolitik.

Mehr lesen