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Titelkleingrau

1.7.2003 | Von:
Markus Ottersbach

Die Marginalisierung städtischer Quartiere in Deutschland

Der von der Wissenschaft diagnostizierten Krise der Städte stehen die Ressourcen ihrer BewohnerInnen gegenüber. Wenn diese ausgeschöpft werden, kann es gelingen, ehemals marginalisierte Stadtquartiere wieder aufzuwerten.

Marginalisierte Quartiere in der stadtsoziologischen Diskussion

Im Zuge der Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaften und der Wissenschaften nahm auch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg das Interesse der Soziologinnen und Soziologen zu, sich explizit mit dem Thema "Stadt" auseinander zu setzen. Insbesondere mit dem Aufkommen der Lebensstilforschung in den achtziger Jahren und der Diskussion um die Zukunft der "Sozialen Stadt" seit Anfang der neunziger Jahre[1] kam es zu einem regelrechten Boom innerhalb der Soziologie, sich mit dem Phänomen der Entwicklung der Städte und deren Auswirkungen zu befassen. So entwickelte sich auch in der Bundesrepublik eine weitere eigenständige Disziplin innerhalb der Soziologie: die Stadtsoziologie.

Allerdings hatten sich schon lange Zeit zuvor namhafte Soziologen mit städtischen Phänomenen beschäftigt, etwa Max Weber, der die Stadt als bedeutenden Träger der Rationalität und somit als Motor der kapitalistischen Wirtschaftsordnung gesehen hat. Auch für Karl Marx spielte die Stadt als Versammlungsort des Proletariats und als Ort der Entstehung der Revolution eine wichtige Rolle. Georg Simmel maß dieser eine große Bedeutung in Bezug auf die Entwicklung sozialer Beziehungen bei. Für alle Autoren stand jedoch die Gesellschaftstheorie im Vordergrund, in der die Stadt allerdings eine zentrale Rolle einnahm und zwar als Ursache wie als Wirkung gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen. Es ist m.E. nach wie vor wichtig, die Stadtsoziologie in eine Theorie der Gesellschaft einzubetten.

Betrachtet man die deutschsprachigen stadtsoziologischen Diskussionen der vergangenen Jahre, so erkennt man zwei Grundpositionen:

Die VertreterInnen der ersten Position sehen eine negative Entwicklung der Städte:

- Das Ende der zivilisierten Stadt sei in Sicht;[2]

- die Stadt sei von einer Krise erfasst[3] bzw. die "Integrationsmaschine" Stadt funktioniere nicht mehr[4] oder

- die Stadt sei durch den fortgeschrittenen Kapitalismus zweckentfremdet.[5]

Die VertreterInnen der zweiten Position relativieren das Bild von bzw. die Kritik an der fehlenden Integrationskraft der Städte:

- Ungleichheit und Konflikte seien nicht der Stadt, sondern gesamtgesellschaftlichen Entscheidungen geschuldet;[6]

- das zivilgesellschaftliche Potenzial der europäischen Städte sei relativ hoch[7] oder

- die Ressourcen der Menschen zur Verbesserung der Situation in marginalisierten Quartieren würden unterschätzt.[8]

Welches dieser Szenarien ist - empirisch gesehen - haltbar?

Fragt man die Betroffenen - die Menschen in den Städten - gehen die Meinungen auseinander. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die sich aufgrund des vielfältigen Angebots an Arbeit, Wohnungen, Freizeitgestaltung, Verkehrsanbindung und sozialen und kulturellen Einrichtungen in Städten nach wie vor wohl fühlen, auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, die ihre Quartiere - gemeint sind die Wohnviertel, Stadtbezirke, der jeweilige Kiez - am liebsten sofort verlassen würden.

Bei der Analyse wird deutlich, dass es sich um eine Krise handelt, die in erster Linie bestimmte Quartiere in bestimmten Städten betrifft. Dabei konzentrieren sich die Krisen vor allem in den im Zuge der Industrialisierung stark gewachsenen Städten, den heutigen Großstädten. Aber auch unter den Großstädten gibt es enorme Differenzen z.B. zwischen den ostdeutschen Städten, den Städten des Ruhrgebiets oder süddeutschen Städten wie Stuttgart oder München. Insgesamt ist die Situation in der Bundesrepublik gegenüber den amerikanischen Ghettos oder den französischen "banlieues" jedoch weitaus weniger brenzlig, auch wenn soziale Segregation und Polarisierung in jüngster Zeit in deutschen Städten zunehmen.[9]

Aus wissenschaftlicher Perspektive ist es wichtig, dass die soziologische Stadtforschung - will sie der Komplexität der Entwicklung der Städte gerecht werden - nicht nur Probleme, sondern auch Stärken der Städte und ihrer BewohnerInnen aufzeigt. Auf der Seite der Schwierigkeiten der Stadtentwicklung fehlt die Betrachtung der Stigmatisierung marginalisierter Quartiere, etwa durch medial aufbereitete wissenschaftliche Analysen oder durch politische Stellungnahmen und Verlautbarungen, können doch durch solche negativen "Bilder" bereits positiv verlaufende Veränderungsprozesse beeinträchtigt oder gar blockiert werden. Auf der Seite der Stärken müssten die Möglichkeiten einer positiven Quartiersentwicklung und die Ressourcen der BewohnerInnen stärker hervorgehoben werden. Dadurch wird erstens ersichtlich, dass die negative Entwicklung durchaus veränderbar ist; zweitens kann man ablesen, welche Maßnahmen erforderlich sind, um die Situation in den Quartieren zu verbessern.


Fußnoten

1.
Vgl. hierzu z.B. die Sammelbände von Jens Dangschat/Jörg Blasius (Hrsg.), Lebensstile in den Städten, Opladen 1994; Bernhard Schäfers/Göttrik Wewer (Hrsg.), Die Stadt in Deutschland. Soziale, politische und kulturelle Lebenswelt, Opladen 1996; Walter Hanesch (Hrsg.), Überlebt die soziale Stadt? Konzeption, Krise und Perspektiven kommunaler Sozialstaatlichkeit, Opladen 1997; Jens Dangschat: Modernisierte Stadt - Gespaltene Gesellschaft. Ursachen von Armut und sozialer Ausgrenzung, Opladen 1999; Uwe-Jens Walther (Hrsg.), Soziale Stadt - Zwischenbilanzen. Ein Programm auf dem Weg zur Sozialen Stadt?, Opladen 2002; Martina Löw (Hrsg.), Differenzierungen des Städtischen, Opladen 2002.
2.
Vgl. Manuel Eisner: Das Ende der zivilisierten Stadt? Die Auswirkungen von Modernisierung und urbaner Krise auf Gewaltdelinquenz, Frankfurt/M. - New York 1997.
3.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer/Rainer Dollase/Otto Backes, Einleitung: Die städtische Dimension ethnischer und kultureller Konflikte, in: dies (Hrsg.), Die Krise der Städte. Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnisch-kulturelle Zusammenleben, Frankfurt/M. 1998, S. 9f.
4.
Vgl. Hartmut Häußermann, Die Stadt und die Stadt-Soziologie. Urbane Lebensweise und die Integration des Fremden, in: Berliner Journal für Soziologie, 5 (1995) 1, S. 95f.
5.
Vgl. Andreas Feldtkeller, Die zweckentfremdete Stadt. Wider die Zerstörung des öffentlichen Raumes. Frankfurt/M.-New York 1994.
6.
Vgl. Thomas Krämer-Badoni, Urbanität und gesellschaftliche Integration, in: Deutsche Zeitschrift für Kommunalwissenschaft, 40 (2001) 1, S. 12f.
7.
Vgl. Klaus M. Schmals/Hubert Heinelt (Hrsg.), Zivile Gesellschaft. Entwicklung, Defizite, Potentiale, Opladen 1997.
8.
Vgl. Wolf-D. Bukow/Claudia Nikodem/Erika Schulze/Erol Yildiz, Die multikulturelle Stadt. Von der Selbstverständlichkeit im städtischen Alltag, Opladen 2001.
9.
Zu Differenzen zwischen der Situation in deutschen und französischen Städten vgl. Dietmar Loch, Soziale Ausgrenzung und Anerkennungskonflikte in Frankreich und Deutschland, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Die Krise der Städte. Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnisch-kulturelle Zusammenleben, Frankfurt/M. 1998, S. 281; zu den Unterschieden zwischen französischen und amerikanischen Vorstädten bzw. Ghettos vgl. Loïc J.D. Wacquant, Über Amerika als verkehrte Utopie, in: Pierre Bourdieu u.a., Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft, Konstanz 1997, S. 169ff.

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