Der Deutsche Bundestag

Online-Wahlkampf 2009


9.9.2009
Gruscheln, Twittern, Bloggen: Im Bundestagswahlkampf 2009 nutzten die Parteien intensiv das Internet zur Wählermobilisierung. Parteien und Spitzenkandidaten haben ihre Internetauftritte grundlegend überarbeitet und waren im Web 2.0 aktiv. Die Mehrheit der Nutzer will sich jedoch noch nicht so richtig mit den Wahlkämpfern anfreunden.

Anders als etwa in Amerika oder Frankreich erreichen die Parteien in Deutschland mehr Wählerinnen und Wähler durch den "Offline"-Wahlkampf.Anders als etwa in Amerika oder Frankreich erreichen die Parteien in Deutschland mehr Wählerinnen und Wähler durch den "Offline"-Wahlkampf. (© Susanne Müller)
Zur Standardausstattung der etablierten Parteien im so genannten Mitmach-Internet Web 2.0 gehören im Bundestagswahlkampf 2009 ein Kanal im Videoportal YouTube, ein Profil in den sozialen Netzwerken meinVZ/studiVZ und Facebook, eine Diskussionsgruppe auf XING sowie ein Account beim Kurznachrichtendienst Twitter. Die Online-Wahlkämpfer der Parteien bedienen damit die bekanntesten und reichweitenstärksten Anwendungen des Web 2.0. Die Spitzenkandidaten dagegen konzentrieren sich – wenn sie sich überhaupt selbst im Mitmachinternet engagieren – eher auf ausgewählte Plattformen oder kurzfristige Aktionen wie Live-Chats oder Webvideo-Fragestunden.

Die überarbeiteten Homepages der Parteien und Spitzenkandidaten sind im Bundestagswahlkampf 2009 ein Schaufenster zu den sonstigen Netz-Aktivitäten, leiten zu den unterschiedlichen Web 2.0-Profilen weiter und stellen mit Videos und großformatigen Fotos auf den Startseiten die zentralen und aktuellsten Partei-Botschaften in den Mittelpunkt. Mehr und ausführlichere Informationen gibt es in der Regel erst auf weiterführenden Seiten.

Bewegung hin zu den Wählern



Mit dieser Strategie reagieren die Parteien darauf, dass sich laut ARD/ZDF-Onlinestudie 2009 etwa ein Drittel der Deutschen online politisch informiert, aber nur wenige Internetnutzer dazu direkt und aktiv die Partei-Homepages ansteuern. Die Parteien bewegen sich im Internet also an die Orte, an denen sie mögliche Wähler vermuten und wo deren alltägliche Internetkommunikation stattfindet. Vorrangig sind dies die sozialen Netzwerke und die großen Web 2.0-Plattformen. Überträgt man dieses Bild in den Offline-Wahlkampf, steht der Infostand auf dem belebten Marktplatz und nicht in einer Seitenstraße.

Soziale Netzwerke



Die vergleichsweise jungen sozialen Netzwerke gehören heute für viele Deutsche zur alltäglichen Kommunikation und sind als Startseite die zentrale Sprungmarke für die Internetnutzung. Sie vereinen zahlreiche Funktionen, die zuvor separat stattfanden (z.B. Chats, Weblogs, Foren und Instant Messaging). 29 Prozent der deutschen Internetnutzer sind laut der repräsentativen ARD/ZDF-Onlinestudie 2009 Mitglied in einem oder mehreren sozialen Netzwerken. Hochgerechnet sind dies etwa 14,6 Millionen Menschen. Aus der Gruppe der 14- bis 19-Jährigen sind 74 Prozent der Onliner in den sozialen Netzwerken angemeldet.

Die meisten Unterstützer und Freunde erreichen Parteien und Kandidaten im Online-Wahlkampf 2009 in den sozialen Netzwerken studiVZ und meinVZ. Die Betreiber des seit 2007 zur Holtzbrinck-Verlagsgruppe gehörenden und im Oktober 2005 ursprünglich als Studentenplattform gestarteten Projekts lenken ihre nach eigenen Angaben etwa 9,5 Millionen Mitglieder durch prominent platzierte Links auf den jeweiligen Startseiten in die so genannte "Wahlzentrale". In diesem anlässlich des "Superwahljahrs" 2009 neu eingerichteten Angebot der VZ-Plattformen sind Profile der Parteien und Kandidaten verlinkt, deren Echtheit geprüft ist und die von den Parteien oder Kandidaten selbst erstellt und gepflegt werden. In der Regel sind hier aktuelle Bausteine der Kampagnen und Hintergrundinformationen zu finden. Per Mausklick auf "Finde ich gut" können die Nutzer Parteien und Kandidaten zu ihrem persönlichen Netzwerk hinzufügen, sie unterstützen und sie "gruscheln" (eine Mischung aus virtuellem Grüßen und Kuscheln). Mehrere tausend virtueller "Freunde" haben die Parteien und Kandidaten bei meinVZ/studiVZ auf diese Weise gefunden.

Außerdem kommentieren die Nutzer die Profilseiten der Parteien und Kandidaten. Die Parteien moderieren die eingehenden Nachrichten. Ein nicht unerheblicher Teil des veröffentlichten Feedbacks ist negativ: Von Pauschalkritik am politischen System und aktuellen politischen Entscheidungen bis hin zur dezidierten Auseinandersetzung mit Partei- und Wahlprogrammen ist hier eine ganze Bandbreite an Rückmeldungen zu finden.

Die VZ-Gruppe hat sich erst im Mai 2009 für Parteien und Politik geöffnet. Vergleichbare Wahlkampfaktivitäten laufen auch bei sozialen Netzwerken wie Facebook aus den USA oder dem in Süddeutschland starken wer-kennt-wen.de sowie anderen Plattformen bis hin zum Seniorennetzwerk feierabend.de. Diese erreichen jedoch nicht die Reichweite von studiVZ und meinVZ. Im August 2009 erlaubte auch das auf Wirtschaft und Businesskontakte spezialisierte deutsche Netzwerk XING Partei-Diskussionsgruppen für seine nach eigenen Angaben etwa 3,4 Millionen deutschsprachigen Mitglieder. Zudem sind zahlreiche Bundestagsabgeordnete und deren Mitarbeiter Mitglieder bei XING.

Die im Bundestag vertretenen Parteien haben neben diesen Angeboten aus der Privatwirtschaft zudem eigene soziale Netzwerke. In diesen können sich – je nach Konzept – Parteimitglieder und Sympathisanten anmelden und vernetzen. In den meisten Parteinetzwerken gibt es Anregungen, wie die Nutzer im Wahlkampf selbst aktiv werden können. Die Bandbreite reicht hier vom Schreiben von Leserbriefen und Blogkommentaren, Teilnahme an Online-Umfragen oder Chats von Massenmedien bis hin zum Veranstalten einer Spendenparty.

Web 2.0-Plattformen



Besonders aktiv sind die Parteien auch bei der Videoplattform YouTube, die zum US-amerikanischen Google-Konzern gehört. Fast alle haben hier Kanäle für ihre Webvideos eingerichtet. Regelmäßig veröffentlichen die Kampagnenverantwortlichen hier Wahlspots, Mitschnitte von Reden oder eigens für das Web produzierte Clips. Die Besonderheit: Die Webvideos können von anderen Nutzern auf ihren Internetseiten eingebunden werden.

Die aus den USA stammende Plattform Twitter wiederum findet im Bundestagswahlkampf 2009 ein großes Medienecho, das sich jedoch nur bedingt in Nutzerzahlen widerspiegelt. Bei Twitter, seit 2006 auf dem Markt, werden bis zu 140 Zeichen lange Kurznachrichten ähnlich einer Handy-SMS versendet und veröffentlicht. Der Unterschied zum Mobiltelefon ist jedoch, dass diese Nachrichten von anderen Twitter-Nutzern abonniert werden ("Follower") können und somit eine größere Verbreitung erzielen. Inzwischen haben sich auch Meinungsumfragen oder Votings zu bestimmten Themen via Twitter etabliert. Die Parteien nutzen Twitter im Wahlkampf unter anderem für blitzschnelle Reaktionen und Kommentare auf Aktionen des politischen Gegners oder Medienberichterstattung.

Angesichts der Vielfalt der genutzten Plattformen lässt sich eine Mehrfachverwertung der Kampagnenbotschaften beobachten: Ein Video ist nicht nur auf Videoplattformen wie Youtube zu sehen, sondern wird auch in den sozialen Netzwerken eingebunden und bei Twitter angekündigt bzw. verlinkt. Nachrichten in Textform werden automatisch per RSS-Feed ausgespielt und sind so auf einer Vielzahl von Kanälen zu sehen.

Allgemein betrachtet läuft die Kommunikation eher von den Parteien zu den Wählern, die Parteien begreifen das Internet also vorrangig als Medium zur Verbreitung ihrer Botschaften. Allerdings antworten die Parteien durchaus auf konkrete an sie gerichtete Fragen. Ein wirklicher Dialog mit den Unterstützern findet jedoch nicht statt.

Mäßige Resonanz der Nutzer



Die Anzahl der virtuellen Parteifreunde und der abgerufenen Inhalte bewegen sich jedoch selten über einem niedrigen Zehntausenderbereich. Setzt man diese Zahlen mit den in Deutschland rund 14 Millionen angemeldeten Nutzern der sozialen Netzwerke oder den insgesamt etwa 1,4 Millionen Parteimitgliedern in Relation, stoßen die Online-Botschaften nur bei einem Bruchteil der in den Netzwerken potentiell erreichbaren Wähler auf Resonanz. Den Bundestagswahlkampf im Netz dominiert ohnehin eine erst 2006 gegründete Partei, die sich vorrangig Internetthemen wie Urheberrechte oder Kampf gegen Netzzensur auf die Fahnen geschrieben hat: Die Piratenpartei. Sie hat in den Online-Netzwerken durchweg fast doppelt so viele Unterstützer wie die etablierten Parteien und entscheidet regelmäßig (nicht-repräsentative) Online-Umfragen für sich. Bei der Europawahl erreichte die Piratenpartei in Deutschland 0,9 Prozent der abgegebenen Stimmen, in der Sonntagsfrage unter den Nutzern von meinVZ und studiVZ könnten die Piraten als stärkste Partei den Kanzler stellen.

Zivilgesellschaft



Abseits der Parteikampagnen hat der Online-Wahlkampf zur Bundestagswahl 2009 eine eigene Dynamik entwickelt: Verstärkt bringen sich die Internetnutzer selber aktiv ein – wenn auch nicht immer im Sinne der Parteien. Veröffentlichen die Parteien Wahlwerbespots oder Plakate, tauchen sehr schnell kreative Auseinandersetzungen mit diesen auf. Die Slogans werden ausgetauscht und verballhornt oder die Videos mit Kommentaren versehen. Andere Plattformen wiederum haben sich darauf spezialisiert, die vielfältigen Online-Aktivitäten automatisiert zu bündeln und so Trends abzuleiten. Auf Twitter kommentieren Bürger in Echtzeit beispielsweise TV-Auftritte der Kandidaten.

Fakes



Nicht jeder vornehmliche Wahlkampfinhalt stammt jedoch von den Parteien oder Kandidaten selber. Durch die Nutzung der offenen Web 2.0-Plattformen tummeln sich auch eine ganze Reihe Imitatoren im Netz. Einige davon, wie der falsche Franz Müntefering auf Twitter, haben gelegentlich mehr "Follower" als echte Politiker. Und den Internet-Polit-Star Horst Schlämmer und seine Horst-Schlämmer-Partei (HSP) mit zehntausenden Anhängern in den sozialen Netzwerken, einer professionellen Website, tausenden Abonnenten bei Twitter und regelmäßigen Webvideos wird man vergeblich auf dem Wahlzettel suchen. Dahinter steckt der Komiker Hape Kerkeling, der Werbung für einen Kinofilm macht.



 

Interaktives Wahltool

Wahl-O-Mat Bundestagswahl 2013

Am 22. September wurde ein neuer Bundestag gewählt. 13,3 Millionen Mal wurde der Wahl-O-Mat im Vorfeld der Wahl genutzt. Vergleichen Sie Ihre Positionen zu 38 Thesen mit denen der Parteien! Weiter... 

Zahlen und Fakten

Bundestagswahlen

Knapp 62 Millionen Wahlberechtigte durften sich an der Bundestagswahl 2013 beteiligen, 30 Parteien traten mit einer Landesliste zur Wahl an. Die meisten Zweitstimmen konnte die CDU für sich verbuchen, gefolgt von der SPD, der Partei DIE LINKE, den GRÜNEN und der CSU. 25 weitere Parteien scheiterten an der Fünfprozenthürde und zogen nicht in den Bundestag ein. Fast drei von zehn Wahlberechtigten machten von ihrer Stimme keinen Gebrauch. Weiter... 

Der bpb-Wahlblog

SPD- und CDU-Parteifähnchen für mögliche Koalition im Deutschen Bundestag nach der Bundestagswahl 2005, aufgenommen am 20.09.2005 vor dem Reichstag in Berlin (Illustration). Foto: Gero Breloer +++(c) dpa - Report+++Matthias Klein am 26.11.2013




"Große Koalitionen sind besser als ihr Ruf"

Trotz großer Mehrheit im Parlament unterscheide sich die Regierungspraxis in einer Großen Koalition kaum von der eines "normalgroßen" Bündnisses, sagt der Politikwissenschaftler Reimut Zohlnhöfer. Die Regierungen seien durchaus handlungsfähig, obwohl keine Partei ein solches Bündnis anstrebe. Weiter... 

[0 Kommentare]

Dossier

Parteien in Deutschland

Ohne Parteien ist das politische System der Bundesrepublik nicht vorstellbar. Fünf Parteien sind im Bundestag vertreten: CDU, SPD, DIE LINKE, GRÜNE und CSU. Daneben gibt es aber noch zahlreiche kleinere Parteien, die im Europäischen Parlament oder den 16 Landesparlamenten für die Belange ihrer Wähler eintreten. Das Dossier beschreibt die deutschen Parteien und hilft, die Entwicklung des Parteiensystems und seine Rahmenbedingungen einzuordnen. Weiter... 

BundeswahlgesetzStaatsrecht der Bundesrepublik Deutschland

Bundeswahlgesetz

Das Bundeswahlgesetz enthält nähere Vorschriften zum Verfahren bei Bundestagswahlen. Dabei geht es um grundsätzliche Dinge wie das Wahlsystem, die Wahlorgane, das Wahlrecht und die Wählbarkeit. Daneben liefert es Vorschriften zur Vorbereitung der Wahl, zur Wahlhandlung und der Feststellung des Wahlergebnisses. Weiter... 

Bundestagswahl im Unterricht

Wahlen in der Demokratie

Das allgemeine Kapitel "Wahlen in der Demokratie" bietet grundlegende Materialien zu den Themen Demokratie, Wahlen und Wahlrechtsgrundsätze, Wahlrechtssysteme sowie zur historischen Entwicklung der Wahlen in der BRD. Weiterhin können Schülerinnen und Schüler mittels einer Reihe die Geschichte des Frauenwahlrechts kennen lernen. Weiter... 

zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.