Der Deutsche Bundestag

12.4.2002 | Von:
Alexander Gallus

Demoskopie in Zeiten des Wahlkampfs

Politiker und Demoskopie

Die Ergebnisse der Demoskopie grundsätzlich zu ignorieren wird sich kaum eine Partei, kaum ein Politiker erlauben, auch wenn in ihren Kreisen das Bekenntnis, nicht zu den "Umfragegläubigen" zu gehören, fast schon zum Ritual geworden ist. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt beispielsweise ließ sich ab Beginn der vierziger Jahre von Hadley Cantril, einem an der Universität Princeton lehrenden Meinungsforscher, beraten. Roosevelt wollte zwar nicht die inhaltliche Gestaltung seiner Politik von demoskopischen Daten bestimmen lassen, aber er nutzte die neuen Kenntnisse für taktische Erwägungen – etwa um festzustellen, zu welchem Zeitpunkt die Durchsetzung einer bestimmten Politik günstig wäre. Keiner der späteren Regierungsoberhäupter sollte künftig über Umfrageergebnisse hinwegsehen. Lyndon B. Johnson wurde sogar nachgesagt, er trage die neuesten Daten über sein Ansehen in der Bevölkerung stets bei sich. Im Laufe der Jahre erhöhten die amerikanischen Regierungen ihre Budgets für die Erfassung der öffentlichen Meinung, und der Grad der Institutionalisierung nahm zu. Bald beauftragte die Administration nicht mehr nur privatwirtschaftliche Meinungsforschungsinstitute mit Umfrageprojekten, sondern schuf auch eigene Einrichtungen.

In Deutschland unternehmen die verschiedenen Regierungen und ihre Öffentlichkeitsabteilungen ebenfalls seit langem einige Anstrengung, um die öffentliche Meinung systematisch zu beobachten.[11] Der von der Bundesregierung dafür bereitgestellte Etat weist beträchtliche Zuwachsraten auf. Die Ausgaben haben sich zwischen 1971 und 1988 verdoppelt (von etwa einer auf zwei Millionen Mark) und bis in die neunziger Jahre hinein nochmals verdreifacht (auf rund sechs Millionen Mark).[12] Nicht zuletzt weil sich die Demoskopie auch hierzulande rasch zu einem wichtigen Feld der Politikberatung entwickelt hat, richtete Helmut Kohl 1993 "ein selbstkritisches Wort an die Adresse der Politik". Dort nämlich gebe es "eine fatale Neigung zu dem Irrtum, man könne politische Entscheidungen durch Demoskopie ersetzen". In einer Demokratie gehöre es zu den Aufgaben der Politiker, sich an der Willensbildung des Volkes zu beteiligen, und in dieser Hinsicht könne die Demoskopie hilfreich wirken, "indem sie als 'Frühwarnsystem' Informationsdefizite aufdeckt und Hinweise gibt, wo Überzeugungsarbeit verstärkt werden muss. Gerade in Existenzfragen einer Nation jedoch erweist sich politische Führungskraft vor allem darin, den Stimmungen des Augenblicks nicht nachzugeben. ... Die politisch Verantwortlichen müssen begreifen, wie sehr die Politik von der Demoskopie und ihren Untersuchungsergebnissen lernen kann. Sie müssen sich aber auch davor hüten, solche Daten bereits als fertige Gebrauchsanweisung für Politik zu nehmen" [13].

Es lassen sich denn auch (glücklicherweise) immer wieder wichtige Entscheidungen finden, die verantwortlich handelnde Politiker gegen die demoskopisch dokumentierte Meinung der Bevölkerung getroffen haben – man denke etwa in der frühen deutschen Nachkriegsgeschichte an die Wiederbewaffnung oder die Abschaffung der Todesstrafe.[14] In Wahlkampfzeiten allerdings hüten sich Politiker vor unpopulären Schritten und nutzen Umfragen besonders intensiv. Bill Clintons Wahlkampfberater Bob Squier meinte Mitte der neunziger Jahre sogar einmal: "Wahlkampf ist wie eine Konversation. Du hörst den Wählern durch die Umfragen zu, und die Wähler hören dir über die Fernsehspots zu. Das ist Dialog."[15]

Der CDU-Wahlkampfexperte Peter Radunski fasst die Leistungen der Wahl- und Meinungsforschung für den Wahlkampf in zehn Punkten zusammen:
  1. vermitteln regelmäßige Umfragen Grundstimmungen und Grundtrends in der Bevölkerung und ergänzen so das Bild, das die Politiker aus der veröffentlichten Meinung gewinnen;

  2. hilft die Themenanalyse unter anderem festzustellen, welche Probleme und Themen die Wähler bewegen oder welche sie vernachlässigt sehen;

  3. ermitteln Kandidatenanalysen Daten zu Popularität und Image von Politikern;

  4. werden mittels Ergebnisanalysen Hochburgen und Schwachstellen ausgemacht sowie Wählerwanderungen nachvollzogen;

  5. liefern Nachwahluntersuchungen Angaben darüber, wie die Wähler den Wahlkampf wahrgenommen haben, um daraus Hinweise für die Verbesserung künftiger Kampagnen zu erlangen;

  6. lassen sich über innerparteiliche Kommunikationsstudien Möglichkeiten der Mobilisierung im eigenen Lager besser einschätzen;

  7. gehen Massenkommunikationsstudien der Frage nach, wie (potenzielle) Wähler die verschiedenen Medien nutzen, um so eine zielgruppengenaue Mediaplanung zu ermöglichen. Im Zeitalter der Fernsehdemokratie oder "Mediokratie" kommt diesem Aspekt ein besonders hoher Rang zu;

  8. erfolgen Werbemitteltests, zum Beispiel zu Entwürfen für Anzeigen, Plakate oder Werbespots;

  9. klären semantische Analysen, was die Wähler mit verschiedenen Begriffen verbinden, ob sie damit Positives oder Negatives assoziieren;

  10. machen Redentests empirisch fundierte Aussagen zur Wirkung von Spitzenpolitikern bei öffentlichen Auftritten. [16]
Die Beratung von Politikern im Wahlkampf durch Demoskopen lässt sich in der Bundesrepublik bis in die frühen fünfziger Jahre zurückverfolgen. Ab dieser Zeit versorgte das Allensbacher Institut für Demoskopie das Kanzleramt mit Umfragedaten. Die Leiter des IfD gehörten zugleich zu Adenauers engstem Beraterkreis. Vor dem Wahlkampf 1957 beauftragte die CDU-Bundesgeschäftsstelle zusätzlich Emnid, auch um nicht ganz dem exklusiven Umfragewissen des Kanzlers ausgeliefert zu sein. Während der fünfziger Jahre dürfte dieses demoskopische Know-how den Christdemokraten und Adenauer "wichtige Wettbewerbsvorteile" verschafft und "maßgeblich die personelle, stilistische und inhaltliche Gestaltung der Kampagnen" bestimmt haben. Erst im nächsten Jahrzehnt zog die SPD nach, und seit 1961 herrscht zumindest "von der Datenverfügbarkeit her weitgehende Waffengleichheit zwischen beiden Parteien". [17]

Die Sozialdemokraten arbeiteten lange Zeit eng mit Klaus Liepelts Institut für angewandte Sozialwissenschaft (Infas) zusammen sowie mit Infratest. Für die CDU erfüllt seit Ende der sechziger Jahre neben beauftragten privaten Meinungsforschungsinstituten das Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut der Konrad-Adenauer-Stiftung eine wichtige Beraterrolle in demoskopischen Angelegenheiten. Seit den Bundestagswahlen 1990 legt die SPD den Bereich der Meinungsforschung ganz überwiegend in die Hände des Münchener Instituts Polis.

Bei den Bundestagswahlen von 1998 erreichte der Einsatz der Demoskopie für Wahlkampfplanung und -führung einen – zumindest vorläufigen – Höhepunkt. Das gilt zumal für die "Kampa", die sozialdemokratische Wahlkampfzentrale, in der "keine Strategie und kein Instrument dem Zufall überlassen, sondern alles durch Meinungsforschung abgesichert" wurde.[18]

Spätestens seit den Wahlen von 1998 stellt sich dringender als zuvor die – bislang nur wenig untersuchte – Frage, welche Bedeutung Wahlkampagnen (und speziell die Demoskopie) für den Ausgang von Wahlen haben.[19] Eine weitere Frage, die noch keine eingehende Erörterung erfahren hat, betrifft den Einfluss der Demoskopie auf Willensbildungsprozesse und den Elitenkampf innerhalb der einzelnen Parteien. Für Dieter Oberndörfer kann sie hier sogar eine "geradezu schicksalhafte Bedeutung gewinnen"[20]. In jüngster Vergangenheit war nach der Nominierung des bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zum Kanzlerkandidaten anstelle von CDU-Chefin Angela Merkel aus den Reihen der Union vereinzelt der Ruf zu vernehmen, die Demoskopie habe in diesem Fall über die Demokratie gesiegt.

Fußnoten

11.
Vgl. Dieter Fuchs/Barbara Pfetsch, Die Beobachtung der öffentlichen Meinung durch das Regierungssystem, in: Wolfgang van den Daele/Friedhelm Neidhardt (Hrsg.), Kommunikation und Entscheidung. Politische Funktionen öffentlicher Meinungsbildung und diskursiver Verfahren, Berlin 1996, S. 103-135.
12.
Siehe die genauen Daten bei M. Kaase/B. Pfetsch (Anm. 3), S. 167 f. Ähnliche Werte finden sich bei Winand Gellner, Demoskopie, Politik, Medien. Anmerkungen zu einem problematischen Verhältnis, in: Otfried Jarren/Heribert Schatz/Hartmut Weßler (Hrsg.), Medien und politischer Prozess. Politische Öffentlichkeit und massenmediale Politikvermittlung im Wandel, Opladen 1996, S. 176.
13.
Helmut Kohl, Die Rolle der Meinungsforschung in der freiheitlichen Demokratie, in: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, Nr. 37 vom 12. Mai 1993, S. 325.
14.
Siehe einige Beispiele in: A. Gallus/M. Lühe (Anm. 5), S. 46 f.; vgl. auch Elisabeth Noelle, Die Politiker und die Demoskopie, Allensbach - Bonn 1968.
15.
Zitiert nach: Albrecht Müller, Von der Parteiendemokratie zur Mediendemokratie. Beobachtungen zum Bundestagswahlkampf 1998 im Spiegel früherer Erfahrungen, Opladen 1999, S. 55.
16.
Vgl. Peter Radunski, Wahlkämpfe. Moderne Wahlkampfführung als politische Kommunikation, München - Wien 1980, S. 29-32; auch Karl Furmaniak/Peter Hoschka/Hermann Schunck, Wahlforschung, Demoskopie und Politikberatung: Erwartungen, Möglichkeiten, Missverständnisse - ein Erfahrungsbericht, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 6 (1975), S. 566-579; Alexander Mauss, Filtern, Fragen und Beraten. Das Ohr an der öffentlichen Meinung durch quantitative Politikforschung, in: Marco Althaus (Hrsg.), Kam"pagne! Neue Strategien für Wahlkampf, PR und Lobbying, Münster 2001, S. 81-96. Die verschiedenen Befragungstypen, die bei der Analyse der Wählerschaft zum Einsatz kommen (vom "benchmark survey" bis zur "focus group"), finden sich zusammengefasst bei Herbert Asher, Polling and the Public. What Every Citizen Should Know, Washington, D.C. 1995³, S. 104-112.
17.
So Volker Hetterich, Von Adenauer zu Schröder - Der Kampf um die Stimmen. Eine Längsschnittanalyse der Wahlkampagnen von CDU und SPD bei den Bundestagswahlen 1949 bis 1998, Opladen 2000, S. 345 f. Hetterich zeichnet im Einzelnen nach, mit welchen Demoskopen die beiden Parteien während der letzten fünfzig Jahre kooperierten und wie sich diese Zusammenarbeit gestaltete.
18.
Diana von Webel, Der Wahlkampf der SPD, in: Elisabeth Noelle-Neumann/Hans Mathias Kepplinger/Wolfgang Donsbach (Hrsg.), Kampa. Meinungsklima und Medienwirkung im Bundestagswahlkampf 1998, Freiburg - München 1999, S. 17; siehe auch Uwe Jun, Der Wahlkampf der SPD zur Bundestagswahl 1998: Der Kampf um die "Neue Mitte" als Medieninszenierung, in: Gerhard Hirscher/Roland Sturm (Hrsg.), Die Strategie des "Dritten Weges". Legitimation und Praxis sozialdemokratischer Regierungspolitik, München 2001, S. 51-95.
19.
Vgl. K. Bretthauer/P. Horst (Anm. 8); Rüdiger Schmitt-Beck, Ein Sieg der "Kampa"? Politische Symbolik in der Wahlkampagne der SPD und ihre Resonanz in der Wählerschaft, in: Hans-Dieter Klingemann/Max Kaase (Hrsg.), Wahlen und Wähler. Analysen aus Anlass der Bundestagswahl 1998, Wiesbaden 2001, S. 133-162.
20.
Dieter Oberndörfer, Politische Meinungsforschung und Politik, in: ders. (Hrsg.), Wählerverhalten in der Bundesrepublik Deutschland. Studien zu ausgewählten Problemen der Wahlforschung aus Anlass der Bundestagswahl 1976, Berlin 1978, S. 18.

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