Der Deutsche Bundestag

20.5.2009 | Von:
Karl-Rudolf Korte

Möglichkeiten und Grenzen der Erklärungsmodelle

Die Erklärungsansätze beschränken sich auf verschiedene Facetten. Sie sind daher auch nicht direkt miteinander zu vergleichen. Zu unterschiedlich sind ihre jeweiligen Prämissen, Vorgehensweisen und Fragestellungen.

Eine umfassende Theorie des Wählerverhaltens ist nicht in Sicht - möglicherweise auch gar nicht wünschenswert. Abbildung: Karl-Rudolf Korte, Wahlen in Deutschland, Zeitbilder.Eine umfassende Theorie des Wählerverhaltens ist nicht in Sicht - möglicherweise auch gar nicht wünschenswert. Abbildung: Karl-Rudolf Korte, Wahlen in Deutschland, Zeitbilder. (© bpb)
Die vorangegangene Darstellung der wichtigsten Erklärungsansätze hat die unterschiedlichen Zugänge zur Erklärung des Wählerverhaltens aufgezeigt. Deutlich wurden dabei aber auch die Schwierigkeiten der Wahlforschung, den komplexen Prozess der Wahlentscheidung angemessen in theoretischen Modellen abzubilden. Individuelle Handlungskalküle, gruppenspezifische Interessen sowie Lang- und Kurzzeiteinflüsse lassen sich kaum in einem einzigen Modell angemessen berücksichtigen und zudem auch noch empirisch auseinander halten. Die Erklärungsansätze beschränken sich auf verschiedene Facetten. Sie sind daher auch nicht direkt miteinander zu vergleichen. Zu unterschiedlich sind ihre jeweiligen Prämissen, Vorgehensweisen und Fragestellungen.


Der soziologische Ansatz untersucht in erster Linie die in einer pluralistischen Gesellschaft vorhandenen politisch relevanten Gruppeninteressen. Durch eine Analyse des historisch gewachsenen Konfliktmusters lassen sich diejenigen politischen, ökonomischen und kulturellen Faktoren ermitteln, die zur Herausbildung und zur Stabilisierung dieser Gruppeninteressen im Wesentlichen beigetragen haben. Dass dabei gerade den kulturellen Gesichtspunkten eine große Bedeutung zukommt, haben verschiedene Regionalstudien immer wieder aufs Neue verdeutlicht.

Einen hohen Stellenwert haben in diesem Erklärungsansatz die politischen Eliten. Langfristig formulieren und präsentieren sie die Weltbilder ihrer jeweiligen Anhängerschaft. Kurzfristig aktualisieren sie diese in Form von tagespolitischen (Gruppen-)Forderungen bei den Wahlen. Der soziologische Ansatz verdeutlicht die politische Wirkung der gesellschaftlichen Grundstrukturen und Milieus, die nur einem schrittweise vorankommenden Veränderungsprozess unterliegen. Für politische Parteien lassen sich daher Ausgangspotenziale und deren mittelfristige Veränderung abschätzen. Dagegen entziehen sich kurzfristige Stimmungsumschwünge weitgehend dem Analyseinstrumentarium des soziologischen Ansatzes.
Die Bestimmungsfaktoren bei der WahlentscheidungDie Bestimmungsfaktoren bei der Wahlentscheidung (© bpb)
Einen entgegengesetzten Ausgangspunkt nimmt das Modell des rationalen Wählers ein. Es fragt nicht nach den Interessen der Wählerschaft, die als gegeben vorausgesetzt werden. Gefragt wird nach den äußeren Bedingungen und Restriktionen, unter denen die Wähler ihre Entscheidung zu treffen haben. Kurzfristige Stimmungsumschwünge lassen sich so als Reaktion auf veränderte Bedingungen, etwa die Inflationsrate, die Arbeitslosenquote, wirtschaftliche Wachstumsraten oder auch ein verändertes Personalangebot, interpretieren. Auch in diesem Modell kommt dem Verhalten der politischen Eliten eine Schlüsselfunktion zu. Im Rahmen der Modellvorstellung orientieren sich die politischen Parteien zuallererst an einer Strategie der Stimmenmaximierung, am angestrebten Gewinn der nächsten Wahlen. Hierzu bearbeiten sie die für ihre jeweiligen Zwecke günstigsten Themen, um so Einfluss auf die öffentlichen politischen Diskussionen zu nehmen. Dieses Wettbewerbsmodell schärft allerdings den Blick für die Mitverantwortung der Wähler am Zustand des politischen Systems. Anbieter richten sich immer auch nach den Wünschen ihrer potentiellen Nachfrager.

Unzureichend lassen sich mit diesem Erklärungsmodell hingegen eher längerfristige Verschiebungen der politischen Kräfteverhältnisse sowie regionale Unterschiede im Wählerverhalten erklären. Beides gründet sich letztlich auf Veränderungen oder Unterschiede, die sich in den Interessen der Wählerschaft entwickeln.

Eine gewisse Mittelposition nimmt der individualpsychologische Ansatz ein. Die Interessenlage der Wählerschaft spiegelt sich in der Ausprägung und in der Verteilung der individuellen Parteiidentifikationen wider. Allerdings fragt dieser Ansatz weniger nach den sozialstrukturellen Ursachen und den längerfristigen Veränderungen. Im Mittelpunkt des analytischen Interesses steht vielmehr das Zusammenspiel von langfristiger Grundorientierung und kurzfristiger Problembewertung bei aktuellen Wahlentscheidungen.

Die Wahlforschung zählt in der empirischen Sozialforschung zu den am weitesten entwickelten Disziplinen. Das gesicherte Wissen über das Wählerverhalten ist in den letzten Jahrzehnten rapide gewachsen. Eine umfassende Theorie des Wählerverhaltens ist jedoch nicht in Sicht - möglicherweise auch gar nicht wünschenswert. Gerade die Existenz mehrerer leistungsstarker Erklärungsansätze mit unterschiedlichen Perspektiven und Schwerpunkten ermöglicht es der Wahlforschung, den komplexen Prozess der Wahlentscheidung in seinen unterschiedlichen Facetten differenziert zu untersuchen.

Je mehr Scheinwerfer angeschaltet werden können - um es mit einem Bild von Karl Raimund Popper zu sagen -, umso klarer und konturenreicher lässt sich der Untersuchungsgegenstand erkennen. Der Lichtkegel war im Wahljahr 1998 größer als jemals zuvor. Die Genauigkeit der Vorhersagen wird sich jedoch nicht wesentlich verbessern lassen.

Auszug aus: Karl-Rudolf Korte: Wahlen in Deutschland, Zeitbilder. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2009


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